Görlitz
DAMALS IN GÖRLITZ
von René Beder
Abends um zehn in Görlitz in den 80igern. Aufatmend entdeckte man noch ein paar Kneipen, bevor man das Zentrum entdeckt hatte. Wobei das „paar“ wörtlich zu nehmen ist. Sonst war's dunkel. Im ersten Eindruck mal eine verfallene, mal eine restaurierte Straße. Das Schöne an den Verfallenen war: Tagsüber konnte man ein wenig an den alten Schriften herumrätseln und sich dann vorstellen, wer das wohl früher gemacht hatte.

Nach dem I. Weltkrieg war Görlitz die zweitreichste Stadt Deutschlands, vor allem auch weil es ein beliebter Beamtenruhesitz war
Görlitz war die Ärztestadt, hieß es in meiner Heimatstadt Bad Muskau zum Beispiel. Und: Görlitz war eine Judenstadt, hieß es auch. Von einem Dr. Blau war immer wieder mal die Rede, der „vor dem Krieg“ dort seine Praxis führte.
Lange Nach dem Krieg, im Jahre 1985, drehten wir u.a. auch in Görlitz einen zweiteiligen Film über das Leben Ernst Thälmanns. Zu seinem 100. Geburtstag wurde er ausgestrahlt. Den Auftrag sollte eigentlich das staatszahme Fernsehen übernehmen, aber die gaben ihn aus Einsicht in die eigene Inkompetenz an die Defa weiter. Überhaupt wurde gern in Görlitz gedreht, weil noch soviel „stand“. Der Krieg hatte viele Gebäude verschont, aber die Zeit nach dem Krieg war nicht ungefährlicher für die Gemäuer. An einem freien Nachmittag trafen wir einen alten Mann. Der sagte zu uns in Abwandlung eines berühmten Hitler-Zitats: „Gebt uns vierzig Jahre und ihr werdet Görlitz nicht wieder erkennen.“ Wir erschraken über so viel Wut und Ohnmacht, wo die jetzigen Volkslenker nicht besser wegkamen als die davor. Aber auch unsere Volkslenker hatten nichts begriffen – von dem, was die Kinder an Marxismus schon in der Schule lernten. Die lernten zum Beispiel Brechts Gedicht von den Teppichwebern von Kujan Bulak. Dort wurde das Geld, dass für eine Lenin-Büste ausgegeben werden sollte, für Petroleum ausgegeben – um einen Sumpf auszubrennen und trockenzulegen, von dem die giftigen Mücken kamen. Jeder verstand dieses Gedicht. Und besonders den Satz: „So haben sie Lenin geehrt...indem sie ihn verstanden...“

Relikt des Thälmann-Film Drehs
Wir werkelten also an der Thälmann Büste aus Zelluloid und haben ihm auch damit keine Ehre erwiesen.
Denn „unser“ Film, der kostete jede Menge Geld und jede Menge Westgeld dazu: 20 Millionen Ostmark und 20 Millionen D-Mark. Das war eine ungeheure Menge Geld. Aber wenn es „um die Sache ging“ hatte keiner den Mut von Einsparungen zu reden. Da ließ sich die Partei- und Staatsführung nicht lumpen. Und das wussten die Verantwortlichen bei der Defa natürlich für sich zu nutzen. Für einen Thälmann-Film braucht man neue Kameras aus dem goldenen Westen, von arri aus München, sagten sie. Und für einen Thälmann-Film braucht man dann auch das passende Filmmaterial von Kodak sagten sie auch. Sie bekamen was sie wollten. Ohne, dass einer mit der Wimper gezuckt hätte.
Und obwohl alle wussten, dass genau dieses Geld der real existierenden Volkswirtschaft fehlte. Was auch wieder für den Film ein Vorteil sein konnte, denn wir drehten in einer volkseigenen Görlitzer Eisengießerei einige Szenen aus den Dreißiger Jahren – und mussten rein gar nichts verändern.
Wir waren mit unserem Film zwischen die Fronten geraten. Denn es gab im ZK der SED, das der eigentliche Auftraggeber des Werkes war, einige, denen ging schon diese Variante der Erzählung zu weit. Plötzlich waren auf den Tribünen wieder Genossen von damals zu sehen, die zwischendurch von den Fotografien verschwunden waren. Plötzlich saßen auch diese Genossen, die es eigentlich nie gab, wieder mit Thälmann an einem Tisch im Karl Liebknecht Haus in Berlin – und sprachen mit ihm, über all das, was da kommen sollte. Anderen wieder, ging der Film nicht weit genug. Die wollten mehr Wahrheit, mehr Kritik, mehr Auseinahndersetzung. So kam es, dass eines Tages besonders aufwändig hergestellte Szenen im Kopierwerk verdarben. Die mussten dann noch einmal gedreht werden. Nicht ganz so aufwändig. Ging auch. Aber seitdem kam das Material vom Drehort direkt in den Tresor vom Kopierwerk. Und von dort nur mit dem Chef höchstpersönlich ins Chemikalien-Bad.
In Görlitz blieb alles beim Alten. So lange es konnte. Bald konnte es nicht mehr. Wir kennen die Geschichte.
Die Hotels „Haus des Handwerks“ und „Monopol“ in denen unser Drehstab wohnte, in denen war in den 90ern schon seit Jahren kein Mensch mehr. Damals aber war das „Haus des Handwerks“ der Inbegriff von Vorkriegs-Charme. Riesige Badewannen und ein Tanzboden aus Glas, der von unten beleuchtet war. Ausgelassen waren die Stunden nach Drehschluss.

