Brody/Pförten


DIE SCHANDE FRIEDRICH DES GROSSEN IN PFÖRTEN

von Siegfried Kohlschmidt

Pförten liegt nur 10 Kilometer östlich von Forst im ehemaligen Kreis Sorau. Heute heißt das Städtchen Brody und gehört zur polnischen Wojewodschaft Lubuskie. Berühmt wurde Pförten durch einen seiner Besitzer, den Reichsgrafen Heinrich von Brühl, allmächtiger Premierminister des sächsischen Kurfürsten Friedrich August II., der zugleich als August III. auch König in Polen war. Brühl machte aus Pförten einen Ort hochfeiner sächsischer Kunst. Einstmals ein Höhepunkt sächsischer Bau- und Gartenkunst, ist Pförten auch mit preußischer Geschichte verquickt, wenn auch mit einer dunklen Seite.

Der Karrieresprung

Nur langsam kam die Karriere Graf Brühl‘s in Fahrt: Geboren 1700, mit dreizehn Jahren Page am Weißenfelser Hof, 1719 als Silberpage bei August dem Starken, 1727 dessen Kammerjunker. Davon gab es rund 200 und Altersgenossen waren da schon wesentlich weiter. Aber 1730 schlug Brühl's große Stunde. August der Starke wollte sich vor ganz Europa von seiner stärksten Seite präsentieren. Er plante ein Vergnügen, ein sogenanntes Lustlager, von dem man noch nach 100 Jahren reden sollte. Eigentlich wären jetzt Minister und Geheimräte gefragt, aber keiner traute sich. Da sprang der bedeutungslose Kammerjunker Brühl ein und organisierte höchsten Prunk und feinsten Luxus. Von nun an wurde er für August und erst recht für dessen Sohn Friedrich August unentbehrlich.



Friedrich II. König von Preußen während des 7jährigen Krieges (1756-1763) in der Lausitz, Zeichnung von Richard Knötel. Schon während der Schlesischen Kriege war der preußische König durch die Lausitz gezogen.

Das Lustlager an der Elbe

Im Sommerlager bei Zeithain an der Elbe fanden sich 47 Fürsten ein. Zum Gefolge des preußischen Königs gehörte neben 150 Offizieren auch der Kronprinz. Hier begegneten sich also der spätere Premierminister Graf Brühl und der spätere preußische König Friedrich, der einmal der Große genannt werden sollte. Doch noch waren beide quasi ohne Amt und verstanden sich zunächst prächtig. Vier Wochen Party ohne Ende – da taute selbst Friedrich auf, zur Freude seines Vaters und zum großen Ärger von August. Denn das Ziel seiner Wünsche, die auch wohl sichtlich erfüllt wurden, war die Gräfin Orcselska, die Lieblingstochter August des Starken. Das war zuviel, August schäumte und raste. Aber Graf Brühl konnte die Staatsaffäre eindämmen, er führte dem Kronprinzen eine Gräfin Formera zu. Preußens König dankte ihm mit der höchsten Auszeichnung, dem Schwarzen Adlerorden, in seinem Sohn aber wuchs abgrundtiefer Haß. Nie zuvor und nie wieder hatte Friedrich sich in so einer Weise einer Frau geöffnet, und Brühl war der Organisator des Desasters.

Keine 20 Jahre konnte sich Graf Brühl an Schloß Pförten erfreuen, dann war es fast 100 Jahre unbewohnbar. Mit einem Notdach (unser Bild) diente es u. a. als Scheune. Erst die letzten Brühl‘s auf Pförten konnten 1919/24 den alten Zustand annähernd wiederherstellen. Auch dann blieben wieder nur 20 Jahre bis zur erneuten Zerstörung.

