Boleslawiec/Bunzlau


UNTERWEGS NACH BUNZLAU

von René Beder

Von Görlitz ist es nicht weit. Vielleicht eine Stunde zu fahren. Auf Grund der vielen Ungereimtheiten, die man immer wieder erlebt, an kleinen Tankstellen – irgendwo tippt jemand was in seinen Taschenrechner, man weiß nicht was, es gibt keinen Zettel – und wenn steht da irgend kein Kurs drauf und oftmals fällt die Rechnung höher als geschätzt aus - beschließe ich beim nächsten mal in Zloty zu bezahlen. Also tausche ich das Geld in einer kleinen Bude hinter dem Grenzübergang. Hinter der Scheibe sitzt ein schmales Fräulein in einer hellblauen Trainingsjacke. So genau wie sie hat sich in meiner Gegenwart noch niemand einen Geldschein angesehen. Wie sie ihn anfasst, knickt und gegen eine Lampe hält. Was für eine Prozedur, die sie aber mit jedem einzelnen meiner zwei scheine ruck-zuck hinter sich bringt. Dann reicht sie mir die Zloty. Und statt der Quittung einen Bonbon. Die Quittung muss ich extra verlangen.
Meine Lieblingsraststätte an der E40 ist die mit dem blauen Motel und dem Hühnchengrill, gleich hinter Görlitz. Natürlich ist das Motel nicht zu empfehlen, jedenfalls im Winter nicht. Es ist äußerst schlecht geheizt – und warmes Wasser eher Glücksache. Die Preise aber sind „normal“, jedenfalls für hiesige Verhältnisse. Der Neubau, der daneben steht, auf dem steht zwar „Motel“ obendrauf, aber der war nicht gemeint.

In meinem Lieblingsrestauracia


Der Hühnchengrill links daneben ist aber nicht schlecht. Der Fernseher läuft, ein Bier ist vom Fass, es gibt auch „Lech“ aus der Flasche, das besser schmeckt und die Preise sind äußerst erträglich. Stammkunden dürfen auch hinter den Tresen, um sich dort nach dem Essen die Hände zu waschen. Denn die polnischen Servietten haben eine Eigenart und ich habe noch nicht herausbekommen warum: Das Papier ist glänzend glatt, irgendwie imprägniert und mit herkömmlichen Methoden als Serviette eigentlich überhaupt nicht zu gebrauchen. Ganz davon abgesehen, dass diese kleinen, leichten Schnipselchen so in den Serviettenhalter gesteckt sind, dass man, wenn man eines will, schon alle herausnehmen muss. Aber vielleicht habe ich diese ganze Apparatur auch immer missverstanden. Vielleicht ist es nur eine Tischdekoration – und der elegante Herr, den man selten sieht, hat seine Serviette am Mann. Womöglich. In der Brusttasche seiner Trainingsjacke.
Aber trotzdem gefiel es mir dort, so dass ich lange Zeit einen großen Bogen um das zur Tankstelle "Orlen" gehörende Restaurant gemacht habe. Dieser Glaskasten sah immer so ungemütlich aus. Und Licht wie auf dem Bahnhof. Die Toiletten überm Hof. Natürlich sind welche drin, es ist ja ein Standardbau, aber die Türen sind verschlossen, Tische davor und jedes Hinweisschildchen darauf abmontiert. So laufen neue Gäste immer wieder ratlos von einer Tür zur anderen – bis sie begreifen, dass sie so keine Chance haben. Und wieder hinaus müssen und ums Eck, zur Bude des Mütterchens – wo es einen Zloty kostet. Wenn das nicht so wär, würde das Mütterchen vielleicht nichts mehr verdienen und die talentierten und hübschen Damen vom Restauracia hätten vielleicht eine unangenehme Aufgabe zuviel. Und wenn sie das Mütterchen übernehmen würden, so schön wie in ihrer Bude hätte sie es hier nie. Ein Platz für sie ist im Standardbau nicht vorgesehen. In ihrer Bude hingegen geht ihr Fenster zur Straße.
Rauchen kann man übrigens in diesem neuen Tankstellen-Allerweltsding auch nicht. Wohl aber draußen vor der Tür, was näher an den Tanksäulen und dem Flüssiggasbehältnis ist.
Aber es kam der Tag an dem ich kein Hühnchen mehr zum Abendbrot essen wollte und dort hineinging. Die Maultauschen, Piroggi, die ich dort bestellte sind mir bis heute unvergesslich.
Überhaupt sehen die jungen, flinken Frauen, die dort am Tresen stehen, unvergleichlich schön aus. Ganz im Gegensatz zum immer unverblümt mürrisch drein sehenden Hühnchenverkäufer. Alle drei die sich dort abwechseln sind wie die Grazien. Nur eine schöner als die andere. Natürlich sind sie geschminkt, um ihre Wirkung noch ein wenig zu verbessern – aber sehr gut. Nie zu viel. Nie zu aufdringlich. Und ich habe noch keinen der vielen übernächtigten Autohändler, die zu ihnen kommen, gesehen, der ihnen irgendwie zu nahe gekommen wär oder unziemliche Worte an sie gerichtet hätte. Und das Lächeln dieser Grazien ist immer tadellos. Mehr als das. Fast verführerisch. Und dennoch, oder gerade deshalb bleibt alles in den Grenzen des Anstands und der Sittlichkeit im Umgang mit ihnen. In ihrer Gegenwart wird nicht gepopelt und sich nicht am Sack gekrault. Die Fernfahrer, die das vielleicht nicht schaffen würden, sitzen in der Hühnchenbraterei. Da ist es auch billiger. Und auch weil die meisten sicher weniger verdienen werden als die Autohändler, gehen sie wohl lieber dorthin. Jedenfalls, wenn sie in Richtung Osten unterwegs sind.
Auf dem Rückweg aber, auf der gegenüber liegenden Seite der Magistrale – da ist alles wie für sie gemacht – im Restauracia Orlen. Dusche, Aschenbecher, Fernseher – und wenn sie 200 Liter tanken, ist ihr Essen kostenlos. Nur es schmeckt nicht. Und die, die es herüber reichen, können es mit denen, die es auf der anderen Seite der Straße tun, überhaupt nicht aufnehmen. Die sehen aus wie die Kantinenfrauen – und benehmen sich auch so. Aber es ist nicht ungemütlich in den Sofaecken dort. Zum weiteren Ergötzen läuft ein halbnackter großer Russe durch die Reihen, der seine Tasche vergaß mit in den Waschtrakt zu nehmen.
aber draußen sitzen kann man Sommers auch.
Die, die das nicht können, laufen mit einem Beutel herum und sehen, was in den Mülltonnen ist. Hier – und gegenüber beim REAL.
Genau so Nachts in Prag, genau so in Bunzlau. Einer klappert immer die Mülltonnen ab. Und einer, den sie kennen, wird immer mal angesprochen, von denen die auf der Parkbank sitzen, ob er er nicht etwas übrig hat, für sie.
Das sind arme Rentner mit einem Hang zum Alkohol. Ich setze mich ein Stück weiter auf die nächste Bank. Gemeinsam beobachten wir den sämtlichen Bunzlauer Fußgängerverkehr. Ein etwas beleibter, älterer Herr schleppt sich vom Einkaufen kommend auf seinen Stock gestützt, bis zu der Bank auf der ich sitze. Er stöhnt und setzt sich weiträumig auf die andere Hälfte der Bank. Es ist der Tag der Anschläge in London. Ich weiß noch von nichts, als er anfängt zu mir über die Islamisten zu sprechen. Ich denke, er meint die Anschläge in Bagdad, ich denke, er spricht über die schleppende verhinderte Bildung des neuen Staates dort. Ich sage ihm auf Deutsch, dass ich kein Wort verstehe. Da wechselt er das Thema. Aber ich glaube, er hatte das islamistische so als fragwürdig im Munde geführt, weil er doch der innersten Überzeugung war, das vielleicht mit einer katholischen Grundüberzeugung sich so etwas verböte. Leider kann man das aber auch nicht sagen. Schön wär's ja. Wenn alle tun würden, was sie tun zu wollen vorgeben und von ihrem Gott zu tun angehalten sind.
Aber da ich ein Deutscher bin und er mich offensichtlich als legitimen nachfolgenden schlesischen Abkömmling anerkennt, sucht er seine deutschen Vokabeln zusammen und sagt, dass er aus Lievenberg kommt. Was die Russen „zapzerap“ gestohlen hätten. Natürlich gibt er nichts auf Stalin, dessen Namen er nicht nennt, aber auch auf Truman gibt er nichts. Dann zählt er die von der Neißegrenze zerschnittenen deutschen Städte auf. Die er nicht nennt, nenne ich. Er ist seit langem der erste Pole, mit dem ich mich wirklich in tiefster Seele verstehe. Schon wie er mich ansieht, zeigt mir, dass er mir vertraut, mir auch im Geheimen nichts vorwirft, sondern sich mit mir auf der Seite der Betrogenen, der Dummen, der Verlierer fühlt. Und wir beide uns aber auch ansehen, dass wir uns deswegen nicht die Tage verderben lassen. Bald geht er wieder, er gibt mir die Hand zum Abschied und auf der anderen Straßenseite trifft er eine Bekannte und spricht mit ihr ein paar Sätze. Sie ist fast so alt wie er und freut sich offensichtlich auch ihn zu sehen.



