Hoyerswerda
AUS MEINEM LEBEN
von Werner Gertler
Werner Gertler wurde 1928 in Jüttendorf/Thamm, in der Nähe von Senftenberg/Niederlausitz geboren. Mit 14 Jahren, 1942, ging er nach Orlau (Orlava) /Kreis Teschen (Cieszyn) an eine Lehrerbildungsanstalt, welche in dem durch die Bildung des Protektorates Böhmen und Mähren okkupierten Olsa-Landes lag. Seinen Ostwall-Einsatz erlebte er in Tillowitz (Tulowice), im damaligen Ostteil Schlesiens, die Kriegsgefangenschaft auf den Rheinwiesen bei Remagen und in Frankreich. Von dort flüchtete er zurück in seine Heimat, wurde daraufhin Kindergärtner und Heimerzieher in der Prignitz, zog nach Hoyerswerda, um dort in einer deutsch-sorbischen Schule zu unterrichten, arbeitete als Schulinspektor und u.a. auch als Staatsbürgerkundelehrer. Es gab wohl kaum eine Massenorganisation der DDR, in der er nicht Mitglied war. Alle Ämter oder Funktionärsposten, für die sich sonst keiner fand, übernahm er. Zum erstaunen und entsetzen aller trat er dann aber noch in den 80er Jahren aus der SED aus. Eine typische untypische DDR-Biographie.

Werner Gertler zu Hause in Hoyerswerda
Kindheit
In der Nähe von Jüttendorf/Thamm, wo am alten Friedhof die Bismarck-Straße von dem Gasthof und Gartenlokal „MICHAEL" kommend, in die Kreuzstraße mündet, steht immer noch mein Elternhaus. Senftenberg N/L war in den 20iger Jahren ein Ackerbürger- und Handwerkerstädtchen, aber auch bereits von der nahenden Industrialisierung geprägt.
Wir Kinder nannten unser Örtchen spaßhalber "Mostrichshügel"; obwohl es keine einzige Senffabrik in der näheren Umgebung gab.
Hier lebten wir also mit den Großeltern und der Muhme Johanna, derenVorfahren aus Niemtsch und Koschen stammten. Unsere Muhme war eine gütige, weißhaarige, fast zerbrechliche, rührige "Alte", die weit über die 90 Winter hinaus erlebt hatte. Mir sind nur drei markante Eindrücke von ihr tief in meiner Erinnerung geblieben. Eben jene: Wenn sie einmal mußte, ging sie zum großen Komposthaufen in den Garten, zog ihre knöchellangen, dunklen, wendischen Röcke spitz auseinander und los gings. Dabei sagte sie jedesmal zu mir: "Jungchen, du kannst einer alten Frau lieber beim "Pullern" zuschauen, aber niemals beim Holzhacken. Wer weiß, was sie sich wohl dabei dachte, vielleicht wollte sie uns vor einem Unfall durch herumfliegende Holzscheite bewahren. Wenn unser Muhmchen abends im Hof, auf einem Schemel sitzend, die untergehende blutrote Sonne betrachtete, erzählte sie gern mit einer zartklingenden, lustigen Stimme, die Sage vom "Wassermann", dem ein Bauer aus Niemtsch, aus lauter Gier zum Opfer gefallen war. Wißbegierig schauten wir auf ihren Mund und lauschten gespannt:
"Ein Bauer aus Niemtsch ging einst nach Senftenberg zur Kirmes. Als er über die Brücke ging, die über die Sornsche Elster führt, hörte er, wie es vom Turm der Deutschen Kirche elf schlug. "Da brauch 'ich mich ja nicht zu beeilen, dachte er, wenn ich bis Mittag in Senftenberg sein will." Er blieb auf der Brücke stehen, legte seinen Rucksack zwischen seine Füße, lehnte sich über das Brücken geländer und blickte traumverloren ins Wasser.Da erblickte er mitten im Wasser einen Mann; wie erschrak er aber, als er näher hinsah und bemerkte, daß der Wassermann keinen Kopf hatte. Ängstlich nahm er seinen Rucksack auf und schickte sich an, eilends die Brücke zu verlassen. Der Wassermann gab ihm aber mit dem Finger ein Zeichen, stehen zu bleiben. Wie gebannt blieb der Bauer stehen. Da sah er, wie der Wassermann Schilf pflückte, es auf eine Bank im Wasser legte, sich darauf stzte und gemächlich sich von der Sonne bescheinen ließ. Nach einer Weile dachte der Bauer, jetzt könnte er wohl weiter gehen, sonst komme er doch nicht bis Mittag nach Senftenberg. Aber als er den ersten Schritt machte, fühlte er einen heftigen Schmerz im Fuß und der Wassermann drohte ihm mit dem Finger und stampfte zornig das Wasser, daß die Tropfen dem Bauern das ganze Gesicht benetzten. Wohl oder übel blieb der Bauer stehen. Endlich schlug es zwölf vom Turm der Deutschen Kirche. Da war der Wassermann plötzlich verschwunden. Der Bauer glaubte erst, er habe geträumt, wie er aber nochmals ins Wasser sah, war die Bank, auf der der Wassermann gesessen hatte, noch da und das Schilf auf ihr hatte sich in Gold verwandelt. Da zog der Bauer seine Stiefel aus, krempelte die Hosen auf und stieg ins Wasser, um sich das Gold zu holen. Wohlgemut langte er mit seinem Schatz in Senftenberg an. Weil er nun reich war, kaufte er viel für sich und die Seinen ein, aß vom Besten, was die Küche seines Gastfreundes bot und trank mit ihm manche Flasche Wein. Bei der Vesper fiel ihm plötzlich ein, daß arme Bekannte von ihm in Buchwalde kümmerlich ihr Leben fristeten. Die wollte er mit dem Golde des Wassermanns, das ihm noch übriggeblieben war beglücken. Als er auf dem Wege zur Amtsmühle war und hinter dem Schloss an der Elster entlang ging, da sah er einen Mann im Schilf am Ufer sitzen, der besserte seine Hose aus und summte dabei immerfort vor sich her: „Hier ein Flicken, da ein Flicken." Übermütig, wie der Bauer, der sich in Senftenberg einen Rausch angetrunken hatte, nun gerade war, schlug er dem Mann im Schilf mit seinem Stock über den Rücken und rief dazu:"Und da noch ein Flicken" Da drehte sich der Mann um und rief dem Bauer zornig zu: "Flicken hin, Flicken her, Geld her, Geld hin". Da merkte der Bauer, daß er den Wassermann vor sich hatte und stürzte davon. Er hatte Buchwalde noch nicht erreicht, als ein Platzregen einsetzte. Er wollte am Anfange des Dorfes in eine Scheune flüchten. Vor ihr hatte sich eine große Pfütze gebildet. Als er sie überspringen wollte, glitt er aus, fiel hinein und ertrank. Als der Regen nachgelassen hatte, fanden ihn Vorübergehende, hoben ihn auf und brachten ihn zu seinen Leuten. Aber von Gold und all den schönen Sachen, die er gekauft hatte, fand man nichts mehr bei ihm. "Hä-hä, hä, hä" ,das war des Wassermanns Rache.
Das furchterregende Hä-hä" des Wassermans hörte ich schon längst nicht mehr, denn ich war sanft in Urgroßmutters warmen Schoß entschlummert. Im eiskalten Winter der Jahre 1941/42 ging ich eines Morgens zur Muhme in ihr Kämmerlein, wo ihr Bett mit dem dicken Strohsack, in der Nähe eines gußeisernen Kanonenofens inmitten des gemütlichen Zimmers stand. Da ruhte sie, für ewig schlafend ganz still, die Hände zum Gebet gefaltet in ihrem hölzernen Bett und verbreitete im ganzen Raum ihr so eigenartiges Lächeln. Unsere gute, alte Muhme war nicht mehr. Der liebe Gott, von dem sie nicht allzuviel hielt, hatte sie zu sich genommen. Und immer, wenn ich in den Himmel schaue, sehe ich ihr Bild vor mir, wie sie augenzwinkernd, ein wenig belehrend zu mir sagt: "Jungchen, denke daran, man soll nie einer alten Frau"...Und so weiter..!
Die Großmutter, also die Mutter meiner leiblichen Mutter war eine "OMA" im wahrsten Sinne des Wortes. Alles, was wir daheim nicht erreichten, bekamen wir, mein Bruder und ich, von ihr. Wenn aller vier Wochen "Große Wäsche" zu bewältigen war, die gemeinsam in der kleinen Waschküche im Hinterhof erledigt wurde, denn Oma wohnte einst mit der Muhme im angebauten Hinterhaus, gab es zum Mittagessen traditionsgemäß bei uns , und das war immer so, "grünen Bohneneintopf", den ich überhaupt nicht mochte. Bei unserer guten Oma stand aber auf dem blankgescheuerten, groben Holztisch Kartoffelstampf mit Grieben, Rührei und dazu grüner Blattsalat. Die Tunke vom Salat schmeckte immer so schön süßsauer und wir schlürften sie genüßlich in uns rein.
Ein Erlebnis bleibt mir wohl ewig in der Erinnerung haften. Als ich an einem Winterabend mit fast erforenen Händen nach Hause kam, da war das Gejammere und Geheule groß, aber unsere Oma Marie wußte immer Rat um zu helfen. Hierzu muß ich aber noch erzählen, daß wir Kinder in der Winterzeit recht erfinderisch waren. Wir Kinder hatten uns aus Tonnenbrettern, vorn angespitzt, mit Lederriemen als Bindung versehen, gleitfähige Skier gebastelt. Zwei Schrubberstiehle dienten für den besseren Abstoß und so schlidderten wir stundenlang in den winterlichen Tag hinein. Nachdem eines Tages wir vom Skilaufen heimgingen, trug ich meine Brett'l auf der Schulter, denn die Riemen waren längst abgerissen. Der Weg vom Hang war ziemlich weit, und die Kälte biß unaufhörlich an den Fingern und den Ohren wie eine kleine Beißzange. Als ich auf dem heimischen Hof angekommen die Brett'l fallen ließ und die steifgefrorenen Handschuhe abstreifte, waren die Hände weiß - wie damals die Wangen der toten Muhme. Oma eilte schnell herbei und hielt Hand für Hand abwechselnd in eine Schüssel, die mit eiskaltem Wasser gefüllt war. Dazu muß ich aber bemerken: kaltes Leitungswasser war bei uns zur winterlichen Zeit eine rare Kostbarkeit, weil die Leitungen außerhalb des Wohnhauses verlegt waren, und wie ich mich als Kind daran erinnern kann, fast immer eingefroren. Das war schon ein großes Malheur! Jedoch unsere Oma opferte ihr kostbares Naß. Zum Schluß, als Höhepunkt meiner Qualen steckte sie beide Hände in den kristallklaren, glänzenden Schnee und erwärmte somit widersinnlicher Weise meine starren Hände mit Ausdauer und Geschick. Das Blut fing wieder an zu zirkulieren und was geschah? Die Zeit ließ nicht lange auf sich warten, da hörte ich die Engelein im Himmel singen, als die ersten Blutstropfen die Fingerspitzen erreicht hatten. Wer das schon einmal erleben durfte, dem sage ich nur: "Zahnschmerzen sind dagegen ein himmlisches Vergnügen!"
Die Winterzeit war trotz dieser schmerzhaften Erfahrung für uns Kinder die allerschönste Zeit. Dem Empfinden nach lag in den Kindheitsjahren wesentlich viel mehr Schnee auf den Straßen, und es war auch grimmiger kälter als uns die heurigen Winter bescheren. Der Schloßteich, im Herzen der Stadt Senftenberg gelegen, mit seinen zweiteiligen, kleinen Teichen, war für mein ganzes Kinderleben lang die schönste Eislaufbahn der Welt. Oft denke ich daran zurück. Besonders in der Schulzeit haben wir keinen Tag versäumt, um uns auf dem Eise zu tummeln. Abends wurde die Eisfläche mit einer Lichterkette erleuchtet, und verzauberte die Landschaft in ein Märchengebilde, in dem sich alte und junge vermummte Gestalten lustvoll bewegten. Ich kann es gar nicht so recht beschreiben, wieviel Frohsinn und wieviel glückliche Stunden wir dort verbrachten. Arbeiter der Stadt säuberten die Eisfläche öfter vom mitunter argen Schneefall. Der "Wurstmaxe" mit seinem silbernen, heißen Kessel, obenauf den Mostrichtopf, lud zum Imbiß ein. Eine Getränkebude gab es auch, in dem ein immer lustig lächelnder Verkäufer für Heißgetränke, Punsch, Grog und Zitronentee sorgte, für einen warmen Bauch und für warme Füße. Sorgen bereiteten uns lediglich ab und zu unsere Schlittschuhe. Meistens waren es keine Spreewälder sondern "Hackenreißer". Bei dem nicht immer allzugutem Schuhwerk gingen sie recht oft a , und dann mußten sie wieder mit einem Vierkantschlüssel und den klammen Händen festgezurrt werden. Doch spät am Abend gingen wir todmüde, jedoch überglücklich vom Eis und freuten uns auf den nächsten Wintertag.
Aber auf jedem Winter folgte naturgemäß der Sommer. Zur damaligen Zeit hatte unser Ort noch kein Stadtbad. Dort wo Schwarze und Sornoer Elster zusammenflossen, da gab es in den 20iger und 30iger Jahren eine herrliche Flußbadeanstalt. Nur allzu oft führte uns nach Schulschuß und noch nicht verrichteter Hausaufgaben der Weg auf dem Elsterdamm zum Fluß. Hurtig zogen wir uns aus und sprangen in die kühlen Fluten, die auch an manchen trüben Tagen mitunter nur 12 ° betrugen. Uns machte es wahrlich nichts aus, denn ein Wettlauf, springend über den einen oder anderen Badegast, erwärmte uns schnell wieder.
Neben der städtischen Badeanstalt, gab es flußabwärts eine großzügige Einrichtung für Sportler der Freikörperkultur. Jene zeigten zu jeder Jahreszeit - auch im Winter - ihren stählernen, braungebrannten, muskulösen Körper. Meine Bewunderung aber galt vielmehr den knappen, enganliegenden "Dreieckbadehosen"! Leuchtend rot oder tiefschwarz, mit einer weißen Borte versehen, so bekleidet sprangen die tollkühnen Schwimmer vom 3-Meter-Brett in die Schwarze Elster. Leider konnten wir uns nur mit einem Sprung vom 1-Meter-Brett vergnügen. Ach ja, wie lang ist das her!
Senftenberg war in meiner Kindheit von Tagebauen umgeben, und die Brikettfabriken schleuderten Tag und Nacht die Kohle- und Rußpartickel aus den meterhohen Schloten. Ein weißes Hemd konnten wir höchstens einen Tag lang tragen; durch die Fensterritzen drang der Kohlestaub in jedes Zimmer der häuslichen Wohnung, und der Schnee war nach jedem gefallenen Neuschnee schwarz wie des Teufels Seele.
Eines ist in meinen Kindheitsträumen nie in Vergessenheit geraten. Wir hatten neben einer Ziege, vielen Kaninchen, einer großen Schar von weißen Lege-Hennen auch mittendrin einen buntgefiederten, gar ehrgeizigen, stolzen Gockelhahn. Der tummelte sich mit seiner Hühnerschar im Vorgarten hinter der alten Scheune. Zum Spielen in den Garten konnte ich nur über die Tenne durch den Hühnerhof in den Garten gelangen. Aber dieses verdammte stolze Hühnervieh, welches sich Gockelhahn schimpfte flog jedesmal einem Familienmitglied auf die Schulter und hackte schmerzhaft auf den Kopf ein.
Obwohl ich gern im Garten spielte, hatte ich eine Heidenangst, dorthin zu gelangen. In meiner klein-kindlichen Vorstellung war dieses Biest von Hahn ein riesiges Ungeheuer. Nur der Muhme war es vorbehalten, dieses Federvieh, uns vom Leibe zu halten, so daß wir unbeschwert und unbeschadet in unseren Gemüsegarten gehen konnten.
Aber auch das sei noch erzählt, obwohl diese Geschichte mehr aus dem Verwandtenkreis meines Vater kommt. Den Großvater väterlicherseits habe ich nie kennengelernt. Er war wie mein Vater Eisenbahner mit Leib und Seele. Seine Arbeitsstätte war der Haupt- und Güterbahnhof in Senftenberg, dahin führten ihn täglich seine Schritte am hellichten Tage und auch in stockfinsterer Nacht. Als Rangierer stellte er dort die Personenzüge und auf dem vielgleisigen und mit zig Weichen versehenen Abstellgleisen auch den Gütertransport zusammen.. Großvater, so erzählte man mir, war ein stattlicher, aufrechter und dienstbeflissener Eisenbahner. Am 24.12. - am Heilig Abend - es tobte ein wilder Schneesturm, geriet - bei sehr schlechter Sicht - Großvater zwischen die Puffer der kohlebeladenen Güterwagen. Er kam von der Nachtschicht nicht wieder nach Haus zu seinen Lieben. Das war für meinen Vater das traurigste Weihnachtsfest, und er litt noch lange unter dem tragischen Unfall seines Vaters. Vielleicht entsprang aus diesem Erlebnis der Entschluß, daß mein Vater Eisenbahner und später ein pflichtbewußter Lokomotivführer wurde. Eigentlich war es doch eine sehr traurige Begebenheit und doch wurde sie immer wieder einmal im Familienkreis zu Tage gefördert. Unsere Mutter war eine ruhige, fleißige und sehr besonnene Frau. Wir alle liebten sie sehr, weil sie so hilfsbereit und fürsorglich für jedermann war. Sie konnte schuften von früh bis in den späten Abend, und ihre nimmer ruhenden Händen bereicherten das Familienglück. Ohne unsere Mutter wäre es nur halb so schön auf dieser nicht immer friedvollen Welt gewesen. Mutter hatte ein schmerzliches Hüftleiden, daß sie sich bei einer ganz dummen Spielerei zu gezogen hatte. Zum Osterfest gab es früher kleine, bunte "Blechostereier", die mit Süßigkeiten gefüllt waren. Man konnte sie wie zwei Schalen halbieren, aber die Ränder der beiden Hälften waren, das konnte man sich denken, wahnsinnig scharf. So trug es sich zu, daß meine Mutter als Kind von einer Bank mit bloßen Füßen auf eine der beiden scharfen Hälften sprang. Die Schnittwunden waren nicht unerheblich, aber verheilten nach einer geraumen Zeit. Doch im nachhinein klagte Mutter stets über Schmerzen im rechten Hüftgelenk. Damals nahm man so etwas nicht so ernst, wie es die Leute zur heutigen Zeit täten! Jahre später stellte ein bekannter Orthopäde aus Cottbus, Professor, Dr. Steinke (?) fest, daß die Oberschenkelkugel aus der Pfanne des Hüftgelenkes gesprungen war, und diese sich eine Erweiterung verschafft hatte. Dadurch hatte sich das linke Bein ein wenig verkürzt und Mutter lahmte ein wenig. Trotz intensiver, schmerzlicher Behandlung im Streckverband, konnte niemals eine Gesundung dieser Verletzung erreicht werden. Mutter mußte immer einen Spezialschuh mit einer Einlage tragen. Wenn wir Kinder sie ein wenig necken wollten, haben wir die Einlage versteckt, um zu sehen, ob sie auch noch humpeln kann. Nach einem gemeinsamen Gelächter bekam sie diese dann wieder zurück. Oftmals hat sie uns aber überlistet, denn sie hatte ja zwei Paar von dieser Sorte. Trotz des Mißgeschicks war Mutter eine flinke Frau und mit Vatern zusammen eine flotte Tänzerin. Und sie war und blieb bis zum Ende ihrer Tage eine tüchtige Hausfrau, eine gute Köchin und für mich die allerbeste Mutter der Welt. Den Großvater mütterlicherseits muß ich natürlich auch noch erwähnen. Ihn habe ich, ach wie s chade, nicht zu Gesicht bekommen. Opa Dubrau war von Beruf ein angesehener Dachdeckermeister in Senftenberg und Umgebung. 1918 kehrte er verwundet aus dem I.Weltkrieg heim, und trug noch eine französische Kugel in seinem geschwächten Soldatenkörper. Diese unheilvolle, feindliche Kugel begann eines Tages zu wandern, verschloß ein lebenswichtiges Blutgefäß und er starb an den Folgen. Das einzige, was mich an ihn erinnerte war die "Rote Kreuzbinde" - Opa war während der langen Kriegsjahre Sanitätsfeldwebel, und sein treuer Sanitäter-Hund "Bella" lebte noch kurze Zeit nach dem Tod des Großvaters bei uns und bekam sein Gnadenbrot. Es gibt nicht nur trauriges, sondern auch viel erfreuliches aus meiner Kindheit zu berichten. Mit den Eltern sind wir oft an den Wochenenden in den Wäldern am Koschenberg und um Niemtsch zum Pilzesuchen mit Fahrrädern unterwegs gewesen. Als kleiner Bub saß ich bei meiner Mutter vorn an der Lenkstange befestig in einem Körbchen. Unsere Ausbeute war immer recht ertragreich. Fanden wir einen Steinpilz, dann wurde lautstark "Hurra" gerufen. Aber Morcheln, Ziegenbart, Fette Henne und natürlich der Butterpilz waren damals keine Seltenheit. Wenn wir einen Ausflug zur Niemtscher Mühle, ein beliebter Ausflugsort der Senftenberger Arbeiterfamilien, unternahmen, dann radelten wir über eine alte, hölzerne Brücke, die die Sornoer Elster überquerte. Was hatte ich doch jedesmals eine kindlich-panische Angst, daß wir einbrechen und in die naßen Fluten der Elster stürzen würden. Natürlich geschah dies nie. Aber solche unsinnigen Gedanken und Gefühle waren in meiner Kindheit nicht selten. Da war die Freude auf die erholsamen Ausflüge für mich oft schon von vornhinein getrübt. Ich wäre wohl lieber gern daheim geblieben, um auf unserem sandigen Hof mit meinen Glasperlen Murmeln zu spielen. Aber schön war es ja auch in der herrlichen Gaststätte "Niemtscher Mühle" sich zu amüsieren. Da luden Kinderkarusselle, Kletterstangen, Kegelbahn und Rundlauf zum lustigen Spiel ein, und nach dem Umhertollen gab es leckeren Kuchen und eine Berliner Weiße mit Schuß aus einem
schalenförmigen, großem Glas. Höhepunkt, daß sei nicht vergessen, die köstlichen Plinze mit Zucker und Zimt. Einmal haben mein Bruder und ich 12 Stück an der Zahl uns einverleibt. Ich hatte danach fürchterliche Bauchschmerzen, mein Bruder nicht. Das sind so Kindheitserinnerungen, die man sein Lebtag lang nicht vergißt. Aus der Zeit vor der Einschulung gibt es noch ein weniger anständiges, jedoch recht lustiges Ereignis zu berichten: In der Sommerzeit nach der Einbringung der Ernte wurde bei uns zu Haus in der alten, schieferbedeckten Scheune das Getreide auf der Tenne mit dem Dreschpflegel ausgedroschen. Vier bis sechs Männer, manchmal auch eine Dräu darunter, schlugen mit dem Pflegel solang auf die vollen ausgebreiteten Garben, bis alle Körner auf dem Tennenboden lagen. Die umher fliegenden Hacheln und der aufwirbelnde Staub machten die Luft in der Scheune undurchsichtig. Der Durst zwang die fleißigen "Dreschflegelschwinger" zu einer einladenden Bierpause. Der Inhalt so mancher Flasche "Schwarzbier" rann durch die trockenen Kehlen. Bei uns in der Lausitz nannten wir das dunkle Bier auch "PUPE", aber es schmeckte vorzüglich und löschte vor allen Dingen den Durst, wenn es tief gekühlt war. Das war immer gewährleistet, denn der Mann mit den dicken, langen Eisklötzen kam wöchentlich durch die Bismarck-Straße. Zurück, zur gesagten Begebenheit. Kurz vor dem Feierabend kam die Mutter ganz aufgeregt zum Vater in die Scheune und sagte: "Die Kinder im Hof liegen in einer Ecke, sind aschpfahl blaß, ich glaub' die sind beide krank!", Vater mußte noch schnell die Runde zu Ende dreschen, denn der Takt durfte nicht unterbrochen werden. Danach sah er sich seine beiden Jungen an, stutzte ein wenig, schnupperte und meinte lachend: "Nein Mutter, die sind nicht krank, die sind bei Troste etwas besoffen!" Wie das? Während die Männer im Schweiße ihres Angesichts tüchtig arbeiteten, haben wir beide still und heimlich, die Neigen aus den Flaschen entleert. So geschehen, im noch nicht schulpflichtigem Alter. Mein älterer Bruder ging am nächsten Tag putzmunter zur Schule. Ich mußte nachdem ich die ganze Nacht gereihert, sprich geko— hatte, zwei Tage das Bett hüten. Seit dieser Zeit bin ich nur noch in ganz geringen Maßen dem Alkohol zu getan!
Höhepunkte in der Kinderzeit gab es verschiedene zu erleben. Wenn der Stelzenmann kam, der Reklame für die "Erdal-Schuhcreme" lief, oder der Eismann mit seinem Fahrradwagen klingelte und der Scherenschleifer, der das im Wasser laufende Sandsteinrad mit dem Fuß in Bewegung setzte da war, dann waren wir Kinder nicht mehr zu halten. Eines Tages waren große Pappschilder und Plakate in der Stadt angebracht - "Cirkus Krone" gastiert auf dem Platz am Schützenhaus. Die Zirkuswagen, Tiere und Requisiten, das bunte Aufgebot der Artisten und Künstler zog vom Güterbahnhof durch unsere Bismarck-Straße zum Festplatz. Ich sehe es noch heute bildhaft vor mir wie der Elefant "Jumbo" die Baumkrone eines neugepflanzten Alleebaumes mit seinem Rüssel verschlingt. Diese Erlebnisse waren für uns Kinder immer wieder Anlass dafür, selbst Zirkus zu spielen. Oft genug hatten wir uns durch Mithilfe beim Aufbau des Zirkusses, Freikarten verdient und konnten so manche Vorstellung mehrmals besuchen. Die artistischen Leistungen, die Tricks, die an Wunder wirkenden Darbietungen riefen in uns das Verlangen wach, dem nachzuahmen. Wie in "Cirkus Krone" oder "Saraselli" bauten wir Kinder im heimatlichen Garten ein Zelt aus Decken und Planen auf und mittendrin eine echte Manege, ausgefüllt mit Sägespänen vom nahegelegenen Sägewerk. Mit Hitschen, Hockern und Bänken wurden ringherum die Sitzreihen improvisiert. Sollten zu viele Zuschauer kommen, waren immer noch genügend Stehplätze reserviert. Wir übten, probten, studierten ein, zauberten, bastelten Requisiten, malten Plakate und schneiderten mit Hilfebefreundeter Mädchen ganz tolle Kostüme. Unserer Fantasie waren da keine Grenzen gesetzt. Mit welcher Begeisterung und unglaublichem Elan sind wir bei der Sache gewesen, ich glaube das ist heute gar nicht mehr nachvollziehbar. Und dann kam der Tag der ersten Gala-Vorstellung - die Premiere. Mit dem Schaukelpferd, den langen hölzernen Stelzen, dem Fahrrad, den Kaninchen, dem störrischen Ziegenbock und noch vielen anderen Requisiten zeigten wir nach einander die tollkühnsten Attraktionen. Wenn auch nicht ein jedes Kunststück gleich gelang, für uns war das Zirkusspielen das wichtigste. So luden wir nach und nach immer häufiger Zuschauer aus der Nachbarschaft ein, die alle für die von uns Artisten gezeigten Kunststücke einen kleinen Obolus entrichten mußten. Die Tochter des Seilermeisters von nebenan stibitzte aus der Ladenkasse des elterlichen Geschäfts ihr Eintrittsgeld, und war eine unserer besten Zuschauer. Abends zählten wir dann stolz die schwerverdienten Einnahmen, das heißt: Es wurde Kasse gemacht. Danach mußten wir feststellen, daß die eingenommenen Barschaften gar nicht einmal so unerheblich waren. Darüber waren wir wiederum hoch erfreut, aber meine Herrschaften, die lieben Eltern hatten für solche, ihrer Meinung nach erbettelten Einnahmen, kein Verständnis. Das Ende der Vorstellung lautete, daß der schnöde "Mammon" unseres Erlöses jedem Zuschauer wieder zurück gegeben werden mußte. Was blieb uns anderes übrig.Unter Tränen taten wir es auch. Die Zelte wurden abgerissen, und das Zirkusspielen war uns fürs Erste einmal verleidet.
Werner Gertler als Kind, seine Mutter hatte sich ein Mädchen gewünscht
Das schlimmste für meinen Bruder und für mich war immer wieder das tägliche Herbeischaffen des Karnickelfutters. Vater kontrollierte hin und wieder ob auch genügend Löwenzahnblätter darunter waren. Hinzu kam noch das abendliche Gartengießen. Da mußten wir Eimer für Eimer, Kanne für Kanne aus der Waschküche in den Garten schleppen, von Tragen konnte da gar keine Rede sein. Eine Wasserleitung im Garten gab es aus Sparsamkeitsgründen nicht und ein Gartenschlauch war für uns Häusler auch zu teuer. Wie oft haben wir diesen Gemüsegarten verflucht und doch haben uns die geernteten Gartenfrüchte köstlich gemundet.
Die Krone der damals noch nicht verbotenen Kinderarbeit war das Kohle ranschaffen für die Wintermonate. Die Brikettfabriken "Heilige Pfännerschaft" und "Bergbau Grube Ilse" gaben regelmäßig in den schönen, heißen Sommermonaten für die armen Leute Deputat-Kohle verbilligt ab. Da wir nicht zu den Reichen dieser Stadt zählten, mußten auch wir Kinder in den sauren Apfel beißen und die Briketts von weit her holen. Mit einem Leiterwagen, der zwei Zentner faßte, zottelten wir 3 Kilometer zur Fabrik und denselben Weg, mit der schweren Last, auf Sandwegen und groben Kopfsteinpflasterstraßen, wieder zurück. Der eine vorn an der Deichsel und der andere schob von hinten den übervollen Karren. Das Zugband schnitt tief in die Schultern, besonders wenn sich der hinten vermeintlich Schiebende, faulerweise mehr dran hängte als den nötigen Schub zu geben. Und so schimpften und brüllten wir uns gegenseitig an, beschuldigten uns im Schweiße des Angesichts, vertrödelten die Zeit aber gelangten schließlich doch nach Stunden im elterlichen Hause an. Dort erwartete uns dann das Ausladen und das sorgfältige Stapeln des schwarzen Goldes in dem dunklen Keller. Schließlich sei vermerkt, daß wir die 2 Zentner mit Eimern herunter tragen durften! Wenn wir diese Arbeit gewissenhaft vollbracht hatten, erst dann durften wir zu den anderen Kindern auf die Straße zum Spielen.
Dort gab es an einer kleinen Grabenbrücke ein Geländer mit einer Reckstange, die wir zum sitzen und auch zum Turnen nutzten. Hier tummelten wir uns oft und warteten auf unseren gemeinsamen Fraund "Werni", der eigentlich Werner hieß. Sein Onkel besaß einen stadtbekannten Bäckerladen, dort kauften die Leute der halben Stadt ihr Brot und vor allen Dingen die frischen, knusprigen Schrippen, besonders frühmorgens, wenn sie noch backofenwarm waren.
Also Werni machte sich auf die Socken und holte beim Bäckermeister, seinem Onkel ein Paket dicker Kuchenränder. Ich weiß nicht, wer schon einmal solch braun gebrannte Ränder von allen Sorten verschiedener Kuchen gegessen hat? Dieser Schmaus war für uns der allerbeste Genuß und der wiederholte sich in der Woche mehrmals. Wie heißt es so schön: "Ein voller Magen studiert nicht gern!" Also hockten wir uns auf die Reckstange, rissen Witze und tauschten die lustigsten Erlebnisse aus. Was wir in unserer Clique - Mädchen gehörten damals nicht dazu - am liebsten trieben, war Sport.
In Berlin fanden 1936 die Olympischen Spiele statt. Natürlich verfolgten wir die Siege der deutschen Sportler mit Spannung und schon einem gewissen Stolz. Aber am meisten waren wir von dem schwarzen Sportler, dem Läufer und Weitspringer Jesse Owens, begeistert. Dies alles spornte uns zu richtigen Wettkämpfen in den leichtathletischen Disziplinen, aber auch für den Wassersport an. Steinweitwerfen, Diskuswurf mit einem alten Rollerrad, Rundenlauf um die Häuser, gestoppt mit der alten Taschenuhr unseres Vaters, Hochsprung über eine stachlige Hecke, wir nutzten alle natürlichen Hindernisse und Gegebenheiten wie zu Zeiten des ehrbaren Turnvater Jahns. Die Siegerehrungen waren immer verbunden mit einer sebst entworfenen Urkunde, einem kräftigen Handschlag, der Erste bekam drei Kuchenränder und der Dritte nur einen schmalen süßen Rand. Zum Schwimmen mußten wir in die neue Badeanstalt bis in die Nachbargemeinde Marga, bekannt auch als Ortsteil Brieske/Ost. Die Fußballmannschaft dieses Ortes spielte in den 30iger und 40iger Jahren in der Landesklasse gegen die Berliner Vereine Blau/Weiß, Minerva, Hertha und Tennis-Borussia, die Spieler waren langjährig ein hervorragendes Team. Zurück zum Schwimmsport, mit dem wir so manchen schönen Sommertag verbanden. Der Ort Marga hatte zur damaligen Zeit - weit und breit in der ganzen Umgebung nicht zu finden - das beste betonierte Schwimmbad mit einer 1m, 3m und 5m Sprungturmanlage, ein 50 Meter langes Schwimmbecken und von 1 -6 nummerierte Startblöcke. Die waren für die auszutragenden Wettkämpfe das wichtigste. Eine vorher beschlossene Wettkampfordnung für das Streckenschwimmen, Tief- und Langstreckentauchen, sowie das Kunstspringen vom 1 -3 m Brett legte die Regel und den Ablauf fest. Den Abschluß eines Wettkampftages und die Krönung war immer der Mutsprung vom 5m - Turm. Eine feierliche Siegerehrung gab es auch hier. Die Besten durften auf den Startblock steigen, ich war leider nur ganz selten dabei und allzugern hätte ich da oben gestanden, um eine Medaille, einen Lutscher oder Brausepulverbeutel entgegenzunehmen. Wertvolle Preise waren Stammbuchbilder, Briefmarken und Stoffbilder, die damals in den Zigarettenschachteln zu finden waren. Pokale, wie es heute so Sitte und Mode ist, wurden nicht vergeben. Zumindestens kann ich mich nicht daran erinnern. Die Kindheit wurde all zu je von einem traurigen Ereignis überschattet, daß mich noch sehr lang beschäftigte.
Die Oma Dubrau hatte sich eines Sonnabendnachmittags beim Blaukrautschneiden (Rotkohl) fast unmerklich in den Daumen geschnitten. Sie hatte wohl nichts darauf gegeben. Sonntagabend klagte sie aber bereits über Schmerzen und ein wenig Übelkeit, so daß wir sie Montags schnell in das Knappschaftskrankenhaus bringen mußten. Dort wurde ihr in Folge einer Blutvergiftung, zuerst der Daumen, später der Unterarm und zuguterletzt der Arm bis zur Schulter amputiert.Uns Kindern hatte man das gar nicht gesagt. Als ich sie, nach ewigen Drängeln, im Krankenhaus besuchen durfte, da erkannte sie mich nicht mehr. Sie phantasierte im Unterbewußtsein und sprach immer leise vor sich hin: "Warum haben sie nur die Beine von meinem Bett abgesägt? Sie wußte wohl gar nicht, daß ihr Arm abgenommen wurde. Darüber war ich so erschüttert und zugleich tief traurig, weil ich dachte, auch schon ahnte, daß die liebe, gute Oma, die uns immer so vieles gegeben hat, es nie wieder tun könnte. Weinend ging ich ganz allein den langen Weg nach Haus. Am gleichen Abend mußten uns die Eltern sagen, daß die Oma nicht mehr sei. ......
Volksschulzeit
Meine Voklschulzeit begann mit einem Gang zum "Figaro" und wurde eingeleitet auch gleich mit einem zünftigen Haarschnitt. In unserer Bismarck-Straße hatte keiner einen so schönen, lockigen "Bubi-Pagen-Haarschopf wie "Mullerchen", so nannte und rief mich in aller Zeit mein Onkel Willi. Alle Leute in der Straße freuten sich, streichelten meine Lockenpracht. Dem erzählen nach, soll ich damit recht fotogen ausgesehen haben. Bei mir zu Haus gibt es immer noch ein Bild, auf dem ich mit dem tollen "Bubikopf abgelichtet wurde. Wie das Bild einmal zustande gekommen ist, daß weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Dabei ist es ein rechtes Unikat. Ein emailliertes, erhabenes, buntes Rundbild, das in Amerika angefertigt wurde. Eine gute Nachbarin hatte wohl die Aufnahme in die Hände bekommen, diese mit über den großen Teich mitgenommen, weil sie dort ihren Magister absolvierte, und diese Fotografie uns später, als wir schon große Jungen waren, geschenkt.
Also, zur Einschulung, daß war damals immerzu Ostern, steckte man mich in den eben damals modernen Plaile-Matrosenanzug und angemessen dazu verpaßte man mir auch einen angeblich vernünftigen Haarschnitt.Meine schönen Haare fielen alle der Haarschneidemaschine und der Nivelierschere zum Opfer. Locke für Locke fielen über die Schultern auf den Fußboden und bedeckten den halben Friseursalon. Als die Prozedur beendet war, sah ich nackt wie ein gerupftes Huhn aus. Tanten und Onkels, Nachbarn und sogar meine engsten Freunde sollen Tränen vergoßen haben über diese Verunstaltung, nur weil ich standesgemäß wie alle ABC-Schützen eingeschult werden sollte. Irgendwo, in einem Briefcouvert, liegen zur Erinnerung noch ein paar Locken in irgendeinem Schubfach.
Jedenfalls bekam ich wie alle meine Mitschüler die langersehnte, große Zuckertüte, die mich fast erdrückte, und ich war von der Last des Mitleids befreit, sah äußerlich nur ein wenig verändert aus. Acht lange Jahre bin ich tagein - tagaus in die Volksschule l, die am Neumarkt an der Wolschinka - ein unbedeutendes Flüßchen, eher ein Graben - als ziegelroter Backsteinbau, stand. Eingeschult wurden wir zur damaligen Zeit in die 8. Klasse und die ältesten Schüler besuchten mit ihren 14 Jahren die 1. Klasse. Oft wurden wir von ihnen gehänselt und sie riefen uns, wenn wir die Schule verließen nach:"Achte Klasse - Nuppelflasche, können kaum tragen die Schultasche!" Wir Kleinen ärgerten uns außerordentlich darüber. Mitten in meiner Schulzeit änderte sich plötzlich das Schulsystem, die 8. Klasse wurde nun die 1. Klasse und umgekehrt wurde die 1. Klasse zur 8.. Fortan haben wir freudig den Großen nachgerufen:"Nun seid ihr die 8. Klasse - eine große Nuppelflasche!" Ich weiß es nicht mehr, ob die sich auch so geärgert haben oder ob sie es einfach ignorierten?
Aber in unserer Schulzeit gab es noch eine weitere Umstellung, und zwar mußten wir Schüler unsere mühsam erlernte Sütterlin-Schrift auf die Deutsche Normalschrift umlernen oder umstellen. Ja mächtig umdenken. So einfach war das für so manchen Mitschüler von mir gar nicht. Ich kenne heute noch alte Leute, die ihr Leben lang an der alten Schriftweise festgehalten haben. Und es gibt auch nur noch wenige die diese schönen, für mich wunderbaren Buchstaben, fließend lesen können, geschweige noch schreiben.Wer führt heute noch seine Korrespondenz in Sütterlin. Übrigens, dieser Herr Sütterlin war seines Zeichens nach ein "Arschpauker", der von 1863 -1934 lebte, ein akurater Zeichenlehrer, der jene steile, abgerundete Schulschrift, die sogar bis 1945 an den deutschen Schulen gelehrt wurde, sich ausdachte. Ich habe sie gemocht, und kann sie immer noch lesen und mit wenigen Fehlern schreiben.
Zu meiner Zeit gab es an allen Schule den obligatorischen Religionsunterricht. Daran verknüpfen sich gar viele gute und weniger gute Erinnerungen. Wer die zehn Gebote nicht fließend dahersagen konnte, der war selber schuld; denn für ein einwandfreies, fehlerloses Aufsagen bekam man immer eine Schulnote "1" eingetragen.Mit dieser Note konnte man zu Haus so manchen häuslichen Frieden stiften. Ach wie stolz waren doch die lieben Eltern, wenn ihr Kronsohn im Fach Religion eine "1" vorweisen konnte! Für mich endete jedenfalls der Regilionsunterricht, welcher immer in der ersten Schulstunde in der Frühe gehalten wurde, wo wir noch gar nicht so recht wach waren, einmal positiv.
In einer solchen Unterrichtsstunde, bei meiner Klassenlehrerin, Flr. Krüger, in meiner Schulzeit waren alle Lehrerinnen unverheiratet, ledig oder hatten keinen Mann, das war Pflicht im damaligen Schuldienst, habe ich nur einmal an der Stelle: "Derliebe Gott ist unter uns." Leider oder dummerweise gesagt: "Der liebe JOTT sei unter uns.." Das war zur gegebenen Stunde eine große Sünde, wenn nicht gar Todsünde.
Nachsitzen, Bloßstellung vor allen Schülern, Meldung an den Herrn Konrektor und Mitteilung an die Eltern waren die Folgen dieser gar nicht so böswillig gemeinten Beleidigung des lieben Gottes. Ich war gebrandmarkt und zugleich geächtet! Meine Mutter, die gern im Kirchenchor mitsang, war sehr traurig darüber, obwohl sie doch nie regelmäßig in die Kirche ging. Unserem Vater machte es nicht allzuviel aus.Denn er vertrat sowieso die Ansicht, daß den "Pfaffen" nicht über den Weg zu trauen ist. So stand er diesmal auf meiner Seite, was ja sonst die Mutter tat.
Die gute Seite der Medaille war, daß ich fortan an der Religionslehre nicht mehr teilnehmen mußte und dafür eine Freistunde in Kauf nehmen durfte, während meine Mitschüler weiterhin zur ersten Stunde die zehn Gebote herbeteten, konnte ich seelenruhig ohne Gewissensbisse eine Stunde länger schlafen .