Haß und Rache des Königs

Nach dem Zeithainer Lager begann der unaufhaltsame Aufstieg des Grafen Brühl, er wurde zum uneingeschränkt herrschenden Minister. Da konnte der König in Potsdam nur spotten: „Friedrich II. ist sein eigener Minister, Minister Brühl sein eigener König.“ Doch der Spott konnte den Haß nur mühsam verdecken, im 7jährigen Krieg aber lebte er ihn zügellos aus. Brühl selbst war unerreichbar, denn er war nach Warschau geflohen. Aber alles, was in Sachsen an Brühl erinnerte, wurde von Friedrich in manischer Wut zerstört, zumeist war er selbst zugegen: Die Schlösser Groschwitz, Oberlichtenau und Nischwitz, die Dresdener Palais‘ und eben auch Schloß Pförten. „Ich habe Vergeltung üben müssen“, schrieb Friedrich der Gräfin Brühl kühl. Am 1. September 1758 befahl er dem Markgrafen von Brandenburg, „ nun gerade nach Forst zu marschieren und das Schloß des Grafen Brühl verbrennen zu lassen.“ Der wollte nicht Mordbrenner werden und schickte seinen General Detachent.

Das Kostbarste aus Pförten hatte Graf Brühl mit Kriegsbeginn 1756 nach Hamburg in Sicherheit gebracht – das rund 2200 Teile zählende Schwanenservice aus Meißener Porzellan.

Der Bericht des Bettenmeisters

„Der Commandeur ließ im Schloß alle Keller aufreißen und allen großen Weinfässern die Boden ausschlagen; was aber an Flaschen und kleinen Gefäßen vorhanden war, ließ er auf zwei Wagen laden. Mittlerweile hatte ein Commando Husaren einen Wagen mit Stroh und einen Wagen mit Holz auf den Schloßplatz gebracht. Unter dem Dache wurden an 12 verschiedenen Orten Haufen von Holz und Stroh hingelegt, desgleichen auch im untersten Tafelzimmer. Also wurden die Haufen alle angezündet, und der Commandeur verbot zugleich, daß kein Mensch sich unterstehen solle, zum Löschen an das Schloß zu gehen, wenn er nicht die Kugel vor den Kopf geschossen haben wollte. Indes hat es Gott so wunderbar gefügt, das nicht nur die beiden Seitengebäude, sondern auch die ganze Stadt im geringsten nicht versehrt worden. Das Schloß allein ist gänzlich bis auf den Grund nebst allen Möbeln und was darin gewesen, verbrannt und zusammengefallen.“ Soweit ein gekürzter Auszug aus dem Bericht des Bettenmeisters (Schloßverwalters) Fiebiger an Graf Brühl. Der sollte seinen geschändeten Besitz nur ganz kurz wiedersehen, auf der Rückreise aus dem Exil von Warschau nach Dresden. Als der sächsische König bald darauf starb, konnte er seinen eigenen Sturz voraussehen. Doch erlebte er ihn nicht mehr bewußt, denn er verstarb wenige Wochen später.



Die Grafen Brühl wohnten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in den beiden Kavalierhäusern. In beiden befindet sich heute ein gut geführtes Hotel. In dem nördlichen war auch eine Schloßkapelle eingebaut, die dem heutigen Hotelbetrieb als Festsaal dient.

Die Brühls nach Heinrich

Graf Brühl hinterließ vier Söhne und eine Tochter. Da der Name Brühl in Sachsen über Jahrzehnte „verbrannt“ war, gingen die Brüder ins Ausland und wurden – gute Preußen. Der älteste und der jüngste der Brüder wurden Generäle, der zweite Sohn übernahm Pförten und der dritte wurde Generalintendant der Straßen. Der Sohn dieses sogenannten Chaussee-Brühls, Karl Moritz, geboren 1772 auf Schloß Pförten, war langjähriger Generalintendant der königlichen Schauspiele in Berlin, später auch der Museen.

 

Links und rechts des Schloßeinganges tragen je zwei monumentale Atlanten einen Balkon. Zwei Katastrophen – die Zerstörung durch Friedrich II. und am Ende des 2. Weltkrieges, haben sie, wenn auch nicht ohne Schäden, überstanden.

