Gosda


GENERAL GROLMANN AUF GOSDA

von Siegfried Kohlschmidt

Auf dem Weg nach Gosda

Prinz August von Preußen fluchte an diesem Tag im August 1824 ohne Ende. Er, der Chef der gesamten Artillerie im Königreich, war auf dem Weg nach Gosda in der Niederlausitz. Den ganzen Tag zu Pferd, das machte ihm nicht viel aus, schließlich war er bei der Verfolgung Napoleons durch halb Europa geritten. Auch die grundlosen Wege waren nicht der Grund seiner angespannten Laune. Es war die bohrende Frage nach dem Erfolg seiner Reise. Und verdammt, in welches Gosda mußte er eigentlich, denn es gab (und gibt noch heute) drei Orte mit diesem Namen: Gosda bei Calau, Gosda bei Döbern und Gosda bei Forst. Gleichwie, er mußte dorthin, wo sein alter Kriegskamerad Karl von Grolmann Zuflucht vor den Machenschaften einer konservativen Hofkamarilla gefunden hatte. Es war das kleine, damals nur 14 Familien zählende Dorf, 7 km westlich von Forst. Prinz August sah, was sein Vetter König Friedrich Wilhelm III. nicht sehen wollte: Preußen brauchte den genialen Militärorganisator zurück.

Gosda war immer nach Mulknitz eingepfarrt, mit der Revitaliserung des Dorfangers entstand auch ein eigenes Gotteshaus.

Reformator des Generalstabs

Karl von Grolmann wurde am 30. Juli 1777 in Berlin geboren. Mit 14 Jahren begann seine Militärkarriere bei dem berühmten Regiment von Möllendorf, mit der Schlacht von Jena 1806 erlebte er Preußens Niederlage, den tiefen Fall der einst für unschlagbar gehaltenen Armee. Die Erkenntnis, dass nur eine tiefgreifende Heeresreorganisation Preußen retten konnte, führte Grolmann in den Kreis der Reformer um Scharnhorst, Gneisenau, Boyen und Clausewitz. 1809 wurde er unmittelbar mit der Modernisierung des Heeres betraut. Doch im direkten Kampf gegen Napoleon wurde er dringender gebraucht, also ging er nach Österreich und 1810 nach Spanien. Im Januar 1813 kehrte er in den preußischen Generalstab zurück. Direkt beteiligt war er an den Schlachten von Lützen, Bautzen und schließlich Leipzig. 1815 hatte Grolmann als Generalquartiermeister in Marschall Blücher's Armee bei Belle Alliance herausragenden Anteil an der endgültigen Niederwerfung Napoleons. Nach dem Friedensschluß wurde Karl von Grolmann, nun schon Generalmajor und Mitglied des Staatsrates, zum Schöpfer des modernen preußischen Generalstabs.



Mit Mittel der Europäischen Union und der LAUBAG (heute: Vattenfall) wurden zur Dorferneuerung mit vorzeigbarem Erfolg eingesetzt. U.a. entstand aus einem ehemaligen Schafstall ein vielfältig nutzbares Dorfgemeinschaftszentrum. Das Herrenhaus ging nach 1945 leider verloren, nichts erinnert mehr an seinen bedeutenden Bewohner.

Die Demagogenverfolgung

Gegen die preußischen Reformer stellten sich starke Feinde innerhalb und außerhalb des Landes. Unter Führung des Fuchses Metternich (Österreichs Kanzler) versuchten reaktionäre Kräfte in einer Art „roll back“ den Fortschritt aufzuhalten. Mit den Karlsbader Beschlüssen 1819 setzte die sogenannte Demagogenverfolgung ein. Doch gerade hier traf das stolze Preußenwort des Feldmarschalls Moltke zu: „Gehorsam ist Prinzip, aber der Mann steht über dem Prinzip“. Die Minister von Humboldt und von Beyme nahmen ihren Abschied aus dem Staatsdienst, ebenso Gneisenau und Clausewitz. Auch Karl von Grolmann erbat seine Entlassung, die der König grollend erteilte – ohne die sonst übliche Pension.

General Karl von Grolmann trug dem höchsten preußischen Orden, den schwarzen Adlerorden, übrigens genau wie sein Vater Heinrich, der Berliner Kammergerichtspräsident und Hauptautor des preußischen Landrechtes, und wie sein Sohn Wilhelm, der Generalleutnant – drei Generationen, die herausragende Leistungen für ihr Vaterland erbrachten.

Frisch und froh und zufrieden

30 Jahre Militärdienst – und plötzlich ohne jegliche Mittel, da blieb nur eines: Mit wenig Geld ein kleines Gut kaufen und selber wirtschaften. Wohl am günstigsten war Gosda zu haben. Das Gut war heruntergewirtschaftet, Frau von Grolmann übernahm die 12 Kühe, der General besorgte die Felder, am liebsten aber den Garten und die Obstbäume. Der gewohnte Berliner Luxus lag weit weg, die Uniform war gegen Hemden aus selbst gewebter Leinwand getauscht, Tee gab es nur am Sonntag. Und doch, auf die Frage von Prinz August, wie es ihm gehe, antwortete der General: „Wie es einem schlichten Landmann geht, frisch und froh und zufrieden.“ Ein Jahr Überzeugung brauchte Prinz August noch, dann kehrte der General in die Armee zurück. König und Vaterland diente er rund 50 Jahre, zuletzt als kommandierender General des V. Armeekorps in Posen. Doch jedes Jahr kam er nach Gosda, letztmals im Frühjahr 1843. Als er kurz darauf verstarb, ordnete der König drei Tage Armeetrauer an, eine Ehre, die nur ganz Wenigen zuteil wurde. Der jüngere Sohn Wilhelm wurde wie der Vater ein bedeutender General, der ältere Karl übernahm Gosda. Das Gut blieb bis 1945 in Besitz der Familie, die heute im Rheinland ansässig ist.

 

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