Ein sehr trauriges Erlebnis war für mich die Kreuzigung am Kartenständer. Die größeren Schüler kamen auf einen äußerst dummen Jungenstreich. Sie haben mich, da ich der Kleinste in der Klasse war, an den Rollkragen meines Pullovers am Kartenständer angehakt und unter dem Jubelgeschrei der Klassenkameraden in die Höhe gezogen. Oben angekommen, da war ich schon blau angelaufen, muß ich wohl eine erbärmliche Gestalt abgegeben haben, denn im Klassenzimmer wurde es muksmäuschenstill. Mein Bruder sprang über die Schulbänke, kippte den Kartenständer rasant um, und rettete somit mein so junges Leben. Ich zappelte zuerst zwei oder vielleicht auch drei Mal und schlug nach wenigen Minuten oder es waren nur Sekunden die Augen auf und fragte ganz benebelt: "Wo bin ich, bin ich schon im Himmel?" Stille ...! Keiner lachte über die verdatterte Frage. Nachdem etwas Frabe in mein Gesicht zurückkehrte, wurde es wohl meinen Mitschülern etwas leichter ums Herz, aber trotzdem waren sie alle weiß wie eine Kalkwand. Das ganze hatte zu Haus ein Nachspiel. Mutter entdeckte die dunkelblauen Striemen am Hals, und so setzte es noch obendrein für uns beide eine gehörige Tracht Prügel, was ganz selten bei uns geschah.
Für mich war das Fach Werken das allerbeste, nicht nur weil ich immer eine 1 auf dem Zeugnis zu stehen hatte, sondern weil diese Tätigkeit in meinem ureigensten Interesse lag. Wir wurden von einem ausgezeichneten Werklehrer unterrichtet, der es verstand unsere Liebe zum Basteln und Erfinden zu wecken. Im Unterricht lernten wir die verschiedensten Papier-, Holz- und Metallarbeiten kennen und mit vielseitigen Werkzeugen umzugehen. Zuerst bastelten wir Schlüsselbretter und Vogelhäuser, später dann kleinere und schon größere Flugmodelle. Mit unserem Lehrer gingen wir auf den nahe gelegenen Neumarkt und ließen dort die selbstgebauten Prachtstücke fliegen. Passanten blieben stehen, schauten uns zu und wir waren überglücklich, wenn so mancher Gleitflug gut gelang. Angeregt vom lehrreichen Werkunterricht ließ ich daheim meinen Erfindergeist sprühen. Ich baute Flugzeugtypen nach, entwarf Schiffsmodelle, erfand eine Kanone, die Hollunderbeeren verschoß. Aber eine gut gelungene Arbeit der umfangreichen Basteleien, war der Bau eines Detektors. Das war zur damaligen Zeit gar nicht so einfach. Dazu brauchte man eine Spule, einen Kopfhörer, einen Kondensator, ein paar Buchsen und Stecker, aber das wichtigste Teil war der Kristall-Detektor, der aus einem Bleiglanzstein bestand. Dann mußten nur noch Erde und Antenne angeschloßen werden und es begann die Suche am Kristall nach einem Sender, der irgend etwas ausstrahlte. Das Gefühl, Fetzen von Musik. Einen Sprecher oder auch nur ein Rauschen, Piepsen zu hören ist unbeschreiblich. Bedenkt man, was alles heute möglich ist, so möchte ich nicht glauben, daß erst 60 Jahre ins Land gezogen sind, seit mein erster Detektor leise Töne von sich gab! Auch daran erinnere ich mich noch, als Vater die erste "Goebbelsschnauze" nach Haus brachte, das Radio des kleinen, deutschen Volksgenossen, das nicht einmal für jedermann erschwinglich war.
Und wie es so unter Kindern üblich war, lag uns das Kriegspielen auch im Sinn. Eine Kanone hatte ich ja schon gebaut. Mir hatte es immer wieder der Mechanismus, das Funktionieren einer Handgranate angetan. Das Wurfgerät als solches war nicht für mich so interessant, viel mehr wollte ich wissen wie der Zündvorgang vor sich geht und wie das Ding zur Explosion kommt. Also kam ich auf die Idee eine Handgranate nachzubauen. Hinweise gab es ja in der Literatur. Soldatenbilder, Kriegsgeräte studierten wir ja leidenschaftlich.
Eine dicke, ausgehöhlte Hollunderröhre, zurecht geschnitzt, ergab den Körper der Granate. Ich teilte ihn in drei Kammern ein. Den oberen Teil füllte ich mit Schwarzpulver, daß aus alten Patronen vorsichtig entnommen wurde, was natürlich nicht ganz ungefährlich war. Aber Kinder sind halt Kinder und leider allzu oft unbelehrbar. Im mittleren Hohlkörper brachte ich die Zündung an. Dazu diente die Reibfläche einer Streicholzschachtel, mehrere zusammengebundene Streichhölzer, die mit einem Faden versehen an die Reibfläche mittels eines Federdruckes angepresst wurden. Im hinteren abschließenden Teil baute ich eine stets rückführende Federung ein, die ein mehrmaliges Zünden garantierte. Das Ende der Schnur war mit einem orginalgetreuen Ring versehen, das weiß ich genau, weil er vom Schlüsselbund meines Vaters stammte.
Ob wir die Handgranate auch gezündet haben? Gewiß, ich sprach ja hier vom "wir". Zur ersten Vorführung waren ja schließlich meine Freunde und Kumpanen eingeladen, was ich im nachhinein bereut habe. Nach mehrmaligem Reißen an der Schnur mit dem bewußten Ring tat sich nicht allzu viel, sagen wir einmal gar nichts. So zog ich dann mit aller Gewalt, die Schnur riß, ich hielt sie mit dem bewußten Ring in der Hand und ließ vor Schreck die so mühsam erdachte und konstruierte Handgranate fallen. Nach einer Schrecksekunde aller eingeladenen Gäste machte es "Puff", bläulicher Rauch stieg auf, und das war' s. Das Gelächter meiner Kumpels höre ich, wenn ich manchmal träume, noch heute in den Ohren. Für mich war viel schlimmer, daß wiederum einmal mehr, eine meiner großartigen Erfindungen eine Blamage und ein tiefer Reinfall war.
In Senftenberg, in der Nähe des Neumarktes stand auf einem abgezäunten Gelände eine langgezogene Baracke. Dort hatten die Modellbauflieger ihr Domizil, und viele von ihnen bauten dort unentwegt am Tage und in der Nacht an ihren Neukonstruktionen. Vom Gleiter über ein Nurflügelmodell bis zum Motorsegler wurden die tollsten Ideen verwirklicht. Natürlich zog es auch mich dorthin. Hier konnte ich meinen Hang zum Segelflug nachgehen, den ich erst viel, viel später in die Tat umsetzen konnte. Leider hatte die Sache auch einen kleinen Haken. Auf diesem Gelände befand sich wegen der Sicherheit, ein zottiger, bissiger, mittelalterlicher Schäferhund, der nach besten Hundegewissen jede Bewegung und unerlaubtes betreten fremder Personen wahrnahm, zugleich zu verhindern suchte. Obwohl ich zum Fliegerclub gehörte, ordnete er mich dem fremden Personenkreis zu. Woher sollte der Trottel auch wissen, daß ich einmal Segelflieger werden wollte! Einmal, er lag wie so oft nicht an der langen Kette, kam er zähnefletschend auf mich zu gestürzt, nur der alte, lahmende Wächter konnte ihn am Sprung zu meiner Kehle in letzter Minute zurück rufen. Der dunkelhaarige Schäferhund reagierte und zog sich langsam grollend und knurrend zu seinem Herrchen zurück. Nicht auszudenken, wenn es meinem Beschützer nicht rechtzeitig gelungen wäre, dann hätte ich wohl zum zweiten mal bald mein junges Leben eingebüßt. Mit Respekt und Bangen bin ich trotzdem wöchentlich mehrmals meiner Lieblingsbeschäftigung nachgegangen, aber nie, ohne mich zu vergewissern, ob auch die olle "Töle" an der Kette lag.
Der Neumarkt, etwas abgelegen vom Zentrum der Stadt, war für uns Kinder ein ungemeiner Anziehungspunkt. Er hatte so ein gewisses Flair. Schon seine Lage gab ihm ein besonderes "ETWAS". Auf der einen Seite schirmte der "Wolschinka-Graben" ihn von den angrenzenden Häusern ab, und an den Stirnseiten stand unsere Volksschule l, beziehungsweise das alte zweistöckige Kino "Capitol". Wenn man von Jüttendorf/Thamm kommend den Neumarkt erreichen wollte, mußte man die Schmiedegasse über die Wehrstraße oder entlang der Salzmarktstraße gehen. Unweit des Marktes befand sich auch das Schloß mit den beiden Teichen, auf denen immer ein oder mehrere Schwanenpärchen zu beobachten waren. Soweit zur Lage dieses, zur Kinderzeit historischen Platzes. Mittwochs und sonnabends bauten zahlreiche Händler aus der Stadt und der näheren Umgebung, ach was sag ich, sogar vom Spreewald her kamen sie, ihre Stände auf. Für die Bürger und einkaufslustigen Leute boten sie Haushaltswaren, Textilien, Schuhe, Pantoffel, Korbwaren, Spielzeug, Süßigkeiten, frisches Brot, Fisch, Spreewälder Gurken, Meerretich, Sauerkraut und viel anderes mehr, ja die beliebtesten Südfrüchte Bananen, Apfelsinen, Datteln und Kokusnuß an. Meine Oma Marie besuchte den Wochenmarkt mittwochs und sonnabends regelmäßig, weil sie dort fast alles bekam, was ihr und unser Herz begehrte, denn sie erledigte auch gleich die Besorgungen für unsere Familie mit. Auch wir Kinder freuten uns auf jeden Markttag. Man möchte es gar nicht glauben, aber man konnte für nur 2 deutsche Pfennige Sauerkraut oder Gurkenzipfel bekommen und die süß-saure Brühe noch umsonst dazu. An jenen Tagen nahmen wir immer eine kleine Blechtasse mit, um dieses köstliche "Nass" zu schlürfen. Oma kaufte auch ein, zwei Südfrüchte ein, gedacht für das Pausenfrühstück. Doch so lang konnten wir es meistens nicht aushalten.
Für mich war der Neumarkt in vieler Hinsicht, nicht nur weil er auf dem Schulweg lag, ein im wahrsten Sinne des Wortes traditionsreicher Ort. In meiner Pimpfenzeit mußten wir uns zu besonderen Anlässen dort versammeln. Hier wurden sehr oft, später immer öfter, Appelle abgehalten; Marsch- und Exerzierübungen durchgeführt und das Gehen im Gleichschritt geübt. Mitunter arteten diese vielseitigen Zerremonien in ein blödsinniges Schleifen , so nannten wir es damals, aus.
Einmal, es war an einem spätsommerlichen Tag wurden wir Pimpfe fähnleinweise in das Kino "Passage", daß in der Kaiser-Wilhelm-Straße stand, geführt. Unterwegs sangen wir zackige Lieder wie: "Wilde Gesellen vom Sturmwind..", "Es zittern die morschen Knochen.." (meine nicht!) "Oh, du schöner Westerwald..." (viele wußten gar nicht wo der liegt!) bis wir dort angekommen waren. Für uns aber war es trotz alledem recht angenehm, denn wir wurden nicht geschliffen und die Führer nannten diesen "Diensttag" Jugendfilmstunde. Gespielt oder gezeigt wurde der damals legendere Film : "Hitlerjunge Quex". Ein Film, der uns angehende Hitlerjungen zu Mut, Ehrlichkeit, Ausdauer, Härte, Beharrlichkeit und zu nationalsozialistischem Denken und Handeln inspirieren sollte. Was schließlich und endlich von sehr, sehr vielen jungen Menschen angenommen wurde. In der musikalischen Untermalung und für die emotional wirkende Handlung wurde das bekannte Arbeiterlied "Die Internationale" einbezogen.
Wochen danach mußten wir wieder einmal zum Appell auf dem Neumarkt antreten. Meinem Freund, dem Pimpfen Hilmar und mich, mußte wohl der Teufel geritten haben, denn wir sangen unbedacht und mit vernehmlicher Lautstärke vor allen Pimpfenkameraden die Zeilen der ersten Strophe: "Wacht auf verdammte dieser Erde..."; viel weiter sind wir nicht gekommen. Meine Jungzug- und Fähnleinführer erstarrten zur Salzsäule und konnten nur noch brüllen: "aus auus -hört auf!!!" Wir hatten uns dabei doch gar nichts gedacht, denn uns gefiel die Melodie so gut, und den Text hatten wir überhaupt nicht verinnerlicht. Die anschließende Bestrafung vor der gesamten angetretenen Mannschaft war uns völlig unverständlich, peinlich und erniedrigend. Das schwarze Dreieckhalstuch, den braungeflochtenen Knoten und das Fahrtenmesser mit eingelassenen Rombolit und Hakenkreuz mußten wir schnurstraks abgeben, besser gesagt es wurde uns abgenommen.Wegen unseres Singsangs haben wir uns nicht so sehr geschämt, wie vielmehr für die für beide unfaßbare Entehrung. Ob das nun so unehrenhaft war, unüberlegt oder eine kindliche Dummheit, jedenfalls eine Widerstandshandlung war es in keinem Falle. Es gab auch später keine Anzeige, unsere Eltern wurden nicht zur Rechenschaft gezogen, und wir sind noch einmal mit dem blauen Auge davon gekommen! Eine identische Geschichte ereignete sich eine geraume Zeit später.
Bei einem unserer Streifzüge entdeckten wir in einem leerstehenden, baufälligen Haus mehrere Zeitschriften, Bücher und Plakate.Wißbegierig studierten wir das Gefundene und stellten dabei fest, daß es sich bei den großen, bunten Plakaten um Wahlaufrufe handelte. Auf dem einen stand in überdimensiolalen Lettern:"WÄHLT LISTE 4 - WÄHLT THÄLMANN" Natürlich war unsere Neugier geweckt, obwohl wiederum wir uns unter einer LISTE 4 nichts vorstellen konnten und den Namen THÄLMANN hatten wir auch niemals gehört, er war uns unbekannt. Ich weiß nur, daß ein Mann, der in unserer Bismarck-Straße wohnte, ihn in irgendeinem Zusammenhang erwähnte. In der Straße hieß er der "rote Jacob", war weder beliebt noch unbeliebt. Man mochte ihn nicht, weil er sich gern einen hinter die Binde goß, und im volltrunkenen Zustand lauthals "ROT FRONT" rief. Jedoch wenn er nüchtern war, was auch öfters vorkam, erzählte er uns Kindern, daß HITLER kein guter Mensch sei, und daß es bald einen Krieg geben wird. Ach, und dabei sprach er von einem Genossen THÄLMANN. So war das.
Jedenfalls nahmen wir den ganzen Packen mit nach Hause, um meinen Vater zu befragen, welche Bewandnis das alles und das mit der "LISTE" auf sich habe. Als Vater das sich anschaute und sichtete, sprach er wie von der Tarantel gestochen auf mich ein, regte sich mordsmäßig auf, so kannte ich meinen Vater gar nicht. Wir sollen das " Zeugs" auf dem schnellsten Wege wieder dorthin bringen, wo wir es weggenommen haben. Darauf hin sagte ich zum Vater, daß ich es gern in die Schule mitmehmen würde, um es den anderen Schülern und dem Herrn Lehrer zu zeigen. Nun war aber das Maß zum überlaufen voll! Vater bekam einen Tobsuchtsanfall, "Du willst uns wohl alle in Teufels Küche bringen", ich wußte nicht einmal, wo die sich befand. Das hätte ich zu gern einmal gewußt. Ein Plakat schaffte ich heimlich zur Seite, die andern ließ mein Vater auf irgend eine Weise verschwinden. In der Schule, in der Klasse kursierte es mit dem Listenaufruf von Bank zu Bank. Viele schauten sich den Fetzen Papier nur gelangweilt an, doch zwei Jungen waren sehr interessiert an diesem Aushang mit den großen Lettern. Ich habe das Plakat nie weder gesehen und den Teufel in der Küche habe ich auch nicht zu Gesicht bekommen! Erst später, in den oberen Klassenstufen habe ich erfahren, das die beiden Geschwister das Plakat heimlich mit genommen hatten. Ihr Vater war ein bekannter Kommunist in Senftenberg und war zur damaligen Zeit der "Plakatstory" schon im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Nach 1945 trug unsere Volksschule l den Namen "ARTUR WÖLK". Er wurde zwar aus dem Lager befreit, ist aber an den Folgen der langen Lagerhaft verstorben.
Denke ich heute zurück, so fällt es mir schwer zu sagen, daß wir allesamt keine Rabauken waren. In der Stadt lebte ein alter Mann, der auf einem Bein stark lahmte.Wir sahen ihn fast täglich in den Straßen. Er besaß einen meterlangen Stab, mit einer pickelförmigen Spitze versehen. So zog er durch die Straßen und engen Gassen, spießte das umherliegende Papier und auch Unrat auf, tat es in einen Sack, den er über die Schulter trug. Sein Fleiß war stadtbekannt. Wir Kinder hänselten ihn recht oft, wo wir ihn antrafen, weil er mit seinem Hinkebein und dem bärtigen Gesicht, eine so eigenartige Erscheinung für uns war. Wir kannten eigentlich nur seinen Vornamen. Er hieß : "Otto", so stands wohl auch in seiner Geburtsurkunde. Für uns Kinder hieß er aber unentwegt "Otto-Papier". Dies riefen wir ihn, wenn wir irgendwo sahen, ständig und mitunter boshaft nach. Was ihn gewiß unsagbar argerte. Danach rissen wir alle schnell aus und Otto-Papier konnte uns kaum folgen, da er ja mit seinem Schwungbein keine großen Schritte laufen konnte.
Erst viel später habe ich erfahren, daß "Otto" sein Bein im I.Weltkrieg verloren hatte und das vermeindliche Schwungbein ein Holzbein war. Seit dieser Zeit habe ich den Kreis der frechen Rufer gemieden und wohl auch ein wenig mehr Achtung vor behinderten Menschen angenommen. Als Kind hat man doch recht viel unüberlegte Worte gesagt und auch Dinge getan.
In der langen Volksschulzeit war ich bestimmt nicht einer der fleißigsten und zielstrebigsten Schüler. Ehrlich gesagt, ich hatte so manche Schwierigkeiten beim Lernen, obwohl mir die meisten Lehrer und vor allem die Lehrerinnen, eine gute, flinke Auffassungsgabe bescheinigten. Aber wem nutzt das schon, wenn der Geist zwar willig - jedoch das Fleisch, der Kerl - zu faul, minder gemeint zu unlustig ist. Ich träumte gern in den Tag hinein, besonders an den am Vormittag liegenden Unterrichtsstunden und freute mich schon im voraus auf die Spiele mit allen Kumpanen des nachmittags. Wahrscheinlich hätte ich die Ermahnungen meiner Lehrer ernster nehmen müssen, um allen Gefahren aus dem Wege zu gehen. Und bevor ich dies tat, nahte eine solche gar schneller als gedacht. So stand einmal auf einem der Halbjahreszeugnisse, die erhielten wir zu Beginn der Frühlingsferien, "Werner ist versetzungsgefährdet" und weiter "er muß besser aufpassen und seinen häuslichen Fleiß verbessern!" Na, das war ein dicker "TOBAK" für meine Eltern. Unsere Familie war ja mit zwei "Lehrerdynastien" über sieben Ecken hin verwandt. Daß ich das Klassenziel nicht erreichen würde, glaubten sie sowieso nicht. Dafür wollte man schon sorgen; vielmehr schämten sie sich für die Schande, die ich ihnen bereitete. Eine Tracht Prügel, am Tage der Zeugnisausgabe erhielt ich nicht, dafür aber die Androhung, jeden Tag zwei Stunden Nachsitzen in der guten Stube bei zusätzlichen Wiederholungsaufgaben. Und das zur Jahreszeit, die dem Sommer entgegen ging. Was war ich stinksauer und fuchsteufelswild auf mich selbst.
Aber was halfs, die Schulzeit ging weiter. So zogen wir denn jeden Morgen in unsere, von den einen mehr dem anderen weniger geliebte, Penne, vorbei am alten Friedhof, entlang der aus Feldsteinen bestehenden Friedhofsmauer. Die war nur kniehoch und wir konnten immer gut sehen, ob wieder ein Senftenberger seinen "Löffel" abgegeben hatte. Bei den reichen Bürgern war der Hügel vor lauter Blumengebinden und Kränzen gar nicht zu erkennen, bei den ärmlichen schaute noch die leuchtede augeworfene Erde hervor. Diese Mauer, die den Friedhof mit der kleinen Kapelle umgab, diente den älteren Schülern als Unterlage zum Abschreiben der vergessenen Hausaufgaben .Das waren meistens jene Schüler, die lieber den Sportplatz aufsuchten und auch jene, die schon mit den feschen Mädchen anbandelten und nur Flausen im Kopf hatten.
Die Lesestunden und das Aufsatzschreiben waren für mich über die 8 Klassen lange Volksschulzeit stets eine Qual. Für unsere Lehrer waren diese Stunden die reine Erholung - sie brauchten sich nicht darauf vorzubereiten und konnten uns genüßlich zuhören und besonders machte ihnen wohl das Zensurenerteilen einen vergnüglichen Spaß. Ich jedenfalls zitterte schon bevor ich an der Reihe war, und je näher das Unheil auf mich zukam, desto unruhiger rutschte ich mit meinen kleinen Po auf der Bank umher. "Werner, träum' nicht, du bist dran!", schallte es vom Katheder herunter.
Vor Aufregung stotterte und holperte ich durch, über, unter die Zeilen, die tanzten nur so in dem schönen bunt bebilderten Lesebuch. Ich verwechselte so manche Worte, sprach sie einfach falsch aus, gab sie sinnentstellend wieder. Die goldene "Hochzeit" leitete ich vom Eigenschaftswort "hoch" ab. Anstatt das Substantiv kurz auszusprechen zog ich die "Hochzeit" weil es ja die goldene war, in die Länge. Alle meine Mitschüler der 6. Klasse lachten schallend darüber. Mein ganzes Bemühen half nichts, ich wurde nur noch aufgeregter, fahriger und hatte mir im Lesen wieder eine 5 eingefangen. Einen Klassen- oder Hausaufsatz zu schreiben war für mich ein Graul. Dabei fielen mir abends vor dem Einschlafen immer so tolle, komische Geschichten ein und darüber bin ich eins, zwei, drei eingeschlafen. Am nächsten Tag hatte ich sie aber immer wieder schnell vergessen, so daß es mir nie gelang, sie nach Verlangen niederzuschreiben. Auch schon wegen der unzähligen grammatikalischen Fehler und der mangelhaften Interpunktion, ich wußte doch höchst selten, wo ein Komma zu stehen hat oder nicht, das gilt bis zum heutigen Tage, und so etwas wirkt sich dann auch auf die Endzensur aus!
Nur ein einziges Mal bekam ich eine überdurchschnittlich gute Zensur für einen mir selbst ausgedachen Hausaufsatz. In dem handelte es sich um einen Ring, den ich nach einem Sprung von unserer Hofbank in einer Ritze des Kopfsteinpflasters entdeckte. Es war natürlich ein Wunschring, wie konnte es auch anders sein. Drei Wünsche hatte ich demzufolge frei: Mein erster Wunsch war eine riesengroße Portion Schoko-Eis, in einer Waffel, so groß wie einst meine Zuckertüte. Der zweite, daß ich einmal in der Schülerfußballmannschaft unserer Schule mitspielen darf und ein spielentscheidendes Tor schieße. Ja und der letzte, dritte Wunsch war denn wohl gar ein wenig zu vermessen. Ich wünschte mir vom ganzen Herzen, nie mehr in einer Lesestunde dran zu kommen, keinen Aufsatz mehr schreiben zu müssen, und vorzeitig die 8 -Klassen-Volksschule als bester Schüler mit einer Buchprämie verlassen zu dürfen! Der erste und der letzte Wunsch, sie beide gingen nie in Erfüllung . Nur der zweite wurde gewährt, aber leider auch nur zur Hälfte. Ich erzielte zwar bei einem entscheidenen Spiel gegen eine sehr starke Auswärtsmannschaft von "Annahütte II" ein Kopfballtor, aber zu meinem Pech war es ein Eigentor. So endete meine sportliche Karriere auch nicht gerade erfolgreich. Den im Aufsatz beschriebenen "Wunschring" habe ich in meinem ganzen langen Leben nie wieder gefunden.
In der 8. Klasse angekommen, hatte ich immer einen geheimen Wunsch, den niemand erfuhr. Das war so:
Ab der 6. Klasse durften nach der neuen Schulordnung Mädchen und Jungen gemeinsam in einer Klassenstufe unterrichtet werden. Der alte Zopf war abgeschnitten, als vordem die Mädchen auf dem vorderen Schulhof in den Pausen spazieren gingen und wir Jungen im Hinterhof, zwischen den mächtigen Lindenbäumen, wenn der aufsichtsführende Lehrer nicht hinschaute, wir schnell einmal Haschen spielten. An der Fensterreihe saß seitlich vor mir die kleine brünette Ruth Frauböse. Ich jedenfalls, fand sie süß und ihren "bösen" Familiennanen so fürchterlich schön, weil sie niemals zu uns Mitschülern böse war. Sie lachte auch nie über meine stümperhaften Lesekunststücke, zumindestens habe ich es kaum bemerkt. Was nun kommt, kann sich wohl jeder denken. Ich wollte sie doch so gern zur Freundin haben. Wir lächelten uns auch hin und wieder einmal zu, aber so richtig kamen wir nicht ins Geschäft. Eines Tages sah ich sie dann mit dem langen Hans- Joachim, der bei weitem nicht solch eine Lockenpracht hatte wie ich, in der Milchbar gegenüber dem Kaufhaus WALDSCHMID, Eis schlürfen. Mir schien, so kam es mir jedenfalls vor, daß sie tiefsinnig in einem, vielleicht auch nicht, Gespräch waren; denn ihre Köpfe hingen dicht beieinander. Ich hatte es ja gesehen, und danach beachtete ich meine still angebetete Ruth Frauböse nie wieder. Nach über 20 Jahren, mußte ich wegen eines Nasengeschwürs unser Knappschaftskrankenhaus, in der Nähe der alten Dampfmühle, aufsuchen. Ich wollte meinen Augen nicht trauen als eine zierliche Med-Assistentin mich in das Ordinationszimmer des Arztes bat. Es war meine damals so begehrte Ruth, ehemalige Frauböse. Natürlich haben wir uns gleich wiedererkannt. Mir schoß gleich unwillkürlich die Melodie eines bekannten österreichischen Schlagersängers ein: "Weiß Du noch...." Das an die gemeinsamen Schuljahre erinnerte. Ja, so ist es halt im Leben, man trifft sich immer einmal wieder, erkennt sich, und das meist unverhofft! Nun erst erzählte ich ihr die Geschichte von der Milchbar gegenüber des mehrstöckigen Kaufhauses WALDSCHMID. An das Kaufhaus mochte sie sich noch recht gut erinnern, was in der Eisbar geschah, kaum. So kamen wir ins schwärmen, denn auch sie saß öfter hochoben im Dachkaffee- Restaurant, von wo aus man einen herrlichen Blick über die alte Stadt hatte. Ich erzählte ihr wohl auch die Geschichte von meiner Tante LISA, die in den 30iger Jahren bei WALDSCHMID arbeitete. Meine Tante Lisa lebt nicht mehr, aber ich habe recht gute Erinnerungen an sie. Es war in meiner Schulzeit. Ich ging zur Schule und sie mußte schon früh am Morgen bis spät in die Abendstunden als Verkäuferin in diesem großen Warenhaus, davon gab es auch mehrere Filialen in Cottbus und Finsterwalde, arbeiten. Vom Erzählen der Leute weiß ich, daß die Familie WALDSCHMID Juden waren. Eigentlich war das in meiner Heimatstadt Senftenberg nichts außergewöhnliches, denn in den 20iger und 30iger Jahren gab es derer mehrere. Das waren Rechtsanwälte, Gewerbetreibende, Zahnärzte und verschiedene stadtbekannte Persönlichkeiten. Sie wurden von den Bürgern der Stadt geschätzt, geachtet und gegrüßt, vieleicht auch weil sie allesamt recht wohlhabend waren. Eines blieb mir besonders in Erinnerung; Ihre Angestellten, das gesamte Personal wurde immer korrekt, aufmerksam und wohlgesonnen behandelt.
Die schönsten und größten Freuden wurden uns Kindern immer zum Weihnachtsfest bereitet. Mein sehnlichster Wunsch war von eh und je einmal eine Dampfmaschine zu besitzen , um damit verschiedene Modelle antreiben zu können. Und als der Heiligabend da war, stand unter dem strahlenden Weihnachtsbaum die langersehnte Dampfmaschine, nebst einigen tollen Modellen, wie: Ein Hammerwerk, ein Kettenkarussell und eine Transmission zum Antreiben weiterer Modelle. Nach dem Weihnachtsfest erzählte mir meine Tante Lisa, daß der Herr Waldschmid seiner tüchtigen Verkäuferin dies alles für ihren Enkel als Dankeschön ihrer soliden Arbeit ohne zu bezahlen und Rabatt gegeben hatte. Für die damalige Zeit war wohl so eine Überraschung, eine solche Gabe sehr wertvoll, nicht billig und recht selten. Als das neue Jahr Einzug gehalten hatte, das Geschäftsleben wieder begann, da habe ich mich, ohne Aufforderung der Eltern bei der Geschäftsleitung und der Familie Waldschmid herzlichst, mit einem gemalten Bild der pustenden Dampfmaschine, bedankt. Jahre später habe ich dann erfahren müssen, daß viele Juden meiner Heimatstadt in verschiedenen Konzentrtionslagern umgekommen sind.
Wie oft haben wir über die sSchule geschimpft, geflucht und sie verdammt, so manchem Lehrer böses an den Hals gewünscht, und doch aber gab es vielmehr schöne Stunden als die miesen. Mit Inbrunst trug uns Lehrer Wilke im Deutschunterricht seine selbstverfaßten Gedichte vor. Gern lauschten wir auch der Sage "Die blaue Blume vom Koschenberg", obwohl wir sie auch auswendig kannten, wurde sie bis zur 8. Klasse in jedem Schuljahr erzählt.
"Ein Schäfer fand die seltene blaublühende Blume am Koschenberg und steckte sie sich an seinen Hut. Da öffnete sich eine Tür zum Inneren des Berges und unermeßliche Goldschätze funkelten dem Schäfer entgegen. Männer an einem Tische hießen ihn sich zu bedienen. Beim Bücken fiel sein Hut mit der Blüte zu Boden. Auf dem Wege ans Tageslicht riefen ihm die Männer nach, daß er das beste nicht vergessen solle. Aber der Schäfer verstand sie nicht und ließ den Hut im Berg zurück. Als er sich darauf besann, war es zu spät. Der Berg hatte sich geschlossen und der Schäfer fand ohne diese Blume nicht mehr den Eingang. Er rief mit Bedauern aus :"Oh, schade!" Für das Gold kaufte er ein Rittergut, das nach seinem Ausruf "SKADO" genannt wurde. So endete die Mär vom Koschenberg. Meine erste und beste Klassenlehrerin Frl. Krieger brachte uns diese Geschichte in einer Gedichtsform vor:
Ein Schäfer bei der Herde saß
Und in vergilbten Blättern las
Vom Schatz, der tief verborgen war
Im Berg seit vielen hundert Jahr
Der blauen Blume Zauberwerk
Hebt diesen Schatz am Koschenberg
Des Schäfers Hund die Blume fand
Legt sie dem Alten in die Hand
Und grollend öffnet sich ein Spalt
Dass er den Schatz erblickt sobald
Gebannt vom Glanz und Zauberwerk
Sieht er den Schatz am Koschenberg
Mit gleißend Gold und Diamant
Füllt gierig er sein weit Gewand
Mit vollen Händen macht er kehrt
Zu sehen, was ihm ward beschert
Doch wo hat das Zauberwerk -
die Blume blau vom Koschenberg
Zu spät erst wendet sich der Greis
Denn sieh: der Felsen schließt sich leis
Und als er steht im Sonnenschein
Verwandelt sich sein Gold in Stein
Und nie mehr fand er Zauberwerk
Blau Blümlein blieb im Koschenberg
Die 8. Klasse war also geschafft und das Abschlußzeugnis ist relativ recht gut ausgefallen; zumindestens war mein Klassenlehrer und waren auch meine Eltern sehr zufrieden. Ehrlich gesagt wäre mir damals ein wenig schlechteres lieber gewesen, denn dann hätte ich den Beruf eines Autoschlossers erlernen können oder ich wäre Straßenfeger geworden. Ich liebte die schönen quadratischen- und Fischgrätenmuster in den Sand gezogen, so sehr. Meine Mitschüler, die Mädchen und Jungen bemühten sich sehr eifrig um eine interessante Lehrstelle. Für mich hatte sich dies alles bereits im Vorfeld erübrigt, und ich hatte damit keine Sorge.
Mein Klassenlehrer, der Herr Peschka, tat in gigantischer Überzeugungsarbeit an mir und bei meinen Eltern das notwendigste, und so stand es halt fest, daß ich einmal Volksschullehrer werden sollte. Da ich ihn ja sowieso verehrte und gern mochte hatte sich die Chose für mich erledigt. Dieses Schicksal traf mich ja zum Glück nicht allein, sondern vier Gleichgesinnte zogen mit mir gemeinsam an einen Strang. Ich höre heute noch die Worte meines Klassenlehrers in den beiden Ohren klingen: "Wer möchte denn von euch Jungen einmal Lehrer weren?" Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, daß er dieses Ansinnen jemals an die Mädchen der Klasse richtete. Aber so war das immer, ob Fußball, Klassenzimmer säubern, Landkarten holen, Trinkmilch verteilen, ein jedes Mal mußten wir Jungen ran! Und so war es auch mit dem Lehrer werden. Wir wurden einfach dazu hingedrängelt "ARSCHPAUKER", um es vornehm zu sagen, Volksschullehrer zu werden.
Gern wäre ich auch Lokomotivführer im RAW Reppist bei Senftenberg geworden, dort wo einst mein Vater als Dreher seine Lehrausbildung begonnen hatte. Mein Kindheitstraum und -wunsch ging halt nicht in Erfüllung und das sei vermerkt: Wer wagte es schon, nicht auf seinen Klassenlehrer zu hören oder gar zu widersprechen.
Ein Weg nach ORLAU
Die Überlegungen über meinen zukünftigen Beruf waren seitens meines Klassenlehrers geklärt. Zuvor mußte noch eine Aufnahmeprüfung überstanden werden, die in der entfernten Stadt Cottbus zu absolvieren war. Auf der Fahrt dorthin gesellten sich noch 2 weitere Jungen zu uns, womit wir nun 5 Prüflingszöglinge aus dem kleinen Braunkohlenstädtchen Senftenberg in der Niederlausitz waren. Mit der ratternden Straßenbahn ging es weit hinaus bis an die Peripherie zum Stadtteil MADLOW. Mit uns fuhren viele Jungen in strammer Pimpfenuniform , nur ich war wieder mal in kurzer Hose und buntem Hemd angereist, in die gleiche Richtung; eigentlich war es ja Schulzeit. Das Problem klärte sich von selbst, weil alle gemeinsam an der Endstation ausstiegen, mehr oder weniger munter, manche sprangen, bevor die Bahn hielt, wagemutig von der Plattform, andere ein wenig mit bangem Herzen, ich auch, und so zogen wir im Eilschritt in die Botanik. Der Weg wurde immer länger und meine Schritte immer kürzer, bis ich mich im hinteren Ende der Truppe wiederfand.
Da stand es nun vor uns, ein massives Gebäude, vom Wald und einem riesigen Sportplatz umgeben, die Gebietsführerschule des Gaues Mark Brandenburg. In diesen Mauern sollten wir nun eine ganze lange Woche einen Teil unserer schönen Kindheit verbringen, aber was viel schlimmer war, unser geistiges und sportliches Können unter Beweis stellen. Also schulische Kenntnisse , sportliche Fitness, mutiges und hartes Verhalten, Ausdauer und kerndeutsches Auftreten waren an diesem hehren Ort gefragt. Es begann mit einem kurzen Kleidertausch. Die neue Anstaltsuniform, ein gewisses Feldgrau mit dem Ärmelstreifen "AUFBAULEHRGANG" - später "LEHRERBILDUNGSANSTALT" - gefiel und wurde mit einem besonderen Stolz getragen. Nun sahen wir wie richtige kleine Soldaten aus, nur die kurze Hose machte dies ein wenig unglaubwürdig. Jedenfalls zum Unterricht, bei Sport und Spiel, zum Ausgang und in der Freizeit blieb sie auf unserer Haut, und ich glaube manche haben sie des nachts zum Schlafen anbehalten. Leider mußten wir uns nach der Beendigung der Überprüfungswoche von der schmucken Kleidung wieder trennen und auch ich schlüpfte in meine Zivilklamotten. In den darauf folgenden Tagen mußten wir uns ganz schön anstrengen, um unsere Standfestigkeit, Können und Wissen zu beweisen. So im nachhinein betrachtet hat man uns knapp 14-jährigen allerhand abverlangt.
Mitunter spielte ich mit dem Gedanken, mich erst gar nicht voll anzustrengen, vielleicht bestand ich dann die Aufnahmeprüfung zur LBA einfach nicht? Außerdem bildete ich mir ein, sowieso kein so helles Licht zu sein. Diese Aufnahmeprüfung war eine ganz, jedenfalls für mich, schöne, schlimme Tortur. Neben ausgedehnten Lauf- und Bewegungsspielen und dem zeitgemäßen Exerzieren standen täglich die erforderlichen Wissensteste auf der Tagesordnug. Ich glaube, da wurde noch einmal das gesamte Wissenspotential der letzten Schuljahre in allen Fächern geprüft. Den größten Bammel hatte ich nur vor dem Fach Mathematik. Zahlen addieren, verdrehen und kombinieren war meine tückische Schwäche, eigentlich war ich nur im Geldzählen erste Klasse und ganz schön fix. Natürlich entsprachen die Anforderungen an die Geschichts- und Deutschkenntnisse den ideologischen Erfordernissen der gesellschaftlichen Entwicklung, wobei in allem auf ein sicheres Auftreten in äußerst diszipliniertzer Haltung und sprachlichem Ausdrucksvermögen großer Wert gelegt wurde. Aber besonders in der sportlichen Prüfung war der Maßstab recht hoch gestellt. Es mußten schon angemessene Leistungen und vor allem eine gehörige Portion Mut und Ausdauer nachgewiesen werden. Der Jungmannenzugführer aus der LBA "Paradies“, der den sportlichen Bereich der Überprüfung leitete, kannte nur den einen Slogan "Jungmänner sind hart" um uns immer wieder aufs neue zu motivieren. Diese Art des Vorgehens war von nun an für die nachfolgende Zeit an der Lehrerbildungsanstalt eigentlich zum kategorischen Imperativ der Pflicht geworden.
Aber - je länger die Torturen anhielten, die Anforderungen erhöht wurden, um so mehr regte sich bei mir der Ehrgeiz, etwas zu leisten. Ich war ja nicht einer der Stärksten, und vom Wuchs recht klein, wollte es aber den großen Spinnern beweisen. Also strengte ich mich an, schon deshalb, weil es die Mehrheit und die anderen auch taten. Jeden Abend vor dem Einschlafen betete ich heimlich unter der Bettdecke - daß es auch ja keiner merkte - ich möge die Prüfungen bestehen und die Zeit, bis ich wieder bei Muttern bin, solle schneller vergehen. Wir tauschten die feldgraue Uniform mit der eigenen Kleidung, sangen fröhlich markige Lieder und hatten es endlich überstanden. In Windeseile rannten wir zur Straßenbahn, machten unsere Späßchen, freuten uns auf das Zuhause und die Abschiedsworte, verbunden mit einem eventuellen Wiedersehen, trennten alle von einander.
Wochen später rief mich Herr Peschka, naja mein Klassenlehrer, ich möchte doch nach der letzten Unterrichtsstunde zu ihm kommen. Das war nichts Neues, denn Heftetragen, eine Besorgung erledigen oder schnell mal im Gartenhelfen, all das tat ich recht gern, war doch mitunter damit eine gute Zensur verbunden, naja und ab und zu ließ der Gute auch etwas springen, in Form eines Leckerbissen - es waren ja Kriegszeiten - und ein paar Pfennige habe ich auch nicht ausgeschlagen. Die letzte Stunde war zu Ende, und ich saß gespannt vor seinem Lehrertisch. Ein wenig lächeld, mit dem Kopf nickend sagte er zu mir: "Hör' zu, mein Guter, du hast die Aufnahmeprüfung bestanden, aber ......Pause ...., der allerbeste warst du gerade nicht! Naja, du weißt ja, die Mathematik , da haben die Dozenten, Doktoren und prüfenden Lehrer alle Augen zugedrückt! Was ich damit sagen will, in der nächsten Zeit heißt es antanzen zum Nachhilfeunterricht, verstanden?" Ob seine mahnenden Worte Freude oder ein Glücksgefühl in mir auslösten, weiß ich nicht mehr, ich dachte nur, da werden sich aber die Eltern mächtig freuen und Mutter wird auf ihren Sohnematz stolz sein, weil es nun einen künftigen Lehrer in der Familie geben wird.
Jedenfalls, die Sache war ausgestanden und besiegelt und ich bedankte mich bei meinem Herrn Klassenlehrer bescheiden, vielleich aber ein wenig zu kess. Damit war für mich die Volksschulzeit beendet und es begannen zunächst erst einmal die Sommerferien.
