Görlitz


PIZZA CARLO

von René Beder

Die Pizzeria Carlo - die eigentlich keine ist, weil das Geschäft mehr auf den Bestellungen fußt, die zu den Leuten nach Hause geliefert werden, aber als Fremder, wenn man das Licht über dem Eingang sieht, ahnt man das ja nicht - die Pizzeria Carlo also schließt um zehn. Es ist um zehn. Ich geh hinein. Carlo ist noch guter Dinge. Ich kann von einer Pizza reden, wie ich sie mir vorstelle, ohne einen Blick auf die große Speisekarte zu werfen, die an der Wand über dem Ofen hängt, wie in jeder Imbiss- oder Dönerbude.
Carlo sieht mich freudig an, wie jemanden, den er lange nicht gesehen hat, und der gelernt hat, Pizza zu buchstabieren. Also er geht in die Küche. Seine Gehilfin und sein Fahrer stehen im Laden und sehen ihm wortlos, mit einer unausgesprochnen Frage im Gesicht, hinterher. Carlo kümmert sich nicht drum. Feierabend, Feierabend - was soll der Quatsch. Trotzdem auch er müde ist, will er sich das kleine Fest, das nun kommen soll, nicht verderben lassen. Er legt die Pizza in den Ofen. Ich bestelle einen kleinen Roten. Auf italienisch. Carlo ist dabei. Er sagt´s seiner Gehilfin. Die steht hinter dem Tisch, wo der Wein in der Ecke steht, aber Roter ist nicht mehr da. Sie fragt ihn, ob sie stattdessen einen Weißen eingiessen soll. Carlo schüttelt den Kopf. Er stellt sich vor seine Kisten, in denen die vollen Flaschen liegen. Er hat zwei Sorten zur Auswahl. Er nimmt eine Flasche vom etwas Besseren, hoffe ich. Er gibt sie ihr. Sie öffnet, er schenkt ein und stellt´s mir hin. Ich koste. Sehr leicht, sehr dünn, aber vielleicht genau das Richtige. Schnell ist das Glas leer. Es gibt ein Zweites. Wir kommen ins Gespräch. Carlo ist aus Köln, das heißt, er ist vor vier Jahren von dort hierher gekommen. Wir sprechen über Görlitz – und das die Leute kein Geld haben. Die auf der polnischen Seite noch viel weniger. Sein Fahrer will nach Hause. Er zahlt ihn aus. Seine Gehilfin macht mir einen Salat. „Mit Öl?“, fragt sie. Ich sage „ja“. Und dann sehe ich, was sie macht. Sie nimmt eine Plasteflasche ordinären Speiseöls und kippt es drüber. Viel zuviel denke ich, und: Was ist das nur für ein Öl?
Aber es geht. Der Salat schmeckt nicht so schlecht, wie man jetzt denken könnte. Bislang sprachen sie nur Italienisch miteinander. Und ihr Kommentar war immer wieder: Mama mia, mama mia. Nur einmal stockte sie ein wenig, als sie es gerade schon gesagt hatte – und sie war sich nicht sicher, ob sie es schon wieder bringen könnte. Kurz blickte sie, halb fragend, sich halb entschuldigend zu Carlo. Der reagierte aber gar nicht drauf.


 

Die Zutaten auf der Pizza waren etwas ungewohnt im Geschmack. Etwas abseitig vielleicht und ohne Schuss und Schärfe. Ich wunderte mich bei jedem Happen. Nicht, dass es nicht genießbar gewesen wäre, aber ungewohnt. Und ich wunderte mich, wie gut doch seine Gehilfin, diese blonde Italienerin, Zloty (Swoti) aussprechen konnte. Aber ich dachte mir nichts weiter dabei. Dann ging es wieder ums Geld. Und sie veranschlagte den Tagesverdienst einer durchschnittlichen polnischen Familie auf vierzig Euro. Wenn einer Arbeit hat.
Nun hatte ich den Verdacht, dass sie die Zutaten für die Pizza – die Wurst, die Sardellen, den Käse in Polen kaufen – und dass sie deswegen so anders schmeckt als in Berlin zum Beispiel. Aber das fragte ich nicht. Denn bald war ich mir ziemlich sicher. Sie putzte inzwischen die Scheiben und Regale. Carlo und ich, wir standen da und sahen zu. Nur einmal musste Carlo die leeren Kartons, in die die nächsten hundert Pizzen verpackt werden sollten, in einzelnen Stapeln hochheben, damit sie darunter wischen konnte. Das war vielleicht nur so ein Ritual. Muss ja gemacht werden. Darf ja da kein Staub sein. Vielleicht kommt ja die Hygiene. Aber der Lappen war schon so mitgenommen, von allem davor, dass mir die pizzakartons Leid taten, als sie wieder auf ihren alten, inzwischen aber feucht-schlierigen Platz gestellt wurden. Was sein muss, muss sein. Carlo hebt die Stapel der Kartons hoch, sie wischt, er stellt sie wieder hin.
Carlo ist über 50. Sie über 33. Carlo ist natürlich etwas langsamer und im ganzen scheint er nicht so motiviert. Am Ende steht sie mir direkt gegenüber, klopft sich mit der Faust auf die Brust, sieht mir mit ihren blauen Augen in meine blauen Augen und sagt: Ich bin eine Polin. Und dann kommt wieder dieser kleine, unsichere Moment – ob sie auch alles richtig macht – und dieser unsichere kurze Blick zu Carlo. Doch der bleibt ungerührt. Als hätt´ er es nicht gesehen und gehört. Wir scheiden als die besten Freunde. Ich habe seine Bestellkarte jetzt bei mir auf dem Fensterbrett zu liegen. Der Fahrer sagte: Ich fahre auch bis dorthin nach Arnsdorf, aber da müsst ihr schon etwas für mindestens 50 Euro bestellen. Ach, denke ich mir, da fahr ich lieber zu euch. Außerdem wollte mir Carlo, wenn ich an einem Vormittag vorbei komme, seinen Latte Macchiato vorstellen.

 

 

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