Bad Muskau


Götter seid ihr, liebe Töpfer!
Durch ein wenig Glanz und Dauer,
Durch ein Schnäuzchen an dem Kruge,
Durch ein Blümchen auf dem Bauch.
Leicht verkauft ihr eure Waare!
Und die Weiber und die Männer
Kaufen vor den Tempelthüren
Was das Haus bedarf, voll Eifer,
Willig offnen Aug's betrogen.-
Töpfer seid ihr, liebe Götter,
Haltet feil an allen Ecken
Neue Waare neuen Käufern!
Und ich auch geh' eben kaufen
Um ein Töpfer mit zu werden. (1853)

 

Leopold Schefer. Dichter und Komponist (* 30.7.1784 Muskau + 13.2.1862 Muskau)

(Wichtige Anmerkung: es handelt sich hierbei um ein erotisches Gedicht!
Die Zeitgenossen Schefers verstanden es noch als solches und ärgerten sich darüber.)

 

MUSKAUER KERAMIK

von Bernd-Ingo Friedrich

Das Wort „Keramik“ ist im weiteren Sinne ein Sammelbegriff für alle aus gebranntem Ton hergestellten Erzeugnisse vom Ziegelstein bis zum künstlichen Zahn.
Man unterscheidet zwei Hauptgruppen: Zur Grobkeramik gehören Ziegel- und Schamottesteine, Steinzeugröhren, Tröge, Behälter, Baukeramiken usw. In die Zweite Gruppe gehören Irdenware, Terrakotta, Majolika, Fayence, Steingut, Steinzeug, Feinsteinzeug und Porzellan.



Tasse mit Flechtbandornament. Östliche Lausitz. Etwa 9. Jahrhundert v.Chr.


Für die handwerkliche bzw. kunsthandwerkliche Keramik in der Lausitz, speziell der Oberlausitz sind Steingut und Steinzeug besonders interessant. Bereits in der frühen Bronzezeit entstand hier, begünstigt durch Rohstoffvorkommen in Oberflächennähe v.a. im Gebiet des Muskauer Faltenbogens, und durch ausgedehnte Wälder, die reichlich Brennmaterial boten, ein eigener keramischer Formenkreis - die so genannte „Lausitzer Kultur“. Im Laufe von Jahrhunderten entwickelten sich Technologie und Handwerk, so daß mit dem Einsetzen der schriftlichen Überlieferung in den Zünften bereits ein hoher Stand der keramischen Fertigung erreicht war. Nach dem Vorbild der Bautzener von 1558 gaben sich die Muskauer Töpfer 1596 ihre erste Zunftordnung. Damit ist die Muskauer Zunft nach Bautzen und Zittau die drittälteste, und Muskau galt mit seinen zeitweise an die 30 Töpfereien als ein Zentrum des Handwerks in der gesamten Lausitz.

Links: Kleiner Krug. Steinzeug mit dunkelbrauner Lehmglasur. Altmuskauer Kerbschnitt, besetzt mit Quarzsteinchen. Um 1600.
Rechts: Kleiner Birnkrug mit Zinndeckel. Steinzeug mit Auflagen, Ritzdekor und teilweise mit dunkelbrauner Engobe bemalt. Salzglasur. Muskau. Um 1800.

Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert waren in der Oberlausitz mindestens 30 Orte bekannt, in denen es Töpfereien gab. Es handelte sich dabei zumeist um Familienunternehmen wie die noch heute existierenden Töpfereien Jürgel in Pulsnitz oder Lehmann in Neukirch. Unter den Muskauer Firmen war die Töpferei Pfitzinger mit einer über 130jährigen Tradition eine der langlebigsten. Weitere Orte in der Oberlausitz mit altangesessenen Töpferfamilien sind Bischofswerda, Elstra, Königsbrück, Kamenz und Göda. Als Nathanael Gottfried Leske, Professor der Ökonomie in Leipzig und gebürtiger Muskauer, seine Reise durch Sachsen (1785) dokumentierte, gab es in Muskau 21 Töpfer. Leske schreibt: „Ihre Arbeit ist in hiesiger Gegend weit und breit bekannt und verdient viel Beifall. Die Güte ihrer Arbeit gründet sich größtenteils auf die Tüchtigkeit des Tons, den sie verarbeiten.“, und weiter, daß sie einen braunen, eisenschüssigen Ton aus eigenen Gruben verarbeiten und daraus u.a. „besonders feste töpferne Rören“ fertigen, die weithin für ihre Haltbarkeit berühmt sind. B edingt durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert entwickelte sich aus vielen Handwerksbetrieben ein dichtes Netz von Töpfereien und Baukeramikbetrieben auch östlich der Neiße. Das begann in Lugknitz, wo der berühmte Steinzeugton gefördert wurde, und zog sich über so bekannte Orte wie Tschöpeln, Töpferstedt, Mühlbach und Ullersdorf bis hin nach Bunzlau und Naumburg am Queis. So wurden in den Anfängen des Töpferhandwerks in Muskau 1552 zwei Namen erwähnt, die wahrscheinlich die ersten Familien bezeichnen, aus denen später Töpfermeister hervorgingen. Einer davon ist Drettwa (Dretwa), und noch heute findet man gelegentlich die schlichten, salzglasierten Gefäße mit dem Blindstempel „F:D:Muskau“, die dem letzten Drettwa-Betrieb entstammen. Aus ihm entwickelte sich das Unternehmen „Muskauer Tonwaren–Industrie F. Dienstbach“, das 1945 zerstört wurde. Aus einem Handwerksbetrieb, der Töpferei August Kypke hervorgegangen war auch die ebenfalls 1945 zerstörte „Graf von Arnim- und Leißnersche Keramische Betriebe GmbH, Steinzeugröhrenfabrik Muskau–Lugknitz OL.“



