Bad Muskau
Im Wappen den Wilden Mann
HEIMATSTADT IM NEISSETAL
Woran erkennt man, dass man in einer Muskauer Wohnung ist? Ein Bild vom Schloss, der Schlossruine oder ein Bild vom Park hängt an der Wand. Bleikristall steht als Aschenbecher auf dem Tisch oder als Römer im Schrank. Das sind des wahren Muskauers Insignien. Das Zentrum der Stadt bilden Schloss und Park, drumherum denkt man sich die Schlote, die früher einmal qualmten. Früher, ja früher, vor mehr als fünfzig Jahren, gab es in Muskau 30 Kneipen, zwei Hotels, vier Schuhmacher, etliche Bäcker, Fleischer etc., mindestens.
Jeder ordentliche Muskauer hat ein paar Fotos von „früher“ in seinem Schranke wohlverwahrt. An hohen Feiertagen zum Vesper oder bei Familienfesten in abendlicher Runde werden sie hervorgeholt und gehen von Hand zu Hand. Zu sehen ist dort: „Die heile Welt“. Oder, die Welt, als sie noch in Ordnung war. Sieht aus wie ein Idyll, hat aber jede Menge Arbeit gemacht. Ein Langschläfer war der Muskauer nicht. Und seine Merksätze hatte er parat: „Ohne Fleiß kein Preis.“„Morgenstund hat Gold im Mund.“„Alle Tage ist kein Sonntag.“ War´s dann aber Sonntag, ging es in den Park, im Sonntags-Staat, wer noch Geld hatte, gab es danach im Kaffeehaus aus, unter den seinigen. Und die Tanzkapelle spielte.
Und mit einem Mal war alles vorbei. Die Russen standen an der Neiße und der Muskauer bekam Befehl, seine Stadt zu räumen. Der gute Muskauer verstand seit Jahren die Welt nicht mehr und hatte doch so eine bitterböse Ahnung. Denn wie es damals Sommer war, im Jahr ´39, im August, da tanzten in den Sälen, nah an der Grenze, plötzlich so viele Soldaten. Die waren schon da, weil bald „zurückgeschossen“ werden sollte. „Wird schon gut gehen, der Endsieg kommt bestimmt, der Führer hat noch eine Wunderwaffe...“, hieß es bis zum letzten Tag. Und dann, die Erinnerung als bitterer Hohn: „Ihr werdet Deutschland nicht wiedererkennen“, sagte der – „haben wir auch nicht“, sagten jetzt die Muskauer, besonders Muskau nicht. Und: „Alles verspielt hat er.“
Am 1. Mai 1945 brannte plötzlich das Schloss. Die Front stand vor Berlin – und der vertriebene Muskauer dachte, er kann wieder nach Hause gehen. Am ersten Tag zog etwas Qualm auf und am zweiten brannte es dann lichterloh. Im Zickzack vom Keller bis zum Dach hinauf. Brandbeschleuniger nennt der Fachmann das, Benzin der Laie. Wer es löschen wollte, sah eine Pistole vor seinem Bauch. Heißt es.
Außerdem brannten dieser Tage noch jede Menge andere Häuser, die den „Endkampf“ eigentlich heil überstanden hatten. Aber die, die drin wohnten, hatten wohl was falsch gemacht.
Heute ist Muskau tatsächlich nicht wiederzuerkennen. Was an Ruinen noch stand, Kirchen oder Bürgerhäuser, wurde abgerissen – und schaffte Platz für das „Nationale Aufbauwerk“ (NAW) und das Wohnungsbauprogramm. Weiter schuften hieß wieder einmal die Devise, diesmal aber für die gute Sache, für eine bessere Welt, die lichte Zukunft usw. - aber auch für eine eigene billige Wohnung.
