Chrastava/Kratzau


MOTEL ZAMECEK

von René Beder

Bald hinter der deutsch-tschechischen Grenze, das erste größere Restaurant und Motel, direkt an der Straße nach Liberec. Jede Menge Autos davor. Ein paar Polen, etliche Deutsche, einige Tschechen. Ich denke: „Nicht gleich ins erste...“ Ich versuche daran vorbei zu fahren, aber es gelingt mir nicht. Also doch: Als erstes Knödel und Gulasch. Nach so langer Zeit. Das Lokal empfängt mich freundlich-warm. Gleich einer Tröstung der Zivilisation. Ausreichend beheizte Speisesäle, die findet man nicht oft, zu dieser Zeit, in dieser Gegend – dem östlichen Dreiländereck. Eine insgesamt wohltuende Atmosphäre. Und die Tische gut besetzt.
Es gibt Budweiser zur Vorspeise. Ich habe lange keines mehr vom Fass getrunken. Und das aus den Flaschen, das im Leben nicht aus Ceske Budejowice kommt, wird dem Ruf der guten, alten Brauerei in keinster Weise gerecht. Eher im Gegenteil.
Hier aber ist es nicht süß und industriell, hier ist es frisch und wohltemperiert, hier schmeckt es wunderbar. Hier macht es seinem Namen alle Ehre. Hopfig, echt, süffig, straff. Ein breiter Fächer kühler Nuancen zwischen nicht zu heller Herbheit und leichter malziger Schattierung tut sich in meinem Munde auf.
Auf der Karte (auch in deutsch) jede Menge typisches, böhmisches. Die wohlbeleumundete Wiener Küche soll ja eigentlich eine böhmische sein, da die Köchinnen und Mägde seinerzeit aus dieser Gegend des K.u.K. Reiches kamen. Also Rindergulasch mit Knödeln. Die Grammzahl des zu reichenden Fleisches steht auch dazu. In diesem Fall 200. Klingt gut, ist aber dann auf dem Teller verzweifelt wenig dünngeschnittenes, manchmal verschwartetes. Die Knödel und die Sauce ohne Tadel. Aber schneller als befürchtet ist das Vergnügen auch schon vorüber.
Die Kellnerin ist flink. Ich wundere mich, warum sie die Arme so dicht am Körper trägt und so kleine schnelle Schritte macht. Wir sind doch nicht in Japan. Und: Hier läuft doch alles, nur die Ruhe. Hat sie aber nicht. Ich glaube, es liegt an ihrem Kostüm. Es ist ein dünner, sehr dünner nur fast knielanger schwarzer Rock, darunter normale, fleischfarbene Strumpfhosen und dann Sandalen an den Füßen. Diese Sandalen, so vollkommen haltlose Gesundheitsdinger, schlappern ein bisschen, die machen vielleicht das Gefühl, dass man bei ihr nach einer Weile spürt: Sie fühlt sich nackt.
Die andere, die hinterm Tresen steht, die steht und geht ganz anders. Ihr Rock ist etwas länger, sie ist auch etwas älter, sie geht gemessenen Schrittes. Ihre Arme sind ruhig. Sie lächelt wissend und entspannt. Wo man bei ihrer Kollegin den Eindruck hat, dass sie sich jedes Mal erschrickt, wenn ihr ein Gast ins Auge blickt.
Der Kaffee ist für diese Gegend auch exzellent. Schon tröstend ist beim Hereinkommen der Anblick der Maschine. Ein großes Ding für alle Sorten schnellen und starken, gut gebrühten Kaffees. Die Begriffe hier reichen vom Espresso bis zum Capuccino. Die weitere Verwendung von Milch, wie z.B. bei einem Latte Macchiato, ist noch nicht allbekannt. So muss man sich zu helfen wissen als Gast. Und wenn man sich verständlich macht, da tut sie, was sie kann.
Zur Mittagszeit muss man seine Zigarette im Foyer des Motels rauchen. Da gibt es ein paar Zeitungen, auch den Playboy auf tschechisch – und die Kronen dafür tauscht die Dame, die auch die Andenken verkauft und die Zimmerschlüssel herausgibt. Die Zimmer selbst sind gerade für die Jahreszeit wesentlich zu kühl und auch ein langes Warten auf die Erwärmung der Heizungen hilft hier kaum. Äußerst kahl sind die Räume außerdem. Keines der Doppelzimmer ist belegt. Einzelzimmer sind preiswert, besonders nach der zweiten Nacht, aber nicht mehr zu haben. Das Doppelzimmer kostet - auch wenn es wie ein Einzelzimmer genutzt wird - wie ein Doppelzimmer. Schade. Wenn das Hotel nur so klug wäre wie das Lokal.
Außerdem bekommt man im Lokal die schönsten und lustigsten und lehrreichsten Bierdeckel zu sehen, die es gibt. Da geht es um´s Bier- und Weinpanschen und die Strafen dafür. Damals, als noch richtig gestraft wurde. Zum Erschrecken, zur Ermahnung und Belehrung.

 

Lehrreiche Bierdeckel: Wein- und Bierpanscher hatten nichts zu lachen

 

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