Görlitz
EIN SCHLESISCHES JERUSALEM
Der Hintergrund
von René Harder
"Das bemerkenswerte am Görlitzer Heiligengrab ist, dass es die älteste erhaltene Kopie der Grabkapelle Jesu ist, die demzufolge historisch getreuer ist, als das, was wir heute in Israel sehen.
Dass sich in Görlitz vielleicht der älteste Landschaftspark Europas befindet, wissen nur wenige. Dass dort sozusagen Jerusalem nachgebildet ist, ist gleichfalls ziemlich unbekannt. Doch es ist so. In Görlitz gibt es ein Kidron Tal, einen Ölberg, einen Garten Gethsemane. Das Westwerk der Peterskirche ist Pilatus Richthaus, von dem aus die Görlitzer Via Dolorosa zu jenem Hügel führt, der früher weit vor der Stadt lag: Der Schädelberg. Auf dem die verurteilten Sünder und die ungetauften Kinder ihre letzte Ruhe fanden. In der Bibel heißt so ein Ort Golgatha. Dort stehen heute in einem Garten die vier wichtigsten Kapellen der Jerusalemer Grabeskirche. Die Adams-, die Kreuz-, die Salbungskapelle und von diesen keinen Steinwurf entfernt die Grabeskapelle.
Das Görlitzer Ensemble verdanken wir den Hussitenkriegen im Königreich Böhmen, zu dem die Lausitz bis ins 17. Jahrhundert gehörte. 1415 war Jan Hus, der bereits 100 Jahre vor Luther für eine reformierte Kirche predigte, zum Konstanzer Konzil geladen worden, unter Zusicherung freien Geleits vor Kaiser und Reich. Aber man hatte nicht Wort gehalten, sondern Hus als Ketzer verurteilt und verbrannt. Dass seine Anhänger danach in Böhmen wüteten, lässt sich verstehen. Die Lage beruhigte sich. Schließlich wurde der gemäßigte Hussit Georg Podiebrat König. Doch Katholiken und radikale Hussiten blieben Feinde. Auch im Rat der Stadt Görlitz saßen beide Parteien. Es ergab sich, dass die Kinder der gegnerischen Wortführer Emmerich und Horschel einander begehrten."
Das Heilige Grab in Görlitz
Die Geschichte
von Arielle Kohlschmidt
Görlitz im Jahr 1464. Georg Emmerich, Sohn des Tuchhändlers und Ratsherren Urban Emmerich, kommt nach dem Studium der Jurisdiktion in Leipzig, in seine Heimatstadt zurück und wird von dem Kaufmann und Ratsherren Niklas Horschel seiner Tochter Benigna vorgestellt. Er lädt ihn ein, einem Fest am ersten Pfingstfeiertag in seinem Hause beizuwohnen. Georg Emmerich, der Benigna noch aus seinen Kindertagen kennt - die Häuser ihrer Väter sind nur durch einziges anderes getrennt – willigt hocherfreut ein. Benigna, die gerade erst die Klosterschule abgeschlossen hat, spürt wie die Blicke des jungen schönen Mannes ihren Körper streifen - und sie erwidert sie.
Diese Einladung ist keine gewöhnliche und erregt Aufsehen in der Stadt. Denn Ratsherr Emmerich ist Katholik und Ratsherr Horschel bekennender Hussit. Eine eigentlich nicht zu überwindende Kluft liegt zwischen ihnen und dennoch gibt es nun solch eine Einladung. Strebt Horschel durch eine Verbindung der Kinder die Aussöhnung an?
Doch allzu oft das gute auch das böse schafft. Ratsherr Horschel konnte nicht ahnen, dass er mit dieser Einladung sich und vielen anderen Hussiten ein Grab schaufeln würde. Auf diesem Fest im Hause Niklas Horschels finden Georg und Benigna so eng zueinander, dass Benigna schwanger wird. Ein uneheliches Kind? Ein Bastard? Eine Katastrophe für eine bürgerliche Familie. Die Horschels fordern die Heirat oder wenigstens die Hälfte des Emmerischen Vermögens - als Genugtuung für die Entehrung Benignas. Und Georg soll für sein gottloses Handeln bestraft werden! Dieser zieht die Flucht der Liebe vor und begibt sich auf eine Pilger- und Sühnereise nach Jerusalem.
Währenddessen wendet sich der Lauf der Zeit gegen die Hussiten. Der böhmische König Podiebrad wird vom Papst als Ketzer gebannt. Dadurch gewinnen die Katholiken, allen voran Urban Emmerich, wieder die Oberhand in Görlitz, die diese Situation ausnutzen, um einen entscheidenden Schlag gegen die Anhänger der Hussiten auszuführen. Ratsherr Horschel und fast seine gesamte Familie werden festgenommen, gefoltert und hingerichtet. Angeblich gehörten sie einer Verschwörung an, die die Stadttore hat sprengen wollen, um von königlichen Berittenen die Stadt verwüsten zu lassen.
Als Georg Emmerich, der in Jerusalem zum Ritter des Heiligen Grabes geschlagen wurde, zurückkehrt, hat er seine einstmalige Liebe gesühnt und: vergessen. Er hat nun auch so ausgenommen viel zu tun. Sein Vater ist Bürgermeister der Stadt und einer muß schließlich die einträglichen Tuchhandelsgeschäfte weiterführen und das unermeßliche Geld verdienen, dass er, „der König von Görlitz“, bald besitzen wird. Schließlich wird er auch noch selbst Bürgermeister. Er heiratet eine andere Frau mit einem ausgezeichneten, makellosen Ruf und einer standesgemäßen Mitgift. Benigna kann froh sein, dass sie ihrerseits einen findet, der sie zusammen mit ihrem Kind aufnimmt.

CD-Player liegen am Eingang zum Heiligen Grab gegen Pfand bereit. Weitere Informationen zum Hörspiel:
www.geh-hoer-gang.de
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