Bad Muskau


KARNEVAL

von René Beder

Vor 50 Jahren, in den Fünfzigern, dachten sich die Muskauer zur Selbsterheiterung, Ablenkung und Selbstzerstreuung - um den manchmal unbegreiflichen Osten bespöttelnd ertragen zu können, den Muskauer Karneval aus. Heute „klingt´s wie Donnerhall - 50 Jahre Muskauer Karneval.“ So ein Slogan. Urdeutsch, im Scherzen unbesiegt.
Wenn die Muskauer etwas machen, dann richtig. Also machen sie viel her. Und dann ist was los. Der Umzug ist aufwendig, voller Ideen und doch nicht so lang, dass man restlos erfriert. Kein Vergleich zu Cottbus zum Beispiel, dem größten Umzug der Gegend, wo die gähnende Langeweile herrscht. Riesen-Wägen, Riesen-Krach, Riesen-Fernsehübertragung – aber im Gegensatz zu Muskau schlichter, seelenloser Stumpfsinn.
Zum Sängerfasching ist das Kaffee König, das beste, schönste und älteste am Platze mal restlos ausverkauft. Alles erscheint im komplett ansehbaren Kostüm. Nebst Hut und weißen Handschuhen. Getanzt wird vom ersten Lied an. Alle. Kein Zögern, kein Zieren. Man lebt nur einmal – und so, als wär´s lange Zeit das letzte Mal gewesen. Die Tanzfläche ist also sofort voll. Die Schritte sitzen. Kaum einer ist unter 40. Plötzlich entfalten sich ein ungeahntes Temperament und Lebenslust. Bier und Wein werden im Überschwang zu Hauf bestellt. In einer halben Stunde kocht der Saal. Zu sehen und zu spüren ist: In der Provinz kann man sich noch richtig frei machen. Der Karneval erfüllt seinen eigentlichen alten Zweck: Es ist jede Menge erlaubt. Und das lässt sich der Muskauer nicht nehmen. Also: Hoch den Rock, Strumpfband gezeigt, hoch das Bein und auf die Pauke gehauen. Nur berühmte Schlager werden nachgespielt – und alle werden mitgesungen. Im Schummerlicht. Das geht acht Stunden lang. Dann sagen die zwei Mann, die hier die Kapelle geben: Das letzte Lied. Also, es gibt noch drei, ganz besonders ausdrucksvoll gespielt - und dann ist Feierabend. Da weiß auch jeder, dass Schluss ist. Und alles hat wieder seine Ordnung.
„Opernball“ war das Motto der diesjährigen Veranstaltung. Falsche Kapellen, die auf Instrumenten spielen, die keine mehr sind. Can Can - Tänzerinnen, die humpelnd und mit einem Krückstock auf die Bühne kommen. Selbstgemachte Scherze aller Art, Verballhornungen der Sitte und des Anstands. Ganz Muskau lacht. Als wär´s die langersehnte Freiheit. Endlich. Und endlich ist das Lokal mal voll. Den Kellnern hat das Arbeiten lange nicht so viel Spaß gemacht. Das Geld wird plötzlich ausgegeben. Doch nur zum Spaß. Und nur für kurz.



Der Papst tanzt und begrüßt auf polnisch

 

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