Es waren die letzten, die schönsten und die herrlichsten in meiner Kindheit, die ich erleben durfte. Wir fühlten uns so frei, beschwingt und freudig erregt, obwohl sich Deutschland, mein Vaterland, unsere sich friedlich/gebende Kleinstadt im zweiten Kriegsjahr befand. Ich glaube, wir wollten, die für so viele schwere, entbehrungsreiche Zeit nicht wahrhaben oder einfach einmal vergessen. Ich spüre immer noch die heißen Tage dieses Sommers des Jahres 1941. Spät aufstehen, in den Hof des elternlichen Hauses laufen, den hellen, warmen Sonnenschein wahrnehmen, ein wenig Hausarbeit verrichten und Tag für Tag in die Badeanstalt fahren, schwimmen, rumtollen vom 5-Meter-Brett springen, tauchen, sich lachend bespritzen, Sport treiben und abends auf den Friedhof, die Gräber der Großeltern und das der Muhme gießen, um das satte Efeugrün zu erhalten. Ich tat es gern, wenn auch nicht ganz uneigennützig. Abends konnten wir Jungen uns immer öfter mit den nun ehemaligen Mitschülerinnen heimlich treffen. Obwohl wir nur zusammen standen, auf dem Rahmen des Farrades, den Fuß abstützend lässig saßen, war es ein liebliches Gefühl beieinander zu sein. Wer kennt da nicht das innere Gefühl von Schmetterlingen im Bauch? Jedenfalls müssen es damals schon ein paar Zitronenfalter oder Pfauenaugen gewesen sein, vielleicht waren es ja auch nur Kohlweißlinge? Leider war meine Angebetete nicht mehr dabei, sie war bereits mit den Eltern zu ihrer letzten großen Ferienreise an die Ostsee gefahren, so erzählten es mir die Freundinnen. Es waren einfach herrliche, glückliche Sommersonnentage! Zu gern würde ich die Zeituhr noch einmal zurück drehen, um den Sommer des Jahres 1941 wiederholend zu durchleben. Warum habe ich bei der Zurückerinnerung nicht das Zeitgefühl des Kriegsjahres - den Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion - spürbar im Gedächtnis ? Das Wahrnehmen des Weltgeschehens, diese unheilsame Entwicklung der Geschichte habe ich, haben wir einfach verdrängt. Wir wollten leben und glücklich sein. Doch das dunkle Unheil zeichnete sich täglich am Firmament ab. Wir und viele mit uns schauten täglich in den blauen Sommerhimmel, sahen die hellen, milchweißen, langen Kondenzstreifen der anglo-amerikanischen Bombengeschwader, die in Richtung des Symthesewerkes Schwarzheide, flogen. Hörten das Grollen der Flakabwehr und später das dumpfe Geräusch der einschlagenden, detonierenden Bomben. Eine enge Treppe mit schmalen Stufen führte in den kühlen, wenig geräumigen Keller unterhalb unseres Schlafzimmers. So lang die Bomber in einer sagenhaften Höhe über uns hinweg flogen, haben wir kein einziges Mal dieses unterirdische Verließ aufgesucht. Ich weiß es nicht, kann es nicht sagen, war es unsere Unbefangenheit des jugendlichen Leichtsinns - uns kann nichts passieren - oder war es die Faszination, besonders in der Nacht wenn die phosphoreszierten "CHRISTBÄUME " am Himmel standen. Wir schauten unentwegt diesem makraberen Geschehen zu! Eines Tages kam mein Freund Hans, der gegenüber von uns wohnte, auf die seltsame Idee, die von den Flugzeugen abgeworfenen Stanniolstreifen, die zur Desorientierung der Radarmessungen führen sollten, aufzusammeln , um sie zum Altwarenhändler zu bringen. Der hatte auch in den Kriegsjahren, auf einem dumpfig-stinkenden Hinterhof in der alten Schmiedegasse sein Domizil und Tag und Nacht geöffnet. Vater schlachtete die armen Kaninchen immer selber und wir mußten als Kinder die getrockneten Felle und auch alte riechende Knochen, anfallende Blech- und Eisenteile, sowie nicht mehr von Muttern verwertbare Stoffreste dorthin bringen. Für uns Kinder war der alte, knausige Mann der Lumpenhändler. Also machten wir uns auf den Weg, sammelten mühsam die abgeworfenen Silberstreifen ein, nachdem wir genügend beisammen hatten, brachten wir sie zum stadtbekannten Lumpenhändler. Der aber lachte uns nur grinsend aus und meinte: "Mensch Jungens, das bringt doch nichts, gebt sie bei eurem "ADOLF" ab, der kann damit den Krieg verlängern!" Eigentlich wollten wir gleich zu unserem Stammführer der HJ laufen, um ihn als Feind und Volksverräter des deutschen Reiches anzuzeigen. Überall an den Wänden klebten damals dunkle .schwarze Zettel mit einer weißen Hand, der Zeigefinger war hoch gespitzt, abgebildet, mit den Worten:"FEIND hört mit!!!" Wir taten es nicht, waren aber ganz schön enttäuscht, daß wir keine gute Tat vollbracht hatten, in keinerlei Hinsicht.
Täglich unternahmen wir zu Fuß oder mit dem Fahrrad einen Ausflug in die weite leuchtende Natur um die letzten Tage und Wochen der Sommerferien sinnvoll zu verbringen. Am Rande von Buchwalde, eine Randgemeinde unserer Stadt hatte man schon zu Beginn des Krieges einen Notlandeflugplatz für größere Transport- und Versorgungsflugzeuge angelegt. Er lag, umgeben vom kleinen Dorf, den Feldern und Wiesen einerseits und von den hohen Kiefernwäldern, die sich bis zum Koschenberg hinzogen, wo immer zur Mittagszeit Granitsteine gesprengt und abgebaut wurden. In windeseile ging die Nachricht von Mund zu Mund, daß endlich ein erstes Flugzeug gelandet ist. Eine JU 52 , im Volksmund wurde sie "Tante JU " genannt. Mit donnernden Motoren rollte die Maschine über das ganze Landefeld, denn von einer Landepiste konnte man gottlob nicht sprechen. Viele hunderte von grauwolligen Schafen hatten ja vorher die riesengroße Wiese kahl gefressen und festgestrampelt. Natürlich waren wir als die ersten neugierigen Zuschauer dorthin gefahren, um hautnah das seltene Ereignis aus nächster Entfernung mit zu erleben. Leider kamen wir ein klein wenig verspätet an, und der riesige Flugapparat mit den drei auslaufenden Propeller-Motoren rollte lang majestätisch aus. Da stand nun der mächtige rechteckige, aus wellblechartigem ALU, mit dem schwarz/weißen Baltenkreuz gekennzeichnete grandiose Kollos auf dem sattgrünen Rasen. Noch nie zuvor hatte ich ein Flugzeug zum Angreifen nahe vor mir stehen sehen. Es war einfach überwältigend. Der Flugzeugführer, gekleidet in einer himmelblauen Kombination, mit dem fliegenden Adler auf der linken Brustseite, sprang aus einer Seitentür auf das Rollfeld, und lachte uns beiden wohlgelaunt zu. Nun, wenn das keine Einladung zum Einsteigen und Mitfliegen war, was sollte wohl eine solche Begrüßung je bedeuten? Ans Fliegen haben wir bestimmt nicht gedacht, wohl aber daran, einmal dieses Wunderding von innen anzusehen. Mutig, wie wir nun einmal waren, fragten wir auch, ob wir einmal das Innere der Pilotenkanzel uns ansehen dürften? Es waren ja Kriegszeiten, und es gab bestimmt für ein solches Ansinnen auch gewisse Sicherheitsvorschriften! Inzwischen waren wir und die JU von vielen Schaulustigen umringt. Der Fliegersoldat lächelte, nickte mit dem Kopf in Richtung der Maschine, was so viel hieß, kommt schnell ran und steigt ein. Da gab es aber plötzlich ein Gedränge, mehrere hatten wohl die Geste auch auf sich bezogen. Wir beide rutschten unter dem Arme des Fliegerkommandanten durch, hangelten uns in den Einstieg und blechernd-klirrend schloß sich die Tür hinter uns. Der Co-Pilot führte uns ganz nach vorn zur Flugzeugkanzel, wo auf den beiden Sitzen die ausgeklagten Fallschirme lagen. Wir durften Platz nehmen und versanken in den breiten, gepolsterten tiefliegenden Sitzen. Vor uns tat sich ein Meer von leuchtenden Instrumenten, Hebeln und Steuerungselementen auf. Für mich ist es bis heute unverständlich und auch unerklärlich, wie man sich da hoch oben in den Lüften zurecht finden kann und dann auch noch fliegen. Obwohl ich Jahre später meine erste Segelfliegerprüfung ablegte, begreife ich es nicht, wie man solch eine zusammen genietete Metallkonstruktion in der Luft halten kann. Ich bin ja später mit der Familie, den Kindern mit Propeller- und Düdenflugzeugen ins benachbarte Ausland in den Urlaub geflogen, aber das Erlebnis in der "Tante JU" gesessen zu haben, werde ich nie vergessen, es war einfach fantastisch und bestimmt auch nicht jedem vergönnt! Wenn ich heut zum Himmel schaue, sehe ich oft Kondensstreifen, die langsam verblaßen und sich irgendwo am Horizont auflösen, aber es sind immer die überschnellen Düsenflugzeuge. Gar selten, ist noch eine veraltete Propellermachine, ein Doppeldecker oder ein Zeppelin zu beobachten, geschweige eine "Junkers". Da müßte man wohl zu einer Flugschau oder nach Frankfurt am Main zu dem internatinalen Flughafen fahren, um sich diese Wunderkisten aus der Nähe wieder einmal anzusehen.
Ach, was waren das damals für Zeiten. Man war Kind, unbeschwert und lebenshungrig, bestaunte alles, was sich so um einen tat, aber die schönen Zeiten sind vorüber. Allzuschnell verflogen die herrlichen Wochen der letzten großen Ferien nach der Volksschulzeit
Ich bekam das Einberufungsschreiben, mich an der Lehrerbildungsanstalt, in Orlau/Kreis Teschen gelegen, im Oberschlesischen Land, nahe der tschechischen und auch polnischen Grenze, dem Dreiländereck, einzufinden. Dort begann meine Ausbildung zum Volksschullehrer.
Werner Gertlers Stube Moltke der Lehrerbildunsanstalt in Orlau
Die Zeit in der L B A
Es war wohl an einer der trüben Herbsttage als ich mit meinen Kommilitonen die lange Fahrt in das mir unbekannte ORLAU antrat. Die Stätte, an der wir nun unsere 5-jährige Ausbildung zum Volksschullehrer erhalten sollten. Der Weg dorthin war sehr weit, denn er dauerte eine ganze Tagesreise, und war von seltsamen Erlebnissen geprägt. Aber wo lag dieses ORLAU. Mir wurde gesagt, daß das kleine Städtchen im östlichen Teil von Oberschlesien, dort wo die Leute Deutsch, polnisch und auch tschechisch sprechen, läge. Man bezeichnete es auch als das Dreiländereck, also mehr zum Böhmischen hin. Nach langem Suchen auf verschiedenen Landkarten hatte meine Mutter dieses stille Örtchen entdeckt, das sich in der Nähe von der Kreisstadt Teschen und der Gemeinde Karvin befand. Da standen wir nun, mit einem großen Koffer, einem von Muttern umfangreichen, gepackten Naturalienpaket, dem Karton mit diversen Büchern und natürlich dem erforderlichen Geigenkasten, mit dem wertvollen Inhalt einer teuer erstandenen Violine, auf dem Bahnsteig, montags in aller Hergottsfrühe zur Abfahrt in Richtung Cottbus. Ein zurück gab es nicht, und somit galt es, den für mich schweren Gang nach Canossa, anzutreten. Nur Mutter war zum Abschiednehmen mitgekommen. Ich wollte nicht heulen, aber ein kleiner 13 jähriger darf schon mal weinen, wenn er für eine längere Zeit, eine solch weite Reise ins Ungewisse antreten muß. Die anderen und ich, wir sprangen in den Bummelzug, verstauten unser Gepäck, schauten aus dem Fenster, winkten noch einmal und waren wohl alle zufrieden, dass wir das hinter uns gebracht hatten. Der Hauptbahnhof Senftenberg N/L verschwand aus unseren Blicken und fuhr über Lübbenau dem ersten Umsteigebahnhof COTTBUS entgegen. Ich schaute ein wenig verträumt aus dem leicht beschlagenen Fenster und sah den großen kugelförmigen Wasserturm vom RAW, dort wo Vater einst seine Berufsausbildung begonnen, er lange Zeit gearbeitet und wir Kinder ihm oft das Mittagessen hingebracht hatten. Allzu gern wäre ich ausgestiegen, um dort lieber als Lehrling in der Werkhalle ein Werkstück einzuspannen, zu messen und zu feilen. Aber die Würfel waren ja gefallen und meine Gedanken eilten voraus, dahin was da kommen sollte. Der Personenzug rumpelte und ratterte unentwegt weiter dem neuen Ziel entgegen. Ich gebe es ja zu, mit dem Heimweh hatte ich schon als kleiner Bub zu kämpfen. Zuerst krabbelt es im Bauch und dann kriecht es unaufhörlich immer höher und höher, bis es fast im Halse stecken bleibt Eigentlich wollte ich es gar nicht, aber zuerst wird langsam das eine Auge feucht und schnell auch das andere, später rollt eine Träne über die linke Wange, man spürt nur das heiße Nass. Ich schaute ganz gebannt aus dem Fenster, damit ja nicht die anderen merkten, wie schwach ich bin. Verstohlen suchte ich nach dem Taschentuch, natürlich fand ich es wieder einmal nicht, weil es dummerweise in der Manteltasche steckte. Zum Glück hatte es ja keiner bemerkt, weil wohl ein jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Was soll man da machen, so ist das halt mit dem Heimweh, wenn Vater, besonders aber Mutter nicht mehr in der Nähe sind. Endlich war die erste Etappe erreicht und auf dem ungemütlichen Bahnhof Cottbus warteten wir auf den Fronturlauberzug, der uns in einer mehrstündigen Fahrt bis nach ODERBERG an die tschechische Grenze brachte. Von dort aus fuhren wir mit dem Bummelzug nach ORLAU. Dort hieß es hurtig aussteigen und die Bimmelbahn eilte weiter in die Kreisstadt TESCHEN. Mit Sack und Pack, den Geigenkasten schön unterm Arm, marschierten alle zukünftigen Jungmannen einen schier endlosen Weg bergauf, dem neuen Domizil entgegen. Auf dem Hügel stand ein langgezogenes, zweistöckiges Gebäude, das früher einmal ein Mädchen-Lyceum beherbergte. Jenes Internat, das für mehr als 150 Jungmannen, Lehrer und Ausbilder, räumlich sehr spartanisch ausgestattet, ab nun das neue Zuhause für mich und meine Kameraden war.
Wesen und Charakter der LBA
L B A war die manifestierte Abkürzung für die authentische Bezeichnung "Lehrerbildungsanstalt". Vordem tauchte auch für kurze Zeit der Name "Aufbaulehrgang" auf. Wohl wegen der verhältnismäßig kurzen Ausbildungszeit der Zöglinge zum Beruf eines Volkschullehrers. Der Begriff LBA wurde aber schon seit dem 1. April 1939 gebräuchlich für solche staatlichen Einrichtungen. Es waren Bildungs- und Erziehungsstätten im Sinne der Nationalsozialistischen Ideologie zur Ausbildung und Heranziehung des Nachwuchses der Lehrerschaft. In der weiteren politischen Entwicklung des Dritten Reiches wurde klar, wofür die auszubildenden künftigen Lehrer gebraucht wurden. Sie waren für die Verkündung des deutschen Volkstums als Propagandisten und Lehrende in den eroberten, besetzten Ostgebieten vorgesehen. So war auch der politisch-pädagogische Inhalt der Bildung und Erziehung in jenen Einrichtungen programmiert. Sie galten als "Anstalten", Lehrer-Bildungsanstalten, wie sie die offizielle Bezeichnung einst zu meiner Lehrzeit deutlich machte.
Die Auswahl der Schüler - übrigens gab es auch gleichgerichtete Einrichtungen dieser Art für Mädchen, jedoch immer getrennt an anderen Orten - erfolgte nach den Kriterien vorbildlicher Leistungen in allen Wissensgebieten und körperlicher Ertüchtigung. Die Mitgliedschaft in der nationalsozialistischen Kinder DJ - oder Jugendorganisation -HJ- war verbindliche Voraussetzung. Die Fähigkeit für die Aufnahme an einer LBA mußte zuvor in einem 3-4 wöchigen Aufnahmelehrgang bewiesen werden. Meine Aufnahmeprüfung habe ich ja eingehend beschrieben. Welch ein Glück oder auch nicht, daß ich sie damals bestanden habe, ich wäre doch zu gern etwas anderes (Straßenfeger, Schrottverlader, Autoschlosser, auch Lumpensammler) geworden. Aus heutiger Sicht bin ich ein wenig Stolz, Lehrer, Kindergärtner, Erzieher geworden zu sein.
Bemerkenswert erscheint mir auch, daß viele Lehreinrichtung dieser Art im östlichen Teil Deutschlands angesiedelt waren. Unsere Einrichtung lag geografisch gesehen im Dreiländereck Polen-Tschechoslowakei - Deutschland. Hier, in dem durch die Bildung des Protektorates Böhmen und Mähren okkupierten Olsa-Land um Cieszyn (Teschen), wurde in dem Städtchen Orlova (Orlau) im größten tschechischen Kohle- und Erzbergbaugebiet um Ostrava (Mährisch-Ostrau) und Karvina (Karvin) 1939 diese, eine von vielen - LBA'S gegründet. Ausersehen dafür waren rekurierte Gebäude höherer tschechischer Lehranstalten. In diesem Gebiet im Dreiländereck zwischen den Ost- und Westbeskiden lebten Tschechen, Polen und Volksdeutsche. Dieser umfangreiche Anstaltskomplex, mit seinen mehreren Nebengebäuden sollte für uns Jungmannen nun zur Heimstätte für die nächsten fünf Jahre sein.
Als "Jungmannen" wurden die männlichen Zöglinge an einer LBA bezeichnet. Wie die weiblichen Zöglinge zur damaligen Zeit benannt wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich nehme aber an :"Jungfrauen", ich könnte mich natürlich aber auch irren?
Die Schulklassen galten als Jungmannzüge, die von je drei Kameradschafts- und einem Jungmannzugführer geleitet wurden. Die Gesamtheit der Züge bildete die Jungmannschaft mit dem Jungmannführer an der Spitze. Meine vorgesetzten Führer waren alle recht patente Kameraden, wobei ich zwei davon besonders mochte und achtete, denn sie waren außerordentlich künstlerisch begabt. Das galt für ihr musikalisches, so wie aber auch malerisches Gestaltungsvermögen. Noch heute erinnern mich einige Bilder und Motive an ihr damaliges Schaffen in der gemeinsamen Zeit in der LBA.
Die Dienst-, Gestaltungs- und Aufsichtspflicht oblag den Zugführern. Sie waren auch vielfach die Lehrer für die umfangreichen Unterrichtsfächer und teilweise für die interessante Freizeitgestaltung, die immer eine intensive Lehrvermittelung beinhaltete. All das, was ich in dieser Zeit an wissenswertem gelernt habe, möchte ich noch heute nicht missen. Die Zugführer sorgen stets für Disziplin, Ordnung und eine gewisse Selbständigkeit in ihrer zuständigen Einheit. Das war zwar wichtig, war mitunter aber auch wie der "kategorische Imperativ der Pflicht!! Nicht ein jeder konnte ihn ertragen. Ich war zu jener Zeit zu schüchtern, zu klein und wohl auch zu lustig, um mich diesem zu widersetzen.
In der Regel kamen die Schüler aus dem umliegenden Territorium. In unserer LBA Orlau waren es zuerst zwei Züge aus Oberschlesien, die dann später, durch die Kriegswirren bedingt, mit weiteren 3 Zügen aus Pommern, und der unsrigen Einheit (Zug) aus dem Lande Brandenburg ergänzt wurden. Vom jüngsten Zug (altersmäßig gesehen) bis zum ältesten zählten die Züge 1 bis 5 anfänglich ca. 24O Teilnehmer in der gesamten Jungmannschaft. Das war schon ein schlagkräftige Truppe. Jedoch in den nachfolgenden Kriegsjahren wurde die Zahl der Jungmannen immer geringer. Und die traurige Bilanz war für uns, daß die ersten Nachrichten vom "Heldentod" unserer Mitstreiter und Lehrer eintrafen. Für mich war das immer sehr deprimierend, weil ich mir nie vorstellen konnte, daß der Kurt, der Hanns, der Joachim nie wieder zu uns in die Anstalt kommen würden, so wie es oft die ersten Kommilitonen nach ihren ersten Ausbildungsjahren, zwei auch in ihrem Fronturlaub taten.
Zurück zum Anstaltsleben. Alle Jungmannen trugen eine graue Anstaltskleidung, eine Jacke mit Koppelhaken und einem grünen Kragenbesatz. Dazu eine kurze oder lange Hose für die verschiedenen Jahreszeiten. Zu den festlichen Anlässen gab es eine Ausgangsuniform, auf der am linken Ärmel der Uniformjacke ein gelbgestickter Armstreifen auf schwarzem Samtband mit der Aufschrift: "AUFBAULEHRGANG" - später ab 1942 "LEHRERBILDUNGSANSTALT" getragen wurde. Findige Stickereien brachten den Ärmelstreifen in Silber und mit dem Anstaltsnamen "ORLAU" heraus. Ach, was waren wir stolz im Urlaub, nein Ferien, mit dieser Anstaltsuniform durch die Heimatstadt zu streifen. So manches Mädchen schaute uns hinterher, nur bei mir seltener. Ich war ihnen noch zu kindlich und wohl auch zu klein ?
Über die Aufgaben unserer Lehrer als Ausbildungsleiter, ihre Arbeit, ihre Sorgen, Schwächen und Nöte hat einmal ein Jungmann, ein Freund, mit dem ich heute noch in brieflicher Verbindung stehe, recht eindrucksvoll und anschaulich, zu mindestens lesenswert berichtet. Er lebt seit geraumer Zeit in Wittstock an der Landesgrenze Brandenburg Pommern. Schauen wir es uns einmal an, aus welcher Sicht er unser gemeinsames Anstaltsleben in der LBA Orlau betrachtet:
- Ein Bild über die LBA -
Am 09. April 1997 hatten wir ein Treffen ehemaliger Jungmänner unseres Zuges. Dazu übergab uns der Jungmann (nun schon über die 70) eine Mappe "zur freundlichen Erinnerung" und daraus habe ich nachfolgende Episoden über unsere Lehrer und Ausbilder entnommen :
Episoden a us dem LBA-Leben
Wir Jungmannen, obwohl wir keine ausgewachsenen Männer waren, freuten uns wie kleine Kinder der Unterstufe auf die so langersehnten Sommerferien. Ganze sechs Wochen hatten wir für uns, konnten uns treiben lassen und nun endlich einmal das tun, wonach wir Verlangen hatten.
Na gut, ganz so war es denn doch nicht. An unserer Anstalt gab es, für jeden, der seine freie Zeit genießen wollte, zuvor bestimmte Aufträge, Regeln, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen. In den letzten Wochen vor dem Schuljahresabschluß, bevor wir in den nächsten Zug- sprich Klasse - übergehen konnten - natürlich nach entsprechendem Leistungsnachweis - mußten alle, ohne Ausnahme, Heilkräuter sammeln. Die dann auf einem lichtdurchfluteten Dachboden über unseren Schlafstuben ausgebreitet, zwischenzeitlich gewendet, mühsam aufgelockert wurden, bis sie knistertrocken waren. Wer da den Auftrag hatte, stets korrekt und pünktlich nach dem Rechten zu sehen, war umgeben von einem feinen, duftenden Staub und meistens nach getaner Arbeit wie benebelt.
Ein jeder, der Schulleiter betonte jeder, mußte an die ..zig Kilo Rohmaterial, ich weiß nicht mehr genau wieviel, beim Wiegemeister abliefern. Der war übrigens einer der unsrigen aus dem Ausbildungszug, der mit einer Zugwaage hantierte und es bei den anderen Jungmannen sehr genau nahm. Nur bei uns war er tadelsfrei großzügig und übersah so manchen Kieselstein, den wir zwischen den Blättern und erbeuteten Pflanzen kühn versteckt hatten. Kleine Pflanzen, wie z.B. Kamille, Rotklee, Gänseblümchen waren nicht ergiebig genug. Die schlauen, und dazu gehörte ich auch einmal, sammelten die handflächengroßen Huflattichblätter, die brachten garantiert schnell das notwendige Gewicht. Die Botanikfanatiker, zukünftige Biologielehrer, ernteten nur die Blüten der wilden Pfefferminze, Lindenblüten und andere kostbare aromatische Gewächse. Das war natürlich viel aufwendiger, dafür waren sie bei den Biologielehrern bestens angesehen, was sich wiederum auf die Unterrichtsnote im Fach auswirkte. Darauf verzichteten wir kühn, uns war ein schnelles erfolgreiches, kilobringendes Ende viel lieber.
Gewiß, das Sammeln und Suchen in der Natur hatte für die schulische Seite auch seine guten Seiten. Wenn ich heute so durch die Felder und Wälder streife, mir die Pflanzen und Bäume ansehe, dann fallen mir noch oft die verschiedenen botanischen Bezeichnungen ein. Die Wintereiche - Quercus Robur oder auch Steineiche genannt, die Sommereiche Quercus sesilifl. Die Birke Betula vericosa. So einiges ist halt doch noch hängen geblieben.
Segelfliegen erlernt
Wer sein Pensum an Kräutersammeln hinter sich hatte, durfte nun die zweite Hürde bis zum eigentlichen Beginn seiner Sommerferien nehmen. Es gehörte zur angenehmen Pflicht, daß ein jeder von uns in der ersten freien Zeit einen Lehrgang freiwillig besuchen sollte. Die Auswahl war nicht allzu groß, dafür aber interessant. Ich wollte nicht wandern oder bergsteigen, nein, ich wollte unbedingt das Segelfliegen erlernen.
Mit meinen Kameraden machten wir uns mit einer handvoll von notwendigen Utensilien auf, um in den Ausläufern der nahegelegenen Beskiden an einem Segelfliegerlehrgang teilzunehmen. Die Entscheidung dafür fiel mir nicht schwer, war ich doch ein leidenschaftlicher Modellbauer und in meiner Erinnerung hatte ich doch noch das Erlebnis mit dem Piloten der Ju 52, der in meiner Heimat auf dem Notlandeplatz seiner Ju entstieg. Vielleicht hatte ich auch im Hinterkopf auch einmal so ein Flieger zu werden? Egal, ich weiß es nicht mehr.
So zogen wir dann an einem sonnenüberfluteten Morgen in die Berglandschaft der Beskiden. Als wir dort ankamen, lag vor uns eine lang gezogene Senke, endend in einem wunderschönem Tal, eingebettet von Almwiesen. In der Ferne kleine, zierliche Gehöfte, Blockhäuser und weidende, buntscheckige Kuhherden. Das war ein beeindruckendes Erlebnis. Wir vergaßen, daß wir ja zum Erlernen des Fliegens gekommen waren. Als wir nach oben gegen den Hang schauten, sahen wir eine geräumige Blockhütte und eine vom Regen und dem Wind gebeutelte, spindelgedeckte Scheune, in der für uns Flugschüler gedachte Flugapparat stand. Es war ein damals schon weltweit bekannter SG 38, ein Schulgleiter ohne Wanne.
Zum Bestaunen ließ uns der Fluglehrer erst gar keine Zeit. Sachen ablegen, das Nest für die kurze Nachtzeit ansehen und schon ging es raus auf den Hang. Mit vereinten Kräften wurde der Gleiter ins Freie gebracht und wir Ankömmlinge standen nur mit einer Turnhose bekleidet seitlich der Tragflächen und lauschten den Worten unseres Fluglehrers. Es war die erste Einweisung, Belehrung und gleich folgend die Aufgabenstellung.
Jeden Morgen begann nach einem kräftigen Bauernfrühstück das gleiche Ritual und für uns wißbegierige das Lernen, Arbeiten, Gleiten und später richtiges Schweben und Fliegen. Was spielte sich so Tag für Tag bei einem wunderbaren Sonnenwetter ab? Am hinteren Ende, unterhalb des Leitwerkes saßen vier Eleven und hielten an zwei Strickenden den Schulgleiter fest. Vorn an der breiten Landekufe wurde ein zweiteiliges Gummiseil eingeklingt. das in einem spitzen Winkel auseinander gelegt wurde, wo je sechs Jungen sich gegenüberstehend Aufstellung nahmen. Unser Fluglehrer, mit ausgezeichneten pädagogischen Fähigkeiten, gab letzte Anweisungen für den Flugschüler, der bekleidet mit Turnhose und festem Schuhwerk ein wenig blaß auf dem Sperrholzsitz Platz genommen hatte. Seine Prachttolle zierte ein lederner, schwarzer Sturzhelm, fest angeschnallt, die linke Hand am Sitz, die rechte umfaßte den Steuerknüppel, seine Füße auf die Pedalen für die Seitensteuerung gestützt, so wartete er auf den Start. Alle hatten ja zuvor das Pendeln, das Gleiten am Boden und den ersten Hüpfer erlernt. Das war ja alles noch nicht so schlimm und wahrlich bei genügender Aufnahmebereitschaft zu begreifen. Außerdem war man ja immer noch mit der lieben Mutter Erde eng verbunden. Gar kein Grund zur Panik!
Jetzt ging es aber an den ersten Start. Also zwischen Erde und Flieger war Luft, Aufwind und über uns der blaue Himmel. Na bis ganz so hoch sollte es ja nicht gleich gehen. Doch aufgeregt war schon jeder beim ersten Hochstart. Es geht los.... Der Fluglehrer: "Ausziehen....... Laufen, schneller!" Der Chef stand immer an der rechten Tragfläche und brachte den Apparat ins Gleichgewicht. Lautstark, exakt erfolgten die Kommandos. Wir trabten und spurteten so schnell es das Gummiseil zuließ hangabwärts. Der Fluglehrer rief zur Haltemannschaft: "LOOOS !" Wenige Sekunden später schwebte, gleitete, doch besser gesagt schoß der SG 38 über unsere Köpfe, das Seil knallte mit dem Kupplungsring zur Erde und die Seilmannschaft sah den wagehalsigen Flugschüler ins Tal hinab gleiten. All das dauerte nur wenige Minuten und schon setzte der mächtige Flugapparat, mitunter ein wenig hüpfens, holprig zur Landung an - nach mehreren Starts und Landungen immer eleganter -, und kippte langsam auf eine Tragfläche. Gleich darauf rannte die Haltemannschaft mit dem "Pullermann", ein kleiner zweirädriger Karren, auf dem unser Flieger aufgebockt wurde und mit vereinten Kräften den Hang hinauf zu einem neuen Start gebracht wurde. Wir waren so begeistert, so daß uns das ewige bergab und hügelaufwärts laufen mehr Spaß als Last machte.
Abend saßen wir dann noch oft vor dem Blockhaus, sahen wie die Sonne goldenrot hinter einer Bergkuppe verschwand, und erzählten Geschichten von tollkühnen Fliegern, Piloten, wie wir auch einmal werden wollten. Unser Fluglehrer holte uns immer wieder sehr schnell in die Wirklichkeit zurück. "Die Fliegerei," so meinte er, "sei zwar eine wunderbare Erlebniswelt jedoch oft und immer wieder mit tragischem Geschehen verbunden". Wir Burschen drängelten ihn dazu, uns doch bitte eine solche Begebenheit zu erzählen. Er wollte nicht so richtig mit der Sprache rausrücken. "Das ist für euch junge Kerle, die ihr so lebensfroh seid , viel zu traurig." Aber nach einer nachdenklichen Pause, ließ er sich doch hinreißen, und berichtete über ein Erlebnis, das geschehen, als er einst Flugschüler gewesen war, wie wir. Ich glaube , er tat es nur, um uns zur ständigen Vorsicht zu ermahnen:
In seiner Ausbildungszeit passierte beim Start des Schulgleiter "SG 38" ein tragisches Unglück mit einem tödlichem Ausgang. Ein Flugschüler hatte nach dem Start den Steuerknüppel nicht genügend angezogen, so das die Kiste nach dem Kommando "Loos" dicht über dem Erdboden auf die Laufmannschaft zuschoß. Obwohl der Ausbilder der Mannschaft laut zurief: "Hinlegen, hinlegen, bleibt liegen!!!"....Hat einer der Jungen den gellenden Ruf nicht wahrgenommen oder befolgt? Eine Antwort darauf gab es nie. Die Verspannung an den Tragflächen des SG 38 trennten den Flugschüler, einen engen Freund unseres Fluglehrers, den Kopf ab....... Wir alle waren still geworden und gingen nachdenklich und leis in die Betten. In dieser Nacht träumte ich von vielen Menschen, das schlimme war, sie hatten alle keinen Kopf.
Am nächsten Morgen sahen wir wieder hell und klar die Sonne und wir schwebten wieder durch die Lüfte. Alle absolvierten die Flugprüfungen und bestanden den ersten Flugschein, das war ein Abzeichen mit einer Schwinge auf blauem Grund, und später habe ich auch noch die "B" erworben - zwei Schwingen auf blauem Grund. Aber ein echter Flieger bin ich nie geworden. In den 30iger Jahren endete mit einigen Flugstunden auf dem Segelfliegerplatz in der Nähe von Kyritz mein Fliegerleben.
Weihnachten 1942
Wir Jungmannen sind nur zweimal im Jahr nach Haus in unsere Heimatstätte in die Ferien gefahren. Das war für uns immer eine riesengroße Freude. Ich konnte nächtelang zuvor nicht richtig schlafen. Gar vieles ging einem durch den Kopf. Die lange unterhaltsame Bahnfahrt, die Ankunft daheim, das Lieblingsessen, der Besuch bei Freunden und Bekannten und das Bummeln und Angeben in der Stadt.
Die lange Bahnfahrt liebten wir, da es ja eine fesselnde Unterhaltung seitens der Mitreisenden gab. Das waren überwiegend Fronturlauber, die vom Süden aus Italien nach dem Norden oder zum Heimaturlaub unterwegs waren. Soldaten, Offiziere der verschiedensten Waffengattungen, in den unterschiedlichsten Wehrmachtsuniformen, das typische Feldgrau, die himmelblauen leuchtenden Farben der Luftwaffe und auch das tiefe Dunkelblau der Marine. Für mich war die schwarze Uniform der Panzermänner mit den schmucken Baretten imponierend . Später, so habe ich es mir ausgemalt, würde ich einmal ein Panzerfahrer sein, obwohl ich doch vor dem Eingeschlossensein in einem solch kettenrasselnden Eisenkolloss Angstgefühle hatte. Naja, ich mußte ja nicht gleich einsteigen. Gemocht haben wir Jungen aber am liebsten die Flieger. Die hatten in ihren Taschen und Proviantbeuteln so handflächengroße, runde Büchsen bei sich, auf denen Stand: "SCHOKOLADA" Mmh..., die schmeckte so traumhaft halbbitter und nur ein wenig süßlich. Ein Stück davon füllte den ganzen Mund aus und machte sogar schon einen Vorgeschmack auf Weihnachten, und das alles zu einer Zeit, wo in der ganzen Welt noch der II. Weltkrieg tobte. Unsere tapferen Krieger, gaben uns recht reichlich davon, sie hatten ihre Freude daran, wie es uns mundete und wie glücklich unsere Augen strahlten in dieser doch recht schweren Zeit. Als Gegenleistung haben wir ihnen lustige Geschichten aus dem Anstaltsleben erzählt und da wir oft unsere Geigen mitnahmen, musizierten wir um die Wette. Bald war der Waggon voller Lust und Heiterkeit, ein Singen und Jubilieren schallte durch den langen Gang des Fronturlauber-Zuges. Je besser wir erzählten, je lauter wir aufspielten um so reichlicher floß die Schokalada. Mitunter mochte man vergessen das Krieg sei.
Die Ferien zu Haus in der Weihnachtszeit in Senftenberg waren eine erholsame, fröhliche Zeit. Für die kleine Schwester hatte ich im Werkunterricht selbstgebasteltes Holzspielzeug, einen Hund, der mit dem Kopf und dem Schwanze wackelte, als Weihnachtsmannüberraschung mitgebracht. Zur Kriegszeit gab es ja kaum noch dieses Spielzeug für die Kleinen. Für die Eltern hatte ich bei einem Ausflug in die Beskiden eine Glaskugel, in der Schneekristalle rieselten und die berühmte Schneekoppe zu sehen war, gekauft. Vielleicht, aus heutiger Sicht ein wenig kitschig, aber die Eltern haben sich dennoch gefreut., ihnen hat sie gefallen. Mit dem Schenken war es in jenen Kriegstagen sowieso nicht mehr so toll, daß war aber auch gar nicht so vorrangig. Ich lebte sehr gern zu Haus. Alles war so heimisch, die kleine Küche, die niedrige Wohnzimmerstube und der stetige Geruch nach Gebratenem und Gesottenen. Mutter zauberte immer ein fabelhaftes, wohlschmeckendes Essen auf den Tisch und wir alle waren ihre dankbaren, stets hungrigen Mäuler.
Mächtig stolz war ich immer, daß die lieben Verwandten, Bekannten und Freunde den kleinen Studius in der schicken Anstaltsuniform bewunderten. Auf dem Armstreifen der Jacke stand doch "Lehrerbildungsanstalt", der silbergrau glänzte. In der Familie gab es also einen, der Lehrer werden sollte. Damals war der Lehrerberuf noch ein sehr geachteter und halt auch noch etwas besonderes. Heute sieht die Sache schon ein wenig anders aus. Wohl auch die PISA-Studie hat dazu beigetragen. Nun sind nicht mehr wir Eltern am Versagen und weniger Wissen unserer Kinder schuld, sondern vielmehr die Schule, die Bildungseinrichtungen und halt die lieben Lehrer. Wie sich doch die Zeiten so schnell ändern!
Allzu schnell gingen die Winterferien zu Ende und die Lehrerbildungsanstalt im fernen ORLAU rief wieder zu neuen Taten und natürlich auch zum Lernen. Noch heute bin ich allen Lehrern, Ausbildungsleitern und den Mitarbeitern dankbar für das, was sie uns gegeben, anerzogen und manche Fehlleistung von mir korrigiert haben. Es waren mehr heitere als traurige Stunden, es waren erlebnisreiche, bildende Tage und Monate und es vergingen Jahre, die uns zu jugendlichen Männern reifen ließen, die ich nie missen möchte.
Leider war es der sinnlose Krieg, der jäh die Vollendung unserer Ausbildung zum Volksschullehrer unterbrach und viele von den so lernbegierigen Jungmännern in die Wirren des Völkermordens führte. Gewollt oder auch nicht gewollt, ein jeder übernahm ein neues, ungewohntes Aufgabenfeld und mußte oft für sich allein entscheiden das richtige zu tun. Ich wurde in der Sommerzeit des Jahres 1944 zum Ostwalleinsatz geschickt.
Ostwalleinsatz
Unser Auftrag lautete, im Osten von Schlesien einen tiefen, breiten Panzergraben auszuheben und durch Faschinen zu befestigen, der feindliche russische Panzer T4 aufhalten sollte, um dennoch den bereits verlorenen Hitler-Krieg zu gewinnen. Wir Jungmänner der LBA Orlau glaubten immer noch an den Endsieg und gingen unverzagt an die tägliche Arbeit des Buddelns und Schippens.
Eigentlich war ja für uns diese Zeit gar nicht so schlimm, wie sie eigentlich in jenen letzten Kriegsjahren und Tagen sein sollte. Die LBA-Zeit war wohl nun endgültig vorüber, da ja der Krieg in seinen letzten untergehenden Zügen hing. Aber wir Jungmannen ließen uns nicht unterkriegen, merkten es auch nicht, konnten es in unserer Naivität nicht begreifen und wollten es schließlich auch gar nicht wahrhaben. - So zogen wir morgens mit einem Spaten oder einer Schippe bewaffnet in einen nahegelegenen Wald unseres Quartiers und schippten, wühlten wie die Maulwürfe uns immer tiefer in die vom Herbst überstrahlte, warme Muttererde, bis in den goldgelben sandigen Boden des Schlesierlandes. Keiner von uns konnte sich so richtig vorstellen, wie in ein solch langgezogenes Loch einmal später ein Panzer, ein solch gewaltiger Kollos, reinfallen sollte. Wir schufteten einfach auf Teufel komm raus und hatten dabei noch unseren Spaß, wenn einer kopfüber aus Übermut in den Graben fiel. Alle lachten und der Betroffene mußte den Spott über sich ergehen lassen.
Für uns ewig Hungrige war aber das allerbeste immer wieder der sehnsüchtig herbeigewünschte Feierabend. Denn auf uns wartete ein, auf einem alten, riesigen Bauernhof, von einer netten Bäuerin zu bereitetes, Mittags- und Abendmahlzeit zugleich.
Noch heute sehe und spüre, rieche ich, wie die wohlschmeckenden für mich riesengroßen, bläulichen Feuerbohnen mit Speck, Schinken und Kartoffelstückchen angesetzt und aus einem gußeisernen, brodelnden Eisentopf auf den groben hölzernen Tisch gestellt wurden. Das kann sich keiner vorstellen und es ist wohl auch unbegreiflich, mit welchem Heißhunger wir uns trotz aller Müdigkeit den Magen voll schlugen. Obwohl 5 manchmal 8 hungrige Mäuler, die in der Bauernwirtschaft einquartiert waren, hatte ich nie das Gefühl, daß der rußige, schwarze Topf jemals leer wurde. Nur wer damals diese Zeit miterlebte, weiß und kann erahnen, wovon ich hier berichte.
Und noch eines ließ die Abende so angenehm und freudig wartend erscheinen. Da gab es in der Nähe des Bauernhofes wohnend, ein brünettes Mädchen, daß auf den wunderbaren Namen Eva-Maria nach meinem zaghaften Rufen hörte. Wir hatten uns eigentlich nur wenige Male in nächtlicher Stille gesehen, aber das Krabbeln der so berühmten Schmetterlinge im Bauch, war ein jedes Mal da, und war in jenen Tagen ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Dicht aneinandergepreßt spürten wir die körperliche Wärme, eine Glückseligkeit, die uns ringsum alles vergessen ließ. Ostwalleinsatz, Krieg, Himmel und Erde existierten für uns nicht, nur wir beide hatten uns unendlich lieb. Ich war 15jährig - vielleicht war sie auch schon 16 oder gar 17. Damals habe ich nie nach ihrem Alter gefragt. Wir haben uns nie wieder gesehen. Jahre später habe ich erfahren, daß sie eine bekannte Pianistin geworden sei.
Doch die Wochen des Ostwalleinsatzes waren plötzlich vorbei. Als ich eines Vormittags den Einberufungsbefehl zum RAD - Standort Tillowitz/Oberschlesien in den Händen hielt, war ich sehr traurig, wegen des Abschieds von Eva-Maria einerseits, andererseits wiederum sehr stolz; denn nun kam endlich die langersehnte Bewährungsprobe für Volk, Führer und Vaterland zu streiten auf mich zu. Welch eine Blasphemie?
Der Abschied von meiner ersten Liebe war zwar recht schmerzhaft, aber große, gigantische Aufgaben warteten ja auf mich und wir glaubten ja zu der Zeit immer noch an ein Wiedersehen. Leider vergebens, ich jedenfalls habe sie nie in meinem bisherigen Leben zumindestens bis jetzt nicht wieder gesehen. Was soll's, ich fuhr heim zu Muttern, um endlich wieder einmal in einem wollig-warmen Federbett zu schlafen und die gute wohlschmeckende Hausmannskost von Mama zu genießen. Die unvollendeten, ausgehobenen Panzergräben unseres Ostwalleinsatzes haben weder einen russischen Panzer aufgehalten noch den faschistischen Krieg verzögert. Das Vordringen der Roten Armee gen Westen, der Sturm auf die Reichshauptstadt Berlin wurde zur Unvermeidlichkeit. Ich habe und hatte es damals nicht erkannt, und so bereitete ich mich auf meinen nächsten Einsatz, auf den Einzug zum RAD mannhaft vor. Aus meiner Heimatstadt Senftenberg begann nun wieder eine Fahrt ins Ungewisse!
