Bad Muskau
ZIEHN` SE BLOSS NICH HIERHER! von René Beder
Ich bin im PLUS-Markt an der Grenze in Muskau, auf der deutschen Seite. Der floriert noch. Der LIDL auf dem Berge hat schon wieder dichtgemacht. Soviel Geld und soviel Kundschaft ist dann also nicht, wie man glaubte, damals in der Zeit als das ostdeutsche Wirtschaftswunder angeblasen und die Bäume der Träume noch in den Himmel wuchsen. Erstmal scheint ja alles immer so leicht berechenbar. Gerade von oben gesehen – und aus der Ferne. Eine kleine Stadt...., soundsoviel Einwohner..., hat vielleicht schon ein, zwei Märkte – aber dazu noch jede Menge Dörfer ringsum – also: Das rechnet sich...
Aber nun sind die Einwohner, die etwas Geld verdienen können, weg aus der Stadt, genauso, wie aus den Dörfern ringsum. Und das Wirtschaftswunder OST ist wieder abgeblasen. Schön war die Zeit, ja schön war die Zeit. Als noch Manna vom Himmel fiel.
Der PLUS-Markt an der Grenze aber floriert. Jeder Pole aus Leknica und Umgebung kennt ihn. Für die Kinder, wenn sie einkaufen geschickt werden, heisst es: Do plusu. Inzwischen kennen sie sich in dem Laden aus – und sie gehen gern dort einkaufen. Ich geh auch gern dorthin. Schon wegen dem Fleischer und Bäcker. Der alteingesessene Muskauer jedoch sagt, dass die Semmeln vom Bäcker Herzog, dem alteingesessnen und inzwischen letzten der alten Muskauer Bäcker, der noch in der Schmelzstraße, genannt Schmelze, residiert -besser sind. Stimmt – und lange Zeit bin ich extra wegen der Semmeln immer zu Herzog, aber inzwischen schmecken mir die von Bäcker Schuster, der im Plusmarkt seinen Stand hat, genauso gut. Und die Köchin, die was auf sich hält, kauft ihre Schnitzel beim Fleischer Richter am Stand nebenan. Da kann man auch mal wieder Schlange stehen.
Aber der eigentliche Grund meiner Besuche dort ist die Milch. Ganz normale Frischmilch. Die Angst vorm rabenschwarzen Kaffee am nächsten Morgen, der viel zu bitter ist und außerdem ewig nicht abkühlt, ist groß bei mir. Der anständige Tag beginnt bei mir türkisch (was auf polnisch „naturalna“ genannt wird) - und kühle, nicht kalte, aber gute Milch drauf – die Kaffeekrümel senken sich dann doppelt schnell. Sieht gut aus, schmeckt und fertig. Echte Männer brauchen dafür keine Milch, heißt es. Oder heißt es, echte Männer merken nichts?
Der Deutsche übrigens, der kein Geld hat oder auf Teufel komm raus spart, bei dem steht die haltbare polnische auf dem Tisch. Die bis zum Geiz verbreitete Sparsamkeit trifft man allerorten hier. Das war auch mal anders. Da lachte man noch mit denen, die als Rentner zu Besuch im Westen waren, darüber, dass sie dort „in Strickjacke im Zimmer sitzen mussten und dass der Schnaps immer wieder in den Schrank gestellt wurde“. Einstmals unvorstellbar - und heute unvorstellbar, dass es anders wär.
Also steh ich wieder vor dem Kühlregal im PLUS, in dem die Milch gelagert wird. Neben der Milch, die ich sonst immer kaufe, steht eine neue Sorte. Auf der steht in eleganter Schrift geschrieben, dass sie 0,1 Prozent Fettgehalt hat. Ich bin erstaunt über soviel technische Meisterleistung – und stelle mir das ganze, gesehen vorm inneren Auge, bildlich, farblich vor: So grau und dünnflüssig, wie es mir Freunde in ihren Horrorgeschichten aus Amerika erzählt haben. Und wie es sich für einen alten Berliner gehört, rutscht mir die Bemerkung dazu - gut hörbar - heraus: „Alter Finger!“, höre ich mich deutlich sagen, mit aller Inbrunst und allem Erstaunen. Plötzlich steht neben mir doch jemand, eine noch nicht sehr alte und noch sehr lebendig aussehende Rentnerin. Die denkt, ich habe mir irgendwo den Finger eingeklemmt und die fragt:
„Haben sie sich weh getan?“
Ich sage: „Nein, nur laut gedacht.“
- „Ach ja? Was denn.“
- „Alter Finger!“
- „Alter Finger?“
- „Sagt der Berliner.“
- „Kenn ich nicht. Doch ich komm von da.“
- „Ach nee? Und kenn´ Se nich?“
- „Genau komm ich aus Kleinmachnow.“
- „Ach so. Da kennt man sowas nich. Is ja ne bess´re Gegend. Aber „alter Finger“ sagt man schon mal als Berliner, wenn's einen arg entsetzt.“
- „Wohnen Sie hier?“, fragt sie.
