Bad Muskau


GRENZSAULEN

Rot Weiß Polen und Schwarz Rot Gold Deutschland stehen sich an der Neiße, jeweils auf selber Höhe schweigend gegenüber. Selbst die Neiße schweigt die meiste Zeit. Still und schnell und flach fließt sie zwischendurch. Der steinerne Pole auf seiner Seite, lächelt. Etwas schief vielleicht, denn er hat an manchen Stellen ein schlechtes Gebiss. Da fehlen schon ein paar Ecken im Beton. Auch die Kanten an den roten Flächen sind nicht so exakt – ein bisschen unscharf – wie bei verrutschtem Make-up. Etwas verwittert, naturbelassen und mit weißen Zahlen auf rotem Grund nummeriert. Darüber der Adler. Nicht besonders interessiert. Denn niemand spielt mit ihm. Denn auf der Saule gegenüber fehlt das Emblem. Kein Adler, Geier, nichts. Nur die Nummer. Folie auf Folie auf Plaste. Der deutsche Grenzpfahl ist makellos, nur etwas dicker. Der ist noch fast wie neu. Klopft man dagegen, klingt er hohl. Außer an einer Seite, da klingt er ganz fest. Sicher ist das die Seite an der er sich die hohle Plastehülle an den Betonpfahl lehnt, auf dem, vielleicht heute noch – im Dunkel der Umhüllung – auf eine Aluminiumplatte geprägt, Hammer und Sichel im Ährenkranz prangen. Vielleicht aber auch abgeschraubt wurden, wer weiß? Aus Sicherheitsgründen. Vielleicht auch aus Sicherheitsgründen alles mögliche, in diesem scheinbar hohlen Bauch drin ist: Zum unerkannten Hören und Sehen. Zum Ertappen der Schleuser und Geschleusten.
So glatt, mit einer Zacke nach unten, die vielleicht ein Flattern im Wind bedeuten soll, kleben schwarz ganz oben, rot mittig und gold darunter – auf einer Banderole, die die folgende um Daumenbreite überlappt. Das ist modern, abwaschbar und wetterfest. Alle Wetter fest. Denn als kleines Hütchen steckt obendrauf aus Blech etwas für den Fall, dass sich ein Blitz genau dies Hoheitszeichen sucht, um dreinzuschlagen. Das Hütchen das ist lustig, besonders, wenn Schnee drauf liegt. Ohne Schnee fast ohne Zweck und lächerlich. Das kleine Ding, dass den namenlosen, dicken Pfahl, oder was auch drin ist, schützen soll. Vorgestellt, er wäre nicht, der kleine Alu-Spielzeug-Schirm, und eines schönen Tages trifft den Pfahl ein Blitz – die Plastehülle zerspringt in tausend Teile – und drunter stände nackicht, fahl verblasst, nun aus der Dunkelhaft entlassen das alte Ding aus porösem sozialistischem Beton.
Erst wundert´s sich. Dann stellt´s vielleicht noch Fragen. Fragt was den polnischen, stolzen, weißen Adler, der so lang es geht abwesend ins Leere blickt – oder die anderen Plastekameraden. Und wenn die weiter schweigend numeriert ins Leere blicken, vielleicht die drunter - seine Genossen aus der Zeit, in der sie sich brav noch in einer besseren Welt glaubten - Klopfzeichen geben.

 

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