Bad Muskau


Im Wappen den Wilden Mann

MÄNNERSTADT & MÄNNERCHOR

von René Beder

Im Wappen steht ein wilder, starker Mann. Lendenschurz, Schwert, eine Geweih-Trophäe und ein voller Bart zieren ihn. Und er ziert jeden Gullydeckel und die Hauswand der Freiwilligen Feuerwehr. Der wahre Muskauer hat ihn natürlich auch zu Hause. Auf einem Holzteller an der Zimmerwand, auf einem Tonkrug auf dem Fensterbrett. Muzakow soll ja Männerstadt heißen. So wie Moskau. Früher musste der Fürst, wenn er nach Hause schrieb – oder die anderen, die an ihn schrieben – die Adresse mit dem Zusatz versehen: In der Lausitz. Moskau in der Lausitz und nicht Moskau in Russland. Moskau oder Muskau? Adlige Post? Kann nur das Moskau des Zaren gemeint sein... und man wartete in Muskau noch ein paar Wochen länger auf einen Brief. Gerade wenn er in französisch geschrieben war. Also: Moscou. Keine Chance hatte so ein Brief, von einer uneingeweihten, fernen Poststation nach Muskau im Neißetal geschickt zu werden. Heute schon eher, durch den Bade-Zusatz, der übrigens wieder auf dem Spiel steht, weil von Bad und Kur weit und breit kaum noch eine Spur ist – aber noch heißt es „Bad“ Muskau und unter den eingeweihten Franzosen: Moscou le bain. Bad Moskau.
Eines Tages im November, früh dunkelte es schon, saß ich in der ehemaligen Hofconditorei, heute Kaffee König, am Marktplatz in Muskau. Von marco polo empfohlen. Kein Mensch drin. Außer mir. Also, ich sitz da, eine Art Milchkaffee vor mir und hinter dem Tresen steht der Wirt im schwarzen Anzug und ist doppelt so allein wie ich. So geht das eine halbe Stunde. Zu hören ist nur mein Blättern in der „Lausitzer Rundschau“. Ehemals „Organ der Bezirksparteileitung“ und wenn ich es heute lese, fühl ich mich trotzdem (oder gerade deswegen?) äußerst fern von Moskau. Fast wie in der Verbannung. Plötzlich geht die Tür auf. Der hereinkommt hebt die Hand, sagt: „Hallo Hansi“, kommt zu mir, schüttelt die meine und ist frohgelaunt. Bald kommt der nächste. „Hallo Hansi“. Hansi macht ein Bier. Dann kommt noch einer, auch der schüttelt mir die Hand und ist genau so blendender Laune wie der Erste. Der Vierte, der kommt, merkt wohl, dass mit mir etwas nicht stimmt. „So wie der da sitzt, wie der die Zeitung liest, wie geistesabwesend der guckt..." Der Vierte fragt mich also, ob ich der Neue im Chor bin.



Der Männergesangverein beim Neujahrskonzert in der Orangerie. Neben unserer Reisebeschreibung entstand ein Film, der am 7.September 2005 in der Turmvilla Bad Muskau um 19:30 Uhr Premiere haben wird.

Ich schüttele ahnungslos lächelnd den Kopf, verstehe aber im selben Moment, was mit den ersten dreien los war. Endlich kommt jemand „junges“, jemand unter fünfzig, in den Chor, müssen sie wohl gedacht haben. Die nach dem Vierten kommen, die nicht danach fragen, oder denen er es nicht sagt, die benehmen sich wie die ersten. Sie können sich nicht vorstellen, dass jemand, der nicht zum Chor gehört, um diese Zeit in ihrem Vereinslokal sitzt. Als dann herum ist, dass ich kein Sänger werden will, ist die Enttäuschung groß. Hansi steht hinter der Theke und zuckt lächelnd die Schultern – er kann ja schließlich nichts dafür, dass er um diese Zeit noch einen „normalen“ Gast hat. Einigen Sängern hat er noch ein Flaschenbier auf den Tresen gestellt, dass sie dann im Vorbeigehen, mit in den Vereins- und Probensaal nehmen können. Das Bier ist schon offen, hat aber einen neuen, wiederverschließbaren Verschluss bekommen – damit es die erste Halbzeit der Probe durchhält. Dann schallt es aus dem Saal heraus. „Ein freier, kräftiger Sang, steigt empor wie Freudenklang...“ – so wie es im Muskauer Heimatlied beschrieben ist - kräftige temperamentvolle Stimmen. Gute, vom Leben gezeichnete Gesichter. Interessante, gestandene Männer. Filmreif. Sie laden mich ein, eine Probe mitanzusehen. Stimmübungen, verlegte Notenblätter, Terminansagen... Der Vorsitzende des „Männergesangvereins Bad Muskau 1845 e.V.“ muss die Ruhe und den Überblick bewahren, außerdem Würde und Genauigkeit ausstrahlen. Genau das alles hat „Franzl“, Schmied in der vierten Generation, daß sogar sein Sohn, der auch ein Chorsänger ist, sagt: „Was mein Vater anfängt, das klappt auch.“ Selten so gehört. Überhaupt hat man als Fremder den Eindruck paradiesischer Zustände – so recht männermäßig gesehen - in der Männerstadt, vom billigeren Sprit und den Nachtlokalen auf der anderen Seite der Neiße einmal abgesehen: Franzl sammelt Modell-Lastwagen. Schön anzusehen stehen sie in einem verglasten Setzkasten an der Wand in seinem Büro. Mit seinem Sohn baut er zu Weihnachten eine große Modelleisenbahn hinter die Schaufenster, an denen sich dann die wenigen Kinder, die hier noch vorbeikommen, die Nase platt drücken. Der Günter baut Autos aus den Dreißigern wieder auf, der Horst macht in Modellflug. Man könnte denken: Männer, die noch spielen und singen – so als wär´s ganz normal, wenn das nach den Kindertagen nie aufhört. Sie geben ein Beispiel aus Geschick, Fleiß, Erfahrung und einer tadellos-lebendigen Haltung zur Tradition. So, als wär eine guter Geist geblieben und längst nicht vieles vorbei, zu spät, verfehlt, egal, falsch, hoffnungslos dumm oder durcheinander – wie man es immer wieder hören kann. Aber das Singen hilft: Der Gesundheit, der Geselligkeit, dem Geschäft – und somit der Stadt. Hoffentlich.

 

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