Bad Muskau


SCHNEIDER RICHTER II

von René Beder

Schneider Richter hat noch eine schöne Geschichte erzählt. Und die hat meine Oma immer wieder gern selbst weiterzählt. Besonders wenn ich mit dem besten Wintermantel meines Opas, den ich von ihm erbte, sie besuchen kam. Das war ein Mantel. Dunkelblauer dicker Stoff, kaum zu erkennendes, nur so leicht dahin gedeutetes Fischgrätenmuster aus feinsten weißen Fädchen. Seidengefüttert der Mantel und die Taschen innen aus Samt. Immer wieder ein unglaubliches Gefühl von Luxus und Auserwähltheit wenn man etwas in diese Taschen hineintat oder aus ihnen herausholte.
Also den Mantel, den hatte auch Schneider Richter gemacht. Noch vor dem Krieg. Als ich ihn bekam, war er trotzdem noch fast wie neu. Aber Schneider Richter hatte zwei davon in Auftrag bekommen. Den einen, den ich jetzt trug, von meinem Großvater und den anderen - vom Grafen. Ja, auch ein Graf brauchte sich in diesem Mantel nicht zu schämen, wirklich nicht. Das wusste der Graf. Aber er dachte auch an den Moment, wo er den Mantel ausziehen musste. In einer Gesellschaft, bei einem Empfang oder an der Garderobe im Casino. Für diesen Fall gab er dem Schneider ein paar Etiketten. Aus London, wie er ihm sagte. Original. Von den Teuersten. Die sollte der Schneider hineinnähen, in den gräflichen Mantel, dessen Zwillingsbruder ich heute noch habe, nur ohne die Etiketten.
Die würden dem ganzen natürlich die Krone aufsetzten, wenn ich den Mantel bei einem Empfang oder im Casino abgeben muss.
Habe ich selten aber die Gelegenheit, bei mir hat auch noch niemand so genau hineingesehen, nach den Etiketten, die da nicht sind. Vielleicht bin ich dieses Kontrollblicks, ob ich auch standesgemäß gekleidet bin, ohnehin nicht würdig.
Nur in der einen samtenen Tasche rechts, da klebt seit Jahren ein Kaugummi, den ich nie richtig rausbekam. Wenn das Schneider Richter oder mein Opa wüssten. Dieser Kaugummi verdirbt einem immer wieder das große Vergnügen in diese Taschen zu fahren. Ich war nie ein Freund von Kaugummis. Ich schätze, ein Gast von mir, ein sogenannter „Freund“ hat sich den Mantel in meiner Abwesenheit einmal „geborgt“. Um anzugeben. Und wie ein Graf auszusehen. Graf Koks von der Gasanstalt. Der berühmte. Jedenfalls der hatte natürlich keine Ahnung im Umgang mit so einem Kleidungsstück. Ich nehme an, der hat nicht einmal bemerkt, was er tut, in dem Moment als ihm wenigsten auffiel, dass er sich jetzt den Kaugummi aus dem Mund nehmen muss. Aber der kluge Graf Koks dachte an später, wenn er wieder so sein kann, wie er eigentlich war – und sich den Kaugummi wieder in den Mund schieben wollte. So viele gute Kaugummis gab es ja damals nicht, dass man sich egal einen neuen nachschieben konnte. Also musste man sich den alten aufbehalten. Aber er hat ihn wohl, genau so wenig wie ich, wieder herausbekommen aus der einstmals einmalig samtenen Tasche. Oder es war der schlichte Neid, der das ewig klebrige Ding dort hinein gebracht hat. „Der soll doch bloß nicht denken, dass er etwas besonderes ist, nur wegen seiner samtenen Taschen. Bildet sich was ein. Aber damit ist jetzt Schluss.

 

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