 

PERSÖNLICHKEITEN AUS BRODY

von Siegfried Kohlschmidt

Die östliche Niederlausitz war während meiner Tätigkeit am Bezirksmuseum Cottbus (1970-1989) aus der täglichen Arbeit des Historikers ausgespart. An der Neiße hörte das Denken oder gar das Forschen auf. Eigentlich war man sogar froh darüber, waren doch Personal und Umstände begrenzt, war das Territorium des damaligen Bezirkes Cottbus, unser Arbeitsfeld, schon eher zu groß und seine Geschichte und Kulturgeschichte zu vielfältig, als dass man im Tagesgeschäft wenigstens in gewisse Tiefen der historischen Ereignisse, Personen oder Zustände gelangen konnte. Das traditionelle Handwerkszeug des Historikers war in Bezug auf die östliche Niederlausitz sehr lückenhaft verfügbar: Archivalien wären nur eingeschränkt zugänglich gewesen, die Literatur, durchweg vor 1945 erschienen und nur in Teilen vor Ort, gab neue Erkenntnisse kaum her. Natürlich, die „Kunstdenkmale des Kreises Sorau“ von 1939, die standen glücklicher Weise in der Bibliothek und sind noch heute in ihrer Art völlig zureichend, wenngleich bei den Objekten durch Krieg und sozialistische Mangelwirtschaft in Polen (wie bei uns) schmerzliche Verluste zu verzeichnen sind. Ebenso war auch bekannt, dass in Pförten die Grafen von Brühl eine umfangreiche Standesherrschaft innehatten, die durchaus als ein Zentrum sächsischer Kultur glänzte, Schloss und Garten zu den bemerkenswertesten Kunstwerken des 18. Jahrhunderts in Sachsen gehörend.



Blick von den Bergen bei Hoh Jehser/Jeziory Wysokie auf das malerisch gelegene Schloß Pförten/Brody, Farblithographie von 1862, links hinten am See das Dorf Nieder Jehser/ Jeziory Dolne. Heute wird durch einen modernen Aussichtsturm an etwa dieser Stelle der romantisch-malerische Anblick noch gesteigert.

Seit einigen Jahren nun traten immer wieder Fragestellungen auf, die mich veranlassten, mich mit der Geschichte der östlichen Niederlausitz zu beschäftigen. Die Quellenlage vor Ort ist nicht wesentlich besser geworden, wenn auch der Zugang zu Archiven und Bibliotheken leichter wurde. Dafür tat sich aber eine völlig neue Möglichkeit auf, um u.a. zu historischen Fakten zu gelangen – das Internet. In den Weiten des World Wide Web kann man auf unglaublich schnellen Pfaden zu Kenntnissen gelangen, von denen man bislang nicht das Geringste wusste, ja nicht mal einen Ansatz dazu fand. Gar zu leicht kann man sich verlieren, das Angebot von einigen hundert Dokumenten zu meinem Thema kann den Schnelligkeitsfaktor auch ins Gegenteil kehren. Da muss man eben schon die Titel der Dokumente werten, wichten und sortieren und einen gewissen Spürsinn entwickeln. Alle nachfolgenden Inhalte habe ich aus dem Internet an wenig mehr als einen Arbeitstag gezogen.