Mein alter Freund in Bunzlau


Dann laufe ich durch Bunzlau und denke mir, bis hierher sind die Bomber nicht gekommen – aber dafür die Russen. Eine alte, kleine Stadt. Sie ist wunderbar. Eine Kirche, ein Markt drumherum und Bürgerhäuser ohne Pomp und Verschwendungssucht. Vielleicht wurde hier nie so viel verdient. Aber vielleicht immer genug, anständig zu leben, wenn man sich auf sein Geschäft oder sein Handwerk verstand.
Wie hier z.B. die Töpfer. Bekannt, berühmt und profitabel – bis zum heutigen Tag. Mit Formen, Farben, Mustern und Glasuren, die zum Inventar des schlesischen Schatzkästleins gehören.

 



Der Marktplatz in Boleslawiec


In den Kirchenmauern sind natürlich die Grabsteine der Honoratioren. Da, wo die Inschriften in Latein abgefasst wurden, sind sie geblieben. Dort, wo in Deutsch, natürlich nicht. Die sind von inzwischen schwarz gewordenem Beton eingeebnet.
Das war der Hass der Nachkriegszeit. Und bei jedem Spaziergang durch einen solchen Ort frage ich mich, wie wir so dumm sein konnten – und ob wir es noch sind – auf die eine oder andere Art. Oder ob die anderen eigentlich genau so sind, vielleicht es nur besser zu verbergen wussten. Vielleicht aber auch nicht und nur wir auf einem kulturellen Holzweg sind, auf dem wir immer wieder vergessen, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht macht – und wenn es noch so verlockend scheint – oder wenn es noch so unmöglich scheint, wieder umzukehren. Diese Gnadenlosigkeit und Unbarmherzigkeit ist es, die mich immer wieder verwundert. Aber auch bei den anderen, bei den Siegern, am Ende. Nur, die Methode: Auge um Auge, Zahn um Zahn... macht uns zum Schluss alle blind und hungrig.




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