Wroclaw/Breslau


GOETHE IN SCHLESIEN

von René Beder


 
Goethe war auch ein armes Schwein
Wie er nach Schlesien kam
Zu nem Kriegs-Manöver
Wo denn doch nüscht passierte
Nur dass die Ulanen und Husaren und Infanteristen in bunten schönen Uniformen,
Hüten, Streifenhosen, Tornistern und Gewehren wohlfeil herumstanden
Zum alsbaldigen in die Erde sinken hingestellt
Was ja nun ausbleiben sollte
Noch mal
Goethe aber war ja auch ´n Geologe
Obschon sehr berühmt als Dichter ärgster Liebesdramen
Kommt er nach Breslau, trifft so Leute
Aus´m Bergbau, aus den Staatsgeschäften
wovon der eine grad mal wieder Witwer is
die Weiber gingen dem dahin wie das Gras dem Schnitter
nicht ungewöhnlich seinerzeit
so hört man
Jöthe ahnt von nüscht
kiekt die Olle an
Henriette von Lüttwitz
und is hin
die nich viel minder
wandert mit ihm durch Feld und Flur
Kutschfahrten, Küsse große Oogen
aber sie zögert
spricht noch schön
aber zögert
Jöthe
findet sich bei ihren Eltern ein
logiert im nächsten, nahen Gasthof
und bittet dann um ihre Hand
aber
der Vater
sagt der Tochter
der is unter deinem Stand und meinem
obgleich uns Jöthen
frisch veradelt war
sei´s drum
dit jüldet nich
Jöthe denkt sein Schwein feifft
gloobts nich
und kann nich begreifen wie ihm jeschieht
Jöthe is so erledigt
sein Tagebuch schweigt darüber
die Zeilen, die es trägt, führen in die falsche Richtung
außerdem schickt er ja Pakete nach Hause
aber er hat kein Glück
drei Gedichte schreibt er
wo herauszupopeln is sein janzet Leid
sie aber, die schöne Angebetete bleibt bei dem jungen hoffnungsvollen preußischen Beamten
den Jöthe an den Hof von Weimar hinvermitteln will
damit sie in seiner Nähe is
setzt beim Herzog schon mal ne Gehaltserhöhung durch für seinen Nebenbuhler, ausgerechnet,
doch der denkt nich dran in diese fremden durchsichtigen schlauen Fänge reinzugehen
Futter in des Lustfischs Aquarium zu sein
der geht nach Berlin und kommt ganz groß raus
seine Olle,
wo Jöthen schmachtend litt,
die stirbt im Kindbett oder sonstwie schnell
ruckzuck
da hat der bald ihre Schwester zur Gemahlin
und Jöthe flennt
alleene
in der Ferne
bei ihm, denkt er,
wär ihr das nicht passiert
nur sein Herz verdammt
ist durch diesen kalten preußschen Stahl
verletzt seitdem
und rührt sich kaum noch
außer wenn's nach Wein gelüstet ihm
fortzuschwimmen im Meer der eigenen kristallnen Tränen, den unsichtbaren
doch dann
er spricht mit ihr
als Leichenfledderer
sie verfluchend sie entkleidend
an ihrem Haare zerrend
sie zu Boden werfend
jauchzend
hechelnd
stöhnend
doch sie
bleibt eine
willenlose Puppe seiner Fantasie
die hört nichts, sieht nichts
lässt geschehn nun alles alles was er will
nur selber will sie gar nichts mehr
dass macht den heißen Liebhaber ganz und gar verrückt
dass er ums Haar verreckt mit rotem Kopf und längst verdrehtem Herzen
aber plötzlich, plötzlich leise hört er ihre Stimmen
hört und lauscht und spricht ihr vor
wartet
dann spricht sie´s nach
er versucht es weiter und es klappt
das rauscht und knistert in der Leitung
doch sie sind auf der Hut
und bitten drum ganz oben
beide
dass sie sich nicht verlieren
der Draht nicht bricht oder durch eine ferne, äußerliche Unachtsamkeit, ein Übermuth und Leichtsinn
wie z.b. ein Hai beißt in das Kabel
alles wieder weg ist
von wegen einer Laune
irgendeiner Kreatur


 

 

 

 

 

 

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