Das Hotel "Haus des Handwerks" und das Hotel "Monopol" gehören zu den wenigen unsanierten Häusern der Görlitzer Innenstadt
Nur die Taxi-Fahrer am Bahnhof gegenüber – die trübten eines Tages meine Stimmung. Eine junge Schauspielerin – sicher auch um ihren Protest gegen diesen ideologisch-propagandistisch motivierten Film kundzutun - „verpasste“ ihren Zug im Erzgebirge, um am nächsten Tag bei uns nicht wie geplant erscheinen zu können. An der Rezeption wurde ihre Nachricht entgegen genommen. Als ich schon in schönster Abendstimmung, nach einigem Meißner Wein, dort vorbeikam, sagte die Rezeptionistin zu mir: „Da war ein Anruf.“ Ich rief zurück. Die junge Schauspielerin beschrieb mir nun, wo sie war und von wo sie „jemand abholen könne“. Mit dieser Beschreibung ging ich also rüber auf den Bahnhofsvorplatz, da standen ein paar Taxen und ich fragte den Ersten. Der winkte ab. „Zu weit“. So auch der Zweite. „Zu lang.“ Und so auch der Nächste. „Nicht um diese Zeit.“

Die Taxen vorm Bahnhof heute
Ich redete und redete. Aber keiner ließ sich erweichen. Sie sollten es ja nicht für umsonst machen. Wieviel ich hätte mehr zahlen sollen, das wusste ich wohl nicht. Ich wusste aber: Für unseren „hochangebundenen“ Film – da bräuchte ich eigentlich nur beim Diensthabenden der Kreisparteileitung anzurufen. Aber auf diese Methode - das „Durchstellen“ - wollte ich verzichten. Ich dachte „wir“ schaffen das auch so. Aber nichts half. Die Verabredung mit dem Dispatcher vom VEB Kraftverkehr, dass jemand von der Frühschicht fährt und mich anruft, wenn es losgeht, war für die Katz. Keiner rief an. Nur wir, wir riefen am Ende bei der Kreisparteileitung an. Bis dahin hielt ich mich für einen Idealisten. Und dann fuhr ein pflichtbewußter Mann ins Erzgebirge, um unseren jungen Star zu holen. Der übrigens, entschuldigte sich bei mir ob des Ungemachs, den er mir bereitet hatte. Sie merkte wohl, es traf den Falschen. Und die, die es treffen sollte, die ahnten´s nicht einmal. Es sei denn, in ihrer Akte steht was anderes.
Diese Haltung jedenfalls, diese dumme, faule Ignoranz („Privat geht vor Katastrophe“, „Wat geht mir fremdet Elend an?“) – aber auf beiden Seiten des Ostens, unten und oben, Hauptsache ICH, die hatte Zeit genug sich einzufressen. Und das sage ich als Ostler. Denn ich kenne euch. Ihr Mitropakellner, Klempner, KFZ-Mechaniker und Taxifahrer, die ihr uns habt zappeln lassen. Wehe dem, der kommt und euch ausgeliefert ist.
Ihr habt uns zappeln lassen, mit der ganzen Macht, die euch die Ochsen gaben, die an den Hebeln der Fünfjahrpläne saßen. Die Hebel waren aus Pappe. Das konnte ja nicht gut gehen. Und das war auch nicht gut für euch.
Heute steht ihr wieder da. Geht wieder auf die Montagsdemos. Oder steht daneben. Weil es euch so schlecht geht. Im Kommunismus mit Westgeld.

Montagsdemo in Görlitz, Mai 2005
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