Die Zeit im RAD
Gestern noch mit Spaten und Schippe beim Ostwalleinsatz, die Liebste verlassen und heute schon mit dem D-Zug über Oppeln, Breslau, Liegnitz in Richtung heimatliches Senftenberg, um abends die müden Füße unter Mutters Küchentisch zu stecken. Vater war ja nicht mehr da, war in Rußland gefallen. Zu Hause war natürlich die Freude groß, doch da steckte ja noch der Einberufungsbefehl zum RAD irgendwo in der Tasche. Zwei oder waren es drei ungetrübte Tage, ich weiß es gar nicht mehr so genau und schon saß ich wieder im Zug nach Tillowitz bei Oppeln. Wie lang wohl diese Zeit dauern wird, daß konnte ich beim Eintreffen in ein exakt zweireihig, gradlinig stehendes Barackenlager nicht erahnen. Im Westen und an der Ostfront tobte der grausame Krieg und der Ring um Deutschland zog sich immer enger zu.
Als ich so die Strecke von Cottbus , Liegnitz, Breslau, Oppeln zum wiederholten Male im D-Zug saß, erinnerte ich mich an die Fahrten mit dem Fronturlauberzug, der damals bis nach Wien fuhr. Die mitfahrenden Fronturlauber zeigten uns, aus dem Fenster sehend einen Ort, wo Kaminschornsteine rauchten. Ein in der grauen Ferne vorbeihuschendes Konzentrationslager. Sie sprachen und tuschelten untereinander; uns aber war nicht klar, was sie meinten. Davon habe ich auch erst Jahre später, nachdem ich aus der französischen Gefangenschaft heimkehrte genaueres erfahren.
Wir mußten immer in Oderberg, in der Nähe der tschechischen Grenze aussteigen und in den Personenzug umsteigen, der uns nach Teschen/Orlau brachte, wo für uns Endstation war. Zurück zur Arbeitsdienstzeit. Das Einkleiden, die Zuweisung eines auszuwählenden Doppelstockbettes (oben oder unten), gegenseitiges Beschnuppern, d.h. Bekannt machen, der Empfang des blitzblanken Spatens waren halt zwangsläufige Gepflogenheiten und Rituale, die sich noch öfter in meinem Leben wiederholten. Kaum hatten wir Neuankömmlinge diese routinierte Prozedur überstanden, ging unser Vormann zur Tagesordnung über: Bettenbau, Stiefel- und Koppelzeug putzen, Stubendiensteinteilung, Exerzieren, naja, das waren für mich altbekannte Tätigkeiten aus der LBA-Zeit, die ich gut überstehen konnte. Neu hinzu kam das traditionsgemäße "Spatenklopfen" als einzelner Arbeitsmann und später in der Truppenformation. Dabei haben wir uns ganz schön blöd angestellt und körperlich verbogen. Mein Vormann, das war unser Gruppenführer, zeigte mir einen Spezialgriff, wie man blitzschnell einen Spaten, verblüffend elegant, schultert. Der sah in seiner Ausführung sehr exzellent aus, wenn man ihn gekonnt, vollendet beherrschte. Den kann ich noch heute wieselflink ausführen. Bei Gartenarbeiten führe ich ihn hin und wieder, aus lauter Übermut, begeisterten Zuschauern vor. So schnell können sie vor Staunen den Mund schließen - wie ich den "Spatengriff' klopfe. Beim Arbeitsdienst habe ich recht viel nützliches gelernt, was mir später immer wieder einmal zu Gute kam. Angenehm, weil dadurch Abwechslung in den recht eintönigen Dienst- und Appelltag eintrat, waren der Verpflegungs- und der Postempfang. Wöchentlich gab es zusätzlich eine Sonderration in Form einer Packung Zigaretten der Marke "S T A M B U L ". Unter vorgehaltener Hand, flüsternd, das es ja auch absolut keiner hörte, wurde der Markenname provokatorisch übersetzt, der da lautete: "Stalins Armeen marschieren in Berlin Unter den Linden". Da ich zu der Zeit noch Nichtraucher war, sammelte ich Schachtel für Schachtel in meinem Spind. Vielleicht wußte ich schon damals, daß sie ein wertvolles Tauschobjekt in jenen Tagen der Sorgen und Nöte waren? Was waren wir doch damals schon für ungewollt mutige Arbeitsmänner, besser gesagt ahnungslose Kerle. Ich weiß nicht, ob es besonders mutig war so zu handeln, eine solche Interpretation der STAMBUL-Zigarette vorzunehmen, jedenfalls hat uns gutgläubigen Jungen an das Naziregime keine Gestapo abgeholt. Wir waren ja auch keine Wiederstandskämpfer, obwohl einige meiner Mitstreiter heimlich Feindsender abhörten. Ich natürlich nicht, denn dazu war ich viel zu feige. Außerdem hatte ich nach reichlich 6-wöchiger Grundausbildung, die gar schnell ins Land gezogen waren, keinen Grund dazu. Und so verließen wir, nach Vollendung der kurzen Arbeitsdienstzeit die kleine Barackenstadt mit einer getrübten Freude im Herzen. Zu Hause lag schon wieder ein erneuter Einberufungsbefehl zur Wehrmacht, zum 83. Jäger-Ersatz-Battallion - Standort Trautenau vor. Als ich das las, staunte ich nicht schlecht und freute mich riesig, denn nun ging es endlich einmal in die Berge, wo ich so gern einmal hin mochte. Genau genommen, wußte ich nicht einmal wo Trautenau lag. Aber mit der Bezeichnung Trautenau am Inn und Jäger-Ersatz-Battallion hatte ich die Assoziation "Gebirge". Ernüchterung trat für mich erst ein, als ich las, daß mein neuer Standort Görlitz im Sächsischen war. Naja, eigentlich dachte ich bei mir, bist du halt näher an der Heimat dran, auch gar nicht so schlecht
Von der altehrwürdigen Stadt Görlitz hatte ich zwar öfter schon einmal gehört, aber außer der Landeskrone und das durch die Stadt ein Fluß namens Neiße schepperte, was mir aus dem Erdkundeunterricht bekannt vorkam, hatte ich keine weiteren Vorstellungen. Jahre später bekam dieses Flüßchen für mich eine tiefsinnige Bedeutung, als Oder-Neiße-Friedensgrenze.
Für mich war nun erst einmal wieder von Wichtigkeit, daß nun endlich nach der Musterung das Militär, die deutsche Wehrmacht auf mich wartete. Als ROB – Reserveoffiziersanwärter - zu den "Stoppenhoppsern" wurde ich eingezogen, nein ward ich auserkoren und wartete gespannt auf das nun neu kommende. Immerhin war ich ja nun schon 16 Jahre alt und durfte ab jetzt ernsthaft mit der Waffe in der Hand das deutsche Vaterland verteidigen. Man schrieb bereits das Jahr 1944. Wie lang wird der Krieg noch dauern und werde ich auch noch zu einem richtigen Fronteinsatz kommen?
Soldatenzeit
Alsdann rückte ich September des Jahres 1944 in die Jägerkaserne in Görlitz ein und sah schon in der Ferne die Landeskrone. Ich hatte mich ja als Freiwilliger gemeldet, und wurde als ROB/Reserveoffiziersbewerber dem Jäger-Ersatzbatallion 83 /Trautenau als "Sandlatscher/lnfantrist“ zugeteilt und war leider kein Gebirgsjäger.
Die übliche Prozedur des Einkleidens, Waffenempfang, Einquartierung in einer 12-Mann-Stube mit den bekannten Eisenbetten und den hölzernen Doppelspinden, all das geschah im Eiltempo. Die Vorahnung eines schnellen Kriegsendes befiel mich mal wieder. Wie so oft, war ich wieder einmal der kleinste und jüngste - nun Soldat - und so ernannte mich der diensthabende Spieß paradoxerweise zum Stubenältesten. Eigentlich waren wir ja alle im Alter von 16 bis 18 Jahren, und in Bezug auf das Soldatenleben hatten wir wahrscheinlich noch alle die berühmten Eierschalen hinter den Ohren. Da unsere Truppe bereits die RAD-Zeit absolviert hatte, gab es für uns nunmehr keine Grundausbildung. Strammstehen, Grüßen, Marschieren und Gehorsamsein kannten wir und hatten also damit auch keine Schwierigkeiten. Den Umgang mit dem legendären Karabiner 98 mußten wir zum Glück nicht erlernen und wurde uns auch nicht eingedrillt, da unsere Kompanie mit dem neuen Sturmgewehr 44, einer neu entwickelte Maschinengewehrpistole arbeitete. Diese funktionierte als Gasdrucklader und führte ein gebogenes Magazin - Inhalt 24 Schuß - und verkürzte Gewehrmunition mit sich. Für uns "Kindersoldaten" ein riesiger Vorteil, weil dieses Ding sehr leicht war und viel einfacher, handlicher im Gebrauch. Man konnte damit Einzel- und Dauerfeuer gezielt, manchmal auch weniger, abgeben. Dazu sage ich aber später noch etwas!
Neben dem frühzeitigen, trillerpfeifigem Wecken, Kaffeeholen in einer länglichen Alu-Kanne und etwas zu lahmem Frühsport ging es immer sofort zur Sache, das heißt: Waffenkunde, die damit verbundene schnelle Ausbildung an der MP 44, die wir aus dem "FF" beherrschen sollten, zum Schutze unseres Soldatenlebens, naja und um auch den Feind zu töten, nein zu besiegen! Sonderbarerweise hatten wir jungen Burschen keine Angst vor einem Kriegseinsatz und dachten gar nicht an den Tod. Vielmehr bereitete uns das stundenlange Zerlegen der Waffe, das Übungsschießen auf dem nahegelegenen Truppenübungsplatz und die kampfmäßige Ausbildung des Anschleichens, Deckungsuchens, Robbens und Gleitens einen heldenhaften, manchmal sogar übermütigen Spaß. So war das halt! Wir waren ja eigentlich auch von Kindesbeinen an, über das Jungvolk, die Lehrausbildung an der LBA, der kurzen Zeit beim Reichsarbeitsdienst dahingehend erzogen, besser gesagt: getrimmt worden, so daß wir alles als selbstverständlich empfanden. Schwierigkeiten bereitete mir vielmehr die Soldatenkleidung, die ungewohnten, ewig drückenden Knobelbecher, die viel zu steif, zu klobig, zu hart, manchmal zu groß oder zu klein waren; sie drückten, scheuerten an allen Ecken und Kanten. Wie konnte ich diesem Malheur nur entrinnen? Auch das gab es beim Barras, beim gefürchteten Kommiss: Ein altgedienter, einäugiger Spieß - er hatte im Rußlandfeldzug durch eine Handgranate sein eines Augenlicht verloren, hieß es - verschaffte mir wohl aus Mitleid ein Paar Schnürschuhe mit den dazu gehörigen Gamaschen. Vielleicht hatte er daheim auch so einen jungen Burschen oder war halt kinderlieb.
Nach einem Stubendurchgang am späten Abend blieb der Spieß noch, auf einem Schemel hockend in unserer Mannschaftsstube und plauderte gewollt oder ungewollt über sein Soldatenleben. Dabei erfuhren wir, daß er ein richtiger 12-Ender (langgedienter) sei und wahrheitsgemäß, wie er in Wirklichkeit sein Augenlicht eingebüßt hatte.
In seiner Ausbildungszeit gab es einen tollkühnen Reichswehroffizier, der in seinem Exzerzier- und Ausbildungsplan wahnwitzige Einfälle einbezog. So verlangte er, daß seine Rekruten, seine Untergebenen Mut, Kühnheit und Reaktionsschnelligkeit in jeder Situation und Lage besitzen sollten. Unser Spieß erinnerte sich: Bei einer Übung mit scharfen Handgranaten, stellte sein Ausbilder sich eine solche auf seinen Stahlhelm, entsicherte sie vorher und brüllte zur Mannschaft "Volle Deckung". Ausgerechnet traf unseren gutmütigen Spieß ein umherschwirrender Splitter, die schwere Augenverletzung war die unausbleibliche Folge. Daher stammte auch später der Name "der einäugige Spieß". Übrigens, sein Glasauge, daß irgendwo in einem Wasserglas schlummerte, trug er höchst selten. Nach einem strammen Gutenachtgruß verließ er die Mannschaftsbehausung.
Die Ausbildung ging Ruck-Zuck vorüber, denn Soldaten wurden ja an allen Fronten gebraucht. Ein geplanter Einsatz an der Ostfront kam nicht zustande. Für unsere Einheit war wohl der Westen vorgesehen. Wir waren ja alle ROB und da setzte sich die Latrinenparole durch, "wir kommen an die Westfront an die Ardennenfront" um dort die Wende des Krieges noch einzuleiten. Natürlich hat das keiner von uns für bare Münze genommen, noch geglaubt.
Wir wurden, trotz Mangels an passenden Uniformen, notwendiger Kriegsausrüstung nochmals neu eingekleidet und verhältnismäßig mit Waffen und Gerät ausgestattet. Nachts verladen in gedeckte Güterwagen, das Gerät in offene. So schnaufte, von zwei Loks gezogen, der 120achsige Militärtransport mitten durch die von Bombenangriffen gezeichnete deutsche Landschaft. Vorbei an Großstädten, deren Bahnhöfe zerstört und oft recht trostlos aussahen. Von Görlitz über Leipzig, Halle, Kassel, immer dem Westen zu, schleppte sich, wie ein Lindwurm der Zug dem Zielbahnhof Aachen entgegen. Motorisiert näherte sich der gesamte Tross mit Mann und Maus dem Ort Verviers in dem Frontbereich der Ardennen. Dort erhielten wir 16, 17, 18jährigen unsere Feuertaufe. Das war hart und fast unerträglich. Ich weiß heut noch nicht, wie ich das damals heil überstanden habe.
Es war die vorweihnachtliche Zeit als dort die Entlastungsoffensive auf den Höhen und in den tiefen Tälern des rheinischen Schiefergebirges in erbitterten Kämpfen lief. Die damalige Heeresführung glaubte nach gewissen Anfangserfolgen, daß die letzte eingeleitete Großoffensive gegen die westlichen alliierten Streitkräfte noch eine Wende herbeiführen könnte. Wobei die Mehrheit, der recht tapfer kämpfenden Truppe schon nicht mehr an das Gelingen eines solchen kräftezehrenden Unternehmens glauben wollte. Wir jungen Krieger waren ja noch vom Glauben an den Endsieg beseelt und taten, was uns aufgetragen wurde, aber es war elendig schwer. Wer kann sich schon in die Gedanken und Gefühle jener jungen Menschen versetzen, die in Kälte, Schmutz und auch Angst in einem stark zerstörten Bauerngehöft am Heilig Abend, am 24.12.1944, zusammen hockten. Eine gesegnete, feierliche Stimmung wollte einfach nicht aufkommen. Man dachte an zu Haus, an die Weihnachtsfeiern in den Jahren zuvor und daran, ob es je wieder ein fröhliches Weihnachtsfest geben würde.
Wie so vieles scheiterte, so auch die Ardennenoffensive in den Tagen vom 16. - 26. Dezember des Jahres 44.Unsere Kompanie, eine von Verlusten gekennzeichnete Einheit, zog sich in mehreren harten Gefechten arg angeschlagen immer weiter und stetig zurück Große Traurigkeit kam immer wieder auf, wenn meine besten Freunde gefallen waren und nicht mehr mit mir gemeinsam das östliche Rheinufer erreichen konnten. Auch konnte ich nicht ahnen, daß ich Monate später bei Remagen auf den regendurchtränkten Rheinwiesen in amerikanischer Gefangenschaft leben sollte. Und so zogen wir geschlagenen Landsknechte immer tiefer in die deutschen Lande bis zur Mulde rückwärts. Jedem Fliegerangriff ausweichend, immer Deckung suchend, kam der Rest meiner Kompanie dort an. Hier sollte es kurz vor Toresschluß mich gleich zweimal erwischen. Bei einem kurzen Stellungsgefecht an einem Ortsausgang zerplatzte eine Minenwerfergranate auf einem Torbogen eines Gehöftes, wobei ein Splitter in meinen Stahlhelm eindrang, ein weiterer aber in der linken Wange stecken blieb. Ich blutete zwar erheblich, jedoch die Wunde war nicht schmerzhaft. Ungünstig war schon jener Streifschuß, der mir beim Überwinden eines Hindernisses den linken Oberschenkel millimertief aufschlitzte. Mit einem Notverband versehen, suchte ich mit einem verwundeten Kameraden den etwas entfernten Notverbandsplatz auf. Auf dem Wege dorthin stießen wir auf ein größeres Bauerngehöft. Hier machten wir erst einmal Pause, um ein wenig zu verschnaufen und zu erholen. Als ob die Bauersfrau und der greise Großvater schon auf uns gewartet hätten, baten sie uns, daß in einem Koben grunzende Schwein zu erlegen. Ich weiß nicht, vielleicht wollte sie es noch vor dem nahenden Feind retten. Trotz des nahenden Gefechtsdonners sollte es noch ein Schlachtfest geben. Der Kessel in der Waschküche dampfte schon, und die beiden hatten sich vorgenommen aus der Sau Wurst, Speck, Wellfleisch und anderes mehr zu machen. Wir beiden Verwundeten schauten uns verdutzt an, zeigten auf unsere Sturmgewehre - die MP 44 - und gaben uns recht skeptisch. Das wird doch nichts werden, meinte ich. Die Bauersfrau bettelte und versprach uns Wurst, Geld und eine Flasche Nordhäuser zu geben, wenn wir es nur täten. Letztendlich taten wir es wegen des Schnapses, den wir der Truppe mitbringen wollten. Der weißgekachelte Stall, in dem die Jolante grunzte und unruhig hin und her lief war ziemlich eng, dunkel und es roch wie in einem Schweinestall. Mein verwundeter Kamerad zog sich schon sacht und heimlich, unauffällig zurück. Schöner Kumpel! Er überließ mir also das Töten. Was sollte ich nun tun. Ich ging hinter dem leer gefreßenen Trog erst einmal in Deckung, entsicherte die MP, spannte das Schloß - zielte - schoß - zuvor hatte ich beide Augen fest geschlossen , und als ich wie gelernt den Zeigefinger langsam krümmte, da fiel ich bald aus allen Wolken...... Ein sagenhaftes Dauerfeuer hallte echowerfend durch den kleinen Schweinestall und Querschläger durchschlugen die schmutzige Fensterscheibe. Das Quietschen der alten fetten Sau habe ich gar nicht mehr so richtig vernommen, denn als ich die Augen auftat, lag sie lang hingestreckt im Stroh, zumindestens das was noch von ihr übrig war. Damals hatte ich im Eifer des Gefechts doch tatsächlich vergessen, meine Büchse, die funkelnagelneue MP, von Dauerfeuer auf einen Einzelschuß umzustellen. Naja, es war halt Krieg, und ich konnte im nachhinein nur noch vermerken, daß ich das halbe Magazin leer geschoßen hatte. So erging es halt einem ungeübten Metzger!
Ich weiß nur noch, daß wir beide fluchtartig den Hof unter Mitnahme der Flasche "Nordhäuser" im Eiltempo verlassen haben. Den Verbandplatz haben wir trotz hinreichenden Suchens nie erreicht. Ein flinker "SANI" aus einem vorbeifahrenden Sankra sah uns zwielichtige Gestalten am Grabenrand hockend, gab seinem Fahrer den Befehl schnell mal anzuhalten. Sein Fahrtziel war der berüchtigte Notverbandsplatz, aber er hatte ihn auch noch nicht gefunden. Er war nicht hektisch, vielmehr besah er sich meinen und des Kumpels Schaden, verband und verklebte die Wunden lachend und meinte: "Bis zur Hochzeit ist wieder alles verheilt". Wir bedankten uns für die schönen Aussichten und waren froh wieder zu unseren Leuten zurückkehren zu können. Eilig hatten wir es nicht, und so schlichen wir latschender Weise dahin. Später sollten wir dafür das schwarze Verwundetenabzeichen bekommen, aber an meiner Uniform wurde es mir nie angeheftet. Sei's drum. Erst am späten Abend, es finsterte bereits, fanden wir uns wieder bei unserer Einheit ein. Der Kompaniechef, ein junger Leutnant war froh wieder zwei Mann mehr in seinem trostlosen Haufen zu haben. Die Zahl jener tapferen Krieger lichtete sich allmählich, die noch zur Stange hielten. Hier muß ich nun noch einfügen, daß meine Kameraden kurzfristig zum ROB erhoben, befördert wurden, was verbunden war mit dem Tragen zweier Silberlitzen auf den Schulterstücken - weithin sichtbar. Auch mir wurde diese Ehre zuteil und in das Soldbuch eingetragen; das ich übrigens heute noch, ob meiner Beförderung, besitze. Ach, was war ich doch für ein stolzer Krieger! Einen gefährlichen Frontenkrieg, wo man dem Feind Auge in Auge gegenüber steht, habe ich eigentlich nie erlebt. Dafür waren mit zermürbender und einer riesengroßen Angst verbunden die Jagdangriffe der Tiefflieger. So tief, wie die flogen, konnte ich gar nicht in den Erdboden versinken, um den pfeifenden Geschossen und der umherschwirrenden Leuchtspurmunition zu entgehen. Das Beten hatte ich in meinem kurzen Leben bis dato nicht gelernt, aber in jenen Stunden und Minuten, hätte ich furchtbar gern den lieben Gott bei mir gehabt. Auch das war leider nur ein frommer Wunsch.
Letztendlich waren all die ungeheuerlichen Situationen, Gefahren, die Tage, Wochen und Monate, die ich überstanden hatte, plötzlich über Nacht vorbei. Eines vormittags, ein sonniger Apriltag war es, sprangen aus einem Panzer und zwei begleitenden Jeeps riesige, baumlange Gl's und riefen: "Hands up!" Sie gaben uns fuchtelnderweise mit ihren MP'S zu verstehende, German-Boy's - the War it is finish!" Das war's denn auch, ich marschierte in die Gefangenschaft.
Gefangenschaft
Es war in den ersten Apriltagen 1945 in einem kleinen Ort in Mitteldeutschland, da standen plötzlich große ausgewachsene Gl's vor uns. Ich sah nur dunkele Gestalten in grünlichgrauer Uniform, die auf sonderbar dicken Kreppschuhsohlen umwickelt mit halbhohen Ledergamaschen, teilweise mit leicht flatternden Tarnanzügen (sogar die Helme waren damit bezogen) vor uns lamentierten. Ein dunkelhäutiger Gl rief: "Hands up!" - "Go on. Go on" dalli, dalli- snell, snell!" und noch viel mehr so seltsamer Worte, dabei forderte er uns auf, schnurstracks in Richtung eines einzelstehenden Hauses zu laufen. MP, Stahlhelm, den Gasmaskenbehälter, mit den so wertvollen gesammelten Zigaretten, Zeltplane und die Koppel mit dem Tragegestell hatten sie uns unsanft während des Laufschrittes vom Körper getrennt. Im zerschossenen, alten Bauernhaus mußten wir an der Wand mit erhobenen Händen Aufstellung nehmen. Einzeln wurden wir nach längeren Wartepausen in einen Raum gerufen. Durch eine zersprungene Fensterscheibe fiel nur sehr wenig Licht. Im Halbdunkel erkannte ich am einem Tisch sitzend, einen älteren Sergeanten oder Corporal, umgeben von mehreren dunklen, schwarzfarbigen Soldaten, seine Haare waren schon leicht ergraut und sein Helm hing lässig an der hinteren Stuhllehne. Ein baumlanger Ami stieß mich furchteinflößend dicht vor den gewaltigen Eßtisch, so heftig, daß ich bald auf dem Tisch landete. Jener Gl nahm mir mein Soldbuch und diverse Bilder, Fotos und das Notizbuch ab, warf alles mit einem kühnen Schwung auf den Tisch, wobei das Soldbuch über den Rand hinaus rutschte und auf dem Fußboden liegen blieb.
Ich weiß nicht, welche Gedanken mir durch den Kopf schossen, jedenfalls riß ich in gewohnterweise die Hacken zusammen, mein rechter Arm schoß zum deutschen Gruß in Augenhöhe. Ein lähmender Fausthieb traf mich von hinten mit der Bemerkung: "Good down, verdammter NAZI", und ich schlug der Länge nach zu Boden. Reflexartig hob ich mein Soldbuch an mich und steckte es heimlich in die Außentasche des Uniformrockes. Danach stand ich auf wackligen Beinen wieder vor meinem siegreichen Gegner. Ob meines kindhaften Alters oder aus Zeitmangel, ein weiteres Verhör war für mich strammen Soldaten nicht mehr vorgesehen oder aus Sicht der Siegermacht nicht erforderlich. Der Hühne von Soldat brachte mich mit 100 anderen Gefangenen zu einen riesigen Sattelschlepper, auf dem wir im Eiltempo zusammen gefercht wurden und von einem Jeep begleitet in Richtung Westen abtransportiert wurden. Angekommen sind wir ohne Verpflegung, ohne Mantel, weder Decke noch Zeltplane auf einem riesigen, nassen Feld, auf den Rheinwiesen bei Remagen. Remagen war für mich 17jährigen die erste und letzte Hölle in meinem Leben. Was ich dort sah und erlebte mag ich nur ungern wiedergeben.
Paul Carell u. Günter Böddeker haben in ihrem Buch "Die Gefangenen" authentische Aussagen von Gefangenen niedergeschrieben: "Der Obergefreite Hans Friedhelm sah wie 14jährige Flakhelfer verhungerten.........; der Panzerjäger Jürgen C.Otto sah, wie deutsche Soldaten Kameraden in die Jauchengrube warfen..........; der Heeresverpflegungsamtsleiter Marcell Oberneder lebte monatelang mit fünf Kameraden in einer selbstgegrabenen Lehmgrube, die drei Quadratmeter groß war......" Carell u. Böddeker berichteten: "Die Weltgeschichte kennt keine größeren Ballungen von Gefangenen auf so wenigen Quadratkilometern. Hier auf den feuchten Wiesen der Rheinniederung pferchten die Sieger aus Amerika, die Soldaten der geschlagenen deutschen Armeen zusammen. Drei Namen stehen vor allen für die Zeiten als geographische Standortbestimmung der Wiesenlager in den Chroniken der Kriegsgefangengeschichte: Rheinsberg, Wickrath und Remagen...." Mitten in diesem Stacheldrahtverhau, im Schlamm und täglich fallenden Regen und auch brennender Maisonne, wo sich unmenschliche Tragödien des Todes und des Überlebens abspielten, saß ich unter einer ergatterten, durchlöcherten Zeltplane in einem flachen Erdloch, das weniger als ein Quadratmeter maß.
Später hörte auch ich von den grausigen und unwürdigen Behandlungen deutscher Gefangener durch Soldaten der Roten Armee. Gewiß geschah in den letzten Kriegstagen sehr viel Leid und Ungerechtigkeit, das man den Siegermächten anlasten kann. Und so sollten wir uns vor einer einseitigen Auslegung dieser Gefangenenbehandlung wohlüberlegend hüten. Ich sagte bereits, für mich war das Gefangenenlager, welch gar keines im üblichen Sinne war, die Hölle. Ein Gefangener berichtete und sagte aus:
"Die Soldaten der Sieger rissen den Gefangenen die Orden von den Uniformen und schnitten ihnen die Ordensbänder ab" Der bei Eisleben Gefangene Heinz Feise sagt aus: "Die Amerikaner nahmen uns die Armband- und Taschenuhren ab. Der US-Soldat, der mir meinen Ehering vom Finger zog, hatte an seiner Uniform einen Bindfaden, auf dem bereits 3o - 40 Ringe aufgezogen waren." Auch das sei über die historische Aussage über östliche und westliche Gefangennahme und Gefangenschaft vermerkt: Ich hatte, obwohl ich physisch und psychisch unendlich litt, nochmals Glück im großen Unglück gehabt. War ich doch mit meinen kleinen lapidaren Verwundungen über die Zeit der letzten Kriegstage wenigstens lebend hinweg gekommen.
Die Wiesen am Rhein sollten geräumt werden und die ersten Gefangenen "Prison of War" - P W, so stand es mit weißen Lettern auf dem Rücken unserer Uniformjacken, wurden nach Frankreich abtransportiert. Warum gerade ich einem solchen Transport zugeteilt wurde, kann ich beim bestens Willen nicht nachvollziehen, geschweige erklären; jedenfalls fuhren uns wiederum riesige Sattelschlepper vom heiligen deutschen Strom "Rhein" weg, und ich sah die gesprengte, eingestürzte, historisch bekannte Rheinbrücke von Remagen zum letzten Mal.
Es ging mit einem sagenhaft waghalsigen Tempo irgendwie quer über Frankreichs "Monte Chaussee" in Richtung Kanalküste und die Endstation war Le Havre oder Cherbourg - so genau habe ich es nicht wahrgenommen. Denn wir Gefangene wurden über eine wacklige Gangway mit lautem "Go on, go on " - "snell, snell" ins Innere eines mächtigen, schmutzig aussehenden Dampfers getrieben. Ein GI warf mir ein rechteckiges "Carre-carton" zu, in dem Kaugummi und Zigaretten Marke "Camel" enthalten waren, bloß nichts zu futtern. Das notwendigste, etwas kühles Naß zum trinken, gab es kaum und nur wenige von uns besaßen noch eine Feldflasche und sie war meistens leer, wo doch der Durst so groß war. In der Hitze im Unterdeck spürten wir gar nicht, wie sich der schwimmende "POTT" in Bewegung setzte, nur das monotone Dröhnen zeigte an, daß wir schwammen und fuhren irgendwie einem neuen, unbekannten Ziel entgegen. So ein eigenartiges stoßen, rucken und pendelndes drehen ließ uns, aus dem dahindösenden Gleichmaß unserer Gedanken plötzlich aufhorchen. Was tat sich da, was ist hier draußen auf See geschehen? Die Kanalenge können wir doch nach so kurzer Seereise nicht schon verlassen haben? Nach meinen Überlegungen befanden wir uns noch immer im Kanal zwischen Frankreich und England. Oder sollten wir hier auf Grund gesetzt werden. Solche unsinnigen, irrsinnigen Gedanken zogen durch meine Gehirnwindungen, und mir war schon recht ängstlich zu Mute.
Die Drehung des Schiffsrumpfes wurde immer spürbarer und die Äußerungen meiner Mitgefangenen "es geht wohl wieder zurück nach England oder Frankreich" mochten sich wirklich bestätigen. So legten wir nach einer kurzen nicht grad lustigen Seefahrt wieder im Hafen von Le Havre längsseits an. Alle Mann gingen von Bord, im gewohnten Eiltempo, das war uns nun schon in Fleisch und Blut über gegangen, und wir wurden in das "alte, ehrwürdige" Gefangenlager BOLBEC, im wahrsten sinne des Wortes, verfrachtet. Trotz meiner durchaus mißlichen Lage, hatte ich mich schon darauf gefreut - AMERIKA - sei es so wie es sei – einmal dieses Land der unbegrenzten Möglichkeiten, zu sehen, zu erleben, wenn gleich auch als PW. Daraus wurde absolut nichts. Frankreichs Boden wieder unter den Füßen, blieben wir, und wie lange konnte keiner ahnen, die deutschen "sale boche".
Bolbec war schon zu Zeiten des I.Weltkrieges, so erzählte man mir, ein bekanntes Lager für Kriegsgefangene. Hier waren wir, in wirklich fast unüberschaubaren, großräumigen Hallen, in dem Holz- und Stahlbetten bis zu 8 Stockwerke hoch standen, untergebracht. Nun waren es französische Soldaten, die uns bewachten und uns freimütig erzählten, daß diese großen Hallen einmal als Flughangar im ersten Weltkrieg dienten. Unser Aufenthalt war aber nur von kurzer Dauer. Bald mußten wir unsere wenigen sieben Sachen wieder packen, weil ein Teil der Gefangenen, darunter auch ich, nach Chartre in der Nähe von Paris, verlegt wurden.
Da fällt mir noch dies hier ein. An etwas erinnere ich mich überaus genau, an allen meinen erlebten Gefangenentage in Remagen gab es jeden Tag früh, mittags, und zeitweilig auch abends PORREE als lebenserhaltende Verpflegung. Das bißchen dunkle Brot zwischendurch zählte gar nichts. Ich habe schon als Kind nie PORREE gemocht. Später, wenn ich irgendwo dieses Zeug nur sah, hätte ich ko... gekonnt. Meine liebe Frau hat mich zeitlebens davon verschont.
Auch das muß ich noch mitteilen: Zumindestens wahrheitshalber, da es uns nun als Prison de guerre = PG wesentlich besser erging und später noch gehen sollte. Wir bekamen sehr häufig Zigaretten in einer kleinen 6er Packung der Marke GALLOISES, manchmal auch in einem würfelartigen Päckchen als Tabak. Der Inhalt des dunkelschwarzen Gemisches war sooo stark, das mir bei jedem Zug per Lunge, schwarz wie dieses Zeugs vor Augen wurde. Einen zweiten kräftigen Zug davon und man konnte seine Lunge gleich mit aushusten. Für die Franzmänner war das im ganzen Lande, und ich bin weit herum gekommen, der beste Tabak, die besten Zigaretten, und dagegen war eine CAMEL nur parfümiertes Kraut.
Als wir in Chartre im Lager weilten, durfte ich zweimal in die Landeshauptstadt PARIS fahren. An einem heißen Sommertag sollte ich wirklich das Glück haben, Paris, die Stadt der Liebenden, der Sehenswürdigkeiten, wo der Arc de Triumph und der Eiffelturm stehen, einmal zu sehen, auf den Straßen an der Seine gehen zu dürfen. Drei meiner Mitgefangenen und ich bekamen den Auftrag, mit unserem Patron, Bewacher, Medikamente aus dem Saint-Maria Luisen-Hospital für das Lager abzuholen. Wir saßen hinten auf der Pritsche des wackligen LKWs und schauten neugierig unter der Plane hervor. Wir waren wohl schon im Zentrum der Stadt, als der Fahrer plötzlich halt machte. Ich habe ihn als einen gutmütigen, väterlichen alten Mann in Erinnerung. OBWOHL WIR NICHTS Gutes ahnten, trat er an uns heran, im Mundwinkel an seiner locker hängenden Galloises lutschend, sagte er mit ernstem Gesichtsausdruck: "Ich werde euch zeigen!" und setzte die Fahrt durch die zerstörte Innenstadt fort. Wir bogen über eine langgezogene Brücke der Seine seitlich ab und hielten Augenblicke später vor einem hohen, kirchenartigen Gebäude. Ein wenig eigenartig war uns schon zumute. Wir sollte absteigen und er betrat vor uns bedächtig entlangschreitend einen langen marmorierten Gang entlang das Innere des Gebäudes. Die weiträumige Halle strahlte Kälte, Feierlichkeit, zugleich aber auch etwas Erhabenes aus. In der Mitte befand sich abgeschirmt und umrahmt von einem gußeisernen Gitter das "Grabmal des unbekannten Soldaten". Wer es betrachten wollte, mußte sich tief herabneigen. Dies glich einer Ehrenbezeugung für die unzähligen Toten der sinnlosen Kriege. Wir standen schweigend, jedoch tief betroffen davor. Wo waren in dieser Situation nur unsere Gedanken?
Ob uns jener französische Soldat demütigen wollte, es nur so ein kurzschlußartiger Einfall war oder nur eine Geste des besseren Verstehens für uns jungen Burschen, ich habe ihn nie danach gefragt, aber oft darüber nachgedacht. Im Lager sagte man mir später, jener französische Kraftfahrer überlebte die Deputation in das verhaßte Allemange. Wir sahen uns nicht wieder. Vielleicht hatte ich damals einen väterlichen Vertrauten verloren.
So war dann auch mein nächstes Gefangenlager eines in der Nähe von Annescy in den Savoyen. Wenn ich später einmal sagte, mir ging es viermal sehr gut in meinem Leben, dann zählte ich fortan die herrlichen Tage in der französischen Gefangenschaft in den Hochsavoyen von Südfrankreich dazu. Die Baracken des Lagers, umrandet von hohem Stacheldraht und mit vier Wachtürmen und einem einladenden Eingangsbereich - nur nicht für uns Gefangene - lagen am Rande der kleinen Touristenmetropole am Fuße der Savoyen. Savoyen ist die französische Landschaft und ein historisches Gebiet in Frankreich, südlich des Genfer Sees. In den Tälern findet man Wasserkraftwerke, angesiedelt die Elektrochemie, Metallurgie, Textil-, Uhren- und Papierindustrie. Aber auch Acker-, Tabak-, Obst-, Wein- und Gemüseanbau sind dort allemal zu finden. Die wichtigsten Orte sind für den Tourismus Chambery und halt dieses Annecy. Das Lager hatte keine allzu große Kapazität. Wir waren wohl an die 300 Gefangene und an die über 100 PG waren ständig auf Außenkommandos. So war in diesem Lager ein ständiges Gehen und Kommen. Die Arbeitsstellen waren recht unterschiedlich und über die ganze Ebene verteilt. Wir arbeiteten beim Bauern, im Hotelgewerbe, bei verschiedenen Handwerkern und auch in privaten Haushalten. Jeden Morgen weckte uns ein Trompetensignal eines marokkanischen Wachsoldaten aus dem Schlaf und nach der Morgentoilette traten wir zum täglichen Zählappell an. Auf dem Appellplatz wehte den ganzen Tag über die Trikolore, die vom lauen Wind flatterte, der von den Alpen über das Lager streifte.
Weniger ängstlich, mitunter recht gute Tage, ohne tägliches Porree-essen, von einem verständnisvollen Lagerkommandanten begleitet und bewacht, kulturell durch Landsertheater und Musikaufführungen geprägt, in einer sicheren Lagergemeinschaft eingebettet, verbrachte ich 18-jähriger in jugendlicher Unbeschwertheit die gefangenen Jahre. Ich war zwar nicht frei, fühlte mich jedoch auch nicht eingeengt oder ausgesperrt von der Außenwelt. Der Lagerpfarrer - Soldat, Gefangener und Mensch Herr Feldhausen - ein urwüchsiger Bayer gehörte zur deutschen Lagerleitung und sorgte für das Seelenheil. Für das meinige weniger, weil ich, wenn es mir gut ging, nicht an den lieben Gott glaubte, ich ihn aber als väterlichen Freund betrachtete. Der gefangene Oberleutnant Dornbusch, seine Frau war eine Schwedin, war unser Lagerchef und zugleich Leiter eines von ihm aufgebauten phantastischen Orchesters, dass kann ich so sagen, weil ich ja zu meiner LBA-Zeit auch einmal in einem Streichorchester mitfiedelte, ein von der Kunst begnadeter Mensch. Von Nabucco über das weiße Rössel am Wolfgangsee, Volkslieder und Schlager war das Repertoire dieses Gefangenenorchesters schier unerschöpflich. Ich weiß nur, daß mit Hilfe des kunstverständigen Lagerkommandanten und seiner Freunde die verschiedenen Instrumente herbei geschafft wurden. Und es war einfach erstaunlich, woher eine Klarinette, Violine, Bratsche und sogar eine Oboe in das Lager kamen. So erinnere ich mich noch an jenen Abend, als zur Uraufführung der französische Lagerkommandant, die Bewacher mit ihren Familien und alle Lagerinsassen den Klängen des Triumphmarsches aus AIDA lauschten. Der Beifall wollte nicht enden und aus der kleine Holzbaracke wurde ein jubilierender Festsaal. Dornbusch inszenierte Theaterstücke, organisierte Vortragsabende, Lesungen der Lyrik und Prosa, Konzerte - die uns vom Heimweh ablenkten, es war ein jedes Mal ein künstlerischer-konzertaler Genuß dabei zu sein.
Eines Tages hieß es, unser deutscher Lagerchef solle auf Fürsprache seiner schwedischen Frau vorzeitig repatri entlassen werden. Eine solche Zustimmung des französische Lagerkommandanten lag auch bereits vor. Er aber blieb freiwillig bei uns, komponierte, gab für uns Konzerte, leitete die Theatergruppe und kümmerte sich täglich um das Wohl aller Mitgefangenen, um das Leben hinterm Stacheldraht für viele ein wenig erträglicher zu machen.
Ich war zu dieser Zeit "Lagerläufer". Welches waren meine Aufgaben? Ich sammelte morgens und abends die Zählkarten ausgefüllt von den Barackenältesten ein, übertrug die Zahlen auf ein kariertes statistisches Blatt und konnte nach mehrmaligem nachrechnen jeden Tag erneut melden: "Kein Gefangener hat unerlaubt oder gar fluchtartig das Lager verlassen!" Für mich war das zwar monoton, täglich sich wiederholende Beschäftigung, aber sie brachte mir viele lehrreiche Bekanntschaften und zeitweilige Kumpel und Freunde ein. Von dem einen lernte ich vortrefflich Schachspielen, von dem anderen Skat und einer wollte mir zeigen, wie man unentdeckt aus dem Lager verschwinden kann. Letzteres habe ich erst viel später genutzt. Monatlich traten ältere, kranke, auch Gefangene mit Beziehungen am Lagertor zur Repatriierung an. Da standen sie mit Sack und Pack, viel war es ja nicht, winkten ein letztes Mal zum Abschied. Sehnsüchtig schauten wir lange den Entlassenen nach, wie sie freudestrahlend, manche auch ein wenig wehmütig, durch das Lagertor schritten zum nahegelegenen Bahnhof von Annecy, und in Richtung Deutschland das Lagerleben hinter sich lassend.
Oft habe ich beobachtet, wie gefangene Kameraden vom Außenkommando kommend, mit prall gefüllten Taschen ins Lager zurück kehrten; um später ihre appetitlichen Verdienste an ihre Freunde, Kameraden verteilten. Da wuchs in mir das Verlangen, die Stacheldrahtburg auch einmal zu verlassen, um Frankreich in Freiheit zu erleben. Mir ging es ja nicht schlecht in diesem Lager. War es nun die Sehnsucht, die Neugierde oder dieses ewige tägliche Einerlei, ich weiß es nicht mehr, ich wollte einfach einmal raus. Mit Hilfe meines väterlichen Freundes und der Fürsprache des Lagerchefs bekam ich die Genehmigung außerhalb des Lagers zu arbeiten. Mein erstes Außenkommando war bei einem Bauern, hoch in den Bergen. Der Weg in die Berge war nicht allzu beschwerlich, denn ich wurde von meinem Patron, der einen alten Opel PIV fuhr, abgeholt. Außerdem lockte ja die Freiheit, das für mich zuerst noch ungewohnte Landleben und natürlich das Essen. Irgendwie, so dachte ich jedenfalls, werde ich schon zurecht kommen!
