Bad Muskau


SCHNEIDER RICHTER I

von René Beder

Schneider Richter war ein Schneider wie aus dem Märchenbuch. Er hatte einen Buckel, er saß im Schneidersitz auf seinem Tisch und ringsherum standen die Kleider-Puppen und riesigen Bügeleisen.
Wenn mein Großvater zu ihm ging und ich mit dabei war, blieben wir immer eine ganze Weile. Früher in unserer kleinen Stadt, da ging man nicht nur einfach so in einen Laden oder in eine Werkstatt. Rein, raus, Wiedersehen. Schließlich gab es immer auch noch etwas zu erzählen. Und so konnte ich einiges aufschnappen.
Zum Beispiel die Geschichte vom Leinöl und dem Bruder in Kanada. Also der Schneider hatte einen Bruder in Kanada. Das klang schon so traumhaft. Fast wie Amerika. Ich staunte also vom ersten Worte an.
Schneider Richter erzählte, wie er nach Kanada geflogen war. Sein Bruder hatte ihn vorher gebeten, etwas Leinöl mitzubringen. Das gab es dort nicht. Und das vermisst natürlich der Muskauer, der Schlesier und der Spreewälder in der fremden Ferne sehr. Also der Bruder des Schneiders holte den Schneider vom Flughafen ab. Ein großes Auto soll er gehabt haben. Das stellte ich mir vor und bekam genau so große Augen. Im riesigen Schlitten sah ich den Schneider sitzen. Auf der Rückbank, hinter dem Fahrer, seinem Bruder. Sein Bruder sah in den Spiegel und fragte den Schneider, ob er auch das Leinöl mit hätte. Ja, sagte der Schneider und sah wieder zum Fenster hinaus. Um sich dieses ganze, riesige Kanada anzusehen, wo sonst überhaupt niemand hinkam, aus unserem kleinen Land, aus unserer kleinen Stadt. Außer er. Der kleine Schneider, der meinem Großvater die Hosen bügelte, mit seinen schweren großen Eisen, den Plätten. Zu Hause die Plätte, die reichte nicht für eine ordentliche Bügelung dieser Hosen. Also ging man auch dafür zum Schneider.
„Gib mir doch bitte eine Flasche“, sagte der Bruder zum Schneider. Der Schneider griff in seine Tasche, die zwischen ihm und seinem Koffer auf dem Sitz lag, holte ein „Fläschl“ Leinöl heraus und reichte es vor, zu seinem Bruder. Der Bruder bremste und hielt. Er nahm die Flasche und sah sie sich genau an. Dann schraubte er den Deckel ab. Der Schneider dachte, er möchte bestimmt schon etwas kosten. Der Bruder setzte also die Flasche an den Mund. Er trank einen Schluck. Setzte die Flasche aber nicht ab. Der Schneider sah ihn im Spiegel und dachte, als sein Bruder weiter und weiter trank: Bestimmt setzt er die Flasche gleich ab. Er kann doch nicht das ganze „Fläschl Leinl“ einfach so austrinken. Er konnte. Er trank es in einem Zug. Dann gab er es zurück.
Das ist das Scheiß Heimweh, dachte der Schneider. Das ist die Scheiß Heimat, dachte Bruder.
Dann fuhren sie beide zu seinem Haus. In Kanada. Sonstwo.

Leinöl ist in den meisten Ländern nur als Firnis bekannt. Hierzulande isst man es zum Beispiel zu Quark und Kartoffeln.

 

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