Ich habe die Stadt Pförten als Beispiel ausgewählt, weil sie neben Brühl/Schloß/Garten eine ganze Reihe unterschiedlichster Persönlichkeiten bietet. Manche Informationen dazu sind ohne Vorkenntnisse kaum zu erlangen, hier werden so recht die Vorzüge des Internets deutlich. Sicher hätte ich bequemer Sorau/Zary mit den Biebersteins und den Grafen von Promnitz nehmen können, dort wären dann eine Orgelbauerfamilie dazu gekommen, mehrere Schriftsteller, ein berühmter Arzt usw. Auch hätte allein das Dorf Dolzig (Dluzek, nahe Sommerfeld/Lubkso) zu diesem Zweck gedient, ebenda wurde 1858 Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg geboren, die letzte deutsche Kaiserin. Eine Tafel in Deutsch und Polnisch am dortigen Schloss erinnert heute daran, wer weiß davon schon diesseits der Neiße? Aber in Dolzig lebte auch Eduard Vogel von Falkenstein (1797-1885), einst als Kommandierender General des II. Armeekorps nicht ohne Bedeutung. Ich hätte auch die benachbarten Dörfer Amtitz (Gebice) und Starzeddel (Starosiedle) auswählen können. Im ersten saßen die Schönaich-Carolaths, deren Amtitzer Zweig wenigstens zwei Berühmtheiten hervorbrachte, nämlich den Freiherrn Christoph Otto (1725-1807), den von Gottsched gekrönten und in Europas Kunstwelt verspotteten Dichter, und Prinz Heinrich (1852-1920), der den Beinamen „der Rote Prinz“ trug, siebenunddreißig Jahre im Reichstag saß und ein führender Parlamentarier der deutschen Konservativen war. Im benachbarten Starzeddel wäre ich dann auf Friedrich Graf von Reventlow (1797-1874) getroffen, den dänischen Kammerherrn und Oberappellationsgerichtsrat, 1851 aus Dänemark des Landes verwiesen, in Preußen wurde er Mitglied des Herrenhauses. Sein Sohn Kurt (1834-1914) war von 1867 bis 1877 Landrat des Kreises Guben. In Starzeddel wurde 1886 auch Paul Tillich geboren, verstorben 1965 in Chikago, ein bedeutender Theologe und Religionsphilosoph. Zu all diese Personen findet man im Internet Zugang, für manche gibt es sogar umfangreiches Material. Doch – wie oben gesagt – ich will mich Pförten widmen.

Bei der kleinen Stadt Pförten (Brody), 10 Kilometer nordöstlich von Forst gelegen, hat man mit ersten Recherchen keine Schwierigkeiten, die Literatur gibt einiges her, von den Kunstdenkmalen des Kreises Sorau und den Standardwerken Rudolf Lehmann's bis zu den „Rittergütern“ Götz von Houwald's, dazu kämen u. U. eine ganze Anzahl von Büchern zu den Grafen von Brühl. Doch da fängt schon der Punkt an, bei dem man im Internet einfach schneller und besser vorankommt: Bei Houwald kann ich leicht entnehmen, dass die Grafen Brühl bis 1945 die einstige Standesherrschaft innehatten. Aber gab es in dieser Familie neben dem ersten Brühl, dem Erbauer von Schloss und Park, nicht weitere Persönlichkeiten, die zu ihrer Zeit von öffentlichem Interesse waren und darum auch heute wenigstens in regionalgeschichtlicher Darstellung nicht vergessen sein sollten? Der kursächsische Premierminister Heinrich von Brühl (1700-1763), seit 1737 Reichsgraf, erwarb die Herrschaft Pförten 1740, wenige Jahre später konnte er auch Amt und Schloss Forst kaufen, woraus per Testament 1762 ein Familienfideikommis gebildet wurde. Über den ersten Brühl in der Lausitz gibt es reichlich Literatur, über ihn will ich also nicht weiter schreiben. Nur soviel: Von Friedrich dem Großen als Intimfeind mit Hass verfolgt, in Sachsen noch heute meistens als Ruinierer und Verderber des Landes dargestellt, ist seine Persönlichkeit sicher vielgestaltiger, man findet durchaus auch positive Momente. Sein Bruder Friedrich Wilhelm übrigens ließ das zwar nicht zur Niederlausitz, heute aber zu Brandenburg gehörende, im äußersten Südwesten gelegene, imposante Schloss Martinskirchen erbauen.



Porträt des Reichsgrafen Heinrich von Brühl, Kupferstich um 1750.

