Chlebowo
MEINE FREUNDE IN CHLEBOWO
von René Beder
Vielleicht kommt Chlebowo von Brot. Denn „chleb“ heißt Brot auf russisch und ein slawischer Wortstamm ist ja auch im Polnischen zu vermuten. Vielleicht ist es auch ein Irrtum zu denken, die Polen würden das nicht gern hören. Überhaupt alles vergleichbare oder ähnliche zum Russischen sei ihnen ein Graus. Das hört man immer wieder. Und seit meiner Schulzeit höre es auch ich. Dass die Polen mit den Deutschen nichts gemein haben wollen, konnte man zwar ahnen, bei den Redensarten, die hier geführt wurden – aber die wahre Härte dieser Denkungsart bekommt man natürlich nur im vertraulichen Gespräch mit einem Polen mit:
Die Jungfrau, die einen Deutschen heiratet, wird in der Weichsel ersaufen. Eh ein Pole einen Deutschen zum Freund hat, geht die Welt unter... etc.
Dieses vertrauliche Gespräch war ja lange Zeit die Ausnahme. Umsiedler gegen Umsiedler standen sich an der Oder-Neiße-Friedensgrenze gegenüber und jeder hielt den anderen für das größte Unglück in seinem Volks-Leben.
Die Unwissenheit und Unbelehrbarkeit meiner Jugend gekoppelt mit jeder Menge fest verschlossener Grenzen entließen mich, wenn Zeit für eine kleine Ausfahrt war, ungeliebt in das von den meinigen ungeliebte Land. Die Tage vergingen, die Sonne schien und nicht ein böses Wort fiel. Wenn man dort war, konnte man also vergessen was zu Hause gesagt wurde, immer.
Schön war auch der Sommer 1980. Streik, Revolution und auf den Promenaden von Swinemünde jeden Tag nur festlich gekleidete Menschen. So viele lässig über die sauberen Hemden geschlungene weiche und helle Pullover. Wir bemerkten nichts. Wir aßen reichlich vom gebratenen Fisch und fuhren in bester Verfassung wieder nach Hause, denn die Ferien waren bald vorbei. Als uns die Tür aufgemacht wurde, hörten wir zu unserem großen Erstaunen die Frage: "Ihr lebt noch??" Für die Lieben daheim versank Polen im Chaos und wir mit. Unsere strahlenden Gesichter in der Tür haben sie für eine Sinnestäuschung gehalten.
Jetzt, fast 24 Jahre später, komme ich auf dem Weg zur Fähre über die Oder nach Chlebowo. Die dicken, alten Straßenbäume halten schützend ihre großen Dächer über uns. Ihre Stämme sind so hoch mit weißer Farbe bemalt, dass man es schon für etwas übertrieben hält – und an eine weiße, spalierstehende Garde denkt. Die Männer sitzen vor den alten Häusern. Ihre Pullover sind dunkel und ihre Hosen abgewetzt. In der Hand ein Bier.
Mein Freund, der neben mir sitzt, sagt: "Was für ein Peace." Und weil es uns so gut gefällt, fahren wir nicht gleich zur Fähre, sondern erstmal durchs Dorf. Und nichts ändert sich. Die Männer, die Bäume, der Peace.
Nur ganz am Ende, das Dorf liegt hinter uns, steht auf der linken Seite eine neue, große Villa. "Hier wohnt der Chef", sagt mein Freund. "Was für´n Chef", frage ich. "Der, für den die hier alle arbeiten", sagt mein Freund. "Was?" "Keine Ahnung. Irgendwas. Jetzt haben sie gerade Pause." Also, wir stellen uns das vor. Irgendwann ruft wieder der Chef an – und es gibt was zu tun.
Als ich ein paar Wochen später wieder vorbeikomme, ist immer noch Pause. Ich mache ein paar Fotos. Ein paar Männer stehen vor einem alten Haus. Ich komme etwas näher und einer der Männer geht hinein. Vielleicht hat er mein deutsches Nummernschild gesehen, geht, und will nichts mit mir zu tun haben. Sich schon gar nicht, auch aus der Ferne, fotografieren lassen. Als ich dann auf ihrer Höhe bin, meine Hand zum Gruß an den Hut führe, winken sie mich heran. Der, der ins Haus gegangen ist, war wieder draußen – seine Hände voller Birnen. Er streckt sie mir hin. Ich nehme eine. Er bietet mir auch die anderen dar. Ich koste die eine. Die schmeckt wunderbar. Süß und saftig – wie im Lied. Ich breite mein T-Shirt aus, wie das Mädchen im Sterntalermärchen und er legt mir alle Birnen hinein. Ich gehe zurück zum Auto, lege sie in den Kofferraum und stecke mir noch eine in den Mund. Außerdem suche ich ein, zwei Euro Stücken und nehme sie mit. Angekommen bei den Männern und dem Hund, bedanke ich mich noch einmal und sage wie gut die Birnen schmecken. Dem, der sie mir gab, will ich das zwei Euro Stück in die Hand geben. Das will er nicht. Er schüttelt den Kopf und wehrt ab. Ich reiche es also dem nächsten und sage: „Na sdarowje.“ Ist zwar russisch, aber ich glaube es im polnischen schon ähnlich gehört zu haben. Aber auch der schüttelt den Kopf und lehnt ab. Ist das der Pole, von dem ich seit Kindesbeinen weiß, dass der nur schachern will?
