Arnsdorf
DIE PRAKTIKANTIN
von René Beder
Solveig Annemarie hatte langes blondes Haar, große unschuldige blaue Augen und war Schülerin an einer Privatschule zur Heranbildung von Medienassistenten. Sie absolvierte dort ihr letztes Jahr, als ich meine Stelle als Aushilfsdozent antrat. Eines Tages vertrat ich auch in Solveig Annemaries Klasse. Die meisten Schüler waren erstaunlich begabt – und nicht nur das. Sie hatten auch Elan. Solveig Annemarie machte ihren Abschlussfilm und ich bekam eine Rolle darin. Ich war zwar billig, aber leider auch nicht gut. Als Schauspieler. Das war schade. Denn so gern wär ich ein guter Schauspieler gewesen. Wohlartikuliert und mit unzweifelhaften Bewegungen. Nur für sie und um vor allen anderen Schülern auch als perfekt & cool zu gelten. Hat leider nicht ganz geklappt.
Solveig Annemarie sah es mir nach - und andere Kollegen konnten es durch ihre Qualitäten ausgleichen. Zumal eine einzige Szene, meine Sterbeszene dann doch wieder so gelungen war, dass ich sie zum Ergötzen des Publikums immer wieder nachspielen musste. (Ich war Polizist und wurde, in Nachahmung einer berühmten Geschichte, von meiner Frau, zu Recht erschlagen.)
Solveig Annemarie und zwei ihrer Mitschüler interessierten sich für ein Praktikum beim Film. Und es fügte sich, dass wir den später mehrfach preisgekrönten Kurzfilm „Zur Zeit lebendig“ auf dem Plan hatten. Gedreht wurde in Arnsdorf. Bei Görlitz. Der Autor und Regisseur kannte den Pastor – und der Pastor kannte jede Menge anderer Leute, die außerdem noch filmbegeistert waren. Denn die Gemeinde veranstaltet alljährlich ein Sommerkino – und dafür drehen sie selbst den Vorfilm. Also wussten sie, worum es geht. Dass es aussieht wie ein Kinderspiel, aber jede Menge Arbeit macht. Ich sollte die Produktionsleitung übernehmen. Für Solveig Annemaries Mitschüler fanden sich schnell geeignete Betätigungsfelder in der Kamera- und Ausstattungscrew, die sie dann auch auf´s hervorragendste ausfüllten. Nur wollte mein Freund, der Regisseur, nicht gerade Solveig Annemarie als Assistentin neben sich wissen. Auch nicht als 2. oder 3. Er hatte Angst vor zu vielen Fragen und er hatte Angst sich ständig erklären und rechtfertigen zu müssen. Solveig Annemarie hatte keine nebensächlichen Bedenken. Ständig wollte sie was wissen oder ständig wusste sie was. So etwas kann tödlich sein. Und dafür war keine Zeit. Also wurde ein sinnvoller Posten für sie gesucht. Und gefunden. Denn unser Hauptdarsteller war ein Star. Jedenfalls in gewissen Grenzen. Er kam von weit her, machte alles umsonst und ließ uns seinen Ruhm und sein Talent benutzen. Und an den Drehort kam er wie Al Pacino, von dem ich hörte, dass er sich mit „Al“ vorstellte. Genau so kam unser Star. „Ich bin der Horst“. Ich dachte: Wahnsinn! Wie der Al. Und war irritiert und hingerissen zugleich. Der Horst bekam unser bestes Quartier. In der Orangerie, genannt die „Schnorre“, weil vom Herrn von Schnorr zu Carolsfeld, Ur-ur-ur Enkel oder Neffe des berühmten Malers, aufs allerschönste wiederhergerichtet und zum Ferienquartier ausgebaut. Alles war also auf´s Beste bestellt.

Damit die Crew auch einigermaßen unterkam wurde eine längst verlassene Baracke des Stadtguts wieder flott gemacht. Das fing damit an, dass die Sträucher gerodet werden mussten, damit man sie überhaupt wieder betreten konnte. Darinnen mussten alle Zimmer gereinigt und die Betten gleichmäßig verteilt werden. Obgleich es anfangs sehr schlimm aussah und ziemlich unmöglich schien, ein menschenwürdiges Quartier daraus zu machen, schafften dies unsere drei Praktikanten von der Medienschule. Mit Bravour. Nicht eine Klage kam von denen, die dann mit uns die Drehzeit unter der drückendsten Sonne absolvierten. Ich war hingerissen von der ungeahnten Tatkraft und Zuverlässigkeit der jungen Leute. Kannte man ja anders. Besonders aus Dresden, woher sie ja kamen. Dort sprach man im allgemeinen vom Neustadt-Loser. Der Neustadt-Loser war ein schlaffer, junger Mensch, der hatte einen Hund und sonst nicht viel zu tun. Und dies alles auch sehr langsam und mit Bedacht. Stütze-Empfänger waren beide. Der Neustadt Loser kannte keine Uhr und keine Pflicht. Der Neustadt-Loser erkannte klar: Das verlohnt sich nicht. Der Neustadt Loser war ein ruhiger und behaglicher und eher gedanklich interessierter Mensch. Vielleicht auch etwas depressiv. Aber genau so waren unsere drei nun gerade nicht. Und darüberhinaus fanden wir auch eine sehr passende und sinnvolle Aufgabe für Solveig Annemarie: Persönliche Assistentin des Hauptdarstellers. Genauso, wie wir es immer auf den Abspännen der großen amerikanischen Filme gelesen hatten. Wie bei Al.