Vier Söhne hatte Graf Heinrich von Brühl: Aloysius Friedrich, Karl Adolf, Albert Christian und Hans Moritz. Im Zusammenhang mit Pförten wichtig ist vor allem der Erstgeborene, der Nachfolger im Besitz der Standesherrschaft wurde. Bei seinen Brüdern, die Kinder- und Jugendjahre in Pförten verbrachten und auch später dort verkehrten, sei nur auf Karl Adolf, preußischer General der Kavallerie, und auf Hans Moritz (1746-1811), Generalintendant der Chausseen in der Kurmark und Pommern, verwiesen. Schon zu Beginn des 7jährigen Krieges war die Familie Brühl in das sichere Warschau übergesiedelt. In polnischen Diensten machte Aloysius Friedrich (1739-1793) bald Karriere: 1758 wurde er Krongeneralfeldzeugmeister und später Gouverneur von Warschau. In Pförten war er zunächst nur selten, die Wirtschaft besorgte ein Verwalter. Erst 1785 nahm er hier ständigen Wohnsitz und widmete sich vor allem seinen künstlerischen und wissenschaftlichen Neigungen. Er malte, komponierte und musizierte (er beherrschte mehrere Instrumente), frönte der Freimaurerei, der Mathematik und der Ballistik. Insbesondere aber schrieb er Komödien und Singspiele, die auf seinem Pförtener Privattheater aufgeführt wurden, gespielt auch an den Höfen in Wien, Berlin, Kopenhagen und in Warschau, wo schon 1775 sein Erstlingswerk „Die Ankunft des Herrn“ erschien, auch als „Przyjazd Pana“ ins Polnische übersetzt. Der Erscheinungsort Amsterdam weist auf Übersetzungen ins Holländische hin, auch in Königsberg kam es 1786 durch die Suchische Theatergesellschaft zu Aufführungen Brühlscher Komödien. An weiteren Werken zu nennen wären noch: Der Bürgermeister. Frankfurt und Leipzig 1787. Den ganzen Kram und das Mädchen dazu. Wien 1787. Der neue Herr oder die höflichen Bauern. Breslau und Hirschberg 1788. Edelmuth stärker als Liebe. O.O. 1790. Eine Zusammenfassung gaben die „Theatralischen Belustigungen“, in fünf Bänden in Dresden 1785/90 erschienen. Da Aloysius Friedrich von Brühl in dem neuen Lexikon „Musen und Grazien in der Mark. 750 Jahre Literatur in Brandenburg“ (Lukas Verlag, Berlin 2002) nicht genannt wird, hätte den Autoren vielleicht auch das Internet weitergeholfen.

Da hier der Platz beschränkt ist, kann ich weitere wichtige Brühls fast nur summarisch aufführen: Der Enkel des Grafen Heinrich, Hans Moritz II. (1772-1837), der so genannte „Theater-Brühl“ und Sohn des obigen „Chaussee-Brühls“, wurde, wenngleich zu dem Seifersdorfer Familienzweig gehörend, in Pförten geboren. Er war Ehrenmitglied der Berliner Akademie der Künste, an deren Ausstellungen er sich gelegentlich mit eigenen Arbeiten beteiligte, und seit 1830 Generalintendant der Königlichen Museen zu Berlin. Zu den im 19. Jahrhundert bekannten Brühls gehörten auch drei in Pförten geborene Brüder. Der älteste, Friedrich-Franz (1848-1911), übernahm die Standesherrschaft, war Mitglied des preußischen Herrenhauses und engagierte sich auch als Regionalpolitiker in der Niederlausitzer Ständeversammlung. Ferdinand (1851-1911) war als Generalmajor Kommandierender der 13. Kavallerie – Brigade, und wieder ein Hans Moritz (1849-1911) war Generalleutnant und Kommandeur der 9. Kavallerie –Brigade. Als letzter aus der Familie sei an Alfred Graf von Brühl erinnert, den Maler in Düsseldorf, der 1862 in Pförten geboren wurden und 1922 in Weizenrodau verstarb. Nach Studien in Düsseldorf und Karlsruhe widmete er sich vorzüglich dem Genre der Jagd- und Wildmalerei, von Jagdgenossen hoch geschätzt (Fürst Pleß, Graf Theile, Prinzessin Ratibor), werden seine Bilder noch heute gelegentlich auf Auktionen zu guten Preisen gehandelt, auch das kann man im Internet verfolgen. 1916/1919 war Alfred, verheiratet mit Therese Prinzessin von Lobkowitz, sogar Direktor der Kunstakademie Königsberg