- „Nein“, antworte ich.
- „Ziehn ´se blos nich hierher! Das sage ich Ihnen.“, erwidert sie laut und voller Überzeugung.
- „Ich bin hier geboren.“, sage ich trocken.
- „Ich wohne seit zehn Jahren hier und habe jeden Tag bereut!“
- „Glaub ich nicht.“
- „Is so.“
- „Nüscht schönes?“
- „Was denn??“
- „Gehen Se mal in´ Park.“
- „Da kenn ich jeden Baum schon mit Vornamen... Es sind die Leute hier. Da hat mich noch keiner in die Wohnung gelassen. Da bleiben sie ewig die Zugezogene.“
- „Gloob ick nich.“, gebe ich stark berlinisch zurück - und versuche damit den zunehmenden Ernst aus der Unterhaltung zu drängen.
- „Ist so!“ antwortet sie.
- „Ich kann's nich glooben...“
- „Könn´ se glauben! Hier is viel Wendsches drin. Und die sind anders. Es ist das Wendsche!“
- „Was meinen Sie denn mit „Wendsches“?“
- „Merken Sie das nich? Das Wendsche?? Wie die sind?“
- „So verstockt?“
- „Ja.“
- „So heimtückisch?“
- „Ja genau. Das ist das Wendsche.“
- „So unzivilisiert?“
- „Das isses! So sind die.“
- „So roh und gemein?“
- „Ja. Ja. Hören Sie auf mich! Ziehn´ Se blos nich hierher.“
- „Können Sie nich wieder zurück?
- „Nein. Habe mein Haus dort verkauft. Meine Tochter wohnt hier.“
- „Und die hat einen Mann von hier?“ - „Nein. Gott bewahre. Aber sie arbeitet hier.“
- „Kommt nicht weg?“
- „Nein. Hat sich was Eigenes aufgebaut. Zahlt ab.“
- „Na dann viel Spaß noch.“
- „Danke.“
„Was kauf ich denn nur ein, jetzt wo mein Mann im Krankenhaus ist?“, fragt sie sich schon halb im Gehen. Sie steht vor der Fleischkühltruhe und überlegt. Und sie setzt ein deutliches Gesicht auf. Zum Beweis dessen, was sie gesagt hat: Vom Schicksal ist sie betrogen und in die abscheulichste aller Fallen gegangen. Aus dieser Truhe braucht sie jetzt wohl nichts. Bis sie sich wirklich entschließt, kein Fleisch mitzunehmen, weil ihr Mann, ungewohnter Weise wirklich nicht zu Hause ist, dauert es noch eine Weile. Dann schiebt sie ihren Wagen weiter. Sie versucht Haltung zu bewahren – und hier nur keine gute Mine zum Spiel zu machen. Dieses Spiel ist für sie längst kein Spiel mehr, sondern bitterer Ernst eines aussichtslosen Kulturkampfes, den sie täglich hoch erhobenen Hauptes verliert.
Unvergesslich ihr Satz: „Ziehn Se blos nich hier her, es wird ihnen Leid tun!“ Wenn das Tante Trude gehört hätte. Tante Trude, die sagte: Bei Wasser und Brot will ich leben, wenn ich bloß wieder nach Muskau zurück könnte. Denn Tante Trudes Sohn ging in den Westen. Still und heimlich, als das gerade noch so ging, aber schon Republikflucht war. Und weil keiner so oft ein so langes Wort schreiben wollte, hieß es später nur noch: „R-Flucht“. Auf „R-Flucht“ stand Gefängnis. Also kam Tante Trudes Sohn nicht mehr zurück. Blieb in Köln. Allein. Und Tante Trude in Muskau. Auch allein.