Ich wunder mich und gehe. Mich noch mehrmals bedankend und freundlich grüßend, weiter. Ich mache meine Fotos. Aber es kommt mir komisch vor. Hier stimmt doch was nicht. Zwei Euro, denke ich, das reicht doch für ein paar Bier. Wird doch gern getrunken, denke ich. Und außerdem ein fairer Preis für diese Birnen. Schachern oder nicht. Die sind aber guter Dinge und machen mir ein Geschenk. Wer hätte das gedacht, in meinem Heimatdorf. Außerdem hatte ich so etwas wie Dankbarkeit gespürt, bei der ganzen Sache. Kam mir auch komisch vor. Weil ich ihr Dorf fotografierte? Sie wußten doch nicht wofür – und an Abzüge, die ich dort verteile war auch nicht zu denken.
Vielleicht war es eine Festgabe – diese Art politischer Gemeinschaftsproduktion betreffend – die wir gemeinsam vollbracht hatten. Die Polen mit Streik, Revolution und Papst – und wir, mit unseren dicken Brüdern und Schwestern - machten die Sache mit der EU klar. So oder so ähnlich vermute ich jetzt die Sache. Denn irgendwie scheint den Polen das Spaß zu machen.

Die Straße in Chlebowo
AUF DER FÄHRE ZWISCHEN EISZEIT UND KOMMUNE
Eine Zeile von Heiner Müller. Erinnert auf einer Fähre über die Oder.
Wir kommen durch ein Dorf in dem dicke, alte Straßenbäume dicht an dicht stehen und alle sind sie weißgekalkt mannshoch - wie ein weißes Schild - Spalier stehen diese weißen Flächen am Rand des holprigen Kopfsteinpflasters.
Dahinter die Häuser aus dem letzten Jahrhundert. Häuser für Bauernfamilien. Nicht allzu groß, aber solide. In der Mitte eine kurze Treppe, ein Eingang mit kleiner Flügeltür und links und rechts meistens nur zwei Fenster. Manche Häuser sind neu angestrichen. Grünliches gelb. Gelbliches grün. Irgendwie russisch. Genau wie die Männer, die vereinzelt in kleinen Gruppen auf den Treppen davor sitzen. Kurze Haare, Segelohren, kantige Köpfe. Ein Bier in der Hand. Nichts als Frieden. Am Ende des Dorfes biegt ein Trecker vom Feld auf die Straße. Am Straßenrand ein Schild. Darauf ein großes weißes Schiff auf blauem Grund. In diesem Schiff drei weiße Autos. Akkurat aufgestellt im Rumpf. Das Schild zeigt nach links. Dort ist die Oder. Dort ist also die Fähre.
Sie hat gerade angelegt. Drei, vier Autos kommen uns entgegen. Klapprig den holprigen Weg herauf. Wir stellen uns hinten an. Die ersten aus unserer Schlange fahren schon drauf. Der allererste ist Motorradfahrer aus Westberlin. In voller Montur. Dazu seine ehemals polnische Freundin. Auch in voller Montur. Dann ein paar normale Autos. Vor uns der VW Bus will nicht. Aber es ist noch ein wenig Platz. Die Fähre ist fast voll. Wir fahren an dem VW Bus vorbei. Kein Protest. Der Fährmann winkt. Wir fahren drauf. Jetzt fährt der VW Bus los. Aha. Am Ende ist mehr Platz. So dass er gerade noch draufpasst.
Wir fragen uns, was es wohl kosten wird. Alles mögliche steht auf polnisch angepinselt an den Deckaufbauten und den Brettern die quer darüber gehen, aber nirgendwo ein Zloty-Zeichen. Nun gut, der Fährmann wird schon kommen und die Hand aufhalten. Zur Not, wenn unsere letzten Zloty nicht reichen, geben wir ihm ein paar Euro. Ich steige aus unserem alten, großen, klapprigen Auto. Was für ein Tag. Die Oder, der Wind und wir mitten auf dem Wasser. Auf einer Fähre, die aus ein paar abgenutzten Brettern besteht und einem dicken Drahtseil, daß von einem zum anderen Ufer geht. Es läuft über eine Rolle an der Seite der Fähre. Anfangs müssen der Fährmann und sein Gehilfe daran ziehen. Dann dreht sich die Rolle, das Boot hängt schief daran und die Strömung treibt und schiebt es hinüber. Auf dem Rückweg läuft das Drahtseil über eine Rolle am anderen Ende des Bootes, damit es in die Strömung in die andere Richtung treibt. Fast genau an der schon etwas zerschundenen Landungsbrücke trifft die Fähre auf. Das Holz der kleinen Landungsbrücke sieht geradezu weich aus. Weich und glatt. Vom fortwährenden Anlaufen der Fähre und von den tausend Wässern, die sie überspülen. Ein paar Schritte hinter dem Ufer das alte, rote Steinhaus des Fährmanns. Ganz still. Da wohnt nur er. Und schöner will er es nicht haben. Umgrenzt ist es von Steinen. Darauf die Wasserstände der Fluten. Ein weißer, dicker Pinselstrich, daneben das Datum. Da sind in der Höhe unserer Köpfe jede Menge weißer Pinselstriche, jede Menge Daten. Fast zu viele, als daß man es sich vorstellen könnte, wie oft und hoch das Wasser hier stand. Wie breit und schnell und reißend die an diesem Tag fast unscheinbare Oder war.
Die ganze Überfahrt, bis zur Landung, vergeht wie ein windiger, wettriger Traum. Nachdem er das Stahlseil aus der Hand gelegt hat, kommt der Fährmann immer noch nicht zu uns und auch zu keinem anderen, um etwas zu kassieren.
Den Fährmann bezahlt wohl der Staat. Der Fährmann verbindet die Straßen. Und auf den Straßen bezahlen wir ja auch nichts...ich versuche den polnischen Fährbetrieb zu verstehen, am 13.9.2004. auf der Oder zwischen Chlebowo und Polecko.

Auf der Oder
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