Solveig Annemarie nahm an. Sie wurde dem Horst gleich als solche vorgestellt. Und es klappte. Von der ersten Minute an waren sie unzertrennlich. Am Abend war schon von Geschlechtsverkehr im allgemeinen die Rede. Am nächsten Tag packte Solveig Annemarie ihre Sachen und zog um. Von der Baracke in die adelige Schnorre. Mit Horst Wand an Wand: „Der Horst braucht mich schon früh. Er will früh noch nicht Auto fahren. Also fahre ich ihn hierher.“ Wunderbar. Alles für den Star. Und sie fuhr gut. Später hatte ich selbst einmal das Vergnügen mit ihr zu fahren. Im Mercedes ihrer Mutter. Sie fuhr wie ein Junge, der sich sein Leben lang für nichts anderes interessiert hatte. Also überließ ihr Horst seinen schönen großen Wagen. Und er reute es nicht. Eines Tages, wir hatten es bald geschafft, kam Solveig Annemarie früh morgens in mein Büro. Das machte sie ohnehin manchmal, wenn es ein paar startechnische Details zu klären gab. Ich sah schon gleich, dass etwas anders war als sonst. Sie hatte keine Jeans und kein T-Shirt mehr an, wie sonst alle Tage, sondern sie trug ein weißes Kleid. Sie sprach zu mir. Und ich sah sie zur Begrüßung viel, viel länger an als sonst. Sah auf ihr weißes Kleid, wo zart und sanft ihre Venusbrüstchen durchschimmerten. Dann versuchte ich einzuholen, was ich gerade dabei war zu überhören – und versuchte wie immer eine vernünftige, praktikable Antwort zu geben, so wie allen anderen Kollegen. Solveig Annemarie sah mich danach lächelnd an, drehte sich um und ging. Die Schritte, die sie nun ging, vergehen in meiner Erinnerung wie in Zeitlupe. Auch damals haben wir, die wir hier immer im Büro saßen - die Aufnahmeleiterin, die Filmgeschäftsführerin, die Koproduzentin und ihr Mann nebst Wickelkind, nicht gleich verstanden was wir sahen. Das klickerte sich ganz langsam in unser schockiertes, nichts gutes mehr gewöhntes Gehirn. Das war Solveig Annemaries Coup. Den sie vom ersten Tag an, als sie wusste, welche Aufgabe ihr bevor stand, geplant haben musste und für den sie sich ihr bestes Kleid eingepackt und sorgsam verwahrt hatte. Zwischen all dem Staub und Dreck und hin und her. Als sie sich also umdrehte und wieder ging, war es plötzlich ganz ganz leise in unserem Büro und wir sahen Solveig Annemaries stolzen schönen Rücken, den sie wortlos und wie aus einer anderen Welt aus unserem Raume trug. Da war's ganz still. Da haben wir noch lange in die Richtung gesehen, obwohl der Film schon vorbei war. Sie hatte es geschafft. Sie hatte noch ein As draufzulegen. Und Horst war's zufrieden. Er saß auf der Terrasse des Pfarrhauses und Solveig Annemarie spazierte vor seinen Augen herum. Wie eine mondäne Gestalt aus den zwanziger Jahren. Irgendwann trug sie das Kind der Koproduzentin auf dem Arm und schritt es wiegend, kreisend und summend auf dem Hof herum. Das war die reine Anmut. Das war die reine und heilige Stille. Und der Horst wandte sein Auge von ihr nicht mehr ab. Solveig Annemarie hatte gesiegt.
Uns blieb nichts, als auch das zu filmen, in der gebotenen Unaufdringlichkeit natürlich – und es bis heute nicht zu vergessen.
Doch der Horst blieb ein Star. Als wir abgedreht hatten, ließ er sich von Solveig Annemarie seine Wagenschlüssel wiedergeben, von mir das Kilometergeld auszahlen und dann fuhr er wieder nach Hause. Solveig Annemarie versuchte ihn noch ein paar Mal anzurufen, aber viel passierte nicht mehr. Das erzählte sie. Das wunderte sie nicht. Sie hatte das beste draus gemacht. Und jetzt durfte auch ich sie einmal auf die Wange küssen. Sie hatte meine Hochachtung. Denn sie hat sich nichts draus gemacht.
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