Soweit die Brühls, eigentlich das zu Erwartende, denn aus einer großen Familie gehen zumeist auch wichtige Persönlichkeiten hervor, auch wenn ihre Spuren heute nicht ganz leicht aufzufinden sind. Doch nun zu anderen ehemaligen Berühmtheiten aus Pförten. Da sei zunächst Hermann Ulrici genannt, der hier 1806 als Sohn eines Postmeisters (späterer Oberpostrat) geboren wurde. Ulrici studierte Jura, dann Philosophie, vor allem bei Hegel, und Geschichte. Wie schnell früher akademische Ausbildung ablaufen konnte, zeigen folgende Daten: 1824 Abitur, 1827 erste juristische Prüfung, 1829 zweite juristische Prüfung, 1830 Wechsel zu Philosophie, 1831 Promotion, 1832 Habilitation, 1834 Professur in Halle. Es war nur eine außerordentliche Professur, seine „fundamentale kritische Auseinandersetzungen mit dem Gedankengebäude Hegels“ (Internetkatalog der Professoren der Universität Halle), stoppte die äußere Karriere, erst 1861 erhielt er eine ordentliche Professur. Inzwischen war Ulrici aber zu einer Instanz in der Philosophie geworden, Sein „eigentliches Anliegen war die Versöhnung des Zwiespalts zwischen Religion, Philosophie und naturwissenschaftlicher Empirie“ (ebenda). Seit 1847 gab er die bedeutende „Zeitschrift für Philosophie“ heraus. In zahlreichen, z. T. populär verfassten Werken, wie „System der Logik“ 1852, „Glauben und Wissen“ 1858, „Gott und die Natur“ 1862, oder „Gott und der Mensch“ 1866/73 legte er seine an pantheistischen Vorstellungen orientierten Gedanken dar. Daneben verfasste er eine ganze Reihe von literaturhistorischen Studien, etwa zu Goethe, Calderon und Shakespeare. Von letzterem gab er einige Werke nach den Originalquellen neu heraus. Überhaupt hat sich Ulrici sehr um die Rezeption Shakespeares verdient gemacht, er war wesentlicher Initiator der Gründung der Deutschen Shakespeare – Gesellschaft, die ihn zu ihrem Präsidenten wählte. Hermann Ulrici verstarb hoch geehrt 1884 in Halle.

„Aus gleicher Wurzel“, nämlich aus Pförten, aber von ganz anderer Profession war Friedrich Handtke. 1815 hier geboren, wurde er einer der bedeutendsten deutschen Kartographen des 19. Jahrhunderts. Es war in diesem Fall schon nicht ganz einfach, nähere Informationen aus dem www. zu ziehen. Nach einer Ausbildung als Feldmesser und dem Freiwilligenjahr in der preußischen Armee wurde Handtke 1838 von der Verlagsbuchhandlung Carl Flemming in Glogau angestellt, wo er die kartografische Abteilung leitete. Von den bis 1874 dort herausgegebenen 260 Karten hat Friedrich Handtke 168 selbst gezeichnet. Sein bedeutendstes Werk ist sicher der „Hand-Atlas des Preußisches Staates“ von 1846 mit 36 Karten: Neben der „Übersichtskarte des Preussischen Staates“ und der „Karte von Neuenburg und Valendis“ folgen die neun Provinzen, nämlich Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Posen, Schlesien, Brandenburg, Sachsen, Westfalen und die Rheinprovinz, dann die 25 Regierungsbezirke. Aber auch bei Karten aus der ganzen Welt konnte er Kunst und Können unter Beweis stellen, z.B. in „Vollständiger Hand-Atlas der neueren Erdbeschreibung über alle Theile der Erde“, bei Flemming in Glogau 1849. Präzision der Lithographie und ästhetische Ausstrahlung der Karten gleichermaßen sind noch heute zu bewundern. Friedrich Handtke verstarb 1879 in Glogau.

