Bad Muskau
LEBENSLUST
von René Beder
war ein Seminar im Frühjahr und Sommer 2005 mit Kindern und Jugendlichen zwischen elf und dreizehn Jahren. Sie kamen aus Polen und Deutschland. Aus Łęknica, Bronowice, Bad Muskau, Köbeln, Krauschwitz. Mädchen und Jungen. Sara, Klaudia, Agniezska, Artur, Ronny, Kornelia, die gern „Shandy“ heißen wollte, außerdem Katarina, Łukasz, Patrick, Ngoc u.a..
Für dieses Seminar gab es an manchen Tagen auch schulfrei. Aber die polnischen Lehrerinnen haben es sich trotzdem nicht nehmen lassen mit zu kommen. Zur Aufsicht. Hierher in die Turmvilla. Zu Wojtek und Anett, die sich das ganze ausgedacht haben. In ihren sozialpädagogischen Köpfen. Und die bis zur letzten Minute gekämpft haben, das beste aus ihrem Konzept herauszuholen. Es sollte um Liebe, Gefühle und Familie gehen. Um eine emotionale Identität, um eine Identität mit sich selbst, die die Kinder erfahren und erlernen sollten. Sex und Zukunftspläne spielten auch eine Rolle. Alles fing sehr spielerisch an. Sich auf lustige Art kennen lernen. Anett und Wojtek haben da so ihre Methoden. Die funktionieren auch meistens. Ruck zuck hatten die Kinder ihren Spaß und konnten miteinander warm werden. Unsicher waren sie dennoch, denn wenn es etwas aufzuschreiben oder aufzumalen galt, schrieben sie am liebsten voneinander ab. Keiner wollte mit seinen Wünschen oder Gefühlen allein da stehen. Aber schon dies einmal zu spüren, war ein Baustein des ganzen Projekts. Das wurde nicht groß herausposaunt, aber es war deutlich. Nicht jeder wagte überhaupt etwas von sich und seinen Wünschen zu wissen. Aber auf diese Konfrontation mit den großen Unbekannten im eigenen Ich und Leben kam es an. Einerseits. Andererseits hatten die Kinder natürlich ihre „versteckten Programme“, wie es die Sozialpädagogen ausdrücken. Sie wollen Spaß, sie wollen machen, was sie wollen, wollen unter sich sein, wollen lange aufbleiben, tanzen, tollen, Scherze treiben...
Auch das ging. Aber nicht immer gut. Das musste am nächsten Tag ausgewertet werden. Jeder hatte seine Ausreden.
- „Was für Regeln?“, fragen stumm die Gesichter der Kinder.
- „Die, die wir gestern vereinbart hatten.“, antworten die Sozialpädagogen.
- „Und das war ernst gemeint?“, fragen stumm die Gesichter der Teilnehmer.
Jeder, der beschuldigt wurde, wusste, dass eigentlich ein anderer schuld war. Regeln oder nicht: Die beste Ausrede zählt.
Außerdem gab es gemeinsame Essen, gemeinsames Pizzabacken und einen Badeausflug. Dieses miteinander sein, dieser Blick hinter die Kulissen des anderen, war es, worauf es ankam. Dazu der Versuch sich zu ergründen und sich über die Temperamente der anderen zu wundern. Z.B., als junger Deutscher oder junge Deutsche, die Lebenslust und das Selbstbewußtsein der jungen Polinnen zu sehen. Auf die Frage in einem Spiel, wer sich schön findet, gingen alle polnischen Mädchen wie selbstverständlich auf den Platz, der „Ja, ich finde mich schön“ bedeutete. Die deutschen Mädchen nicht. Die gingen auf den anderen Platz, der „Nein, ich finde mich nicht schön“ bedeutete. Traurig, aber wahr - und nicht, dass sie nun eigentlich hässlich gewesen wären. Sie hatten nur so eine schlechte Meinung von sich. Man fragt sich woher. Aber sie konnten sich ein Beispiel nehmen. Von welchen, die die Anleitung zum Glücklichsein kannten. Auf deren Suche sie sich selbst vielleicht bei Gelegenheit begeben. Das Seminar hat ihnen da vielleicht ein paar Tips geben können. Bestimmt.

Außerdem gab es einen Aufklärungsfilm zu sehen. Mit all den heiklen Fragen, die sich sonst niemand zu fragen traut. Der Film fragte für die Kinder, antwortete auch - und niemand brauchte sich zu schämen.
Ein paar Vokabeln gab es auch noch aufzuschnappen: „Miwosch“ wie Liebe, „Smutek“ wie Trauer, „Radoschtsch“ wie Fröhlichkeit, Napoj wie Getränk oder „teras“ wie jetzt. So etwas fällt bei den Sprachanimation genannten Spielen oder auch bei Übersetzungen dessen, was die anderen sagen, ab. Je öfter desto leichter merkt es sich. Und man nimmt auch diese bislang fremden Worte mit in sein eigenes Leben. Es sind immer die kleinen Schritte bei so einer Annäherung, die so wertvoll sind, weil sie sich nicht so schnell umkehren lassen. Internationaler Jugendaustausch heißt die Abteilung des Jugendprojekts, die so etwas organisiert. Das ist außerdem jede Menge Kleinarbeit. Anträge ausfüllen, Schulen besuchen, Eltern überzeugen, alles planen und wenn es nicht klappt, trotzdem etwas daraus machen.
Das haben wir beobachtet - und einen kleinen Film daraus gemacht. „Das Meer pflügen“. Eigentlich ein Arbeits- und Lehrfilm. Zur Verbreitung und Überprüfung der Methoden interkultureller Arbeit mit Jugendlichen. Aber am Ende doch ein Film, bei dem wir unsere Protagonisten sehr lieb gewonnen haben. Ein Film, bei dem der sonst immer heiß ersehnte letzte Drehtag auch ein Tag des schmerzvollen Abschieds war.

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