DIE WALDHEXE
von René Beder
Die Waldhexe bediente als junge Frau im „Grünen Baum“. Da war sie noch sehr schön, von allen begehrt und noch sehr flink. Im Hotel zum „Grünen Baum“ war das erste Kino der Stadt Muskau untergebracht. Im Tanzsaal. Und die Waldhexe, die damals noch nicht die Waldhexe war, sondern Frl. Cibulski, kannte jedermann. Einer hat sie dann geheiratet und sie wurde seine Frau und Witwe. Kriegerwitwe, wie das im Westen hieß. Im Osten hieß das nicht so. Da gab es diese Wörter nicht. Überhaupt sollte man die toten, deutschen Krieger an der Ostfront schnell vergessen. Nur die toten Russen nicht. Die Helden. Die Retter.
Die Waldhexe, nach dem „Zusammenbruch“ ohne Mann und Wohnung, hatte die Nase voll. Von den anderen. Ihren Versprechungen. Ihren Verheißungen. Ihren goldenen Zeiten.... Und Trümmer lagen ja genug herum. Aus denen selbst allein und ohne alle anderen etwas zu bauen war.
Nicht von Bombern war die Stadt zerstört, sondern von der russischen Artillerie, die fünf Wochen vor dem anderen Ufer der Neiße stand und um Einlass trommelte, bevor sie sie überwand. Die Granaten trafen immer auf der selben Höhe, so als wär genau auf dieser Linie ein Bomber darübergeflogen. Über die Häuser auf der zur Neiße gewandten Straßenseite. Das schöne Rathaus, Zettels Häuser, die Andreaskirche, viele andere Häuser – unten das Geschäft, oben die Wohnung - und noch eine Kirche, die auf dem nach ihr benannten Kirchplatz stand. Ratzekahl, weg, wie nie gewesen, sieht das heute aus. Als die Russen durch waren brannten noch ein paar Häuser, aus Rache und Vergeltung für die, die sich zu sehr mit denen, die jetzt nichts mehr zu sagen hatten und an allem Schuld waren – eingelassen hatten.
Was jetzt da steht an Nachkriegsbauten, hätten die Russen am besten gleich auf dem Rückweg wieder wegputzen sollen. So grässlich und gemein. Kaum ein Unterschied zwischen dem Stil der 50er Jahre in der DDR und dem der 90er Jahre, inzwischen in der BRD. Da wollte die Waldhexe schon damals nicht wohnen. Konnte sie ja auch nicht, denn sie war ja nicht mal in der AWG (Arbeiterwohnundsbaugenossenschaft).
Also die Waldhexe nahm sich eine Schubkarre und spielte Trümmerfrau. Nur fuhr sie die Trümmersteine zum Klopfen nicht auf den vom Bürgermeister benannten Platz, sondern in den Wald. Und bevor sie anfing den alten Mörtel abzuklopfen, holte sie Steine genug. Damit es sich lohnte und reichte für ein Haus. Ein kleines Häuschen, mitten im Wald in dem sie ungestört, zwischen Siedlung und Schaltgerätewerk wohnte. Mit einem kleinen Ofen darin. Die Russen legten ihr Strom und Wasser. Sie hatte keine Angst vor den Russen, hieß es – und dass sie zu den wenigen gehörte, die in Muskau „blieben“, als alle anderen auf die Flucht gingen. Vielleicht wusste sie, wie man mit Männern umgeht. Und vielleicht klappte das auch bei den Russen.
Holz gab es ringsum. Der Waldhexe gehörte nichts. Das Land nicht, der Wald nicht, kein Eintrag im Katasteramt. Aber niemand wollte ihr etwas wegnehmen. Seinerzeit. Dort lebte sie glücklich und zufrieden, all die Jahre. Da traf ich sie auch einmal. Vollkommen „helle“, wie man hier sagt, war sie – und sie erzählte mir dies und das und zeigte mir die kleinen dunklen Zimmer in ihrem Haus. Ganz stolz, als wären es Gemächer im Palast. Ich war es natürlich inzwischen auch etwas komfortabler gewöhnt – aber ließ mir nichts anmerken.
Sie hatte mindestens zwanzig Katzen. Und wenn sie, und das Recht hatte sie inzwischen als Rentnerin, ihr Mittagessen aus dem Schaltgerätewerk holte, kamen ihr alle Katzen hinterher. Durchs Werktor, ohne die Stechkarte zu lösen, hocherhobenen Hauptes unter dem Pförtner vorbei, der sie erst sah, als es wieder zu spät war – und sie der Waldhexe hinterher, zum Essensaal hinaufgingen. Manche sagten ja immer noch Gefolgschaftssaal. Die polnischen Küchenfrauen, die schon in der DDR dort ihren Dienst versahen, damals um den Arbeitskräftemangel auszugleichen, gaben ihr immer reichlich in alle „Tippel und Töppel“, wie man hier sagt – nachdem alle Werktätigen abgefüttert waren. Also sie aß als Letzte und trug dann die Beute vornweg – die Katzenmeute hinterher. Eines schönen Tages gab es eine solide Beschwerde. „wegen hügienische Grinde“, wie man hier sagt. Nur, wie sollte sie den Katzen erklären, dass sie nicht mehr ins volkseigene Schaltgerätewerk kommen durften. Zur Einigung verfuhr man so: Alles was die Waldhexe bekommen sollte, wurde am Treppenfuß abgestellt. Kein Viehzeug gelangte so ins Haus, in dem sich auch der Speisesaal befand.
Bis zur Treppe durften sie Not gedrungen mit. An der Pförtnerloge vorbei – hin und zurück. Der alte Fritze, der Rentner, der den Pförtner gab, grüßte ohne eine Mine zuviel zu verziehen. Die Waldhexe ging vorbei und dachte: Ach Fritze, auch du hast mir damals stundenlang zugesehen, Bierglas um Bierglas dabei geleert, im „Grünen Baum“. Ach, auch du hättest es gern gehabt, dass ich mich von dir nach Hause begleiten ließe. Aber ein anderer hatte den Witz mir zu gefallen. Du wärest die bessere Wahl gewesen, denkst du. Nur, weil du noch lebst, denkst du. Und heute? Angst hast du vor mir, wie all die Kinder, die von weitem mein kleines Haus umschleichen, weil sie denken: Eine Hexe, die man eine Hexe nennt, ist eine Hexe. Und eine Hexe, die kann hexen: Dass du weg bist, dass du ein Tier bist, dass du verwunschen bist.
Später ist sie ins Altersheim gekommen und es hieß, dass sie dort das Kommando führt und sich niemals die Butter vom Brote nehmen lässt. Der alte Fritze hat noch zwei Mal geheiratet. Ist noch zwei Mal Witwer und Erbe geworden – und lange Zeit der Älteste geblieben.
Heute im Kaffee König, dachte ich noch einmal an sie. Wie ich dort saß. Der Stelle, wo das Hotel „Zum Grünen Baum“ stand, gegenüber - auf der verschonten Straßenseite. Mit Blick auf die getroffene und gezeichnete, andere Seite.