Ein junger Mann aus Pförten, dort nicht geboren, aber Kinder- und frühe Jugendjahre dort verbringend, sollte bei eben diesem Friedrich Handtke in Glogau seine ersten Versuche im Lithographieren, einer Kunsttechnik, in der er selbst bald ein Meister werden sollte, unternehmen: Paul Thumann. Der ist nun heute kein ganz Unbekannter mehr, so dass ich auf einen Aufsatz von Beate Schneider im Forster Heimatjahrbuch 2004 verweisen kann. In aller Kürze aber: Paul Thumann wurde 1834 in Groß Schacksdorf (Tzschacksdorf) bei Forst geboren, seit 1838 lebte die Familie in Pförten, 1849 kam er zu Handtke bei Flemming in Glogau in die Lithographenlehre, 1853 begann er dann an der Berliner Akademie mit dem Kunststudium. Sowohl als Maler (Historienbilder, etwa zu Luther oder Königin Luise, zahlreiche Genrebilder und Porträts), als auch als Illustrator Dutzender Bücher war Thumann bekannt und geschätzt. 1892 wurde er Professor an der Berliner Kunstakademie und verstarb 1907. Auf eigenem Wunsch wurde er in Forst beigesetzt, wenngleich das Grabmal sich heute auf dem Dorfanger in seinem Geburtsort Groß Schacksdorf findet.



"Das Gespräch mit den Studenten in Jena"
Als Historienmaler war Thumann seiner Zeit hoch geschätzt, u. a. fertigte er für die Wartburg bei Eisenach mehrere Gemälde zum Leben Martin Luthers an.

Um den Rahmen nicht vollends zu sprengen, beschränke ich mich bei den weiteren Personen auf eine Kurzfassung. Geboren in Pförten 1847 wird Emil Clemen. Die Quellen sind beschränkt, nur zu vermuten ist, dass er zunächst in der Pförtener Schlossgärtnerei lernte, denn 1866/68 absolvierte die Berliner Gärtnerlehranstalt, war ab 1869 in der berühmten Baumschule Späth tätig und wurde 1908 Städtischer Garteninspektor in Berlin. In verwandter Profession war Friedrich Aereboe (1865-1942) in Pförten tätig, von 1899 bis 1904 war er Verwalter der Brühlschen Güter. Zum Professor in Breslau berufen und über mehrere Stationen bis zum Rektor der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin aufsteigend, war Aereboe einer der bedeutendsten deutschen Agrarökonomen. Genannt sei letztlich auch Johannes Weidemann, geboren 1897 in Pförten, seit 1933 Oberbürgermeister von Halle, „als Jurist ebenso profiliert wie als Nationalsozialist“ (www.catalogus-professorum-halensis.de), als Initiator der „Rosenberg-Politik“ eine äußerst negative Rolle spielend, die auch durch die „Entnazifierung“ 1948 in Bielefeld nicht korrigierbar scheint.

Zu den im historischen Schriftstellerlexikon für Brandenburg genannten Edmund Kreusch, geboren 1862 und in Pförten als Hilfsgeistlicher tätig, und Anna von Schaeffer, geboren 1840 in Pförten, konnte ich im Internet keine Angaben finden. Das zeigt einmal mehr, dass das Internet für den Regionalhistoriker wohl neue Ansätze bietet, neue Zugänge, für tiefere Untersuchungen aber die traditionellen Forschungsorte des Historikers, Bibliothek und Archiv, unverzichtbar bleiben.

Mit diesem Beitrag strebe ich zwei Ziele an – einmal will ich Ergebnisse aufzeigen, die auf neuen Wegen – eben im Internet – erlangt wurden und damit vielleicht andere anregen, auch diese Möglichkeit zu versuchen, zum anderen denke ich, dass nicht erst seit dem nun vollzogenen Beitritt Polens zur Europäischen Gemeinschaft die Zeit reif ist, verstärkt auf die Geschichte der östlichen Niederlausitz aufmerksam zu machen. Die Zeit ist auch reif, dieser Geschichte an ihrem jeweiligen Ort nachzuspüren. Also – besuchen Sie Pförten – Sie finden schöne Bürgerhäuser des 18. und 19. Jahrhunderts, eine barocke Stadtkirche, ein klassizistisches Stadttor und vor allem eine grandiose Schlossanlage, eingebettet in einem „renaturierten“ Park, am Ufer eines malerischen Sees. Das Kavalierhaus wurde in ein sehr ordentliches Hotel mit gutem Restaurant verwandelt, und das Brühlschloss ist sicher die längste Zeit eine romantische Ruine gewesen. Wer davon noch ein Foto machen will, wird sich beeilen müssen.

 

 

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