Tante Trude arbeitete in der Parkbrauerei. Da war ich noch ein kleiner Junge und in der Parkbrauerei wurden die größten Schätze meines Lebens hergestellt. Jede Menge Brauseflaschen mit Geschmack. Kleine 0,33er Flaschen mit dem unvergesslichen Etikett auf dem natürlich das Schloss zu sehen war. Und drunter stand „VEB Parkbrauerei Bad Muskau“. Schön war´s, wenn ich Tante Trude dort besuchen konnte. Da standen sie nun, die Frauen in ihren blauen Gummischürzen und ihren Schirmmützen mit Netz. Die Maschine vor ihnen, die machte einen Riesenkrach, den aber überhaupt niemand mehr hörte. Und ich sah, wie sich alle Reichtümer dieser Welt wie auf einem Karussell auf dieser Maschine drehten. Dann befüllt, beklebt und mit einem Kronkorken verschlossen wurden. Jeden Tag ging sie dorthin. Von der Schmelze lief sie, am Marktplatz vorbei bis dort hoch, fast durch die halbe Stadt. Bald kam der Tag, an dem der Busverkehr eröffnet wurde – und fortan fuhr sie die drei Stationen. Mit dem Linienbus. Mit der Arbeitermonatskarte. Der Busfahrplan war zu jener Zeit in jedem Haushalt dieser Gegend unentbehrlich. Die meisten Abfahrzeiten hatte man im Kopf. Auch die meisten Strecken. Busfahren, das war auch ein beliebtes Spiel im Kindergarten. Die Sonne des Fortschritts wärmte unsere Seelen und beflügelte unsere Fantasie. Wir saßen unterm großen Tisch, der Bestimmer war der Fahrer - und die anderen, ordentlich in Reihen, rechts und links hinter ihm, „wie in echt“. Und alle zusammen erzeugten wir brummend und singend das Busgeräusch. Dann fuhren wir stundenlang. Wer den Schaffner machen durfte, sagte die Stationen an. Jeder wusste, wo es lang geht. Wir ahmten das eindrucksvolle und charakteristische Geräusch des Zwischengasgebens beim Wechseln der Gänge, von dem wir gar nicht wussten, dass es so heisst und was es sollte, sehr genau nach. Booohhn, booohhn, booohhn, so ging die langsame, normale Fahrt. Booohhhn, bohn, bohn, bohn, boooohhhn....wurde hochgeschalten und es ging schneller voran. Booohhn, booohhn... Eine helle Freude, unvergesslich.
Als Frau musste man „bis 60 arbeiten“. So hieß es: „Bis 60“. Wer dann weiter arbeitete, verdiente doppelt. Rente plus Lohn. Leute wurden ja gebraucht. Das Schild: „Wir stellen ein: ...“ hängt ja heute noch am inzwischen fensterlosen roten Gemäuer der alten Brauerei. Wie aus einem Traum. Nur die kleinen, gelb gestrichenen, hölzernen Schiebetafeln, auf denen die gesuchten Berufe in blauer Schrift geschrieben standen: Schlosser, Kraftfahrer, Lagerarbeiter...., die sind verschwunden und kommen nicht wieder.
Vor der Erfindung des elektrischen Kühlschranks war diese Brauerei ein Herzstück des alltäglichen Lebens der Stadt. Im Winter wurde das Eis aus den Seen geholt und bis es im Sommer verteilt wurde, lag es dort in den tiefen und kühlen Gewölben. Über hundert Jahre lang konnte und wollte sich hier kein Mensch ein Leben ohne diesen Betrieb vorstellen. Jetzt ist in einem Nebengebäude ein Getränkehandel drin. Die Sachen die es da gibt, sollen auch ganz gut sein.
Weil aber Tante Trudes Sohn nicht zurückkommen konnte, weil ja „R-Flucht“ nicht verjährte und Gefängnis darauf stand, kündigte sie am Tag ihres erreichten Rentenalters und betrieb sogleich die Umsiedlung nach Köln. Bis nach Magdeburg, bis kurz vor die letzte Station an der Grenze, fuhren wir mit. Im „Interzonenzug“ (der mit den schönen Abteilen und den weichen Sitzen), der nicht mehr so heißen durfte, aber doch immer noch so hieß. Auf dem letzen Foto sitzen alle im Abteil und weinen.
Dann begann die Briefschreiberei. Nach zehn Jahren stand in einem dieser Briefe deutlich, was längst schon aus vielen vorangegangenen heraus zu lesen war: „Bei Wasser und Brot will ich leben, wenn ich nur wieder nach Muskau zurück kommen könnte. Eure Tante Trude.“
So war´s. So konnte es gehen.

Zur Lösung unserer Planaufgaben stellen wir ein...
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