Von den Leuten in den Bergen, besonders aber von meinem ersten Patron, habe ich allerhand gelernt. Abgesehen vom Stall ausmisten, melken der Buntgescheckten, Futter herrichten, besonders aber den Umgang mit der Sense mit einem kurzen Stiel. Das hatte eine ganz besondere Bewandtnis, weil damit das Winterfutter für das liebe Vieh regelrecht erarbeitet wurde. Dazu mußte das kostbare Grün auf den steilen Hängen gemäht werden. Als ich das erste Mal auf den steilen Hang schaute, schien es mir fast unmöglich dort mit einer so kurzen Sense zu hantieren.
Schon beim bloßen hinaufschauen wurde mir ganz schwindelig und übel, wie sollte man da und dazu noch mit einer Sense hinaufkommen, sensen und wieder heil hinunter schreiten. Und noch mehr war ich verwundert über die meterlangen Stangen , die mit einer Umlenkrolle versehen in einem Abstand von einem reichlichen Meter ganz hoch oben in den Boden gerammt waren. Mich machte schon das Mitnehmen zur Mahd, das komische lange Seil mit dem verstellbaren Leibriemen etwas stutzig. Erst auf der blühenden, duftenden Wiese angekommen, bekam ich den Sinn dieses Arbeitsgerätes zu wissen. Der mit einer dicken Schelle versehene Gurt wurde mir vom Patron umgelegt. Danach das Seil in die Rolle eingeklingt, so konnte ich nun am steilen Hang aufrecht stehen, bekam einen festen Halt, um Schwat für Schwat hangabwärts die schön leuchtenden Blumen, die saftigen Gräser zu köpfen, und das Schwat für Schwat 200 Meter bergabwärts im gleichmäßigen Rhythmus, nur ab und zu vom schnell gelernten Wetzen der langsam stumpf gewordenen Sense unterbrochen, arbeiteten wir, der Patron, sein flinkes Töchterchen und ich nach unten. Danach ging es gleich wieder nach oben. Der mit der geschulterten Sense steile Aufstieg war für mich mit meinen kurzen Beinen noch viel schwieriger. Aber zugegeben, der Mensch ist lernfähig, und wieder bewahrheitete sich einmal mehr mein Leitspruch: "Der Mensch kann alles, er muß es nur wollen!"
Der Abend brachte nach einem reichlich gedeckten Abendbrottisch, an der die gesamte französische Großfamilie Platz nahm, die langersehnte, aber auch wohlverdiente Entspannung und zugleich Erholung. Eine zweite Freude kam dann noch hinzu. Die Bäuerin hatte mit dem Knecht schon das Entleeren der Milch aus dem Euter der Buntgescheckten verrichtet. Ich durfte die Milch in einer eigenartig geformten Kanne, die mit einem Tragegestell versehen war, auf dem Rücken talabwärts tragen. Unterwegs traf ich dann immer meine Kameraden, die desgleichen Weges waren. Erlebnisreiche Erfahrungen, Neuigkeiten wurden während des gemeinsamen Ganges ausgetauscht, belacht und für lustig empfunden. Sehr oft gesellten sich hübsche, mit weiten, weißen Blusen bekleidete Mädchen zu uns, kicherten und freuten sich über das, was sie über uns lästerten, wir nicht immer recht verstanden. Wir waren ja gleichaltrig und trotz der vergangenen Kriegsjahre nicht nachtragend; vielleicht mehr naiv. Diese lehrreiche, handwerkliche Zeit, verbunden mit dem Kennenlernen der besonderen Mentalität der französischen Landleute, ihres familiären Lebens hat mir allmählich die Augen geöffnet. Irgendwie spürte ich, daß ein friedliches Miteinander einen tieferen Sinn hat. Den Krieg zu verachten lernte ich kennen. Ich fühlte mich gar nicht mehr als ein deutscher Kriegsgefangener, der einst Gegner dieses Volkes war. Leider ging die schöne Sommerzeit zu Ende. Die Bauern konnten sich einen deutschen Kriegsgefangenen nur für eine gewisse Zeit zur Ernte leisten, da sie ja auch ein gewisses Deputat an den Lagerkommandanten zu zahlen hatten. Reich waren sie wohl alle nicht, aber arbeitsam, glücklich, ehrlich und uns gegenüber nie nachtragend, was ich von mir aus durchaus sagen kann. Die Fahrt ins Tal zum Lager ging zu schnell vonstatten. Etwas traurig schritt ich wieder durchs Lagertor, nachdem ich mich zuvor herzlich vom Patron verabschiedet hatte. Wohl als Dank gedacht habe ich zum erstenmal von einem älteren Mann einen sogenannten Bruderkuß auf die Wange bekommen. Recht eigenartig - aber so war es.
Mit Hallo, und wie war es, was hast du in deinem prallgefüllten Taschen, so wurde ich von meinen mir noch altbekannten Kameraden und Freunden begrüßt. Ein Teil der guten Gaben war schnell verteilt, ja und irgendwie war man wieder zu Haus, wenn man das so nennen darf.
In der französischen und deutschen Lagerleitung war man sich wohl einig und ich wurde auch gleich gefragt, ob ich noch einmal einen Außenkommando-Einsatz haben möchte. Da staunte ich nicht schlecht über so viel Vertrauen. Erst später hatte ich mitbekommen, daß es zur Zeit Not am Mann gab, und man die vielfältigen Anfragen gar nicht so schnell bewältigen konnte. Das Lager war halb leer und nur die nicht wollten, auch einige Drückeberger und Kranke spazierten auf der Lagerstraße umher. Natürlich willigte ich sofort ein, hatte ich doch nur gute Erfahrungen beim vergangenen Einsatz gemacht. Also, ohne weiter nachzudenken, nach einem erfrischendem Bad, besser gesagt Dusche, dem Zurechtlegen der notwendigen Utensilien, war ich wieder einsatzbereit. Schon am nächsten Morgen stand ich mit Sack und Pack, allzu viel hatte ich ja gar nicht, frühzeitig am Lagertor. Ich schaute zur Trikolore, sie wehte mir zuwinkend im Winde, und versprach gut Wetter. Ein mächtig breit ausladender, dicker Patron verhandelte da noch mit dem Lagerkommandanten, der mit den Kopf nickend in meine Richtung deutete. Der schwergewichtige Patron, in vornehmer Kleidung, schüttelte bedächtig sein Haupt - aber und abermals - Monsieur verneinte, und bestand wohl auf seine Ablehnung, ich deutete, er wollte mich wohl durchaus nicht haben? Trotzdem ging ich mit den gewaltigen Herrn mit, weil es eben le Monsieur Comandante so wollte. Später erfuhr ich den Sinn des Streitgespräches der beiden, ich war ihm einfach zu schmächtig und zu klein. Jedoch, ich ließ mir nichts anmerken. Dachte bei mir, dem werd ich es schon zeigen! Artig murmelte ich mein :"Bonjour, monsieur. Je travailler tres bon!" Gleichzeitig übersetzte ich es dem bornierten Herrn: "Guten Tag, mein Herr, ich arbeite sehr gut"! "Cest petit et dur"! "Ich bin klein aber hart!" In meiner Redseligkeit wollte ich ihn noch mit meinen französischen Sprachkenntnissen beeindrucken und sagte schnell: "Commant allez vous?" der schaute mich nur verdutzt an, er war nämlich ein Hotelbesitzer, und meinte nun doch etwas perplex :"Allez. Allez", so daß wir schnell wegkamen. Dass er ein angesehener Hoteldirektor im bekannten, attraktiven französischen Winterkurort Chamonix war, wurde mir erst klar, als wir die steilen Berge von Annecy nach Chamonix in die touristische Hochburg der vornehmen, gehobenen Gesellschaft fuhren. Nun lernte ich die andere Seite der Hochsavoyen kennen.
Nach unserer Ankunft wurde ich gleich gebadet, begutachtet, frisiert und eingekleidet, mit dem Dienstpersonal bekannt gemacht und erhielt ein kleines Einzelzimmer, etwas größer als die übliche Besenkammer, aber mit einen Lichtschacht als Ausblick. Kaum ward das geschehen, so ging es sofort an die Arbeit, die recht unterschiedlicher Natur war. Schuhe putzen, Flure fegen, Toiletten reinigen, Hof und Straße sauber halten, waren die vorerst weniger angenehmen Aufgaben. Nach einer gewissen Einarbeitung stand ich dann stundenlang im Erdgeschoß an der berühmten Eismaschine und produzierte alle Sorten "glace de creme- schocolaf' ein vorzügliches Speiseeis für die Haute volley une das. Im Keller durfte ich später den herrlichen goldgelben Wein aller Weine aus riesigen Fässern mit einem Schlauch durch Mund zu Mundbeatmung in Flaschen, Kelche und anderen Gefäße abziehen. Wer einmal in Frankreich war und nicht einen Aperitif des Vin de blanc son, jenen helldurchsichtigen Weißwein getrunken hat, der war niemals in diesem Lande. Doch wie es nun einmal so kommen kann, die holde Weiblichkeit war schuld daran, daß meine Tage in diesem vornehmen Bau sehr schnell gezählt waren. Angeblich haben sich meine unschuldigen Augen zu oft in die von Marien verguckt. Mag sein oder nicht. Der Patron mochte es nicht gern sehen. Ich sah darin keine erotische Verfehlung. Leider waren danach die unwiederholbaren Tage in diesem phantastischen Sommer- wie Winterkurort Chamonix für mich beendet und der Direktor "de hotel savoyen" hatte mich ohne zu fragen an einen kleinen Hotelbesitzer zurück nach Annecy verschachert. Warum? so richtig konnte ich es ja nie erfahren. Vielleicht war ich den bildhübschen mademoiselle zu nahe gekommen - geküßt und geknutscht habe ich in dieser Zeit gar viele, aber mehr war da auch nicht drin. Vielleicht habe ich auch meine anfängliche hohe Einsatzbereitschaft ein wenig zu früh vernachlässigt. Die Versuchung ist ja immer recht groß. Jedenfalls blieb die Frage des Abschiebens offen; es war ja auch ein gar weites Feld.
Das Hotel in Annecy war gegenüber dem vornehmen Bau in Chamonix wesentlich anders geartet. Mehr gedacht für die arbeitende Landbevölkerung und für den Mittelstand, den Handwerkern und Gewerbetreibenden. Meine Unterbringung war gleich neben dem Pferdestall in einem kleinen Raum, wo einst die Pferdeknechte ihr Asyl hatten. Die Stallungen dienten nur noch für die Pferde, die zur Deckung an den Marktagen in den Ort gebracht wurden. Hier gab es nun für mich andere Aufgaben zu verrichten. Ställe ausmisten, Schweinefutter kochen, den Gemüsegarten in Ordnung halten und nach jeder Mahlzeit von früh bis spät in die Abendstunden unsagbar viel Geschirr spülen. Der Patron war mir in der ersten Zeit nicht allzu gut gesinnt. Erst nach und nach änderte sich das Verhältnis. Ich glaube, er war ein zwiespältiger Deutschenhasser. Nun gut, ich habe es jedenfalls eine längere Zeit dort ausgehalten und es gab ja auch Interessantes zu erleben. Zumindestens für mich. Alle vier Wochen fand auf dem Marktplatz vor dem Hotel ein großer Vieh- und ein traditionsgemäßer Pferdemarkt statt. Da wurde gehandelt, geschachert, gedeckt, getrunken - jede Menge Aperitif - gescherzt und über Gott und die Welt gelästert. Ich fand das riesig interessant, lustig, erlebnisreich vor allen besonders bei jedem Deckvorgang, wenn sich die Stuten und manchmal auch die Hengste so zickig anstellten. Da gab es Dinge zu sehen und für mich völlig kostenlos.
Auf diesem Außenkommando lernte ich eine Französin im besten Frauenalter kennen. Sie war als Serviererin bereits langjährig im Hause meines Patrons tätig. Sie war auch gleichzeitig eine Perle für das Hotel und für die ganze Umgebung. Bildhübsch, sexy, gemütlich und eine Seele von Mensch. Eigentlich war sie in der Schweiz beheimatet. Dort hatte sie auch einen kleinen Jungen, der von der lieben Oma versorgt wurde, so hat sie es mir jedenfalls erzählt. Wir beide verstanden uns recht gut, und halfen uns auch gegenseitig bei der vielen Arbeit. Oft brachte sie nach getaner Arbeit schmackhafte Leckerbissen, die sie immer heimlich aus der Hotelküche verschwinden ließ. Ihrem Einfallsreichtum, dem Geschick ihrer schönen langen Finger war es wohl zu verdanken, daß es keiner bemerkte. Natürlich oder vielleicht auch nicht gewollt, blieb es nicht nur bei der Platonischen Liebe. Mit einer Frau, die wesentlich älter war als ich, mit unbeschreibbaren erotischen Erfahrungen, da war ich auf Grund meiner Jugend ein Waisenknabe. Unser gemeinsamer Patron besaß in der Nähe der Schweizer Grenze einen verwilderten Garten in dem ein komfortabel eingerichteter Bungalow stand. Dort gab es zahlreiche Obstbäume. Zur Ernte der Äpfel, Birnen und Pflaumen schickte er uns beide dorthin, das hätte er lieber nicht tun sollen. Was da neben der Obsternte geschah, werde ich hier nicht ausmalen und wiedergeben. Fest steht eins, Jeanette verfügte über alle Künste der Verführung. Wir liebten uns jeden Tag und noch mehr in den Nächten, und die Äpfel, Birnen, sogar die Pflaumen freuten sich ihres Lebens auf den Bäumen.
Wie das so ist im Leben, blieb unser Liebesgeheimnis nicht verborgen. Man hatte wohl das seltsame treiben, kichern und turteln irgendwie spitz bekommen und es dem Boss gesteckt. Als wir dann wieder nach Annecy in das Hotel, unserem Arbeitsplatz zurückkehrten gab es gleich Ärger. Die Zärtlichkeiten und Verliebtheiten zwischen einem "Boche" und einer französischen Schweizerin wurden zum Kleinstadtgeschwätz. Vielleicht gab es auch ein paar Neider, auf Jeanette waren ja auch so manch andere Gockelhähne scharf. So wurde mir recht bald kundgetan, daß ich wieder zurück ins Lager gebracht werden sollte. Da reifte in mir der kühne Entschluß, daß es dazu nicht mehr kommen sollte. Der Abschied von Jeanette und von "France" fiel mir zwar schwer, aber für mich war es eine beschlossene Sache: "Ich verlasse Jeanette, das Land, die Gefangenschaft und will wieder als ein freier Mann in jeder Hinsicht sein." Dazu war nun nur noch eine Absprache mit meinem Kumpel, der im gleichen Ort bei einem Stellmacher arbeitete, vonnöten. Gesagt - getan - gehandelt!
Flucht Heimkehr Ankunft
Als ich mich zur Flucht in die Ungewißheit entschloß, da wußte ich in keiner Hinsicht, auf welch ein Risiko ich mich da einlassen sollte. Ich hatte doch wahrlich so viel aufzugeben, zu verlieren, einzutauschen - liebenswertes und unwiderrufbares. Nun war der Entschluß einmal gefaßt und dem Freund, der unbedingt ins Abenteuer mitkommen wollte, bereits das Versprechen gegeben, wir gehen gemeinsam aus diesem Lande. Dieses Versprechen sollte mir später noch bitter leid tun. Aber wer kann Dinge voraussagen, vorausahnen, wenn sie erst einmal ins rollen gebracht werden? Ein zurücknehmen, es zurück zu drehen, daß gab es für uns in jener Lage, in die ich nun besonders geraten war, nicht mehr; obwohl ich gern den zeitlichen Ablauf damals aufgehalten oder verzögert hätte. Vielleicht wäre dann vieles nicht so geschehen, wie sich später die Dinge ereignet hatten. So trafen wir uns, in leichter Frühjahrsbekleidung, mit einem kleine Proviantbeutel versehen am östlichen Stadtrand von Annecy. Unser Plan stand fest. Bis zur nahegelegenen Schweizer Grenze zu gelangen, war für uns kein allzu großes Unterfangen, denn der Weg führte uns ja zunächst nur entlang der bekannten Landstraßen, auf denen wir schon oft gefahren waren. Von der Gendarmerie, die hin und wieder mit dem Fahrrad von einzelnen Posten überwacht wurde, war in den Morgenstunden kaum jemand zu sehen. Die Franzosen liebten ihren Schlaf, den heißen Kaffee und das langsam in den Tag hineinkommen, "prende son , lent, lent" war ihr geflügeltes Wort!
Die Straßen Frankreichs waren für mich die besten in Europa, und die "Ponte chauce's" die tüchtigsten Straßenarbeiter, sie waren überall zu finden und lieferten Qualitätsarbeit. Entlang dieser Straßen sind wir also tagsüber bis zur Grenze gewalzt. Befürchtungen, gestellt, entdeckt oder verhaftet zu werden, waren eben zu dieser Zeit verhältnismäßig gering. In jenen Tagen bewegten sich zahlreiche deutsche Kriegsgefangene als Arbeitskommandos, meist völlig unbewacht, in einem gewissen Territorium, wo sie sich frei aufhalten konnten. Auch gab es schon viele Deutsche, die sich verpflichtet hatten, für eine längere Zeit im Lande zu arbeiten. Davon kannte ich einige, die zuerst als Dienstverpflichtete dablieben und auch solche die familiäre Bindungen eingingen, die französische Staatsbürgerschaft annahmen und nie wieder heimkehrten. Solch einen Gedanken hatte ich auch einmal, aber die Sehnsucht nach Muttern, nach den alten Freunden, der Heimat war immer stärker. Manchmal, viel, viel später habe ich es bereut, es nicht getan zu haben. Aber das ist Schnee von gestern! Zurück zum augenblicklichen Geschehen. Wir bewegten uns einträchtig, frohen Mutes bald in der Heimat zu sein, munter und noch recht frisch, dem ersten Etappenziel entgegen. Wußten wir doch, daß noch ein weiter Weg uns bevor stand.
Zur mitternächtlichen Stunde erreichten wir die ersten Grenzmarkierungen, diese zeigten uns an, daß wir uns auf der richtigen Straße von Chambery nach Genf befanden. Von nun an wurde unsere Vorsicht intensiver. Posten der "Garde Police" bewachten recht sorgfältig, wenn auch nicht sehr massiv, darüber hatten wir uns vorher informiert, die französisch-schweizerische Grenze. Gefährlich waren für uns die Leute vom "deuxlemement bouro": die geheime Polizei. Sie trugen Zivil und waren nie vorher auszumachen. Also Attentione, attentione! WIR WAREN NICHT VORSICHTIG GENUG! Das war unser Nachteil, denn zwei versteckte Posten hatten wir übersehen. Wie aus heiterm Himmel blitzte vor uns Mündungsfeuer auf, der nächtliche Himmel ward taghell erleuchtet, Handscheinwerfer durchschnitten als schmaler Lichtkegel das Gebüsch, mehrere Schüsse verhallten und gleichzeitig trat eine für mich minutenlange tiefe Stille ein. Es können jedoch nur Sekunden gewesen sein, als ich neben mir nur noch das röchelnde Stöhnen meines Kameraden wahrnahm und wir umringt von uniformierten Gestalten, mit Gewehren im Anschlag, sah. Ich wurde auf den Boden gedrückt, die Hände auf den Rücken zusammengeführt und das Klicken der Handschellen nahm ich noch wahr. Die Grenzposten beugten sich über meinen Freund, dabei sah ich mit Entsetzen, wie einer seinen Kopf schüttelte und ich ahnte es schon, sagte :"Er ist tot!" Obwohl Lichter noch strahlten, Blitze am Himmel zuckten, wurde vor meinen Augen alles stockfinster. Ich hörte, wie durch einen Schleier verwirrende Stimmen, auch einen Unfallwagen sich nähern, aber all das nur aus einer weiten Ferne. Ein vielleicht nicht gewollter, zumindestens nicht gezielter Schuß hatte drei Jahre nach Kriegsende bei einem Fluchtversuch die Heimat zu erreichen, das Leben eines 19 jährigen zu nächtlicher Stunde ausgelöscht. Zutiefst traurig war ich, als ich später erfuhr, daß das tragische Geschehen auf schweizerischem Boden sich ereignet hatte. Wir glaubten uns wohl schon zu sicher, die vermeintliche Freiheit erreicht zu haben.
Nach der Wende 1989 wurde sehr viel über die "Mauertoten" an der deutsch-deutschen Grenze berichtet und geschrieben. Vieles von dem habe ich mit Unkenntnis, auch Unverständnis gehört, gelesen. Waren es doch auf beiden Seiten Menschen die eine Staatsgrenze verletzten, wissentlich aus unterschiedlichen Motiven überschritten und somit auch mit den Gefahren bis zur Preisgabe, Aufgabe des eigenen Lebens rechnen mußten.
Ich verbrachte 14 Tage Haft in einem vornehmen Gefängnis in der Schweiz für Zivilisten, obwohl ich ja noch ein Kriegsgefangener war. Das Prison unterstand nicht der Garde mobil und eine Auslieferung an die französischen Behörden wurde nicht in Betracht gezogen. Ob es damals eine angedachte Entschuldigung, eine verständnisvolle Geste der Schweizer Verwaltungsbehörden gegenüber meinem verloren Freund und Kamerad war, daß bleibt in den Sternen geschrieben. Ich weiß auch nicht, ob es je eine Benachrichtigung der Angehörigen einmal gegeben hat? Leider kannte ich seine Eltern oder Verwandten nicht, so daß mir nie möglich war, sie über den Sachverhalt zu informieren. Nach der verbüßten Haft wurden mir in deutscher und französischer Sprache geschriebene Entlassungspapiere ausgestellt. Ich durfte nur einen Entlassungsort in den damaligen drei westliche Besatzungszonen angeben. Ich benannte Erlangen. Dort lebte die Schwester meiner Mutter, meine Tante Lieschen. Sie führte dort eine glückliche Ehe mit einem amerikanischem Offizier, der in Deutschland Versorgungsdienste zu leisten hatte. Und so weit mir bekannt ist, lebt er immer noch in Deutschland, aber meine Tante ist seit Jahren verstorben.
Die strapaziöse Reise von Genf nach Erlangen belastete mich gar nicht, denn die Vorfreude auf ein Wiedersehen überwog alles. Wenn ich jetzt so zurückdenke ist mir an die Tage des dortigen Aufenthaltes dies in Erinnerung geblieben:
Das Essen war für mich in jener Zeit das Hauptthema. Und so berieten wir wieder einmal den künftigen Speiseplan - man bedenke, es war ja immer noch das Jahr 1948. Meine Tante machte den Vorschlag mal etwas vitaminreiches zu essen einzunehmen. Auf dem Markt, in den Geschäften war zu jener Zeit auch im Westen das Angebot noch recht mager. So gingen wir gemeinsam auf eine, am Rande der Stadt gelegene Wiese und suchten nach saftig-grünen Rapunzelpflänzchen, die später zu einem wohlschmeckenden Salat zubereitet wurden. Eigentlich keine erregende Begebenheit, doch ich habe sie stets im Gedächtnis behalten.
Trotz der herrlichen, erholsamen Tage, wollte ich so schnell wie möglich nach Haus, in die Ostzone, zur Mutter und zur kleinen Schwester Monika nach Senftenberg in der Niederlausitz. Ich hatte zwar gültige Entlassungspapiere, aber der zuständige Heimatort hieß auf diesen ERLANGEN. Irgendwie ahnte ich, daß es damit Schwierigkeiten geben könnte. Aber meine jugendliche Naivität überwog. Zumal ich nun auch mitbekam, dass der Mann meiner Lieblingstante ein amerikanischer Gl-Offizier im geheimen Dienste war und somit gute Verbindungen in diesem Lande hatte. Er telefonierte per BASA-Telefonnetz der DR- mit irgendwelchen Dienstellen, und sagte mir, es ginge schon alles in Ordnung. Die Reise ins unbekannte Gebiet der Ostzone wurde geplant und schließlich angetreten. Meine einstige Vorahnung war doch nicht so von der Hand zu weisen. Als wir uns dem Grenzbahnhof HOF näherten kam es zu verstärkten Kontrollen, und für mich war vorerst einmal dort Endstation. Die Grenzer, vielleicht auch Zöllner nahmen mir freundlicherweise meine so wichtigen E-Papiere ab und teilten mir mit, umgehend nach Erlangen zurückzureisen. Da stand ich nun, ich armer Tropf! Meine Tante durfte, trotz ihres heftigen Widerspruchs, unbehelligt die Zonengrenze passieren, sie hatte ja glaubwürdige Papiere. Leider traf ich sie in der Zone auch später nicht mehr an. Sie reiste wieder in den Westen, blieb ein westlicher Staatsbürger und kam nur noch einmal in die DDR, ihr Mann aber nie. Was tun? Ich zermarterte mein kleines Gehirn und wog ab, eine zweite Flucht, ohne Papiere ins ungewisse oder abwarten bis sich die Wogen geglättet haben? Das konnte aber Tage, Wochen oder Jahre dauern. Ich wollte doch so gern nach Haus. Mein Entschluß stand fest, ich wagte einen zweiten Fluchtversuch.
An dieser Stelle begann nun für mich die zweite Flucht vom Westen in den unbekannten Osten. Also auf ein neuen Versuch. So schlich ich bei Nacht und Nebel, mehr Angst in der Hose als Mut im Herzen, bei Hof über die imaginäre, trennende Grenze der Heimat entgegen. Langsam, mich jeden Augenblick umsehend, lauschend wie ein Luchs pirschte ich mich voran. Urplötzlich wurde die Nacht zum Tage, Leuchtspurmunition schoß durch die Luft, Scheinwerferkegel teilten das vor mir liegende Gelände in einzelne Abschnitte und ich lag dicht geduckt am feuchten Boden. Da hörte ich auch schon, wie sich Schritte näherten und ein mit einer MP bewaffneter Soldat rief "Aaufsteeehen! Dawai, dawai!" das waren doch keine amerikanischen Laute, durchzuckte es mein kleines Gehirn. Ich ahnte es mehr, als das ich es wußte, daß ich trotz der mir unbekannten Worte, daß ich mich auf der anderen Seite der willkürlich gezogenen Grenze befand. Ich wurde abtransportiert, flach liegend auf der Ladefläche eines kastenförmigen LKW's, auf dem mehrere, ein wenig grimmig dreinschauende Rotarmisten saßen. Sie waren ungehalten und ein wenig bös, weil ich der Störenfried ihrer Nachtruhe war. In kratzige, schwere Decken gehüllt- alle saßen auf dem Boden - ging es in einer rasenten Fahrt in Richtung Leipzig. Am Rande der Stadt, ich weiß heut nicht mehr wo, es war so ein Kasernenmäßiges Gebäude, sprangen wir alle vom Laster. Ein strammer Armist mit einer roten Armbinde führte mich zum Genossen Kommandanten, die anderen zündeten sich ihre "Machorka" an und warteten auf weitere Befehle. Warum man sich in diesen Nachkriegsjahren, wir schrieben ja schon das Jahr 1948, für einen verirrten Grenzverletzer so interessierte, ist mir bis dato nicht verständlich. Damals nahm man es mit der Grenzüberschreitung noch nicht so genau. Der Genosse Kommandant fragte in einem fabelhaften deutsch: " Du kannst Schriften malen?" "Bist sehr jung!" Was wirst du machen, was willst du werden?" Gedankenschnell überlegte ich, was will der wohl von mir? Dass ich ein Spion sei, glaubte er bestimmt nicht. So antwortete ich, daß ich Lehrer werden möchte, wenn's klappt. Aber zunächst möchte ich recht schnell nach Hause, und fügte noch schnell dazu, Schriften malen habe ich auf der Anstalt gelernt und in der Schule im langweiligen Zeichenunterricht. Über das Wort "langweilig" lächelte er nur. "Nun gut, du wirst malen Parolen" Er meinte aber Losungen zum 1. MAI, wie es sich später herausstellte. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass ja ein Arbeiter Feiertag vor der Tür stand. Irgendwie war der Kommandant mit mir zufrieden. Ich bekam Machorka, heißen Tee, Kommißbrot, Speck, das war eine ganze Tagesration. Im freien Gelände malte ich auf rotem Fahnenstoff mit weißer, dickzäher Farbe kyrillische Buchstaben, die ich vorher nie gesehen hatte. Ein Glück, dass die Farbe so dickflüssig war und nicht bei jedem Pinselzug tropfte. Über den Wortlaut oder Inhalt der Losungen habe ich nie nachgedacht oder doch, denn einer war mir geläufig und zwar "Es lebe der 1. MAI"; den habe ich gleich mehrmals hochleben lassen, die anderen habe ich längst alle vergessen. Der Kommandant war mit meinem Gepinsel wohl höchst zufrieden. So bekam ich einen Propos für die Weiterfahrt in das Quarantänelager NARDT bei Hoyerswerda. Wie ich nun dahin kommen sollte, blieb mir völlig allein überlassen. Die Marschverpflegung, schwarzes Brot, Zucker, Speck und Machorka, mußte ausreichen. Ach ja, auf meinen Papieren war noch vermerkt, und bescheinigt, dass ich die Quarantäne erfolgreich ungezieferfrei und mit malen in Leipzig überstanden habe. Erst im nachhinein wurde mir klar, dass ich nicht mehr NARDT aufsuchen mußte, sondern sofort Senftenberg N/L ansteuern konnte. So blieb mir damals, die für viele andere Kameraden außerordentlich schwere Zeit erspart.
Meine Mutter war gar nicht zu Hause als ich in den letzten Tagen des April 1948 in den Hof meines Elternhauses trat. Das Hoftor quietschte wie eh und je und im Hof arbeitete ein hemdsärmeliger Fremder, der sich umdrehte und sagte: "Frau Gertler ist noch auf Arbeit in der Gastsstätte SCHOBER und zwar in der Bahnhofstraße. Auf dem Fuße wendend eilte ich durch das kleine Gäßchen, an dem Gesellschaftshaus und der gegenüberliegenden Feuerwehr vorbei zur Bahnhofstraße. Eine herzliche tränenversehene, innige Begrüßung, umrahmt von staunenden Gasthausgästen und der netten Familie Schober schloß ich meine Mama in die Arme. Noch zu dieser Zeit war es ein wunderbares Ereignis, wenn ein Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft sich wieder daheim einfand. Natürlich wurde gleich zu Ehren des verlorenen Sohnes ein Festessen spendiert. Alle sahen zu, wie es mir mundete, nur Mutter schaute ein wenig ungläubig drein, da ich ja nun größer und kräftiger von Gestalt war. Ich glaube, sie hatte mich immer noch als kleinen Lockenkopf in Erinnerung.
Nach der zweimaligen Flucht und der glücklichen Heimkehr ins östliche Vaterland, besser gesagt Mutterland, denn Vater war im Krieg gefallen, brach nun der richtige Alltag über mich hinein. Das Notwendige war vorhanden: Essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Nun konnte es losgehen, das Naheliegendste war jetzt erst einmal, auf Arbeitsuche zu gehen. Eigentlich durfte das ja kein Problem werden, hatte ich doch den Beruf eines Volksschullehrers erlernt. Nun gut, etwas fehlte noch bis zur Endabsolvierung, aber das ließ sich doch im Selbststudium oder mit geeigneter Hilfe nachholen. Auch lag ja zwischen Lehrerausbildung und dem Neuanfang die Soldatenzeit und die Zeit der Gefangenschaft. Da gab es die Möglichkeit etwas neues, anderes zu beginnen. Es lockte ja noch immer, zwar ein wenig entfernt und verworren die Sehnsucht nach einem handwerklichen Beruf. Lokschlosser, Automechaniker - warum eigentlich nicht? Aber ein gewisser Ehrgeiz, den einmal eingeschlagenen Weg wieder zu beschreiten, war wohl stärker in mir verfestigt. So führte mich denn auch mein Weg zum amtierenden Kreisschulrat, der zur damaligen Zeit seinen Sitz in Senftenberg hatte und auch aus unserer Stadt stammte, mit der festen Absicht, mich um eine Neulehrerausbildung zu bewerben. Dieser Herr, der oberste Bildungschef im Kreise Calau war von meinem Verlangen einfach gar nicht angetan. Er lehnte mein Ansinnen mit zweierlei Begründungen rundweg ab. Die erste, so wie auch die zweite waren wohl zu dieser Zeit nachvollziehbar, aber auch wiederum recht eigenartig. Meine nationalsozialistische Ausbildung an der LBA in Orlau warf er mir vor und das mein im Krieg 1942 gefallener Vater Mitglied, besser gesagt Mitläufer der NSDAP war. Zu jener Zeit gab es noch die Entnazifizierung, doch bei mir gab es da nicht mehr viel zu säubern. Das Ende des Krieges, die Gefangenschaft und was ich inzwischen so erlebt hatte, hatten meine Gesinnung geändert. Zwar nicht restlos entmutigt, jedoch ein wenig traurig verließ ich die Amtsräume meiner Niederlage.
Also hieß es erneut, was gangbares für mich zufinden. Und wie heißt es doch so schön: "Wer sucht - wird auch finden!" So fand ich bei einem Schrotthändler auf dem Güterbahnhof in Senftenberg eine Arbeit. Sehr einträglich, mal finanziell gesehen, war diese Tätigkeit nicht, aber die Tätigkeit hatte auch ihre guten Seiten. Auf dem Verschiebebahnhof standen fast täglich Güterzüge, beladen mit Kohlrüben, Krautköpfen und Mohrrüben. Zum Feierabend verschwanden unter dem weiten Militärmantel die zarten Köpfe en gros und bereicherten zusätzlich den Mittagstisch daheim. Was ich hier berichte ist allemal authentisch, denn bei der Rentenbeantragung fand ich in meinen Unterlagen die Arbeitsbescheinigung als Schrottverlader und nicht Kohlkopfdieb! Wie nützlich doch manche Papierchen sein können? So war nun die Rückkehr ins schaffende Leben auf der einen Seite freudvoll, denn ich war endlich daheim, aber auf der anderen spürte ich eine gewisse Leere, ein Unbefriedigtsein; das kann es doch nicht gewesen sein! Ich jedenfalls wollte doch ein wenig mehr aus meinen noch jungen Leben machen. Da kam mir ein Zufall in die Quere. So befolgte ich den Rat eines guten Freundes, der mich wieder in die Gefilde der Pädagogik zurück bringen sollte.
Doch zuvor noch eine Episode, die mit der Gefangenschaft in Frankreich zu tun hat. Eines Tages bekam ich aus der Schweiz einen großen verschnürten Holzkoffer. Als ich ihn mir genau anschaute, erkannte ich das gute Stück, es war meine Holzkiste, in der ich all meine Utensilien während der Zeit der Gefangenschaft aufbewahrte. Jeanette hatte viele nette Sachen darin verstaut, und da wir ja in brieflicher Verbindung standen, zu mir nach Hause geschickt. Darunter waren ein todschicker Rollkragenpullover und ein mit Lederknöpfen versehener, hellgrauer Designer-Allwettermantel. Mit dem habe ich lange Zeit in meiner Stadt angegeben. Da haben aber die Frauenzimmers nach mir geschaut. Leider ging die Verbindung ungewollt schnell zu Ende. Wahrscheinlich haben irgendwelche Leute in der Nachbarschaft es mitbekommen, daß ich Kontakte zur Schweiz und zu Frankreich habe. Vielleicht war es auch schon das MfS, ich weiß gar nicht, ob es diese Institution schon damals gab, jedenfalls kam ein Herr zu uns nach Haus und bat mich im Interesse meiner Jugend !!! diese Verbindungen einzustellen. Was ich ja auch wiederum tat, weil ein Zusammenkommen oder -treffen sowieso schier unmöglich war. Ende der Vorstellung! Ich befolgte den Rat meines alten Freundes und fuhr nach Potsdam in die alte Zauche, wo der Regierungssitz der Landesregierung Brandenburg beheimatet war.
Die Lautaer Zeit
Eignungsschüler und Kindergärtner im Kindergarten Lauta - West
Der damalige Schulrat war mir nicht gut gesinnt und so befolgte ich den Rat des alten Freundes: „Versuch es doch einmal in Berlin oder besser noch in Brandenburg, in Potsdam. In Berlin wurden Prüfungen abgenommen, so eine Art Eignungstest, ob man nach so langer Zeit des Nichtstudierens auch noch richtig tickte. Nun gut, gesagt, getan - ich nahm den Vorschlag an und machte mich auf die Reise nach Berlin/Ost. Ich erinnere mich noch zu genau, daß ich bei meinen Onkel Erich, dem Bruder meines Vaters, übernachtete. Er wohnte am Rande der großen Stadt in einer sehr schönen Laubenkolonie. Für mich war das Wiedersehen mit einer riesigen Freude verbunden, denn bei Onkel Erich und Tante Mariechen gab es jede Menge Obst und verschiedenartiges Gemüse zu essen. Wer konnte in diesen Jahren der Nachkriegszeit, des ständigen Hungerns mit so etwas aufwarten.
Morgens zuckelte die Straßenbahn mit mir zur Innenstadt, wo ich mich in einem verfallenen Gebäude, einer Bombenruine zur einer Aufnahmeprüfung einzufinden hatte. Während der gesamten Prüfung hatte ich das Gefühl, am falschen Platz gelandet zu sein. Es wurden nämlich Berufschullehrer gesucht, was natürlich nicht in meinem Interesse war. Ein Prüfungsergebnis habe ich auch nie erfahren. Wenn ich mir die gestellten Frage noch einmal so überlege und meine Antworten dazu, bin ich wohl glatt durchgefallen! Aber aufgeben wollte ich nicht. So fuhr ich dann später kurz entschlossen zur Landesregierung nach Potsdam, um mich erneut um eine Neulehrerstelle zu bewerben. Dort wurde ich von einer netten älteren Dame in Empfang genommen und begann sofort mein Vorhaben ihr anzutragen. Dabei mußte ich unentwegt auf ihre Beine schauen, wo sich meinen Blicken eine herrliche, breite Laufmasche darbot. Mich mußte der Teufel geritten haben; deshalb ich ins Stottern und zugleich ins Lachen geriet. Damit ahnte ich schon im voraus: Das wird diesmal auch wieder nichts, als sie lächelnd zu sagen pflegte: "Nun....Neulehrer..., wissen Sie, ich weiß nicht !" Eine verdächtig nachdenkliche Pause trat ein ..... "Schon gut, schon gut" , erwiderte ich, um mich auch gleich, immer noch verlegen lächelnd, zu erheben. "Halt, halt, nicht so schnell junger Mann", hörte ich ihre wohlartikulierte Stimme verdutzt, "da wäre eventuell noch eine Möglichkeit. Im Kindergarten Lauta-West, in der Nähe von Senftenberg, könnten wir Sie einsetzen!". Ich mußte wohl immer noch an die wunderbare Laufmasche denken, so daß mir ihr Angebot irgendwie ulkig, besser gemeint ein wenig naiv vor kam. Jedoch schnell rotierten meine wenigen grauen Zellen, ich überlegte nur halbhörig - der Spatz in der Hand ist immer noch besser, als die Taube auf dem Dache - ! Ehrlich gesagt, ich willigte mehr oder weniger gedankenlos einfach ein.
Es vergingen nicht einmal 14 Tage, als mich der etwas mürrisch dreinschauende Schulrat zu einem Einstellungsgespräch vorlud. Neben seinem viel zu großen Schreibtisch, ein irgendwoher erobertes Beutestück, saß eine Dame, die ich später noch als Vorschulreferentin kennenlernen sollte. Und so sprach sie, ein wenig gedehnt und immer tief in meine unschuldigen Augen blickend, zu mir" "Also.. .Herr Werner Gertler," meinen Vornamen besonders betonend," Sie werden als Vorschüler - was immer das heißen sollte - im Kindergarten Lauta-West zum 1. September 1948 ihren Dienst mit einer Eignungs- und Probezeit aufnehmen. Ach ja, das möchte ich Ihnen noch sagen, Ihre Mitarbeiter werden allesamt von weiblicher Natur sein! " Die letzten Worte betonte sie recht eigenartig, als ob ich begreifen müßte, daß es auch Frauen in der pädagogischen Tätigkeit gibt! Nun gut, gewiß war es ein Novum, einen männlichen Kindergärtner im Lande zu haben. Und dann fuhr sie fort. "Sie wissen, was das für Sie und Ihre damit verbundene Einstellung und Haltung zu bedeuten hat!" Natürlich wußte ich das nicht; denn in den langen Jahren der Soldaten- und Gefangenschaftszeit und der damit verbundene Abstinenz waren ja für mich Frauen höhere Wesen, weil wir Männer doch nur unter uns waren. Oder ahnte sie etwas von meinen Frauengeschichten in Frankreich? Eigentlich konnte das nicht sein, denn in meiner dünnen Kaderakte konnte darüber bestimmt nichts vermerkt sein. Zum Verdienst, d.h. zur Besoldung, wurde auch noch etwas gesagt, das war ja für mich auch nicht ganz unwichtig. Heute ist das gar nicht mehr vorstellbar. Es waren damals genau summa summarum 5O.-Mark, in Worten fünfzig und die natürlich im Monat. Aber das sollte mich überhaupt nicht stören. Hauptsache war, daß ich nun endlich bei und mit Kindern arbeiten durfte. Von Senftenberg, in Hohenbocka umsteigen, fuhr ich täglich mit dem Bummelzug nach Lauta, um allzu oft mit klopfenden Herzen und im eiligen Schritt zum Musterkindergarten Lauta-West zu gelangen.
An dieser Stelle muß ich einfügen, daß ich bis zu diesem Tag damals kaum einen Kindergarten von außen betrachtet, geschweige denn von innen richtig gesehen hatte. Als kleiner Junge ging ich nicht in den Kindergarten, wahrscheinlich war es nicht vonnöten und das Geld fehlte wohl auch dazu. Es handelte sich um einen stattlichen Zweckbau, der sich auch in den letzten 5O Jahren äußerlich kaum verändert hatte. Ich hab ihn später noch einmal besucht, und konnte feststellen dass sich im Innern so gar vieles zum Positiven verändert hatte. An meiner neuen Arbeitsstelle angekommen, lief mir damals, nunmehr vor über 50 Jahren eine respektable, vortrefflich attraktive Dame, Frau, beziehungsweise Fräulein über den Weg. Ich konnte ja nicht ahnen, daß sie Jahre später einmal mein angetrautes Weib werden sollte! Zunächst wurde ich von der Frau Hausmeisterin in das Büro der Leiterin begleitet. Die andere Dame schaute mir noch immer ein wenig ungläubig hinterher, denn als Vater eines ihrer Kindergartenkinder käme ich wohl nicht in Frage und für einen behördlichen Amtsdiener sah ich wohl nicht genügend verknöchert aus. Lächelnd, jedoch in ihrer Haltung bestimmend, erhob sie sich federleicht aus ihrem breiten Sessel. "Na, Sie sind gewiß der Herr Gertler!" "Ja, der bin ich!" - Betrachtende, abschätzende Pause. Und dann sagte sie, meine künftige Vorgesetzte, die Kindergartenleiterin, etwas schmunzelnd: "Da haben Sie sich ja was "Tolles" vorgenommen."!! Zu dieser Zeit wußte ich wirklich nicht dieses Wort "tolles" zu deuten. War ich doch, zumindestens in der Ostzone und wohl auch später in der DDR der erste und einzige Kindergärtner. Bezog sich nun das Wort auf mein pädagogisches Unterfangen, auf die zukünftige Arbeitsstätte mit den so vielen lieblichen Frauen oder auf die zu betreuenden Kinder, die ja nur zu Hause einen Mann als Erziehungsberechtigten kannten. Egal, sei's drum, es gab keine Zeit zum deuten, ran ging es an die Arbeit.
