Arnsdorf
UNSER KRIEGERDENKMAL
von René Beder
Die einen schicken die anderen in den Tod und wir wundern uns, vielleicht, dass das so ging. Und wundern uns vielleicht auch darüber, dass die anderen es haben mit sich machen lassen – oder es gar wollten. Endlich heraus aus der täglichen, fühllosen Folter ihres trüben Lebens, den Familien, der Arbeit, der Fadheit und Langeweile. Das Abenteuer lockte – mit knöchern-hohler Fratze. Ist das ein männlicher Reflex – oder haben sie sich zu Hause, in ihrer Haut nicht wohlgefühlt?
Fragen über Fragen, die man sich ungern selber stellt. Doch die Flucht aus all diesem hier, wer träumte nicht auch mal davon.
Wenn ein Mann mit gelber Schlesien-Mütze am Kriegerdenkmal steht und die verblichenen Namen mit einem kleinen Pinsel und mit schwarzer Farbe mühsam in der Hitze nachmalt, da lachen wir. So sieht's im Film ganz witzig aus, aber im Ernst ist es genau so.
Das Kriegerdenkmal, hier auf dem Dorfplatz, beginnt um 1866. Nur zwei drei dünne Zeilen, viel Platz ringsum, viel Ehr, viel Sieg – und wenn man auf die anderen Platten sieht – noch wenig Opfer.
Ob Sieg oder Niederlage steht nirgendwo verzeichnet.

Waren die Sachsen bei der Schlacht bei Königgrätz, heute Hradek Kralove, auf der richtigen Seite? Oder waren sie wieder auf der falschen, diesmal österreichischen, so wie sie damals schon auf der falschen waren, auf der napoleonischen. Diese Sachsen hier – kamen sie mit Pückler nach Preußen – oder blieben sie bei den sächsischen Augusten?
Fragen über Fragen. Fragen Sie im Dorfgeschichtsverein! Die wissen manches – und haben auch schon die letzte, von dem letzten Kriege, fehlende Namensplatte des Denkmals auf Papier. In vielen anderen Dörfern steht sie schon, ans Kriegerdenkmal rangelehnt. Erstens haben diese Denkmäler meistens nur vier Seiten. Das heißt vielleicht, dass man davon ausging, dass mit der vierten vollgeschriebenen steinernen Seite damit erstmal Schluss ist. Dass nach dem I. Weltkrieg, der damals auch noch keine Nummer trug, nicht mir einem zweiten gerechnet wurde. Oder wenn, dann ein neues Denkmal her sollte dereinst, dann natürlich ein größeres, weil die vielen Namen aus dem nächsten Krieg auf so ein kleines Denkmal gar nicht mehr gepasst hätten. Und außerdem sollte es ja wiedermal ein richtig großer Sieg sein. Und dafür also auch ein großes Denkmal gebaut werden. Daraus wurde nichts. Wieder mal ging alles verloren und die, die irgendwo verreckt sind, das waren inzwischen keine Helden mehr, sondern faschistische Aggressoren – und also sollten sie froh sein, wenn man ihrer nicht gedachte. Schweigen und vergessen – das war die Parole im Arbeiter-und-Bauern Staat. Die Parole sich jetzt rächt.
Für ein neues, anderes Denkmal fehlt heutzutage ja das Geld. Aber kleine Aufkleber gibt es zum Privatgebrauch, wo es heißt, dass sie nun auch untadelige Helden waren: „Ehre den deutschen Soldaten - tapfer ritterlich anständig“. Da macht sich die treue deutsche Krieger- & Heimatseele Luft, die sie lange nicht bekam. Schön wär's ja, wenn's so gewesen wär mit der Ehre der deutschen Soldaten, so wie einige es jetzt glauben wollen.
Auf dem alten granitsteinernen Kriegerdenkmal also geht's dann weiter, mit der Schlacht von 1871. Diese Namen passen auch noch neben die von 1866. 1871 hat man als siegreich in Erinnerung, dann das Reich und Reichwerden mit dem Geld aus Frankreich. Kriegskontributionen, später als Reparationen bekannt.
Jetzt ist die Tafel voll. Die nächste, die von 1914 -1918, die reicht nicht aus, da braucht es zwei. Für all die toten Jünglinge, von denen die meisten kaum älter als 25 Jahre alt wurden. Und auf allen drei Tafeln immer wieder dieselben Namen. So viele Namen gibt es ja in so einem Dorf nicht. Strauss, Exner, Herkner heißen sie hier. Aus jeder Generation wurden in jeder Familie ein paar Jungen aussortiert. Heute findet man diese Namen wieder – auf der Liste der Diensthabenden der freiwilligen Feuerwehr. Da sie nur zwei ernsthafte Einsätze im Jahr fahren, werden sie wohl kein Denkmal brauchen, sondern am Ende ihres tüchtigen Lebens einen ganz normalen Grabstein bekommen. Hofft man. Aus demselben Granit wie die Krieger, denn der wächst hier in der Gegend.
Vor ein paar Tagen hatte das Denkmal einen Unfall. Ein alter rotbrauner Passat hat die steinerne Umzäunung des Denkmals ineinander geschoben. Ich kam gerade vorbei und fragte den Mann, was passiert sei. Der antwortet mit bulgarischem Akzent, seine Frau wollte etwas Domino spielen. Ich verstehe ihn nicht gleich. „Im Auto?“, frage ich. „Mit dem Auto“, antwortet er und deutet auf die einzelnen, kurzen balkenähnlichen Granitstücke, aus denen die Umzäunung war. „Aha“, sage ich – und finde seinen Humor bemerkenswert, in dieser Situation. Seine Frau, die eigentlich zu einem Vorstellungsgespräch wollte, guckt ein wenig ratloser und zerknirscht. „Kein ABS“, sagt sie. Fast scheint es mir, als würde ihr der Humor ihres Mannes manchmal ganz schön auf die Nerven gehen.
Etwas Gutes hatte das ganze am Ende doch: Ein Steinmetz und sein Geselle hatten fast eine Woche zu tun, dies alles wieder in Ordnung zu bringen, ineinander zu setzen und zu verfugen. Dazu kamen zwei robuste runde Steine, die jetzt als Vorstopper vor dem kunstvollen Gezäun stehen, um es vor dem nächsten derben Aufprall dieser Art zu schützen.

Kriegerdenkmal von Arnsdorf-Hilbersdorf
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