Belegschaft einer Töpferei. Fotografie um 1900.

 



Links: Gösseltränke. Steinzeug, Salzglasur. Muskau. Um 1900.
Rechts: Küchenregal für die Puppenstube mit Puppengeschirr: Bunzlauer Schwämmeldekor, Terrakotta aus der Form, Salz- u. Lehmglasur, Salzglasur mit Blaumalerei. um 1920.

 

Weltruf und unter Sammlern Höchstpreise haben die Muskauer Steinzeuge erlangt; sie sind in allen bedeutenden Kunstgewerbesammlungen der Welt zu finden. Voraussetzung dafür war, wie von Leske beschrieben, der besondere Ton, der nach dem Schrühbrand engobiert oder mit Lehm glasiert wurde, oder im Salz-(Holz-)brand eine farblose Glasur erhielt. Im Unterschied zum normalen Steingut, das um 1150 – 1250 °C gebrannt wird, braucht das Steinzeug zum Sintern etwa 1350 °C, bei 1200 ° wird Salz in den Ofen gegeben.
Nach 1945 entstanden in und um Muskau einige kleinere Töpfereien, von denen es heute jedoch nur noch die 1886 in Krauschwitz als Ziegelei gegründete und 1946 in einen Handwerksbetrieb umgewandelte Töpferei Najorka gibt. Ernst Hoepfel, ein Meister mit unverwechselbaren Produkten, konnte seine Werkstatt in der Nachkriegszeit nur 7 Jahre lang behaupten. Horst Rottnick firmierte seit 1949 und gab 1990 auf, die Töpferei Pfitzinger löschte ihre Öfen endgültig 1991. Dafür entstanden in dem Nachbardorf Sagar zwei neue Werkstätten, und im etwas weiter entfernten Rietschen sind inzwischen ebenfalls zwei Töpferinnen tätig. Nachwuchs, der hier ausgebildet wurde und jetzt „in der Fremde“ arbeitet, gibt es ebenfalls. Einige dieser Töpfer stellen sich auf ihren jeweils eigenen Seiten von www.keramica.de vor.



Kleiner Krug, weiß engobiert, mit Blumen bemalt von Ernst Hoepfel, Krauschwitz. Um 1950.

 



Henkelvasen aus der Werkstatt Pfitzinger. Dunkle Lehmglasur. Um 1980.



Abschließend einige wichtige, leider nur noch antiquarisch erhältliche Bücher zum Thema:

Gebauer, Walter: Kunst- Handwerkliche Keramik. Leipzig: VEB Fachbuchverlag 1985

Horschik, Josef: Steinzeug 15.-19. Jahrhundert. Von Bürgel bis Muskau. Dresden: Verlag der Kunst 1978.

Weinhold, Rudolf / Gebauer, Walter / Behrends, Rainer: Keramik in der DDR . Tradition und Moderne. Fotografien Wolfgang G. Schröter. Leipzig: Edition Leipzig 1988.

Eine gute Adresse zum Erfragen von allen möglichen und unmöglichen Details zur hiesigen Töpferei ist das Handwerk und Gewerbemuseum Sagar, in dem sich Frau Helga Heinze speziell damit beschäftigt. Obiger Text wurde mit Hilfe ihres Manuskriptes zu diesem Thema erarbeitet, dessen Veröffentlichung leider noch immer vorbereitet wird.

 

 

 

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