Damals kamen wohl, so habe ich es noch in meiner Erinnerung, 80 Kindergartenkinder und ca. 30 Hortkinder. Hinzu kamen noch die 15 -18 blonden, brünetten schwarz-langhaarigen, molligen und schlanken Kolleginnen. Bei den letzteren fielen mir wieder die Worte der Vorschulreferentin ein, wegen der Moral und naja so ungefähr wie, du könntest ja hier der "Hahn im Korbe" sein. Oh weh!!
Bevor ich so richtig zur Besinnung kam, tobten bereits zwischen meinen Beinen die kleine Geister um mich herum, tätschelten meine Hände, zupften an meinen Beinhaaren und nahmen ohne Pardon voll Besitz von mir. Zu meinem Dienstantritt war ich in kurzer Hose, einem hellblauem Hemd und mit einer Sonnenbrille be- oder verkleidet erschienen. Es war ein herrlicher Altweiber-Sonnentag und so wie die Sonne strahlte, so strahlte auch ich. Schade, dass keine Musik spielte, denn dann hätte man intonieren können: "Freude schöner Götterfunken..." Irgendwie war ich überaus glücklich, sei es wegen der Kinder, der netten Kolleginnen Oder einfach nur so! Ich ging mich umsehend durch die Räume und nach und nach kam eine Kollegin nach der anderen; begrüßte mich recht artig, mitunter zurückhaltend und verschwand kichernd, um mich schnell noch einmal über die Schulter zurückblickend ein bißchen zweifelhaft zu betrachten. Nun will ich mal nicht überheblich werden, aber gewiß, ich war zur damaligen Zeit ein Jüngling im lockigen Haar, schlank, rank, keine einzige Bauchfalte, und was wichtig ist mit schon erster Erfahrung.
In den nächsten Tagen begann für mich der langersehnte pädagogische Alltag. Bereits um 6.00 Uhr in aller Herrgottsfrühe begann die Arbeit. Vor jeder verantwortungsvollen Erziehungsarbeit steht nun einmal der Schweiß. Das ist auch im Kindergarten so . Wer den Frühdienst versah, dem oblag es alle Gruppenräume, die Waschräume, das Spielzeug zu säubern und alles an den rechten Ort zu stellen. War das geschehen, dann kam sehr oft, fast immer die elegante Überraschung in Form unserer Leiterin. Mit weißen Glace-Handschuhen versehen, überprüfte sie alle großen und kleinen Räume, besonders aber gern die Verkleidungen der Zentralheizung , die aus Holzvergitterungen bestand. Sie fuhr mit ihren weißen Handschuhen in die Ritze und prüfte unsere getane Arbeit. Wehe, wenn sie ein Stäubchen fand, das wir mit dem feuchten Wischtuch nicht erreicht oder nachlässig übersehen hatten. Sie bestimmt niemals. Damals dachte ich, wie penibel! Heute weiß ich es viel besser! Gewissenhaftigkeit, Ordnung und Sauberkeit sind erste Voraussetzungen für eine gewinnbringende Erziehungsarbeit. Jetzt, wo ich allein meinen Haushalt in Ordnung halten muß, weiß ich das erst zu schätzen. So wurden wir, wurde ich, als Vor- und Eignungsschüler gründlich auf meine verantwortungsvollen, pädagogischen Beruf mit viel Verständnis und Liebe zum Vorbild für die uns anvertrauten Kinder auf diese Tätigkeit vorbereitet. Für mich war die Lehrzeit auf der LBA und im Kindergarten eine wertvolle Erfahrung in meiner über 40 Jahre währenden pädagogischen Volksbildungsarbeit, und das nicht nur, weil ich dort meine erste und einzige große Liebe hab erfahren und kennen gelernt.
Kinderheim S i g r ö n
Nur ganz kurz zur Vorgeschichte, damit ein jeder auch den Übergang zum neuen Arbeitsort versteht und weiß, warum ich ihn wechseln mußte. Die Vorschulreferentin, Frau Rhede, kontrollierte unsere Einrichtung in Lauta West in der letzten Zeit - für uns auch ein wenig unverständlich - verdächtigerweise sehr häufig. Nun gut, sie wohnte zwar in der ehemaligen Aluminiun-Stadt LAUTA, aber sollte das der Grund dafür sein? Oder war es nur, weil ein männliches Wesen den "Kükenhaufen" durcheinander brachte, oder wollte sie den jungen Mann einfach besser bewachen, damit er ja keinen Unfug anstelle? Ehrlich gesagt, ich weiß es wieder einmal nicht. Also schurrte sie, bat beim Kreisschulrat um ein wenig Unterstützung, und leitete meine eigentlich nicht gerechtfertigte Versetzung ein. Meinerseits lag ein sittenwidriges Verhalten in keiner Weise vor, bis auf die schönen Augen, die ich aber nur gelegentlich Schneewittchen machte. Punktum - - -, die Strafversetzung war die Folge Also schnürte ich mein Bündel, machte mich auf den Weg, um die zweite pädagogische Hürde in Angriff zu nehmen. Fuhr wieder einmal mit dem Bummelzug bis Berlin, stieg dort in den D-Zug Richtung Wittenberge ein, um von dort natürlich mit einer Bimmelbahn nach dem mir unbekannten Ort "Bad-Wilsnack“ in der Ost-Prignitz zu gelangen; denn bis zu meinem Zielort Sigrön fuhr gar kein Zug. Die Eisenbahnstrecke hatte man wohl in der Zeit des II. Weltkrieges abgebaut, weil die Schienen für den Endsieg gebraucht wurden. Ein alter Mann, mit einem rotblonden Rauschebart und einer unerhört mächtigen Kolben-Tabakspfeife im rechten Mundwinkel hängend, sprach bedächtig und ein bissel „Plattdeutsch“ zu mir :"Nu mi Jung, wat führt dich hierher?“ Pause ...“Magst doch keen Rheuma haven?“ Ich stutzte, überlegte, war ich nun schon in Mecklenburg oder noch im Land Brandenburg, wie denn? Meine geographischen Kenntnisse aus der Schulzeit waren nicht so vollkommen, daß ich hätte wissen müssen, das Bad Wilsnack ein ganz bekanntes MOORHEILBAD besaß. Hier konnte man sich in warmen, dunkel braunen Wechselbädern von den Lastern wie Rheuma, Gicht und Reißen nach mehreren Wannenbädern befreien lassen. Vielen hat das schon geholfen. Vielleicht brauchte ich so etwas später einmal im hohen Alter, wenn überhaupt? Der Alte wies mir den Weg zu einer Stelle, an der zweimal am Tage ein museumsreifer Holzvergaser, in Form eines noch fahrtauglichen "Hanonk", die Strecke von Bad Wilsnack nach Perleberg und wieder zurück bewältigte. Also hieß es warten, und siehe da nach Stunden schaukelte das Gefährt auch um die Ecke und blieb an der markierten Stelle dampfend stehen . Sachte, sachte, bald wie im Wiegeschritt, ein wenig schwankend bewegte sich der fahrbare Untersatz - lediglich mit kurzen Unterbrechungen zum nachfüllen grober Holzschnitzel aus einem elenden Kartoffelsack, kilometerweise vorwärts. Ich schaute ein wenig verträumt aus dem noch durchsichtigen Fenster mir die Gegend an und fand die dahingleitenden Koppeln und Weiden, selten ein Haus oder eine Hütte, recht vergnüglich. Aus meinen Träumen geholt, sagte ein mitfahrender Herr aus" Kuhblank" - welch seltsamer Ortsname - zu mir: "Jetzt können Sie ruhig ein kleines Nickerchen machen, in Sigrön halten wir eine längere Zeit, dort versorgt sich unser Kraftfahrer erst einmal mit Kartoffeln und mit echtem Rübenschnaps." Letzterer war Selbstgebrannter, aber den habe ich erst viel später zu spüren bekommen. Das geschah bei einer dorfüblichen FDJ-Fete, an der die ganze Dorf- und Gutsjugend fast allabendlich zusammenkam. Da wurde noch richtige Politik gemacht. Zuerst informierte der Sekretär - eine "FDJlerin - über das Tagesgeschehen aus der Sicht der Bauern des Gutes und des Dorfes. Danach wurden die nächsten Arbeitseinsätze festgelegt, an denen hatte jeder teilzunehmen. Ausnahmen gab es nur für den, der seinen Kopf untern Arm trug oder stockhagel voll war. Letzteres kam öfter vor. So voll, wie ich nach mancher Versammlung war, war ich nur noch am Polterabend vor meiner eigenen Hochzeit mit Annemarie, sie war aber nüchtern. Zumindestens war ich in dieser verlassenen Gegend nicht vom Regen in die Traufe gekommen, aber wiederum in eine Schar von jungen, netten, liebenswerten Mädchen und jungen Frauen, sogar der Hausmeister war eine. Die Leiterin des Kinderheimes war eine Respekt einflößende Dame mittleren Alters, und zwei Köpfe größer als ich. Als der liebe Gott die Körperlängen verteilte, da muß sie wohl gleich zweimal "hier" gerufen haben. Sie machte auf mich einen recht resoluten, von einem hohen Ausmaß der Pädagogik umgebenen, tiefen Eindruck. Am liebsten wäre ich gleich wieder abgereist oder vor Ehrfurcht in den Boden verschwunden. Aber das war ja nicht so einfach und nun war ich einmal da. Nach Tagen und Wochen der Arbeit haben wir uns sehr gut verstanden. Ich habe in der Erziehungsarbeit mit schulpflichtigen Kindern viel wissenswertes erfahren und gelernt.
Unsere Köchin, wir nannten sie alle "OMA Obst" nicht weil es jeden Tag das selbige gab, nein das war ihr echter Familienname, eine kleine, gemütliche, runde Blondine, sie war mir die allerliebste. Dazu muß ich wiederum erwähnen, es waren ja immer noch Nachkriegsjahre und wir lebten in diesem Kinderheim. Im Jahre 1948, da gab es noch keinen Überfluss an Lebensmitteln. Tausende unserer Bevölkerung nagten am Hungertuch, der Kampf um das tägliche Sattwerden war zu dieser Zeit noch lange nicht ausgestanden. So schlich ich oft, immer in meiner dienstfreien Zeit, heimlich in Oma Obsts wohlbehütetes Reich, um in erster Linie Kartoffeln zu schälen und beim Gemüse putzen zu helfen. Nun kann sich ja jeder denken, daß so manche heiße Pellkartoffel, Mohrrübe oder gar leckere Fettstulle in meinen meist hungrigen Bauch verschwand. Das war aber nur die lukullische Seite. Für mein Fortkommen habe ich in dieser Einrichtung eines staatlichen Kinderheimes gar vieles gelernt. Ein jedes Kind als Persönlichkeit zu achten und anzuerkennen, einfühlsam mit seinem Verlangen umzug ehen und viel Zeit beim zuhören ihrer Sorgen und Nöte aufzubringen. In diesem Heim lernten, spielten, speisten und schliefen Kinder aus vernachlässigten Familienverhältnissen und auch jene, wo die Erziehungskraft der Eltern nicht mehr ausreichte, um ein Vorwärtskommen für recht unterschiedlich geartete Geschöpfe zu gewährleisten. Mitunter waren es Kinder, deren Eltern sich in den vermeintlich "goldenen Westen" begaben und sich gewollt, ungewollt, verantwortungslos von dem wertvollsten, was man je besitzen darf, zu trennen. Eine solche Handlungsweise habe ich nie begriffen, verstanden und war sehr oft recht verbittert darüber. Die uns anvertrauten Jungen und Mädel, die großen und die kleinen Buben und Dirnen besuchten in einer kleinen Dorfschule den täglichen Unterricht. Sie wurden erzogen, betreut von künftigen Neulehrern, Lehrerabsolventen und einem Altlehrer, der als Schulleiter die Geschicke der verantwortungsvollen Arbeit leitete. Nach den Unterrichtsstunden kamen alle wieder lustig, froh und munter, einige mehr oder weniger, zu uns in das Ersatzelternhaus zum essen, zur Verrichtung der Hausaufgaben, zum lernen und spielen in ihre vertrauten Räume zurück. Es waren halt die möglichen Gegebenheiten als Ersatz für das und für das doch recht viel vermißte Elternhaus. In dieser Zeit habe ich begriffen, daß die beste Jugendhilfe, die notwendige Heimerziehung nicht immer und kaum die elterliche Erziehung und Bildung ersetzen kann. Mag die Geborgenheit auch noch so sicher, warm und wohltuend sein, die Familie, das Aufwachsen in ihr, ist nach meinem Empfinden das wertvollere. Auch bei aller Geborgenheit in einem Kollektiv, in einer engen Gemeinschaft in denen gute, echte ethisch-moralische Werte gegeben und anerzogen werden, fehlt für mich die innere Nestwärme, die nur durch eine Seelenverwandtschaft, der mütterlich, väterlichen Bindung von Natur aus gegeben ist. In den sozialistischen Ländern, in der DDR wurden, und das verstärkt in den 50er und 60er Jahren, die Vorteile des kollektiven Handels, Zusammenseins, des Verweilens in den Heimen, Jugendwerkhöfen als pädagogische richtige Maßnahmen gehandhabt und als unabdingbar angesehen. Jene Pädagogen, Psychologen, Wissenschaftler, die auf dem Gebiete der Pädagogik, der Bildungs- und Erziehungslehre sich einen Namen machten, wie Rubenstein, Gontscharow, Jessipow bis A.S. Makarenko waren in dieser Zeit unsere Leitbilder. Und so wurden Pestalozzi, Fröbel, das Ameisen- und Krebsbüchlein, welche ich aus meiner Kindergartenarbeit kannte, gar nicht mehr zur Hand genommen. Ich bedauerte es sehr, daß man auf das wertvolle Gut traditioneller deutscher Humanisten sich kaum besann. Gewiß, sie wurden an unseren Instituten, Universitäten gelehrt, aber leider überwiegend nicht mehr vordergründig. So war das in der damaligen Zeit, und wir haben wohl einiges versäumt und uns vergeben. In unserem Kinderheim Sigrön ging es zu jeder Zeit freud betont und im gewissen Sinne familiär zu. Es war schon bis zu einem bestimmten Grade wie in einer Großfamilie, aber leider war halt diese Familie für ein individuelles Eingehen zu umfangreich. Der einzelne kam bei allem Bemühen immer ein wenig zu kurz. Ich erinnere mich an eine sehr traurige Begebenheit, als ein sehr krankes Kind meine Hilfe und Fürsorge brauchte. Ich tat zwar, was in meinen Kräften stand, aber es reichte dennoch nicht. Da waren ja auch die zwölf anderen Jungen in meiner Gruppe, die ich rund um die Uhr zu betreuen hatte. Der Klaus, so hieß er wohl, erkrankte so plötzlich mit hohem Fieber und Unwohlsein, daß ich ständig bei ihm sein wollte. Als ich aber einmal nach dem rechten schauen mußte, was die anderen so taten, und ich später wieder an sein Bett trat, da spürte ich so eine eigenartige Stille und Kälte. Ich nahm an, da es bereits dunkelte, Kläuschen war eingeschlafen. Sein Gesicht war blaß und eingefallen. Ich erschrak und mir wurde zugleich bewußt, er war für immer von uns gegangen. Ich habe später in meiner Tätigkeit an der Köperbehindertenschule Dr. Friedrich Wolf in Hoyerswerda mehrere Kinder verloren, weil sie dem nicht gewachsen waren, was ihnen ihr Behindertensein auferlegte; doch der damalige Verlust ist mir sehr nahe gegangen. Mich erfüllt ein jedes Mal tiefe Traurigkeit, wenn Eltern, Geschwister Abschied nehmen müssen, vom liebsten, was sie besaßen. Die Leiterin des Heimes half uns jungen Erziehern über so manche schwierige Klippe hinweg, lehrte uns ohne uns ständig zu belehren, gab Hinweise das pädagogische Handwerk zu verstehen, zu begreifen und gewissenhaft umzusetzen. Besonders auf dem musisch-künstlerischen Gebiet hatte sie ein umfangreiches Wissen, Talent und Geschick, auch an uns weiter zu geben. Wir musizierten, spielten Theater, malten, trieben Sport und waren der Prosa und der Lyrik zugetan. All das erworbene haben wir an unsere Kinder weitergegeben, dabei immer viel Spaß, Freude und Zuversicht gehabt. Diese Seite des Lernens, der Sammlung von wertvollen Erfahrungen konnte ich später noch recht oft nutzen. Recht wertvolles in der Bildungs- und Erziehungsarbeit war immer die musische Erziehung. Ein Lied, ein musikalischer Vortrag auf irgendeinem Instrument hat die Kinder zumeist aufgeschlossener gemacht. Es war also doch recht nützlich, das Geigen spielen in der LBA. Natürlich beherrschte ich noch ein wenig mein Instrument. Hatte ich es doch, die Geige mit Kasten, über die Wirren des Krieges gerettet. Das heißt, genau genommen war es ja die Mutter, die die alte, kostbare Geige aufbewahrt hatte. Sie tat jedenfalls hier im Kinderheim einen wertvollen Dienst. Das Mundharmon ika spielen hatte ich auch noch nicht verlernt und so waren es neben der Blockflöte schon drei Instrumente die uns meistens am Abend unterhielten. Das schöne an der Sache war, daß einige der Kinder Interesse am musizieren fanden und auch bald ein Instrument beherrschten. Ich erinnere mich noch zu genau, daß wir ganz still und heimlich ein Mundharmonikaorchester gegründet hatten und zum Kindertag das erste Mal im Heim aufgetreten sind. Später haben wir im Dorf vor den Erwachsenen so manche Veranstaltung und Versammlung musikalisch umrahmt. Da haben aber die Bauern und das Dorfoberhaupt, der Bürgermeister mächtig gestaunt. Wir hatten zur Aufbesserung unseres Ansehens dadurch ein bissel mehr beigetragen. Obwohl ich hier sagen muß, daß unsere Kinder im Dorf und der Umgebung keinen wesentlichen Ärger bereiteten. Abgesehen von einigen Schabernacken, mitunter weniger gelungenen Streichen, wie Eier stibitzen, älteren Leuten mal dummes Zeug nachrufen und als Krönung den Bürgermeister einmal in seiner Amtsstube einsperren, aber das war's dann auch schon. Ja, ich meine ein Erzieher sollte schon ein Musikinstrument beherrschen und auch eine gewisse künstlerische Ader haben. In dieser Hinsicht könnte die Ausbildung der jungen Pädagogen noch intensiver, mannigfaltiger erfolgen. An unseren Lehrerbildungsinstituten, den Hochschulen, wurde und wird nach wie vor viel zu wenig Wert darauf gelegt. Hauptsache man war im Fach M/L (Marxismus/Leninismus) sehr fleißig und konnte gekonnt oder auch weniger gut argumentieren.
Damals, 1948/49 war so vieles noch recht schwierig, ich meine aus der Sicht der materiellen Lage. Wir hatten nicht genügend Lehrmaterial, Anschauungsmittel, kaum Hefte, Zeichenblöcke, Schreibutensilien, na und was so alles zur Gestaltung einer vernünftigen Arbeit gehörte. Unsere Kinder zeichneten und malten sehr gern. Da es am gesagten Papier mangelte, haben wir uns von einer Feldscheune, die mit Schiefer gedeckt war, Platten geholt und darauf gemalt, manche nur gekritzelt, aber es entstanden auch wunderbare Gebilde. Es war halt die Zeit des schweren Anfangs, aber wo ein Wille ist, da läßt sich auch ein Weg ebenen und das taten wir mit Enthusiasmus. Wir haben gesucht und somit auch verwendungsfähiges gefunden. Aus alten Beständen haben wir einmal irgendwo einige Tuschkästen und sogar eine ganze Packung gut erhaltener Bleistifte aufgestöbert. Noch heute sehe ich die Bleistifte vor meinen Augen, auf ihnen war in goldener Schrift eingeprägt der Firmenname "FABER". Eigentlich kannte ich den Namen gar nicht. Aber unsere Heimleiterin wußte damit etwas anzufangen. Sie meinte, dass das sehr wertvolle Stifte wären und achtete streng darauf, das keiner verloren ging, sie immer gut angespitzt waren, und keiner am Bleistiftende kaute. Komisch, dass man sich an solche Begebenheiten noch so genau erinnern kann?
Übrigens, gemalte, gezeichnete Bilder von meinen Gruppenkindern bewahre ich noch heute auf, die ich einmal zum Abschied geschenkt bekam, und sie zogen von Umzug zu Umzug immer mit.
Unsere Leiterin des Heimes war eine ausgezeichnete Klavierspielerin, möchte bald sagen Pianistin. Abends saßen wir im Speisesaal beieinander, lauschten beim Kaminfeuer - zu so einem alten Schloß gehörte halt immer ein Kamin - der Musik und den Gedichten, Erzählungen, die vorgetragen wurden, bis von den Kleinen so einer nach dem anderen einschlummerte.
Natürlich ist an dieser Stelle auch das Laienspiel, die Kleinkunst des Theaters zu erwähnen. Von eh und je war ja das darstellen, sich künstlerisch zu produzieren ein bewährtes Mittel in jeglicher Hinsicht. In den FDJ-Gruppen, im Dorf gab es die Antifagruppe, die wurde für die ideologische Überzeugungsarbeit frühzeitig genutzt. Wir Erzieher beteiligten uns sehr rege daran und konnten nützliches dazu beitragen. Die FDJ als Nachfolge der Antifa-Jugend trug sehr begeistert in der damaligen Zeit zur Überwindung des nazistischen Gedankengutes bei. Neben der ideologischen Arbeit war aber zu jeder Zeit der Spaß, die Freude, die Erholung bei den Jungen und Mädels zu spüren. Oft wurde es sehr spät, wenn wir von den gemeinsamen Zusammenkünften ins Heim zurückkehrten, und am nächsten Morgen wartete ja der Dienst schon wieder auf uns.
In einem Heim, in einer Schule, einer Bildungseinrichtung gibt es nicht nur fröhliche vergnügliche Stunden, das Leben hat viele gute, leider auch unangenehme, ernste Tage parat. Wie es halt so einmal im täglichen Leben vorkommen kann, passierte eines Tages für uns alle ein sehr schrecklicher Unfall. ES WAR EIN SCHÖNER sonnenüberfluteter Herbstnachmittag, als gell schreiend ein Schüler zu mir ins Haus gelaufen kam. Vor lauter, lauter Weinen konnte er kaum Atem holen, und stammelte schluchzend die Worte: "Hilfe, Hilfe, helfen Sie, der Jörg hängt am Baum!!" Schreiend, um Hilfe rufend, rannte er durch das ganze Haus. Was war bloß geschehen? In Gedanken sah ich schon den Jörg an einem Strick baumelnd im Geäst eines Baumes hängen. Reaktionsschnell stürmte ich aus dem Hause, rannte zu der Stelle, die mir grad in den Sinn kam, nämlich zum alten Birnbaum, der uns so herrliche, saftige Geschenke in Form zentnerschwerer Früchte lieferte. Wißt ihr, ein Erwachsener, ein Erzieher, ein Freund der Kinder muß gedankenschnell handeln können, muß alles können, so sehen es die Kinder in uns. Sie haben, bei allen Widersprüchen, die sich in der Erziehungsarbeit an und mit ihnen auftun, zu jeder Zeit großes Vertrauen in uns Erwachsene und sehen letztendlich die Möglichkeit, Hilfe zu bekommen. Mit Riesensprüngen überwand ich die Terrasse, die schöne Blumenrabatte, den sandigen Spielplatz, der da angrenzte und stand wie gelähmt zunächst einmal vor dem Ort des Geschehens. Oh mein Schreck, der arme Jörg hing kopfunter, sich mit den Armen festhaltend, in der Nähe des wuchtigen Baumstammes, zappelte und jammerte zugleich. Ein gruseliger Anblick für mich, aber zum Glück kein Strick um den Hals; das jedenfalls nahm ich wahr. Ein abgebrochener, starker Ast steckte in seiner Wade des rechten Beins. Blut rann über den weißen Socken und tropfte stetig sacht zur Erde ins grüne Gras. Blitzschnell überdachte ich, was ich tun sollte. Glück im Unglück, denn die Stelle wo er so jammervoll festgeklammert am Ast hing war "Gott sei Dank" nicht allzu hoch."Halte durch oder aus", rief ich ihm fix zu und lief, die hinter dem Schuppen liegende Leiter herbeiholend, flugs zurück zum Katastrophenorte, die Leiter an den Stamm gestützt, und ganz vorsichtig hob ich meinen kleinen Kerl an, und befreite sein blutendes Bein von dem spitzen Aststumpf. Ich sagte wohl nur noch: "Laß los, wir haben es geschafft"! als er am Boden lag, inmitten der herbeigeeilten Kinderschar und der Erwachsenen war mein Jörg ganz blaß und sah aus wie ein Häuflein Unglück, lächelte aber bereits wieder. "Jungen sind halt hart", rief ich erfreut, "wir Mädchen aber auch" schallte es dem Munde erleichtert vom Mädchenchor zurück. Unsere Heimleiterin, in der Ersten Hilfe perfekt, betrachtete die Wunde, verband sie und meinte erstaunlich ruhig: "Bis zur Hochzeit ist alles wieder verheilt, dann kannst du den nächsten Absturz wagen".
Gern hätte ich später einmal all die Mädel und Jungen wieder gesehen, aber die Lehrzeit im Kinderheim Sigrön ging schließlich zu Ende, und im nachhinein betrachtet, war sie eine lehrreiche, wunderbare Tätigkeit, in der ich Erfahrungen, Erkenntnisse und Lebensweißheiten sammelte, die für mein weiteres pädagogisches Fortkommen von Nutzen sein sollten. Eigentlich war diese lehrreiche intensive Zeit viel zu kurz, aus der ich noch so manchen guten Rat hätte schöpfen können.
Meine Kaderakte ruhte immer noch in der Abteilung Volksbildung /Referat Jugendhilfe/Heimerziehung. Sie wanderte von der Vorschulerziehung zur Heimerziehung und wohl gewollt oder ungewollt in das Ressort Jugendwerkhof. Ein so junger, kräftiger Mann, dank Oma Obsts Sonderverpflegung, durfte nicht ewig bei den kleinen Kindern im Kindergarten oder bei mittelgroßen in Kinderheimen hocken, nein der sei auch für größere, für die Erziehung und Bildung Jugendlicher geeignet und darum plötzlich vorgesehen.
Die Jugendwerkhöfe, jene Art der Unterbringung von straffälligen Jungen und wenig später auch Mädels, wurden im Lande aufgebaut. Sie waren im System recht unterschiedlich, denn es gab offene und geschlossene Werkhöfe, was wohl auch mit dem Vergehen und der jeweiligen Straftat der Jugendlichen im Zusammenhang stand. Damals hatte ich absolut keine Ahnung, was mich da erwartete. Eine Versetzung, von einem Arbeitsplatz zu einem anderen war gang und gebe, und wir jungen Lernwilligen waren ja nicht widerspenstig. Durch eine staatliche Delegierung bekam ich, gleichzeitig als Weisung formuliert, als zu "fördernder" Kader den Auftrag, die Arbeit im Jugendwerkhof "Hanno Günter" in Stolpe bei Angermünde umgehend aufzunehmen. Ich wußte zu der Zeit weder wer "Hanno Günter" war, noch wo eigentlich das Nest Stolpe lag. Irgendwer erzählte mir, daß es an einem Kanal, Nebenarm der Oder liegen soll. Gehörte es nun noch zum Land Brandenburg oder grenzte es an Mecklenburg /Pommern, jedenfalls ging die Reise nordwärts immer näher der Ostsee zu. Für mich war das natürlich ein einschneidender Sprung in meinem weiteren Berufsleben. Zuerst 3 -6 jährige, dann 6 - 14jährige und nun gleich 14 -18 jährige zu erziehen, zu betreuen, sie verantwortungsbewußt zu lenken und zu leiten, da hat man mir aber so allerhand zugetraut! Ein herumdiskutieren gab es zur damaligen Zeit nicht. Die Einsicht in die Notwendigkeit war bei meiner Generation wohl immer ausgeprägt, Voraussetzung und somit vorhanden.
Jugendwerkhof "Hanno Günter"
Eine Versetzung von einer Volksbildungseinrichtung in eine andere war zu DDR-Zeiten nichts besonderes und meistens nur eine Notwendigkeit wegen des großen Personalmangels an Kindergärtnerinnen, Erziehern und Lehrern. Irgendwo in dieser Republik drückte den Kaderabteilungen immer wieder einmal der berühmte Schuh. Gleich wurden unzählige Kaderakten aus dem verstaubten Archiv geholt, gesichtet, verworfen oder für gut befunden. Wenn das letztere der Fall war, dann begann die Kadermühle zu rotieren und wenn es dem Kaderchef gefiel, mußte der Mann oder die Frau im Hause antanzen und wurde zu Neuem verdonnert. Mitunter flossen dabei nicht wenige Tränen. Hieß es doch Abschiednehmen vom altbewährten, einige arbeiteten in einem Kollektiv, gute Freunde zu verlassen, ja und wenn es hoch her ging, war das alles noch mit einem Standortwechsel verbunden. Davon konnte ich bereits ein Liedlein singen. So war eines Tages die Reihe auch wieder einmal an mir. Erst viel, viel später, als ich Kaderreferent beim Rat des Kreises/Abteilung Volksbildung zwischenzeitlich war, lernte auch ich dieses so bedeut same "Schiebemaxspiel" mit den Kadern, sprich Menschen, kennen. Aber darauf komme ich an anderer Stelle noch zu sprechen. Also, auch in der verträumten, verlassenen Gegend der West-Prignitz wußte jemand meine Kaderakte aufzuspüren, sie zu lesen, zu studieren, um dabei herauszufinden, daß dieser Kader den Anforderungen eines Erziehers in einem Jugendwerkhof entspricht. Welche hellseherische Begabung diese Leute wohl hatten? Und schon begannen die Mühlen der Bürokratie zu mahlen. Mit wenigen Absprachen, einigen Vermerkungen, mündlichen und schriftlichen Vereinbarungen, sofern überhaupt noch notwendig, war auch mein Schicksal besiegelt und ein neuer pädagogischer Weg tat sich vor mir auf. Wohin würde er diesmal führen? Die Fahrt ging ins Ungewisse.
Vom der Bahnstation Bad Wilsnack fuhr ich mit dem Bummelzug in Richtung Nordosten nach Angermünde ins Mecklenburger Land. Der kleine Ort Stolpe, der den Jugendwerkhof "Hanno Günter" beherbergte , hatte natürlich keinen Bahnanschluß. Er lag fernab von der Kreisstadt in Richtung Osten im Oderbruch. Wie so üblich belehrte mich ein Ortskundiger, daß nach Stolpe nur zweimal am Tage ein Kleinbus die Verbindung sei. „Aber“, kam es langgezogen, langsam und bedächtig noch hinterher: "Wenn sie es eilig haben, kommen Sie per Fuß sneller dor bi!" Bei den letzten Worten verfiel er schon wieder in sein Platt und verschwand. Der Bahnhofsvorsteher mit der roten Mütze in der Hand wischte sich den Schweiß von der Stirn, zog diese in Falten, lachte verschmitzt, "der nächste Bus fährt in cirka drei Stunden, aber so sicher ist das nicht, es kann auch etwas später werden", lachte, und verschwand um die Ecke. Ich überlegte gar nicht lange. Mir blieb ja wohl kaum etwas anderes übrig, als auf Schusters Rappen, den Fußmarsch anzutreten. Außer einem mittelgroßen Holzkoffer, der ja nicht allzu schwer war, hatte ich nichts weiter zu verbergen und zu tragen, und so zog ich denn frohen Mutes los. Ach ja, an den Füßen befanden sich ja noch meine teuer aus Westberlin erstandenen Kreppsohlen-Schuhe. Mit denen lief es sich recht federleicht, nur hatten sie den Nachteil, daß nach einer Anzahl von Kilometern, man sich darin baden konnte. Unangenehm rochen d anach auch die Socken und noch mehr die "K"-Füße. Wie sagte doch gleich der lächelnde Bahnbeamte: "Es sind ja nur 6 bis 12 Kilometer, so genau weiß ich es auch nicht mehr". Der Lumich, der wußte die Entfernung auf den Meter genau, wollte mich nur ein wenig schocken. Nach der halben Wegstrecke kam ich ganz schön ins schwitzen. Es sind ja nicht nur die Strapazen, der elend weite Weg, der von Kilometer zu Kilometer immer länger wurde und der Hunger- Der Magen knurrte, die Arme wurden vom Kofferschleppen immer länger. Und dann lagen auf dem Wege noch vereinzelt verschiedene Nester, wo ich jedes Mal dachte, nun bin ich endlich am Ziel. Mal ging es über leichte Anhöhen, dann wieder streckenlang nur geradeaus, von einem Ort zu dem anderen, bis schließlich, wirklich nach 12 km das Ortsschild "STOLPE" Kreis Angermünde auftauchte. Das Dorf, ein wenig hinter einem Hügel versteckt, in die grüne Landschaft gebettet, machte einen zu traulichen Eindruck. Jedenfalls übertraf es all meine Erwartungen, wenn ich überhaupt sagen kann, was ich erwartet hatte. Schweiß von der Stirn gewischt, kerzengerade aufgerichtet, so zog ich ins Dorf gleich bis zur Mitte ein. Und da war ja auch mein zukünftiges Domizil, der Werkhof zu sehen. Ein roter Ziegelsteinbau, in Form eines alten Gutsschloßes und hinter diesen Mauern wohnten die Zöglinge, die ich in kommender Zeit zu betreuen hatte.
Mein anstrengender Marsch war bei diesem Anblick schnell vergessen, obwohl ich die Strecke noch sehr oft bewältigen mußte. Heute sind 12 Kilometer zu Fuß fast ein undenkbare Wanderung, aber zur damaligen Zeit war das für viele Leute einfach so gang und gebe. Im Foyer des Hauses empfing mich ein älterer Herrn mit graumeliertem Haar, der später einmal mein väterlicher Freund werden sollte. Er stellte sich mir als leitender Erzieher vor, mit dem sehr leicht zu merkenden Namen SCHOLZ. Seine Heimat war Straußberg bei Berlin, die Stadt, die Umgebung, die er über alles liebte, wahrscheinlich aber auch wegen seiner lieben Frau, die dort an jedem Wochenende auf ihn wartete und er auch auf biegen und brechen sich die Zeit nahm, daheim zu sein. Für ihn waren die Stunden der Gemeinsamkeit sehr wichtig. Ein warum erfuhr ich erst später. Der Erzieher Vater Scholz brauchte trotz seines Alters und der mensigen pädagogischen Erfahrungen einen Pol zum ausspannen, der Erholung und zum Kräfteschöpfen für die verantwortungsvolle Arbeit an und mit den Jugendlichen im Werkhof.
Ich hatte ja keine Ahnung mit welchen Jugendlichen, im Alter von 15 - 20 Jahren, ich umgehen mußte, welche Schicksale, Begebenheiten, Schandtaten und Unglücke sich hinter jedem einzelnen verbargen. Die wenigsten hatten irgendwann etwas gestohlen, geklaut oder wissentlich Unrecht getan, ein Junge hatte aus Wut seinen Vater erschlagen, andere Mädchen vergewaltig, geraubt und geplündert, mehrere auch nur kleine Sünden begangen. Sie alle waren in diesem Jugendwerkhof untergebracht, er war für eine geraume Zeit ihr zu Hause. Manche waren froh darüber, ein ordentliches Dach über dem Kopf zu haben. Essen und trinken zu bekommen, sich frei zu bewegen und einen Beruf zu erlernen. Es gab auch jene, die für ihre unnatürliche Lage die Jugendhilfe, das Gericht, die Erzieher, Lehrausbilder, die Heimleitung verantwortlich machten. In diesen Fällen kam die Einsicht oft recht spät und bei einigen der Unbelehrbaren kaum. Ja, da war ich nun gelandet und vor mir stand Herr Scholz, der Erziehungsleiter, eigentlich die Seele in dieser Einrichtung, der immer und allzeit ein offenes Ohr für die Zöglinge und auch für jeden Mitarbeiter hatte. Er war es auch, der Kraft seines Ansehens bei der Landesregierung Brandenburg gegen alle Widerstände, meine spätere Delegierung an die Heimerzieherschule in Potsdam durchsetzte.
MEIN, MIR ZUGEWIESENES Zimmer war zwar recht klein, aber irgendwie gemütlich, ohne ein Fenster, dafür aber eine zusätzliche Dach-, besser gesagt Deckenkammer, als geheime Übernachtungsnische für geplante Damenbesuche. Dazu , nein jetzt noch nicht, denn da oben haben heimlich manche ihren Rausch ausgeschlafen und auch noch andere Sachen getrieben. Vom Leiter des Jugendwerkhofes wurde ich in den Ernst meiner Erziehertätigkeit umfangreich - auf alles gefaßt sein, recht dienstbeflissen und diszipliniert sein - eingewiesen. Ich spürte ab jetzt, daß hier härtere Bandagen angelegt wurden, und ein Vergleich zur Arbeit mit meinen vorherigen Schulkinder nicht mehr standhielt. Ehrlich gesagt, mir wurde schon ein wenig bange, denn meine Erfahrungen reichten doch nur vom Kindergarten bis zum Kinderheim. Und mit meinen 1.65 an körperlicher Größe, war ich ja bei weitem kein Riese gegenüber denen, die mir bald mit 1.80 bis 2.00 Metern gegenüber stehen sollten. So war zunächst erst einmal die Situation. "Also", sprach der Chef des ganzen - denn es handelte sich ja nicht nur um ein altes ehrwürdiges Schloß, dazu gehörte noch eine paar Hektar große Landwirtschaft, Ausbildungseinrichtungen, wie Tischlerei, Schmiede, Gärtnerei, naja und Viehzucht und Ackerbau nur nebenbei erwähnt - "wir haben es hier mit einigen recht schwierigen "schweren" Jugendlichen zu tun. Ich sag's gleich einmal unumwunden neben kleinen verwahrlosten Taschendieben, vielmehr mit Einbrechern, Sexualstraffälligen (dabei fiel auch die Bezeichnung HWG – ich hatte keine Ahnung zu der Zeit) einige Totschläger, ach ja und auch einen Vatermörder!" ja so waren seine Worte. Nach diesen klaren Ausführungen, brauchte ich mein Herz nicht mehr zu suchen, das schlug irgendwo, tief in der rechten Hosentasche.