Die bessere Welt, das ist z.B. eine ohne Kapitalisten, Könige, Fürsten und Grafen – denn in der besseren Welt, da sind alle gleich. Doch begreift das so ein Graf, der in sein Schloss zurückkommen will? Und begreifen es die vielen anderen, die des Grafen Arbeit achteten, wenn es der Graf schon nicht begreift? Wie macht man es denen bloß begreiflich? Ja, das fragt man sich, als armer Revolutionär.....
Das Schloss war immer ein Zeichen, in dem sich Muskau wiedererkannte. Es war die immer wieder besuchte und auf all den Bildern in Fluren und Wohnzimmern lebende, geheime Seele der Stadt. Und die Ruine war immer eine Wunde auf die niemand den Finger legen durfte. Ganz lapidar konnte man es in manchen Artikeln oder Aufsätzen so lesen: „In den Kriegswirren zerstört.“ Das verstanden alle, die nichts damit zu tun hatten. So war man fein raus – und keiner konnte was dafür. Vor Ort kam man so nicht weiter. Da musste es ja irgendwie passiert sein. Da musste es ja irgendwer getan haben. Also hieß es: „Die Polen haben´s angebrannt.“ „Welche Polen?“ „Ja, die Kriegsgefangenen, aus Wut, wegen der schlechten Behandlung bei den Bauern und überhaupt: Wegen der Schuld.“ Als Jungpionier habe ich das verstanden. Vollkommen klar. Noch sickerte kein Zweifel durch.
Wer etwas anderes behauptete, z.B. Nachts, im Suff, der lief Gefahr, dass man ihn in Bautzen, im Gefängnis "Zum gelben Elend" fragen würde, wie er darauf kommt. Von wem er das nur hat? Und den elendigen Einschluss in diesem Haus vor Augen – wusste der nunmehr nüchterne Trinker und Hobbyhistoriker natürlich von nichts mehr. Außer: „Die Polen waren es. Klar, die Polen – wie konnt ich das vergessen?!“
Hier kurz hinter der Grenze, wo viele von „drüben“, „von über der Neiße“ her kamen, passte das natürlich gut – denn die neuen Siedler, auf dem eigenen alten Land, die selbst vertrieben waren – die hatten nun am eigenen Unglück Schuld. Die konnten sich nicht wehren, die hatten keine Macht. Und einer muss ja Schuld sein – sonst geht die Welt nicht weiter.
Über jeden Verdacht erhaben sind natürlich immer die, die das Sagen haben. Doch das einmal im Suff herausgeglittene Gerücht, das ging nicht mehr aus der Welt. Kam wie der Geist aus der Flasche immer wieder in die Runde. Der Geist, der wusste mehr, der Geist der kannte Namen, doch wer wollte den Geist verhaften? Der Geist ist auch ein schlechter Zeuge. Bis heute. Der Geist, direkt befragt, hat Angst. Und wenn nicht er, dann seine Frau – die dem Geist dann sagt, was er zu wissen hat und was nicht.
Doch der alte Römer würde fragen: „Wem nützt´s?“ Den Polen? Den Kriegsgefangenen? Oder denen die jetzt selbst so sein wollen, wie der Graf es einmal war? Wer hatte überhaupt Benzin?
Wenn in der Zeitung stand, vor dreißig, vierzig Jahren: „Das Schloss wird wieder aufgebaut“, dann wurde das hier, von dem, der es gerade las, laut vorgelesen. Und dann von allen wieder jahrelang, trotz aller Ahnung, es könnt nur um die nächsten Wahlen gehen, gern geglaubt – bis es wieder in der Zeitung stehen musste, um den Glauben zu erneuern.
So eine Seele braucht Hoffnung – und ist sie noch so trügerisch. Die Wahrheit, auch wenn sie keine ist, ist doch gefällig gegen jedermann und hat Geduld. Bis zu dem Tag, an dem sie niemanden mehr stört und fast alles ist wie früher. Auch der Tag wird kommen.
Jetzt wird´s wieder! Park und Schloss sind Weltkulturerbe
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