"Aber wir", gemeint waren die weiteren 8 Erzieher und die 5 Lehrausbilder und wohl auch das technische Personal, also das ganze Kollektiv "schaffen das, nur Mut - nur Mut!!" So hatte er am Anfang meines schweren Ganges zu mir gesprochen. Ich durfte abtreten, naja gehen. Ich schreibe das deshalb, weil ich so eine gewisse Zucht und Ordnung im ganzen Umfeld verspürte. Der S.V.D. - Schüler vom Dienst - zeigte mir dann mit einem echten Stolz die Ausmaße des stillen, friedlich wirkenden Dorfes, das gesamte Innenleben des Schlosses in dem alle Jugendlichen und Erzieher gemeinsam wohnten, die Lehrwerkstätten, Schulräume, die Gutsgärtnerei, Schmiede, Tischlerei, und zum Abschluß den berühmten Kanal, der irgendwo in die Oder mündete. Seine Berühmtheit hängt mit der lukullischen Versorgung, die die jugendlichen Insassen des Heimes zusta nde brachten, zusammen. Dazu noch an anderer Stelle zu berichten wäre. Nach diesem mehrstündigen Rundgang, für mich durchaus beeindruckend, verabschiedete sich der S.V.D. höflich von mir, und ich konnte endlich die alte Schloß-Guts-Küche aufsuchen. Die füllige, mütterlich-lächelnde Köchin, mit dem zierlichen Häublein auf dem Kopfe, kam mir mit einem Tiegel dampfender Bratkartoffel entgegen, "Na, mein Jungchen, nun lassen Sie es sich erst einmal gut schmecken, Sie werden doch ganz schön ausgehungert sein nach dem langen Marsch und der eindringlichen Belehrung seitens unseres Chefs, und natürlich dem ermüdenden Rundgang des S.V.D.- Ja mei, vermissen Sie nichts?" Überrascht stutzte ich und sah ganz verdattert drein. Da hielt sie mir verschmitzt, grinsend meine Armbanduhr mit spitzen Fingern entgegen. "Der Hans, der S.V.D.“ und sie ging gleich zum vertraulichen "Du“ über, ist der trickreichste Taschendieb vom Kreuzberg aus Berlin. Nun begriff ich auch, warum der Knabe mich in der Schmiede an die Hand nahm "Vorsicht hier sprühen nur die Funken um sich her, waren so nebenbei seine Worte, obwohl ich doch gar keine Funken sah. "Ach, das ist nicht so schlimm, das gehört einfach zu seinem Empfangsgruß, damit ein jeder weiß, mit wem er es zu tun hat und auch nur ein, von sich aus ausgedachter Auftaktgruß!" Die Bratkartoffeln und die Spiegeleier mundeten vorzüglich, und weil das so war, hatte ich das Geschehene vergessen. Wobei derart seltsame "Späße" mir nie wieder passierten, was nicht niet- und nagelfest war, verschloß ich sicher in meiner Kammer. Zurück zum Alltagsleben. Die Verbindung von Berufsschule, Lehrausbildung in den verschiedenen Werkstätten, der Gestaltung einer sinnvollen Freizeit, Ausübung der Selbstverwaltung, kurzum gesagt: Das Lernen, Arbeiten und die Erholung haben sich durch die zielgerichtete Bildung und Erziehung in den Werkhöfen für Mädel und Jungen für viele straffällige Jugendliche durchaus bewährt. Man wird mir widersprechen und nun im nachhinein feststellen und behaupten, daß war nicht überall und in jeder Einrichtung so. Zugegeben, in den geschlossenen Werkhöfen/Abteilungen traf das nicht zu. Und ich kann und möchte mir darüber auch kein Urteil erlauben. Viele, die den Jugendwerkhof "Hanno Günter" verlassen haben sind tüchtige Tischler, Schlosser, Gärtner, Stellmacher, auch LPG Bauern geworden. Sie haben sich verändert, wurden geläutert, haben ihre Straffälligkeiten erkannt, eingesehen und so mancher hat uns wehmütig verlassen, später geschrieben und von einem neuen, besseren Anfang berichtet. Ja, so mancher erinnerte sich der tollen Streiche, Überraschungen, die wir Erzieher gar nicht alle mitbekamen, aber auch der fröhlichen, gemeinsamen Stunden der Besinnlichkeit. Auch ich denke manchmal daran zurück! Eines Nachts fehlten fünf Jungen, ihre Betten waren zerwühlt und so hergerichtet, als ob sie da drinnen schliefen. Pustekuchen. Der diensthabende Erzieher stellte recht schnell fest, hier stimmt etwas nicht, und meldete die Abwesenheit der fünf dem Werkhofleiter. Natürlich lag der Verdacht einer Flucht, was auch schon mal vorkam, sehr nahe. Doch die wenigen kamen meistens von selbst wieder in ihr sicheres Nest zurück oder die Volkspolizei brachte sie stets reumütig und ausgehungert zu uns. Ein Suchen in der Nacht war zwecklos, da die Schlupfwinkel so mannigfaltig waren und unsere Buben in dieser Hinsicht uns überlegen waren. In den Morgenstunden stellten sich die angeblich Entwichenen vor die eichene, verschlossene Küchentür und daneben lag auf den Fließen ein zentnerschweren, stachliger Eber, ein Wildschwein bester Güte. Einen so mächtigen Keiler hatte ich noch nie weder lebendig noch tot zu Augen bekommen. Die Jungen hatten Tage zuvor eine Fallgrube angelegt, und warteten mehrere Nächte hintereinander auf einen glücklichen Fang. Es war ihnen gelungen. Wie sie das Tier, dieses Ungeheuer um die Ecke brachten, bleibt mir bis heute ein Rätsel; aber die Burschen hatten mit solchen Dingen ihre Erfahrungen. Es war zufällig auch um die Weihnachtszeit und für mich war es mein erster Wildschweinbraten. So ein köstliches Mahl zur damaligen Zeit werde ich wohl schwerlich vergessen. Zur Sommerzeit brachten mir die Jugendlichen meiner Ausbildungsgruppe noch eine ganz andere Technik der Selbstversorgung bei. Ich erwähnte ja schon, daß in der Nähe des Schlosses und des Gutshofes sich ein Kanal entlang schlängelte. Immer wieder erzählte man sich, und besonders die Jungen unter sich, daß im Kanal "meterlange"- unterarmdicke Aale im morastigen Grund sich wälzten. Oft aber blieben die ausgelegten Angelschnüre ohne ergebnisreichen Fang. Da brachte eines Tages ein Junge aus der Fleischerei aus Angermünde einen wahrhaftig richtigen KUHKOPF mit Hörnern angeschleppt. Was sollte das nun wieder? So fragten sich die anderen. Der Bursche hatte einmal gehört, daß man damit Aale fangen kann. Ungläubig schüttelte ein jeder sein weises Haupt, zeigte mit dem Finger an die bewußte Stelle, und meinte: Der hat nicht alle Tassen im Schrank! Harald versenkte den massigen Kuhkopf, den er zuvor mit einem langen Kabel versehen hatte , in den Kanal, und verwies alle bis zum nächsten Tag abzuwarten. Als also dann am nächsten Morgen der bewußte Kopf an Land gezogen wurde, bot sich ein sonderbares, doch fast unglaubliches Schauspiel. Aus dem Kopf schlängelten sich große, kleine, dicke und dünne Fische, es waren tatsächliche Aale. Sie hatten sich das Innere schmecken lassen und wir uns später die zubereiteten Aale. Ich behaupte an dieser Stelle einmal, sie haben phantastisch, nur ein wenig modrig gemundet.
Die III. Weltfestspiele wurden in Berlin und in der Republik vorbereitet. Mit den Delegierten der FDJ-Gruppe unseres Werkhofes fuhren wir per LKW in Richtung Hauptstadt, um an diesem großen Ereignis teilzunehmen. Für die meisten Jungen und Mädel war das ein wunder bares Erlebnis, so auch für die unsrigen. Eigentlich habe ich nun nur die guten Seiten meiner Jugendwerkhofzeit wieder gegeben. Natürlich gab es auch andere Probleme, tragische, schwerwiegende, pädagogisch zu lösende, aber ich, wir haben sie immer im Interesse und zum Wohl unserer Schützlinge gelöst. Für mich ging eine Zeit der Erkenntnisse, des Lernens, des Weiterkommens vorüber, etwas Neues wartete auf mich. Dank der Protektion meines einstigen väterlichen Freundes, Herrn Scholz, konnte ich nun die Heimerzieherschule in der Landeshauptstadt Brandenburgs - OTSDAM – in der Lindenstraße besuchen. Ich war Jungmann einer Lehrbildungsanstalt, Arbeitsmann, Soldat, Gefangener, Kindergärtner, Erzieher im einem Kinderheim und Jugendwerkhof und nun durfte ich endlich die Schulbank wieder drücken, um die Ausbildung eines Heimerziehers zu erlangen.
Heimerzieherschule Potsdam
In der Lindenstraße
Der Wunsch, beruflich einmal weiterzukommen, liegt eigentlich bei jedem Menschen in der Natur der Sache. Da ich nicht gleich wieder Lehrer werden durfte, wollte ich doch wenigstens eine abgeschloßene Erzieherausbildung erlangen. Bereut habe ich diese theoretische und praktische Aus- und Weiterbildung nie, da sie für meine spätere pädagogische Laufbahn von ungeheuerem Nutzen war. Wir waren in dieser Einrichtung an die 30 Absolventen. Der Altersunterschied war zwar recht groß und auch die beruflichen Voraussetzungen, die ein jeder mitbrachte, waren interessanterweise mannig- und vielfältig. Vom 18 bis 68 jährigen, vom Kindergärtner, dem ehemaligen Lehrer, mehreren Heimleitern oder aus dem Handwerksberuf stammende waren zur Vervollkommnung ihres Wissens, man schrieb das Jahr 1950, angereist. In jenem Jahr fand in Berlin das I. Deutschlandtreffen statt. Ich erinnere mich daran noch zu genau, weil mit dem Aufenthalt an der Heimerzieherschule, einige von uns als Teilnehmer nach Berlin delegiert wurden. D er Harry Schimpf und ich, wir waren die jüngsten, aber auch die muntersten und unbesonnensten. Was hat sich damals ereignet, was war passiert? Nach einer Demonstration im Westteil von Großberlin wurden Harry und ich verhaftet, in einer Arrestzelle untergebracht, um dort mehrere Tage zu schmoren. Verbrochen hatten wir nichts, denn wir sind nur mit unseren Blauhemden und einer etwas zu großen FDJ-Fahne mit dem strahlenden Sonnenkranz, wie viele andere FDJ-ler und Berliner Jugendliche, durch die Straßen von "West Berlin" gezogen Warum wir das taten, war mir nicht so recht klar, Harry wußte es besser. Es ging wohl um den Kampf gegen den Kapitalismus, um die Einheit Deutschlands, um die allgemeine Verbrüderung Ost mit West oder auch umgekehrt!
All abendlich gab es reichlich zu essen, auch zu trinken, und nachdem wir gesättigt waren, begannen wir mit allen Zellengenossen gemeinsam zu singen. "Im August. Im August blühn die Rosen" war ja noch harmlos, es folgten: "Brüder zur Sonne zur Freiheit" lautstark und enthusiastisch vorgetragen bis zum Abgesang der "Internationale". Ab da wurde es ernst. Zeternd und unwirsch kamen die Aufsichtspersonen in Gestalt von Stumm-Polizisten, die sprachen ganz schön laut mit uns, klopften an die Zellentüren und waren der Meinung, wir mögen nun doch endlich jeden Abend damit aufhören. Diesen einzigen Gefallen taten wir ihnen aber nicht. Kurz über lang, die Herrschaften hatten es endlich satt, und so wurden wir, mit einem mächtig aufwändigen Geleitschutz, aus der U-Haft entlassen. Zurückgekehrt an unsere Schule, bekamen Harry und ich die Friedensmedaille, mit dem Bildnis von Wilhelm Pieck und J.W. Stalin und der Friedenstaube darauf, als Auszeichnung unserer so heldenhaften Tat, verliehen.
Für uns ging nun wieder das Lernen und Arbeiten weiter. An der Schule hatten eigentlich nur zwei hauptamtliche Lehrkräfte , die Herren Hornung und Schulz das Sagen, Sie unterrichteten, vermittelten den breiten Schatz der Heimerziehung und organisierten auch noch das Internatsleben, den Sport und ein vielfältiges, abwechslungsreiches kulturelles Betätigungsfeld an dieser bekannten Einrichtung in der Innenstadt von Potsdam. Die einzelnen Unterrichtsfächer wurden zusätzlich von Gastlehrern und Mentoren gestaltet. Einen davon mochte ich sehr gern, und so freute ich mich riesig darauf, wenn er wöchentlich zweimal bei uns auftauchte. Er leitete in Müncheberg einen Jugendwerkhof und war ein studierter Psychologe. Jener Herr Josef Lange lehrte uns die Vielfältigkeit der mitunter schwer zu begreifenden psychologischen Vorgänge und Abläufe bildhaft zu verstehen, zu begreifen, um sie später einmal in der praktischen Heimerziehertätigkeit anwenden zu können. Hier muß ich einflechten, Herr Lange hatte durch eine Kriegsverwundung ein körperliches Leiden, das als "TICK" zu bezeichnen sei. In einem bestimmten Rhythmus klappe sein rechtes Auge zu, so wie ein kurzes Zwinkern. Trotzdem sah er immer, ob wir seinem Unterricht folgten, mitarbeiteten und nicht ab und zu leicht entschlummerten. Er verstand es jedenfalls die komplizierten Vorgänge im menschlichen Gehirn, die darauf folgenden Reaktionen uns glaubhaft zu erläutern und fragte auch ein jedes Mal, ob wir es kapiert haben? Wenn dann alle dies bejahten, schaute er sich nur kurz um, und konnte sofort feststellen, wer nicht, denn die wurden oft puderrot im Gesicht. An Hand solcher Beispiele war wieder einmal Gegebenheit Ursache und Reaktion des Körpers demonstriert. An der Schule wurden viele Fächer gelehrt, neben Mathe, Deutsch, Sprachlehre, Geschichte, auch Gegenwartskunde - durchwirkt mit M/L(Marxismus/Leninismus - Sport, pädagogische Psychologie - so nannte mein Lieblingsdozent dieses Fach. Die Heimerzieherschule hatte sich einen gewissen Status im Land Brandenburg erworben, und mit trotz der geringen Kapazität und Ausstattung vielen jungen und älteren Pädagogen den Weg zu besseren Erziehungsmethoden geebnet. All das zeichnete auch das besondere Flair dieser Institution aus, wo junge und ältere Kollegen gemeinsam auf einer Schulbank saßen.
Ich selbst war ja noch ein junger Spund, und so staunte ich immer wieder vom neuen, sehr verwundert, daß ältere verheiratete Kommilitonen sich mit jüngeren hingaben. Irgendwie und irgendwann fand ich das höchst zwiespältig und auch unmoralisch. Schon von zu Hause habe ich gelernt: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten; Du soll Vater und Mutter ehren; Du sollst nicht stehlen..." Und hier an einer staatlichen Einrichtung sah man über solche gewissen Gepflogenheiten einfach drüber weg. Ich erzähl das ja auch nur deshalb, weil mir an der Schule so ein unbedachter Unfug passierte, und ich dafür ganz schön ran genommen wurde. Sport hatten wir natürlich auch im vollen Umfange betrieben. Die Mannschaftssportarten , wie Volleyball, Fuß- und Handball, Ball über die Schnur, Brennball, Schlagball waren dominierend, weil sie in unseren Heimen sehr gern gespielt wurden. Aber auch Leichtathletik und Übungen mit den verschiedenen Geräten waren in. Ich erinnere mich, als wir mit Medizinbällen übten, auf einen saudummen Einfall gekommen zu sein. Einen solchen Medizinball stopfte, bugsierte ich unter mein Turmhemd und sah dann aus , wie eine Schwangere. Dieser dumme Streich, dieses Vergehen - so unglaublich es klingt - sollte ein böses Nachspiel haben. Unser Lehrer empfand das als höchst verwerflich, entwürdigend für eine werdende Mutter (die ich ja gar nicht war) ja beleidigend. Die Schulleitung, die zwei Lehrkräfte, verfügten, daß ich den Lehrgang zu verlassen habe, ja so streng sollte mein Ulk bestraft werden. Partei- und FDJ-Leitung wurden von der Richtigkeit einer solch notwendigen erzieherischen Maßnahme überzeugt und sollten dem wohl Unvermeidlichen zustimmen. Worin die erzieherische Wirkung da liegen könne, war mir nicht klar, ich hätte so etwas an jeder anderen Stelle wiederholen können, oder nicht?
Wenn da nicht ein, mit langer pädagogischer Erfahrung auftretender, Heimleiter eines Kinderdorfes, sein Veto eingelegt hätte, wäre ich bestimmt ohne abgelegte Prüfung von der Schule geflogen. Der Mann, er hieß Leo Kunz, Jahre später Dr. und Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Potsdam, war mein Fürsprecher. Er leitete bereits zur damaligen Zeit das Kinderdorf in Kyritz an der Knatter und hatte zuvor ein Kinderdorf in Pinnow, Kreis Angermünde aufgebaut und eingerichtet. Dank seiner Hilfe konnte ich an der Schule verbleiben. Ja, so simpel und einfältig waren damals die Methoden der Aburteilung eines Menschen, aber über die moralischen Unzulänglichkeiten und Verhaltensweisen, daran hat sich keiner gestoßen.
Heut kann ich es nicht mehr sagen, ob der Leo Kunz auch aus egoistischen Gründen damals für mich gesprochen hat? Als Leiter dieses großen Heimes, war er schon an der Schule darauf bedacht, Erzieher für seine Einrichtung zu werben und sie für die Arbeit zu gewinnen. So hatte er schon längere Zeit ein Auge auf mich geworfen, daß ich nach Abschluß an der Heimerzieherschule, ihn in seiner Arbeit in Kyritz unterstützen sollte. Auch das sei noch vermerkt: Zum damaligen Zeitpunkt ahnte ich mit keinem Wimpernschlag, daß er für sich einen Nachfolger suchte, und insgeheim mich auserkoren hatte.
Der Einsatz, der Absolventen nach Beendigung und erfolgter bestandener Abschlußprüfung geschah seitens der Landesregierung Potsdam und zum Teil sogar durch den Bildungsminister Horst Brasch. Die überwiegende Anzahl der Teilnehmer ging sowieso wieder zurück an ihre Bildungseinrichtungen. Also in die Kinderheime, Jugendwerkhöfe, auch in die Referate Jugendhilfe und Heimerziehung. Ich wußte ja nicht , daß der Heimleiter Leo Kunz den Minister für Volksbildung des Landes Brandenburg, Horst Brasch sehr gut kannte und dieser sehr oft im Kinderdorf, später Kinderheim "Ernst Thälmann" weilte. Mittels seiner Hilfe gelang es ihm, mich für den Einsatz in seinem Heim zu orten. Der Minister kam wohl sehr gern nach Kyritz. Von Potsdam bis zu uns war es ja auch nur ein Katzensprung, und das mit einem Dienstwagen und Chauffeur. Beide fühlten sich recht wohl, denn es gab immer reichliche Hausmannskost und die erholende Unterhaltung kam auch nie zu kurz. Horst Brasch erzählte oft über seine Zeit der Emigration in England. Als bewußter Antifaschist setzte er sich mit seinen Eltern und mit Mut und Elan für den Sturz des Hitlerdeutschland ein und kämpfte gegen die Unbillen des Faschismus. In Deutschland angekommen war er am Aufbau eines neuen sozialistischen Vaterlandes beteiligt und trat in seiner Amtszeit besonders für die Jugend und hier wiederum für die Entwicklung der Jugendhilfe/Heimerziehung des Landes Brandenburg ein. Sein Betätigungsfeld im Heim waren das TT-spielen, einen zünftigen Skat köpfen, mit den Kindern Schachspielen und natürlich immer wieder nach dem Rechten schauen. Durch diese gute Verbindung zur Landesregierung in Potsdam hatte unser Heim allerlei Vorteile für die Gesamtausstattung und wahrscheinlich ist mein Einsatz im Kinderdorf Kyritz auch nur so zustande gekommen. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf und ich meine Tätigkeit als Erzieher mit großen Erwartungen in der nächsten pädagogischen Einrichtung auf.
Kinderdorfzeit
Nach der Absolvierung der Heimerzieherschule führte mich mein Weg an den nördlichen Rand der Mark Brandenburg in die Ostprignitz. Im Volksmund heißt die Stadt, die für die nächsten Jahre meine Bleibe sein sollte, Kyritz an der Knatter; gelegen an der F 5, die Berlin mit Hamburg und umgekehrt verbindet. Ein kleines Ackerbauern- und Bürgerstädtchen, eingebettet in eine herrlichen Landschaft, verbunden durch eine Seenkette am äußersten Rande des Landes Brandenburg, dicht grenzend an Mecklenburg.

Die Kinder des Kinderheims Kyritz
Woher stammt eigentlich die Bezeichnung "an der Knatter", denn ein solches Flüßchen mit jenem Namen gibt es dort gar nicht. Zwar durchquert ein Bach den Ort, aber dieser heißt die Stepnitz. Der Legende nach befanden sich auf den kleinen Hügeln um die Ortschaft herum mehrere Windmühlen, und die knatterten mit den mächtigen Flügeln, mehr oder mal weniger, wenn es denn der Wind zu ließ. Ältere Bürger der Stadt haben mir aber auch berichtet, daß an den verzweigten Bächen es Wasserräder gab, die Mühlenwerke in Gang setzten, und dabei tags und nachts lautstark klapperten. Das Klappern rührte aber nicht vom Wasserrad her, sondern vom Schlagen des Mahlwerkes im Innern einer Mühle; und das war weniger hörbar. Eine solche funktionsfähige Mühle befindet sich noch heute am Ortsausgang der Stadt an der Straße in Richtung Wusterhausen.
Unser Kinderdorf lag in entgegengesetzter Richtung, wenn man von Kyritz nach Demerthin gelangen will. Das an der Straße stehende Hauptgebäude mit dem leuchtenden roten Ziegeldach war von weitem schon gut sichtbar. Die nach der Jahrhundertwende errichteten Häuser dienten vormals als Arbeiter- und Wanderheim und gab Wandergesellen und Brüdern, die auf der Walz waren, dort Unterkunft, Verpflegung und Arbeit. So waren die Gebäude in einem eigenartigen, markanten Stil gebaut worden, und soweit mir zu Ohren kam, ab es gleichartige Einrichtungen auch in Treuenbrietzen und Straußberg. Der gesamte Komplex bestand aus drei zweistöckigen Häusern, in einer quadratischen Lage angeordnet, mit einen geräumigen Innenhof. Im Hauptgebäude befanden sich der Speisesaal, Sanitär- und Heizungsanlagen und die Verwaltungsräume. In den Seitengebäude gab es die zellenartig eingerichtete Schlafräume für die durchziehenden Wandergesellen, im Volksmund genannt die "Pennbrüder". Sehr eigenartig, aber wohl zweckmäßig durchdacht stand am Ende des gepflasterten Hofes, begrenzt von den beiden Seitengebäuden eine Trockentoilette. Die umfaßte 6 x 6 Sitzflächen, nebeneinander angereiht mit offenen Türen, damit jeder Bruder den anderen bei seinem Geschäft auch gleich beobachten konnte - der Duft war jedenfalls allemal umsonst. Außerhalb dieser Anlage befand sich auch gleich die Klärgrube (Jauchengrube) mit einer porösen hölzernen Abdeckung, an der der Zahn der Zeit schon mächtig genagt hatte. Eigentlich war diese Kloeinrichtung schon längst zu einer Tischlerei umfunktioniert worden, lediglich diese gewisse Grube war noch nie richtig entlehrt worden, und das reinfließende Regenwasser füllte sie immer wieder ganz schön voll. Wie es nun der Teufel so will, brach die altersschwache Abdeckung just in diesem Moment als der 4jährige Sohn unseres Landwirtes darüber ging. Er fiel, bis zum Hals in die stinkende Grube, nur sein Kopf schaute noch aus dem kostbaren, übelriechenden Naß. Bevor ich die Hilferufe der erregten, umherstehenden Kinder vernahm, war ich auch schon am Ort des tragischen Geschehens. Auf dem Bauch liegend packte ich mit einem schwungvollen Griff den Kleinen am Schöpfe und zog ihn strampelnd aus der Jauche. Ob er viel oder gar nichts vom Saft geschluckt oder gekostet hatte, daß konnte er uns im nachhinein auch nicht mehr sagen. Schäden hatten sich bei ihm, bis auf den ihn noch lang begleitenden Duft, Gott sei Dank, nicht eingestellt. Im Kindergarten wollte in der ersten Zeit nach dem unglücklichen Sturz kein Mädchen neben diesem Stinkteufel sitzen und auch nicht spielen. Als er dann eingeschult wurde, konnte sich kaum noch einer, außer seine Eltern, an diese unfreiwillige, seltsame Taufe, erinnern. Zu unserer Einrichtung, dem Kinderdorf gehörte eine felderreiche Landwirtschaft mit Weideland, ein Forst, eine Gärtnerei mit mehreren Gewächshäusern, die Schlosserei, Tischlerwerkstatt, Scheunen und ein Garagenkomplex. Eine recht sanierungsbedürftige Baracke vom RAD diente als Schule für die Kinder von der 1. bis zur 8. Klasse. Etwas später erweiterten wir sie bis zur 10ten aus, bis sie ausgedient hatte und alle Kinder und Jugendliche in die Stadtschulen übersiedelten.
Ich nahm 1950 meine Tätigkeit als Erzieher im Kinderdorf Kyritz an der Knatter in der Prignitz auf. Als ich die Arbeit dort begann, lebten in dieser Einrichtung, lernten, arbeiteten, spielten 240 elternlose Mädchen und Jungen vom kleinsten bis zum größten an die 18 Jahre alt und ungefähr 80 Erwachsene, einige noch als Elternpaar, sorgten für das Wohlbefinden und bewachten Tag und Nacht die Kinder. Die Tradition der Kinderdörfer hat wohl ihren Ursprung in der Schweiz. Das funktionale pädagogische System lag und liegt auch heut noch in der Familienerziehung auf der Grundlage eines freiwilligen Zusammenschlußes einer Kinder- und Jugendlichengruppe mit ihrem Betreuer in allen Belangen der Erziehung und Bildung unter einer sinnvollen Wechselwirkung vom Gebenden zum Nehmenden. Man baut hier auf die Bedürftigkeit und Notwendigkeit für jene Kinder und Jugendlichen auf, die losgelöst von einer Familie aufwachsen, deren soziale Sicherheit nicht gewährleistet ist, und die auf eine Hilfe von Menschen angewiesen sind, um in der Gesellschaft in der sie aufwachsen, bestehen zu können. Diese Einrichtungen werden nur im geringen Umfange seitens des Staates unterstützt, und sind daher auf die finanzielle und materielle Hilfe vieler Mitleidiger angewiesen. Eigentlich ist ja in jedem Falle - und damit meine ich jedes hilflose Wesen - der Vater Staat verantwortlich, aber im Bereich der Kinderdörfer tun es halt die einsichtigen Menschen.
Der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi strebte in all seinen Vorhaben eine harmonische Ausbildung aller Kinder an und nahm sich besonders der sozial benachteiligten an. Auf der Grundlage seiner Ideen entstand in der Schweiz ein System von verschiedenen Erziehungseinrichtungen auf jener Basis der Erziehung in der Familie. Ich sage es an dieser Stelle noch einmal, die erfolgreichste und sinnvollste Erziehung geschieht in einer intakten Familie und kann wohl kaum andere Formen und Systemversuche ersetzen.
Dieser Gedanke der Familienerziehung in einem solchen Kinderdorf wurde nach 1945 auch bei uns im Osten Deutschlands aufgegriffen und in Pinnow, später in Kyritz verwirklicht. Für Heimat- und Elternlose Kinder richtete die Landesregierung von Brandenburg ein solches Objekt ein. Dies wurde staatlicherseits und durch Spenden des westlichen Auslandes fürsorglich unterstützt. Der überwiegende Teil der geleisteten Hilfe bestand in Spenden von Kleidung, Nahrungsmitteln, weniger durch finanzielle Mittel - sprich Geld. In den ersten Nachkriegsjahren, die Jahre des schweren Anfangs, des Aufbaus gab es sehr, sehr viele Kinder und Jugendliche, die keine Bleibe, kein zu Hause, kein Dach über dem Kopf hatten. Wer denkt heut schon noch an diese schwere Zeiten, nach dem sich so vieles, leider nicht immer zum Guten, gewandelt hat. Gewiß, wir haben in Deutschland und in der weiten Welt immer noch Kinderdörfer und es kommen neue hinzu unter der Bezeichnung SOS-Kinderdörfer; diese werden aber ausschließlich mittels Spenden unterhalten und errichtet. Die Trägerschaft beläuft sich dann auf privater Ebene oder einer gemeinnützigen Vereinigung. Eine Unterstützung, wie es zu meiner Anfangszeit der Staat tat, gibt es nicht, obwohl er doch für das kostbarste Gut, was er je besitzen kann, verantwortlich ist. Bei uns im Kinderdorf lebten zur damaligen Zeit Kinder und Jugendliche verschiedener Altersgruppen, Sie kamen aus alles Himmelsrichtungen Deutschlands, aber vorwiegend aus den Ostteilen Europas wie: Polen, Lettland, Estland, Litauen und der Sowjetunion.
Der erste Leiter des Kinderdorfes fuhr 1946 mit einem Stab von vertrauten Mitarbeitern in die genannten Länder, und sie versuchten unter widrigen Bedingungen, Umständen elternlose, deutsche Mädchen und Jungen aufzuspüren, um sie in vernünftige, ordentliche Verhältnisse zurückzuführen. Das waren recht abenteuerliche Unternehmungen, da in den ehemaligen Ostgebieten in der Zeit nach 1945 viele Gefahren lauerten, und die zum Teil verwahrlosten , familiengetrennten Kinder, weit über das Land verteilt waren. Hatte man endlich einen Kontakt aufgenommen, kamen die schwierigen Verhandlungen mit den Kindern selbst, den Jungendlichen und den vermeintlichen Angehörigen, Bauern, Familien, die Ihnen Unterschlupf gewährleistet hatten noch hinzu. Natürlich erhöhte sich das alles noch durch die erheblichen Sprachschwierigkeiten, denn mit der verflossenen Zeit waren viele der deutschen Sprache nicht mehr mächtig, zum Teil unkundig geworden. Da kamen polnische, russische, deutsche Laute zu einem Sprachgewirr zusammen, unsere Leute nannten es "Wasserpolnisch"; Diese Bezeichnung rührte wohl daher, weil Worte, Vokabeln, Laute, unvollkommene Sätze wie in einem Fluss zusammenströmten und nur einzelne Deutschlaute die Verständigung ermöglichten. Natürlich waren die Bauern, die Leiheltern, die hilfsbereiten Familien nicht in jedem Falle bereit, ihre zugelaufenen, aufgesessenen Schützlinge wieder herzugeben, sie wollten sie uns ungern überlassen. Also bedurfte es einer langwierigen Überzeugungs- und Auseinandersetzungsarbeit bis sie mitunter sehr widerwillig einsahen, daß wir besser in der Lage waren, für sie zu sorgen, eventuell ihre Eltern wiederzufinden, ihnen eine Erziehung und Bildung angedeihen zu lassen, die doch letztendlich s ie in eine bessere Lage versetzen sollte, ein gesichertes Fortkommen im doppelten Sinne zu gewährleisten. Ihre jetzigen, vermeintlichen Beschützer sahen in erster Linie für den Hof, für den Erhalt ihrer Wirtschaft eine billige Arbeitskraft, für eine geringe Gegenleistung. Ja gewiß, die meisten von den Flüchtlingen, die von daheim, von Mutter, Vater und mitunter von den Geschwistern getrennt wurden, lebten nicht schlecht in den neuen Familien, Sie bekamen satt zu essen, hatten ein Dach über dem Kopf und so manches kleine "Würmchen" verspürte hier und da Liebe und Geborgenheit, die sie so bitter vermißten. Der physische Zustand der Kinder war oft nicht der schlechteste, jedoch die Seele litt mitunter sehr. In der verhältnismäßig kurzen Zeit nach manch schmerzlichem Erlebnis auf der Flucht konnten sie sich noch zu genau daran erinnern, wer ihre Liebsten waren. Und das tat sehr weh, besonders in den einsamen Nachtstunden. Als sie später in der Geborgenheit des Kinderdorfes lebten, habe ich oft vom Schicksal der Trennung, des endlosen Dahinziehens in den Wintermonaten zum Jahreswechsel 1944/45 erzählt bekommen. Einige taten es schmerzlich, schüchtern, verlegen - andere wiederum offen und wollten somit, was einst sie erlebten, vergessen. EIN SOLCH Schicksal ist mir immer noch in Erinnerung geblieben, das Schicksal der Geschwister ..... Zu fünft waren sie an der Zahl, als sie von zu Haus fliehen mußten, drei Jungen , ein Mädchen und die Mutter. Der Vater war schon Jahre zuvor irgendwo an der Ostfront gefallen. Auf dem harten, entbehrungsreichen Weg, den engen von Menschen, Tieren und Fahrzeugen verstopften Straßen zogen sie Tag für Tag, oft bis spät in die Nacht hinein, kaum eine Bleibe für eine Ruhepause findend gen Westen. Eines Tages geschah das entsetzliche, daß sie ein Trupp vorüberziehender Soldateska von der Mutter trennte, trotz Suchens, Weinens und um Hilfe bittens, fanden sie die liebe Mutter nicht wieder. Sie waren plötzlich, die vier Gott sei Dank noch beieinander, aber doch ganz allein. Der Große übernahm ab jetzt die Führung und versorgte die Jüngeren so gut er es konnte. Die Kleinen, vom Trübsal ergriffen, hatten es am schwersten, sie mochten es nicht verstehen, nicht wahrhaben, daß die Mutter so einfach weggegangen, verschwunden war. Viel, viel später, Jahre danach, nach vielem Suchen und Bemühungen erfuhren sie und wir, was sich damals auf der Flucht zugetragen hatte. Als die Kinder in einer Scheune, wo sie Unterschlupf gefunden hatten erwachten, sich auf den langen vor ihnen liegenden Marsch zurecht machten, war der große Bruder nicht da. Sie riefen, suchten, die Kleinen jammerten, doch ihr großer Beschützer kam nicht zurück, war auch wie einst vor Wochen die Mutter verschwunden. Die drei zogen dann nicht mehr viel weiter, fanden bei einem Bauern Unterkunft, auf einem größeren Gehöft mit viel Vieh, Gesinde, aber noch einem großen Tross von vorüberziehenden Flüchtlingen. Einige blieben nur für ein, zwei Tage, andere nur für Stunden. Unsere drei wollten und konnten wohl auch nicht mehr. Sie erzählten mir so oft, wie sie sich über jeden Kanten Brot, einen Schluck Milch freuten, und nachts warm schlafen konnten. Damals hatte sie ein gar hartes Schicksal getroffen, das doch Jahre später ein glückliches Ende nahm, leider nicht ganz. Über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes, war es uns gelungen, den großen Bruder ausfindig zu machen, und zu uns in das Heim zu holen, nun waren sie wieder zu viert!
Erst in den 50ziger Jahren erfuhren wir vom DRK, dass auch noch die Mutter lebte. Unsere Bemühungen führten dazu, daß wir sie ebenfalls nach Deutschland in die DDR zurückführen konnten. Als nun alle fünf wieder in gemeinsamer Familie zusammen waren, traf sie ein sehr trauriger, harter Schlag. Der lebenslustige, der zweitjüngste, der kleine Rotschopf starb plötzlich, wir wollten es einfach nicht wahrhaben, an einer akuten Erkrankung. Das waren sehr bittere Stunden für die wiedervereinigte Familie und besonders auch für die zahlreichen Freunde, die sie im Heim hatten. Jetzt liegt er in Kyritz an der Knatter in einem kleinen Grab, darauf ein Grabstein steht, mit der Inschrift: "Wir haben einen guten Freund verloren und denken oft an Dich". Worte des stillen Gedenkens an seinem Grab gesprochen, und wenn es mir als Heimleiter zu schwer wurde in der Arbeit, bin ich hin und wieder zum Friedhof gegangen. In der Zeit meiner Tätigkeit als Heimleiter habe ich nur zwei Kinder verloren und einer davon war jener.
Doch nun schnell zurück zu den Kindern und Jugendlichen, die wir ja zurückholen wollten. Also, die meisten von ihnen waren in einer guten körperlichen Verfassung. Rein äußerlich betrachtet waren sie reichlich verwildert, ungepflegt und ihre Kleidung sah schlimm aus. Die Haare waren zottelig und ziemlich lang, stümperhaft geschnitten, einige trugen verschmutzte, dicke Wattejacken, die noch mit Brandflecken und Löchern durchsetzt waren. Ja, so standen sie da und überlegten, was sollen wir tun. Schaute man in die Augen, so sah man Zweifel, aber auch Überlegungen, vielleicht haben wir, wenn wir mitgehen, ein besseres zu Hause. Bei den Kleineren konnte man schon erkennen "nehmt uns mit", sie glaubten uns, was wir ihnen versprachen. Es war halt ein zwiespältiges Verhalten. Nach vielen Gespräche, auch nicht immer mit schönen Auseinandersetzungen, wurden über 50 Jungen und Mädchen, Einzelkinder und Geschwisterpaare überzeugt, und sie waren bereit, uns nach Deutschland zu folgen.
Im Morgengrauen eines Herbsttages überquerten wir die Oder und erreichten nach nochmals stundenlanger Fahrt das Kinderheim Pinnow. Dort sollten wir nun alle unser Zuhause finden und für längere Zeiten bleiben. Der Aufenthalt in dieser Unterkunft war aber nur für eine kurze Zeit, für nicht allzu lange Dauer. Mit Sack und Pack zogen wir an einem herrlichen Sommertag um, in das Kinderdorf nach Kyritz an der Knatter. Ach, was waren wir Kinder da aufgeregt und voller erneuter Hoffnung, was uns dort wohl erwarten würde. Ob es wieder nur für eine kürzere Zeit sein sollte? Damals konnte keiner von uns ahnen, welch schöne lange Jahre der Gemeinsamkeit uns vereinen sollte. Wir kamen zu den verschiedenen Elternpaaren, die eine Familie von 10 bis 12 Mädels und Jungen gründeten, natürlich durften alle Geschwister auch zusammen bleiben. Oft haben sich gute Freunde, gewachsene Bekanntschaften in einer Familie vereint, gleich wohl der größeren Altersunterschiede. Es war wie in einer richtigen Familie, der Kleinste kaum 4 Jahre und der Älteste schon 16 Jahre. Als ich 1950 die Arbeit dort aufnahm, war ich völlig überrascht ein solches System der Bildungs- und Erziehungsarbeit in der DDR noch vorzufinden. Die Mehrzahl der Familien, die ich kennenlernte, zeigten eine hohe Einsatzbereitschaft, in denen Mutter und Vater gemeinsam die Geschicke lenkten und leiteten. Nach alter Tradition kümmerte sich die Mutter verstärkt um alle Sorgen und Nöte in der Gemeinschaft und der Vater arbeitete zum überwiegenden Teil in den verschiedenen Werkstätten, der Landwirtschaft, den Versorgungseinrichtungen; das geschah tagsüber. Abends war dann die ganze Familie wieder vereint.
Dazu muß man wissen, daß zum Kinderdorf eine ansehnliche Landwirtschaft mit einigen Hektar Wald gehörte, mit Pferden, Kühen, Schweinen, jeder Menge an Hühnern, Tauben, Enten, nun halt so allerhand Kleinvieh, wie man es halt auch auf einem großen Bauernhof findet. Die landwirtschaftlichen Erträge, Produkte kamen in erster Linie der Küche zugute, die Überproduktion wurde auf dem Markt an treue Kunden verkauft. So erging es auch den Erzeugnissen, die in der riesigen Gärtnerei, auf der Baumplantage, in den Gewächshäusern geerntet wurden. Bei uns fehlte es nie an taufrischen Blumen, die für die ständigen Geburtstage, für die Tischdekoration, für die Gedenk- und Feiertage gebraucht wurden. Zu jeder Jahreszeit, ob Sommer oder Winter bei unseren tüchtigen Gärtnersleuten war ein Blumenschmuck immer zu haben. Nicht nur auf dem Feld, in den Ställen, oder in den Gewächshäusern halfen die Kinder nach Beendigung der Schulpflichten tüchtig mit, sondern auch in den Werkstätten, wie Tischlerei, Schlosserei oder beim Hausmeister waren die fleißigen Helfer im Einsatz. Je nach seinen Fähigkeiten wurde mitgetan und so mancher eignete sich schon Fertigkeiten für seinen zukünftigen Beruf an. Diese Unterstützung war ja auch vonnöten, denn in einer so großen Einrichtung, dem vielen Mobiliar, ging so manches zu Bruch. So lernten sie gleich das Entzweigegangene instand zusetzen, und mit dem Hausrat sorgfältiger umzugehen. Nicht alles ging tagtäglich seinen geordneten und geruhsamen Gang. Da gab es schon hin und wieder mal Dinge, die den Lebens- und Arbeitsrhythmus im vertrauten Dorfleben durcheinander brachten. Da war halt wieder einmal ein kleiner Junge aus der Familie Friedrich verschwunden. Die Suchtrupps machten sich gleich auf den Weg, um alle Häuser, Ställe, Böden und Verstecke zu durchstöbern. Diesmal war es wohl erfolglos und alle kehrten zurück ohne den Kleinen gefunden zu haben. In einem Kellergeschoß hatte unser Schuhmachermeister Paul sein Domizil. Darauf war natürlich wieder einmal keiner gekommen. Da saß der kleine Winzling unter dem Handwerkstisch, voll beladen mit den alten, zur Reparatur vorgesehenen Schuhen und Lederresten, beobachtete mucksmäuschenstill unseren Schuhmachermeister, den nie einer "Schuster" nennen durfte, sah zu, wie er mit der Raspel, der Ahle, dem Pechdraht umging. ER lauschte seinen unheimlichen Geschichten, die er geheimnisvoll dem "Ausbüchser" erzählte. Die Augen des Kleinen glänzten und gebannt verfolgte er jedes Wort. Was konnte unser Schuhmacher, von kleiner, zierlicher Gestalt, immer ein gütiges Lächeln im Gesicht, nicht für tollkühne "Räuberpistolen" erzählen. Alle, die ihm zuhörten, glaubten daran, obwohl das meiste nicht wahr war. Seine Erzählungen handelten immer von dem kleinen, armen Waisenkind, daß bei den bösen Pflegeeltern lebte, daher oft ausgerissen war und auf der Flucht gar tolle Abenteuer überstehen mußte. Jede Geschichte endete damit, daß der kleine Ausreißer immer wieder zu den Stiefeltern zurückkehrte, ihnen wertvolle Geschenke mitbrachte, die er erobert oder verdient hatte. Seine Geschichten und Storys hatten wohl ein wenig mit dem Märchen von Hänsel und Gretel zu schaffen. Ich glaube, unser Schuhmacher war auch einmal ein Waisenkind und bei seinen erfundenen Geschichten handelte es sich um umgewandelte Märchen der Gebrüder Grimm.
Die Familienerziehung hatte in den Nachkriegsjahren für viele Kinder insofern recht gutes, da die Geborgenheit, die mütterliche Fürsorge, das Spüren, ich bin nicht mehr allein und die Obhut unter einem festen Dach, besonders für die vielen Waisenkinder hier gegeben war. Hier im Kinderdorf lebten nun die 4 - 18-jährigen, die Mädels und Jungen, die Geschwister, vom Kleinsten bis zum jugendlich Erwachsenen auf einem engen Raum zusammen. Der Tagesablauf, vom morgendlichen Wecken bis zum allabendlichen "Gute-Nacht-Kuß" war geprägt vom tun und handeln, spielen und arbeiten, wie es in einem richtigen Haushalt so üblich ist. In der Zeit des Aufenthaltes in dieser Heimstätte wurde allen tausendfach - den Kleinsten beim Ankleiden, den Großen bei den Hausaufgaben - geholfen. Gemeinsam wurden die Mahlzeiten vorbereitet und eingenommen, Tisch gedeckt, Wäsche gewaschen, Geburtstagsfeiern vorbereitet, all das getan, was der Tag so mit sich brachte. Ein kameradschaftliches Umgehen und Miteinander waren Voraussetzung für die Gestaltung eines sinnvollen Familienlebens. Da halfen die Großen den Kleinen bei den Schularbeiten, dafür putzten die Jüngeren für die Älteren schnell einmal die Schuhe. Und wenn der einsame Schmerz einmal zu groß wurde, dann war immer eine tröstende Seele bereit, warme Hilfe zu spenden. Da kam es schon mal vor, daß sich nachts heimlich zwei in einem Bett kuschelten, um ein Erlebnis vom Tage sich zu erzählen oder den Liebeskummer los zu werden, oft auch still und leise eine begangene Dummheit zu beichten. Vor allem die Geschwisterkinder taten es recht oft. Na, zog des Nachts einmal ein Gewitter auf, dann suchten die kleinen Geister Schutz beim großen Bruder oder der Schwester. Eigentlich lebten im unserem Kinderdorf zahlreiche Geschwisterpaare, dass war gar nicht so etwas seltenes. Wenn halt auf der Flucht die Eltern, Oma, Opa, Tanten, enge Verwandte, Bekannte verloren gingen, sich aus unvorhergesehenen Gegebenheiten trennen mußten, haben seltsamer Weise die Geschwisterkinder aufs engste zusammengehalten. Sie waren halt die unzertrennlichen Familienmitglieder und einer paßte auf den anderen fürsorglich auf. Diese Liebe hat sich oft bis ins hohe Alter erhalten. Als wir später Treffen ehemaliger Schüler des Heimes durchführten, wurde dies immer wieder bestätigt. Natürlich gab es auch recht schwere, traurige Kindererlebnisse, die sie in ihren jungen Jahren, in ihrer Kindheit überstehen mußten. Ein solches geschah in den 50iger Jahren:
Mir ist jener Tag noch gut, besser ungut in Erinnerung geblieben. Es war der 24.12.1953, jener Weihnachtstag, den die Menschheit den "Heiligabend" nennt. In den Familien und Gruppen waren alle mit den letzten Festvorbereitungen zugange und die Kleinen konnten es schon gar nicht mehr erwarten, daß der Weihnachtsmann an die Tür pochte; da klopfte es an meine Bürotür, aber eigentlich nicht so wie es der Weihnachtsmann sonst tut. Ich rief:" Herein, wenn es nicht der Knecht Rupprecht ist!" Die Tür öffnete sich, ich schaute und sah, daß in der Tür vier in dünne Mäntel gekleidete Gestalten standen, dazu ein großer Mann in Polizeiuniform, der sah bald aus wie der Knecht Rupprecht wegen seines verwegenen Bartes, und eine Frau, die mir sehr bekannt war. Die Dame war die Leiterin des Amtes für Jugendhilfe und Heimerziehung, was mich arg verwunderte, sie hatte Tränen in den Augen. Und unter Tränen berichtete sie mir auch, daß sie die vier kleinen Menschkinder abgeholt haben, weil die Eltern am Vortage des Weihnachtsfestes die Republik in Richtung "goldener Westen" verlassen hatten. Leider ist es die nackte Wahrheit, daß in dieser Zeit damals, Menschen, Eltern bei Nacht und Nebel, Haus und Hof verlassen haben in liebloser Weise; ihre Kinder allein zurück ließen - ich kann es nicht nachvollziehen. Wer kann das aus heutiger Sicht noch begreifen?
Da standen sie nun vor mir, wie ein Häuflein Unglück, schauten mit traurigen Augen auf meinen Schreibtisch voller Süßigkeiten und den Weihnachtsbaum, der erleuchtet in der Ecke stand. Ich konnte nicht ergründen, was wohl bei diesem Anblick in ihren Köpfen vorging, was sie dachten? War es der Wunsch, von den Süßigkeiten zu naschen, hatten sie die Vorstellung hier im warmen zu bleiben, oder deutete die Angst in ihren Augen, daß sie wieder zurück in die kalte Wohnung müssen? In diesem Augenblick wußte ich auch nicht, welche Gefühle alle vier bewegte. Auch ich fror innerlich und meine Gedanken sagten, hier mußt du schnell helfen. Wir sagten uns brav "Guten Abend!", und gingen in den Keller, wo sich der geräumige Duschraum befand. Das Ausziehen klappte ganz fix und das wärmende Bad munterte sie auf, und ich glaubte ein kleines Leuchten in ihren Augen zu sehen. Eine passende Familie war schnell gefunden. Alle machten sich bekannt und es gab auch kein Erstaunen, daß zu dieser Zeit die Familie größer wurde. Es war halt so, als ob liebe Gäste zum Weihnachtsbesuch angekommen sind. Die Zwillinge waren gleich die Lieblinge der Gruppe und wurden mit den Geschwistern herzlich aufgenommen. Probleme mit den Weihnachtsgeschenken gab es bei uns nie und nimmer. Wir hatten ja eine Wirtschaftsleiterin, eine rundliche ältere Dame mit einem weiten, weichen Herzen, die für ihre Kinder alles tat, was nur möglich war. Sie wurde von uns allen nur OMA Wolf genannt, so war wohl auch ihr angestammter Name. Oma Wolf hatte die verantwortliche Aufgabe für 240 Kinder immer und immer wieder die passende Kleidung und alle notwendigen Utensilien für einen jeden einzukaufen, herbeizuschaffen und ein jedes Kind sorgfältig auszustaffieren. Das war in den ersten Jahren gar nicht so leicht, trotz der zahlreichen Spenden, die wir von fürsorglichen Vereinen und Organisationen bekamen. Die liebe Oma Wolf tat es mit einem steten Lächeln, aufopferungsvoll und war Tag und Nacht für ihre Kinder, für uns da, bereit zu helfen, zu trösten, wenn sorgenvoll ein kleiner oder großer Schwerenöter vor ihr stand. Sie lebte mit ihrer Tochter, die an unserer Heim-Dorfschule Lehrerin war, in einer sehr kleinen Wohnung zusammen, und hatte noch zusätzlich zur umfangreichen täglichen Arbeit ein Pflegekind in ihrer Familie aufgenommen.
Nun wieder zurück zu diesem bewußten Heiligabend; denn da trat ohne eine Aufforderung von mir, Oma Wolf sofort in Aktion. Sie ging auf den Boden des Hauptgebäudes, in ihre Schatzkammer, so nannte sie ihr Domizil, ihr großes Warenlager und suchte für die Neuankömmlinge, man nannte sie später die "Christkinder", die schönsten Geschenke aus, um sie damit zu überraschen und zu erfreuen. Ja, so war sie unsere Oma Wolf, für jeden hatte sie ein offenes Ohr und immer gebende Hände. Das hatte zur damaligen Zeit eine große Bedeutung, was heutzutage kaum einer noch nachvollziehen kann. Leider kam für uns alle viel später eine sehr traurige Stunde. Unsere Kinder und alle Mitarbeiter konnten es einfach nicht fassen, unsere Oma Wolf konnte sich von einer mittelschweren Erkrankung, einer Erkältung nicht mehr erholen. Still und bescheiden, niemals jammernd ging sie von uns. Unzählige Tränen begleiteten sie zu ihrer letzten Ruhestätte. Ein Meer von Blumen deckte sie zu, und auch später, zu jeder Jahreszeit fanden wir Blumen auf ihrem Grab. Noch Jahre später sprachen ehemalige Zöglinge mit Achtung und in Ehrfurcht von ihrer Oma Wolf, die so manchen in die ersten Hosen und Schuhe geholfen hatte. Aber die Zeit eilte weiter, wir bekamen einen neuen Buchhalter, der war auch so eine lebende Legende in unserem Dorfleben. Aus seinen Erzählungen weiß ich, daß er nach dem I. Weltkrieg eine gewisse Zeit in russischer Gefangenschaft verbracht hatte, dort als Bürovorsteher arbeitete und sich in einer Feldhandlung ein paar Rubel verdiente. Das verblüffende an ihm war, daß er mit einer Kinderrechentafel, mit so weißen und roten Perlen, unsere gesamten Finanzen errechnete, verwaltete und sinnvoll auch ausgab; und das waren nicht wenige. Der Etat, der Haushaltsplan wies in einem Jahr so ungefähr eine dreiviertel Million Mark aus. Seine Rechenkünste auf der ominösen Rechentafel versetzte sogar die oft kontrollierende Finanzbehörde in Erstaunen. Ihm zur Seite stand ein mit allen Wassern gewaschener Wirtschaftsleiter, der war schon seit der Pinnower-Kinderdorfzeit in unserer Einrichtung tätig. Er fuhr zu seiner Soldatenzeit zur SEE und lenkte mit allen Raffinessen die ökonomischen Belange. War sozusagen für alle materiellen Aufgaben, für Ordnung und Sicherheit zuständig. Mit maritimen Gebärden herrschte er wie auf einem großen Pott, und so gab er sich auch. Sein Wahlspruch war ein Wort: "WARSCHAU", das hieß = Wahrnehmen und Schauen! Sonnabend zu jedem Wochenende, war Großreinemachen angesagt. Hof fegen, Speisesaal scheuern, die Grünanlagen pflegen und, und, und ..! Unser Wirtschaftsleiter kommandierte dann jedes Mal: "Alle Mann an Bord, raustreten zum Deckscheuern!!" Keiner widersprach, keiner verdrückte sich und wer es trotzdem versuchte, wurde mit einem Besen an den Mast geschnallt, an einen Baum zur Abschreckung für jeden Nichtstuer oder Bummelanten.
Ging er in die mit großen Kesseln, Bratpfannen bestückte Küche, so sprach er nur von seiner "Kombüse", und allzu oft gab es nach seiner Machart ein zünftiges Seemannsessen "Labskaus". Nur Kenner wissen zu genau, was damit gemeint ist und wie der „FRASS“ schmeckt. Wenn er durch die Schlafzimmer im schwankenden Seemannsgang schaukelte, schritt, dann lobte er oft den guten Bettenbau der jungen "Spunte", bezeichnete aber ihre Schlafstätten nur als "Kojen". Ja, so war unser Wirtschaftsleiter, ein Familienvater mit eigenen Kindern und zahlreichen Pflegekindern des Kinderdorfes
Aber die Zeiten änderten, wandelten sich. Wohlstand kehrte ein und auch die pädagogischen Standpunkte erforderten eine andere Sicht. Eltern für die aufopferungsvolle Erziehungsarbeit zu finden, wurde immer schwieriger. Die Tradition der Familienerziehung in einem Kinderdorf war nicht mehr gefragt. Und so erfolgte eines Tages, eigentlich ohne größere Umstellungsschwierigkeiten der Übergang vom Kinderdorf zum Kinderheim "Ernst Thälmann".

Die Küchenmädels des Kinderheims
Kinderheim "Ernst Thälmann" K y r i t z
Mit der Pädagogik, = griechisch Erziehungskunst, setzten sich in der gesellschaftlichen Entwicklung Philanthropen, Philosophen, Psychologen, Sozialwissenschaftler, auch jene die sich Lehrer, Erzieher halt Pädagogen nannten, oft und tiefgründig auseinander. Ein jeder von ihnen vertrat seinen philosophischen, wissenschaftlichen, theoretischen Standpunkt. Einige mehr durchdrungen von der geistlichen Seite, andere vom weltlichen und die an der Erziehungsfront kämpfenden zumindestens mehr von der praktischen Durchsetzung. Letztendlich am Erfolg des Investierens gemessen. Die Namen all derer reihten sich von Comenius, Locke, Rousseau über Pestalozzi, Herder, Humboldt, Diesterweg, Fröbel, Herbert bis in die Zeit der Kerstensteiner, Sprenger, Weinheim und andere mehr. Sie alle befaßten sich mehr oder weniger mit der Bildung und Erziehung des Einzelwesens und besonders auch der in der Gemeinschaft zusammen lebenden Kinder, Jugendlichen, den Menschen schlechthin. Zu sozialistischen Zeiten waren Wundt, Freud, aber mehr Rubenstein und die Standardwerke von A.S.Makarenko gefragt. So ungefähr habe ich es noch in meiner Erinnerung. Ich war damals noch ein blutjunger Anfänger, meine Erfahrungen, die Ausbildung an der LBA, die ersten praktischen Schritte im Kindergarten und die Aneignung theoretischer Kenntnisse an der Heimerzieherschule waren noch gering und mußten sich erst einmal in der Praxis bewähren. Im Kinderdorf Pinnow und später im Kinderheim Kyritz gab es eine langfristige Betreuung der Kinder und Jugendlichen, die sich außerhalb ihrer Herkunftsfamilien befanden. Es waren zum überwiegenden Teil gegebenermaßen zeitweilige Waisenkinder, die bei uns, mit uns lebten in unseren Einrichtungen. Jedoch waren diese nicht zu vergleichen mit den Waisenhäusern, den Waisenheimen früherer Zeiten.
Die Heimerziehung, die im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe vorübergehend oder für einen längeren Zeitraum währte, erfolgte in den staatlichen Heimen und deren verschiedenen Einrichtungen. Sinn und Zweck der Heimerziehung war, die Rückkehr in die Familie zu erreichen, oder die Unterbringung, die Aufnahme in eine Pflegefamilie vorzubereiten. Für Jugendliche war die Zielstellung, die Verselbständigung zu fördern bis zur Volljährigkeit. In allen Fällen legten wir besonderen Wert auf ein familiengerechtes Zusammenleben in Kleingruppen, in Wohngemeinschaften. Mein Standpunkt war damals und ist er noch heute, die Familienerziehung kann bei allen gut gemeinten individuellen und kollektiven Erziehungsmethoden durch nichts ersetzt werden. Die Familie ist und bleibt der Hort der Geborgenheit, Schutz, Liebe, Erinnerung und Zukunft für das zu erwartende eigene Familienleben. In eine solche Gemeinschaft bin ich hineingewachsen, lebte und arbeitete in Kindergärten, im Jugendwerkhof, im Kinderdorf, im Kinderheim "Ernst Thälmann" in Kyritz und leitete dieses als Heimleiter bis zum Jahre 1964. Mein Bemühen war es, mit einem großen Stab von Erziehern, Lehrern, Mitarbeitern den Kindern und Jugendlichen eine Heimstätte zu geben, daß ein jeder von ihnen sagen konnte: Hier fühlen wir uns wohl, hier sind wir zu Haus. Was die Arbeitsweise anbetraf, kann ich nur sagen: Die grundlegenden Anforderungen an die Bildungs- und Erziehungsarbeit waren, wie zu jeder Zeit gesellschaftlich determiniert und wir alle hatten das beste für die uns anvertrauten Kinder daraus zu machen. Damit hatten wir Pädagogen im Kinderheim uns täglich auseinanderzusetzen. Ich kam ja damals von der Heimerzieherschule aus Potsdam nach Kyritz an der Knatter. Dieses Acker-Bürgerstädtchen war mir nur aus der Literatur und vom Hörensagen bekannt. Irgendwann und irgendwo hatte ich gehört und gelesen, daß der erste Arbeiter- und Bauern-Präsident Wilhelm Pieck in dieser Stadt die Bodenreform verkündete. In dieser Gaststätte mit einem kleinen Saal, war ich später ab und zu zum Tanze. Seitlich davon gelangte man durch einen hofartigen Durchgang zu einem Kinotheater mit komfortablen Klappsitzen, die immer schön beim Hinsetzen quietschten. Diese Sitze spielten später noch eine wichtige Rolle in unserem Heim. Ich ließ einen Fernsehraum einrichten, weil das Fernsehen in der Gemeinschaft mehr Spaß machte und wir sowieso nur einen großen Schrankfernseher hatten. Schrankähnlich daher, weil man den abschließen konnte, damit sich das Ding nicht Tag und Nacht heiß lief; denn manche Kinder hätten gleich dort schlafen wollen. Fernsehen war zur damaligen Zeit die zweite Haupttätigkeit neben der Nahrungseinnahme. Jedenfalls der Kinosaal wurde umgebaut, und wir bekamen einen Teil der quietschenden Klappstühle. Und diese haben sich sehr lange bewährt, bis später fast jede Gruppe einen eigenen Fernseher als Nutzobjekt für die Langeweile betrachten konnte.
Mein erstes Domizil im Kinderheim war ein kleiner Raum ca. 1,50 mal 3,00 m, ausgestattet mit einem Feldbett, einem mächtigen Soldatenspind, dem wackligen Tisch, zwei kleinen Hockern, die standen zumindestens fest am Boden, mußten aber jeweilig unterm Tisch verstaut werden, wegen der Enge des Verließes. Meine persönlichen Sachen lagen auf dem Bett, dem Ofen und auf dem Spind verstaut umher. Also, Kinder durften mich in der ersten Zeit nicht besuchen, wegen der Vorbildwirkung. Im Nebenzimmer wohnte ein Lehrer der Heimschule, der, bevor er den Lehrerberuf erlernte, in der Kohle, in einem Braunkohlentagebau, irgendwo in der Nahe von Welzow in der Niederlausitz gearbeitet hatte. Deshalb nannte ich ihn auch niemals beim Vornamen, sondern für mich hieß er einfach "Kumpel". Er war zwar 15 Jahre älter als ich, aber das bekam ich in keiner Weise zuspüren. Er war halt ein echter Kumpel, der viel wußte, vieles kannte, immer hilfsbereit war und bei Schwierigkeiten nie den Kopf hängen ließ. Wir waren Freunde geblieben, wie man so schön sagt, noch über den Tod hinaus. Wenn ich später Zeit und die Gelegenheit hatte, haben wir meine Familie die Kinder Sonja und Andreas oft in Nackel bei Kyritz besucht. Seine Urne ruht, was noch von ihm übrig geblieben ist, im Mecklemburgerland auf einem Friedhof in der Nähe von Neuruppin. Als er eines Tages von uns gegangen war, habe ich für meinen Kumpel die Abschiedsrede gesprochen. Seine Lieben, die engsten Freunde und viele andere Leute waren von meinen Worten sehr ergriffen und bewegt. Für mich aber war es so, als ob er gar nicht weggegangen ist. Ich seh ihn heute noch vor mir, wenn er mir wieder einmal den Kopf zurecht gerückt hatte, oder aus einer schwierigen Patsche half. Ja, so war er. Hatte den Beruf eines Buchdruckers erlernt, war Bergmann, studierte, erlernte die russische Sprache, um sie seinen Schüler zu lehren. An unserer Heimschule unterrichtete er, leitete dieselbe, kurzum er war ein gutmütiger Lehrer, Erzieher und Freund aller Kinder in unserem Heim. Viele vorbildliche Lehrer, Erzieher und Mitarbeiter betreuten die vorwiegend elternlosen Kinder. Über jeden von ihnen könnte ich eine ganze Geschichte zu Papier bringen. Da war der Lehrer Gerhard Mieth, mit seinen eigenartige Unterrichtsmethoden. In seiner Unterrichtsführung stets bemüht die Kinder immer zum nachdenken zu bewegen, damit sie auch die Zusammenhänge erkennen und nachvollziehen können.
Ich hospitierte einmal in einer Geschichtsstunde und verfolgte jenes geführte Unterrichtsgespräch über die Probleme der gesellschaftlichen Zusammenhange. Es ging also wiederum einmal um die Politik: "Sagt mal Kinder, wenn ihr nach draußen schaut, was seht ihr da?" Die Kinder sprangen ans Fenster, schauten sich ratlos an und blickten abermals verdutzt aus dem Fenster. "Eigentlich, Herr Mieth, sehen wir nichts besonderes, als diesen langen, öden Schornstein." "Richtig, und was kommt aus dem schwarzen, langen öden Ding raus?" "Rauch", schrieen alle auf einmal durcheinander. Zur Verwunderung der Schüler, widersprach ernsthaft ihr Lehrer, "nein da kommt nicht Rauch, sondern Politik raus !" Im nachfolgenden Unterrichtsgespräch wurde dann tiefgründig ermittelt, was so eine Rauchfahne aus dem Schornstein so alles in sich birgt. Von der Kohle, die die Bergmänner brechen, deren Verarbeitung in den Brikettfabriken, über den Verwendungszweck in den zahlreichen Betrieben, Haushalten. Wieviel Arbeiter daran beteiligt sind, ihren Lebensunterhalt damit verdienen und welche soziologischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Prozeße damit verbunden und abhängig davon sind, sich verflechten und ineinander greifen, all das gilt es zu erkennen. "Also Kinder, aus der Esse kommt nicht nur Rauch sondern POLITIK" Darüber solltet ihr nachdenken. Schluß für heute und morgen auf ein neues!"
Ja , so waren sie alle bemüht, das Beste aus den Kindern zu machen, ihnen viel Wissen mitzugeben, damit sie später selbständig handeln konnten. Nicht allen gelang dies, und besonders die jungen Lehrer hatten so ihre Schwierigkeiten mit den Heimkindern. Da war das Fräulein Lübke, von zierlicher Gestalt und ihrer täglichen Angst, die Klasse zu betreten in der Gewißheit, die Stunde geht bestimmt nicht ohne Zwischenfälle ab. Klar, sie war noch keine pädagogische Respektsperson. Sie sah doch so zerbrechlich, so gutmütig, so schüchtern aus. Nun haben ja Kinder ein feines Gespür, wie sie den Unterricht bei einer solchen Persönlichkeit mitgestalten können. Das nutzten sie dann auch meistens reichlich aus. Es begann: In der hintersten Reihe spielte einer mit dem Bleistift, ließ ihn ganz langsam über die Schulbank rollen, wie fein das klirrte, schepperte bis er klappernd zu Boden fiel. Das war das Zeichen für Klaus nunmehr mit dem steifen Butterbrotpapier zu knistern anzufangen. Achim hatte bereits seine Fliege gefangen, die in den hohlen Händen laut zu brummen anfing, um ihre Freiheit wieder zu erlangen. Der dicke Bruno, in der letzten Reihe, ausgerechnet der, der es am allernotwendigsten hatte, brubbelte und stöhnte: "Ist das langweilig, warum ist denn die Stunde so lang, ist etwa die Pausenklingel wieder kaputt?" Unser Frl. Lübke wurde immer ängstlicher, sie besaß ja keine so gewaltige Stimme, um eine 5. Klasse in Angst und Schrecken zu versetzen. Nein, nein, sie flehte die lieben Schüler mit bitterlich-weinender Stimme an "Hört doch bitte mit dem Unfug auf, ich lese Euch auch am Ende der Stunde noch eine Geschichte vor!" Unsere Schüler hatten erreicht, was sie wollten ,die Stund war geschmissen und Frl. Klassenlehrerin verließ weinend den Raum und flüchtete sich zu mir. "Herr Heimleiter, in diese Klasse setzte ich keinen Fuß mehr, lieber geh ich in den Zirkus und zahme wildgewordene Elefanten," jammerte sie und stampfte dabei mit ihrem linken zärtlichen Füßlein auf den Parkettfußboden. Sie war ja noch eine Absolventin, und mußte Erfahrungen sammeln, Rückschlage gab es in unserem Beruf allemal. Sie hatte ja ihre ganze Absolventenzeit noch vor sich. Das Lehrerkollektiv machte ihr immer wieder Mut und verhinderte oft jeglichen Fluchtversuch aus der 5. Klasse, in dem es von außen durch die Fenster schauten und mit dem pädagogischen Fingerzeig drohte. Viel, viel später hat sie bei manch einem lustigen Zusammentreffen oft über ihr Versagen gesprochen und mitunter herzhaft gelacht.
Dagegen war unsere Musiklehrerin, Flr. Muchta, bereits im dritten Ausbildungsjahr, eine resolute, ideenreiche, unternehmungslustige Pädagogin. Wenn sie sich ihr so-bassiges Akkordeon über den üppigen Busen schnallte, die Luft beim Auseinanderziehen in den Balg strömen ließ, dann standen alle mucksmäuschenstillen in ihren Bänken (auch die 5.) und konnten der Dinge kaum erwarten, die da auf sie zukamen. Zuerst ganz leis und immer lauter werdend, perlten die Töne durch den Barackenraum und wenn sie geendet hatte, schallte der Applaus aus allen Klassenräume bis hinaus in den Schulhof, ja sogar die Pionierfahne flatterte noch toller am Mast. Mit der Musik, mit dem Können und einer gewissen pädagogischen Begabung konnte man ein wenig die Zöglinge für sich gewinnen, sie in Schach halten und natürlich auch fürs Mittun begeistern.
Eigentlich war mir das seit meiner Ausbildung auf der LBA bewußt geworden, ein Lehrer, ein Erzieher, der ein Instrument spielt, hat ein Viertel der Miete bei den Kinder schon im Sack. Dass war für mich im Kinderheim in Kyritz nicht die alleinige Erkenntnis, sondern es gelang mir auch auf dieser Basis eine weitere Möglichkeit in die Tat umzusetzen. Mit der Unterstützung des Kollegiums gelang es mir, einen lang gehegten Wunsch - zwar vorerst ein Idee - ein Schülerorchester aufzubauen, einen Musiklehrer, der mehrere Instrumente beherrschte ausfindig zu machen, um mein Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Ein solches Talent ward recht bald in Persona des G.A. Heyer, der später nur "ADDI" genannt wurde, aufgespürt und für das Vorhaben gewonnen. Er war im wahrsten Sinne des Wortes ein "Multitalent". Dieser Mensch beherrschte fast alle Streichinstrumente, von der Violine, Geige, Bratsche, Cello, Kontrabass, Gitarre, nein Zither nicht, über Klavier( selbstverständlich), Schlagzeug wie Pauke, Tellertrommel, Kastanetten, Becken, naja, was da so noch dazu gehört, aber das wichtigste an Instrumenten das Blech: Tuba, Posaune, Trompete, Waldhorn hatte er in seinem Repertiore und natürlich was nicht fehlen durfte Klarinette, Flöte, sogar Oboe (die wir aber nie hatten).
Der Mann hatte ein Einfühlungsvermögen, ein Talent, ein pädagogisches Geschick (zwar nicht immer den pädagogischen Grundsätzen entsprechend) aber er hat aus so manchem vermeintlichem unmusikalischen Anfänger einen Mitspieler, einen Musiker, ein Talent und in zwei oder drei Fällen ein Genie hervorgebracht. Dass aber war ja nur die eine, wenn auch nicht unerhebliche Seite. Die andere war ja viel, viel schwerer und fast zum Scheitern unseres Vorhabens geworden. Woher die notwendigen Instrumente nehmen und das zur damaligen Zeit, da das Geld knapp war, jedenfalls für ein Unternehmen ohne eine gewisse Garantie des Gelingens? Also machten wir uns auf die Suche. Im Umkreis der Verwandten und Bekannten wurde nach jeglicher Art von Musikinstrumenten geforscht, erbettelt, gefunden und ins werdende Orchester eingebracht. Manch Stück mußte auch käuflich erworben werden. Schwieriger war es schon einen altehrwürdigen Musiker zu überreden, sich von seinem Instrument zu trennen. Mitunter gelang es. Und wenn ein solch freundlicher Gebender später an einer Orchesteraufführung anwesend war, bereute er es nie und nimmer. Nun galt es die dritte Hürde zu nehmen. In einer für mich heute noch unverständlichen kurzen, aber intensiven Übungszeit im Einzelunterricht, zahlreichen Orchesterproben, vor allem durch fleißiges Üben als Hausaufgaben, gelang es, ein erstes öffentliches Konzert zu gestalten. Als wäre es heute, so erinnere ich mich an jenen 8.März, den internationalen Frauentag, da nach stundenlangen Etüden üben, der langweiligen Notenlehre, des harmonischen Einklangs der erste gemeinsame Auftritt erfolgte. Im großen Speisesaal saßen auf und vor der Bühne unsere Debütanten, unsere Musikeleven und vor ihnen stand im schwarzen Anzug, weißem Hemd mit Fliege, den Taktstock in der rechten Hand "ADDI" - Leiter des ersten noch kleinen Streich- und Blasorchesters des Kinderheimes "Ernst Thälmann".
Atemlose Stille, gebannt schauten festlich gekleidete Frauen, die Mädchen und Jungen in Pionier- und FJD-Kleidung auf die Musiker mit ihren großen und kleineren Instrumenten. So manch gerötetes Gesicht spiegelte sich in einer Trompete oder Tuba wider und man spürte regelrecht wie der Fidelbogen auf der Geige leicht zitterte, die Flötisten immer häufiger ihre Lippen benetzten, die Anspannung sich erst löste, als ADDI den Taktstock hob und eine Vielfalt von Tönen den Raum erfüllten. Kein einziger Ton störte, der nicht dem Notenblatt entsprach, auch nicht der zu späte Einsatz der Soloklarinette, öde das leise QUIETSCHEN EINER VIOLINE; NEIN; NEIN! Es war für uns alle etwas erhabenes, etwas gekonntes, eine Leistung, die am Ende eines jeden Musikstückes wahre Begeisterungstürme auslöste. Vergessen waren die vielfältigen Bemühungen, das tägliche Üben, das erschwerliche Herbeischaffen der Instrumente, das Aufstöbern einer Piccoloflöte, das Verschleiern so mancher Saldoposition im Haushaltsplan. Unser Buchhalter hat wohl so manche Position des Saldos verändern müssen, um den Kauf des einen oder anderen Instrumentes möglich zu machen. So versetzten uns über Jahre hinaus die Klänge der fleißigen Musikschüler in verzücken, bereiteten Freude, lenkten vom Alltagsstreß ab und erleichterten uns das Leben in der großen Heimgemeinschaft. Dabei erlernte so mancher der Kinder ein Instrument zu beherrschen, daß für seine spätere Entwicklung ihm zum Vorteil gereichte.
Beim Treffen ehemaliger Schüler und Pädagogen in Wusterhausen am Obersee bei Kyritz erzählte mir Ferdi Kanzler von seinem beruflichen Werdegang. Hierbei muß ich erwähnen, daß Ferdi ein Lieblingsschüler von Addi Heyer war, dies wegen seines ausdauernden Fleißes, Talents und seiner Zielstrebigkeit einmal ein Musiker zu werden. Als er das Heim verließ, hatte er es zu einer Virtuosität auf der Violine gebracht, es war sagenhaft erstaunlich, wie er das Geigenspiel beherrschte. Gewiß, es ist ihm nie leicht gefallen, während andere zum spielen gingen, zu üben und nochmals zu üben. Er tats, und der Erfolg bestätigte seine Mühen. So war er ein ausgezeichneter Musikant im "Erich-Weinert-Ensemble" der Nationalen Volksarmee und war später, durch einen Unfall bedingt ein wertvoller Mitarbeiter im Ensemble.
Als ich einmal in Wohlhausen, eine Gemeinde in der Nähe von Klingental wegen meiner Drehorgel unterwegs war, erfuhr ich eine interessante Geschichte. Dort befindet sich ein bekanntes Museum für mechanische Instrumente. Der Leiter des Museums hatte mir zugesagt, eine Stiftwalze für meinen Tautermannschen Leierkasten herzustellen. Dazu war aber eine besondere Fachkraft erforderlich, ein Musikzeichner, der die gewünschten Lieder auf die Stiftwalze umsetzen konnte. Jener Herr Gotschmann war zuvor in der Musikstadt des Instrumentenbaus als Instrumentenbauer tätig. Als wir so ins Gespräch kamen, über das woher und erlebte der Kyritzer Zeit, erinnerte er sich an einen Lehrling namens Helmut Gischewsky, den er zum Geigenbauer ausbildete. Und dieser Helmut war einst Mitglied unseres Schülerorchesters. Er besaß die seltene Gabe, ein absolutes Gehör zu besitzen. So also habe ich Jahre später erfahren, was für wertvolle Menschen unsere Zöglinge geworden sind. Dank seiner besonderen Begabung, und des angeborenen Talentes ist er dort ein vielbeachteter "Stimmer" für verschiedene Instrumente geworden, und vielleicht heute noch dort tätig. So findet man auf recht seltsame Art und Weise seine ehemaligen Schüler wieder. In unserem Kinderheim hatten wir zu Spitzenzeiten an die 240 Jungen und Mädchen in unserer Obhut. Sie alle wollten betreut, versorgt, erzogen und gebildet werden. Für uns, als Pädagogen war das immer wieder eine neue Herausforderung. So kamen wir auf die Idee, neben des Streich- und Blasorchesters noch einen Fanfarenzug aufzubauen. Wir hatten doch so viele Kinder, die alle irgendwie neben der täglichen Hausarbeit, dem Lernen ständig beschäftig sein wollten. Eine Fanfare, eine Trommel können schon die Kleinsten halten. Und zum Blasen braucht man nur recht viel Puste, ein bißchen Spucke und Geschick in den Händen.
Schon als Kind bewunderte ich die Jungen in meiner Heimatstadt mit den großen Landsknechts trommeln, die flotten Fanfarenbläser mit den flatternden Tüchern, wenn sie im Gleichschritt durch die Straßen zogen, nein - marschierten. Voran ein schwarzgefleckter Schimmel mit zwei riesigen Kesselpauken, obenauf ein Junge mit gekreuzten Schlegeln, die er rhythmisch auf das Trommelfell niedersausen ließ. Unzählige Male lief ich dem musizierenden Zug hinterher, und ward traurig, wenn sie stolz davon zogen, ich nicht mit durfte, weil ich für die große Trommel viel zu klein war. Vielleicht war dieses Erlebnis der bestimmende Gedanke für den Aufbau des Fanfarenzuges im Heim, der danach einmalig für unsere Kreisstadt war. Jedes Mal zum 1. Mai, führte unsere Truppe, unser Fanfarenzug die Maidemonstration an, in den ersten Jahren in der Pionier- und FDJ-Kleidung. Später hat unser Wirtschaftsleiter eine traditionelle Heimkleidung entworfen, in der heimeigenen Schneiderei paßgerecht für jedes Heimkind schneidern lassen. Ein dunkelblaues Sakko, mit dem Emblem auf dem rechten Oberärmel, einer hellgrauen kurzen und langen Hose mit scharfer Bügelfalte, für die Mädchen der passende Rock und dem gestärkten weißen Oberhemd der neckischen Bluse, sahen die Jungen und Mädel umwerfend aus. Der 1. Mai, der Kampftag der internationalen Arbeiterklasse, war zum Jahresbeginn immer der erste Höhepunkt in der Festgestaltung des Heimlebens. Feste wurden traditionell gar viele in fröhlicher Gemeinschaft gefeiert. Das Erwachen der Natur, wieder hinaus in luftiger Kleidung aus der Enge der Gruppenräume, daß verbanden wir immer mit der Teilnahme an der großen Maidemonstration. Mit Elan und Freude bereiteten wir uns auf diesen Tag vor. Einige der Lehrer und Erzieher, so wie unsere Mitarbeiter hatten immer wieder tolle Ideen den Feiertag, den Festumzug entsprechend der jeweiligen Thematik des Jahres mit Bildern, Losungen, fahrbaren Untersätzen auszugestalten.

Kinderheim Kyritz - Ferienlagerzeit-
Unsere Kinder und auch die Erwachsenen konnten es kaum erwarten, dass der Sommer nahte und die lang ersehnte Ferienzeit vor der Tür stand. Die Vorbereitungen für das Sommerzeltlager, für die Erholung, um die Seele ein wenig baumeln zu lassen, waren dann im vollen Gange. Traditionsgemäß zogen wir Jahr für Jahr mit Sack und Pack, daß waren 20 große Zelte, eine vom I. Weltkrieg stammende Gulaschkanone bestückt mit Holzrädern, dann die zerlegbare Küchenbaracke, das Ein-Mann-Klo für Jungen und Mädchen getrennt mit dem kleinen Herzen in der Tür, hinzu kamen die vielen Doppelstockbetten, alte Soldatenspinde, eine komplizierte E-Anlage für das Licht in den Zelten und der Verstärkeranlage, jede Menge Bohlen, Bretter, Balken, Pfähle, Pflöcke für die Tische, Sitzbänke und noch vieles andere mehr in Mutters frei Natur.
Der erste Ferientag war da. Kaum war Mitternacht vorbei, da setzten sich 3 LKW's mit den Anhängern in Bewegung, um das gesamte Material und das Vorkommando zu dem Ort des vorher ausgesuchten Ferienlagers zu bringen. Oft waren wir - der Heimleiter, ein Schüler und eine Schülerin, die in einer Vollversammlung auserwählt wurden - durch die halbe Republik gefahren, um einen geeigneten Zeltplatz ausfindig zu machen. Jener mußte interessant sein, einen See zum baden haben, am Meer oder im Gebirge liegen, versorgungsmäßig gut erreichbar sein, wenig kosten und von verständnisvollen Leuten umgeben sein, die für eine so große Meute zugänglich waren. Ach ja, den Wirtschaftsleiter haben wir auch immer mitgenommen, denn er war für die Organisation, für die Verpflegung und für die Verhandlungen mit den Behörden zuständig. Unser Wirtschaftsleiter war in dieser Beziehung ein Fuchs, das heißt so schlau wie ein Fuchs. Ohne ihn lief gar nichts, denn er war der Garant, dass ein jedes Ferienlager zu einem unvergeßlichen Erlebnis wurde. In den ersten 50iger Jahren konnten wir immer für unser großartiges Unterfangen einen geeigneten Platz aufspüren, ausfindig machen und später in Beschlag nehmen. Zu jener Zeit waren die Bürgermeister, die verantwortlichen Hygieneabteilungen, die Grundstücksbesitzer (privat oder staatlich) unbegreiflich einsichtig, großzügig und herzlich entgegenkommend. Es war immer in den ersten Maitagen, wenn wir unseren alten Opel P4, mit den Wanderkarten, einer Marschverpflegung für die Erkundungsfahrt starteten. Zuvor hatten wir ja schon ein bestimmtes Gebiet, eine Landschaft eingegrenzt, wohin es in diesem Jahr gehen sollte. Die Vorschläge wurden bei der Heimleitung eingereicht und in einer Vollversammlung meistens einstimmig festgelegt. Bevorzugt war natürlich immer die Ostseeküste. Ich glaube, es gab nicht viele Flecken entlang des Ostseestrandes einschließlich der Insel Rügen, wo unsere Zelte nicht einmal, sondern so gar mehrmals standen. Ich erinnere mich noch allzu gern daran, wie wir auf der Insel Rügen, auf dem Mönchgut unser ersten Zeltlager aufbauten. Ein überaus gutmütiger Inselbauer, stellte uns einen Teil seines Hofes, nämlich die angrenzende Weide, dicht an einem Steilhang zur Verfügung, mit einem herrlichen Blick auf die weite See gen Osten bis zur polnischen Küste. Meine Bedenken wegen der Steilküste waren unberechtigt, weil alle sehr diszipliniert waren und der gute Grundstücksbesitzer für uns extra einen Weidezaun als Begrenzung gesetzt hatte. Ob elektrisch geladen oder nicht, dass weiß ich heut nimmer. Strom. Wasser, ja sogar wohlschmeckende Rügener Milch, Fische, frisches Bauernbrot bekamen wir ohne jegliches Entgeld von den Mönchguter Wirtsleuten frei Zelt geliefert. Nun gut, fast umsonst, denn ab und zu halfen wir alle unserer gastfreundlichen Fischerfamilie mit der kleinen Landwirtschaft, beim Fischfang, auf dem Feld, im Haus und auch auf dem Hof. Die Kinder taten es sehr gern, denn sie waren ja das Arbeiten vom Heim aus gewöhnt, und es gab immer wieder etwas neues hinzu zu lernen. Gewiß stand unsere Hilfe in keinem Verhältnis als Gegenleistung zu dem, was wir bekamen, aber beide Seiten zogen einen freundschaftlichen Nutzen daraus. Wie war das eigentlich damals? Als nach langer Bahnfahrt durch die Lande über den Rügendamm die Mädels und Jungen des 1. Durchganges die Insel erreichten, da strahlten ihre Augen über den herrlichen Anblick dieser fantastischen Landschaft. Viele von ihnen haben zum ersten Mal das Meer, mit den immer wiederkehrenden Wellen am Strand, gesehen. Mit ihrem schweren Handgepäck beladen, den frischen Ostseewind ins Gesicht wehend, den flatternden blauen Pionierwimpel am Speerstab befestigt, trafen sie freudestrahlend, lachend und singend - Gruppe für Gruppe auf dem Lagerplatz ein. Mit einem kühlen Trunk wurden sie vom Hausherren und seiner Familie herzlich begrüßt und willkommen geheißen. Die Grüßung ging unter in einem lebhaften Bericht über das bereits erlebte. Einer will Fisch- und
Seeadler, Kraniche und sogar Kormorane gesehen haben. Ein anderer viele mit Schilf gedeckte Häuser, riesengroße Netze, Reusen, Bootswinden, den Fischer und seine Frau - und und und... Stimmen überschlugen sich beim vielen erzählen und so plapperten sie alle auf einmal weiter "Ich habe einen faustgroßen Bernstein gefunden, und ich habe einen meterlangen Aal in einer Milchkanne schwimmen gesehen". Und die Wirtsleute und ich haben sich vor Lachen den Bauch gehalten, weil einiges doch recht fantasiereich war.
Jedenfalls waren das für die Heimkinder Eindrücke und Erlebnisse, die sie, wie wir später immer wieder hörten ein Leben lang nicht vergessen wollten, und das war gar nicht so unwahrscheinlich. Noch Jahre später schwärmten die längst entlassenen Jugendlichen, wenn sie alljährlich zum traditionellen Führjahrstreffen ins Heim kamen, von den wunderbaren, schönen Ferien an der Ostseeküste, einst eine Perle der Erholung vieler Werktätiger. Von der Lübecker Bucht bis zum Oderhaff mißt Mecklenburg-Vorpommerns Außenküste rund 35O Km Die eigentliche Uferlinie, mit ihren bizarr-geformten Halbinseln, dem Bodden, Haff und Nehrungen ist in Wirklichkeit viel, viel länger. Die zahlreichen Meeresbuchten, mit dem dahinterliegenden, flachen Strandseen, größtenteils mit Süßwasser angestaut, an denen sich lange Schilfsgürtel ausbreiten, laden immer wieder zum baden, zum verweilen ein. So waren und sind sie noch heute ideale Rastplätze für uns Menschen, für die unzähligen Zugvögel in Gottes freier Natur. Was wir in den Ferien-, Zelt- und Erholungslagern erlebten, es ist einfach nicht möglich, all das aufzuschreiben, wiederzugeben, weil es so umfangreich wäre, und natürlich einiges in Vergessenheit geraten ist. Drum sei hier nur weniges vermerkt. So zogen in aller Herrgottsfrühe schon die ersten Gruppe von dannen, um aufzuspüren was sich so in der Natur bewegte, kreuchte und fleuchte. Die Bildung von Arbeits- und Interessengemeinschaften war ungeschriebenes Gesetz im sinnvollen Lagerleben. Ein jeder mußte freiwillig oder gezwungenermaßen sich einem Zirkel anschließen. Natürlich waren die "Jungen Naturforscher" am gefragtesten. Sie spalteten sich in Geologen, Zoologen, Aquarianer, Schmetterlingsfänger, Insektenvertilger, Schlangenbändiger, halt was so alles mit der Botanik und den anderen Rangordnungen zu tun hatte. Natürlich kamen Kultur und Sport nicht zu kurz. Die „AGs" mußten sein, schon weil die Mädchen weniger gern einen nackten Frosch anfassen wollten. Na, und die Höhepunkte im Lagerleben wollten auch vorbereitet sein. Wanderungen, Sportwettkämpfe, Lagerfeuer, Kinderfeste und die Repräsentation der Ergebnisse der einzelnen Interessengruppen waren die Höhepunkte im Lagerleben. Ach, was gab es da nicht alles zu hören, zu begutachten, zu sehen, zu bestaunen, zu bewundern. Die Schlangenbeschwörer berichteten über ein ganz abenteuerliches Vorkommnis, dass sie in ihrer interessanten Arbeit erlebt hatten. So berichtete Frank:
Auf einer vom Unkraut überwucherten Müllhalde sammelten wir alte Gläser und Flaschen und sonstige Behälter. Diese wurden sorgfältig gereinigt und ihre Verschlüsse auf beinahe feste Dichtheit überprüft, um sie später mit Spiritus zu füllen. Warum taten wir das? Sie sollten für den Biologieunterricht an unserer Heimschule als Anschauungsobjekt dienen. So weit - so gut! So zogen wir Freitagmorgens, mit dem Lied der jungen Naturforscher "Die Heimat hat sich schön gemacht" auf den Lippen, zur Erforschung, Erkundung in die nahe Umgebung. Unsere Kescher, Botaniktrommeln, Fanggabeln, diverse Aufbewahrungsbehälter hatten wir gut verstaut. Dem Rat unserer Krankenschwester folgend, hatte ein jeder festes Schuhwerk oder Gummistiefel an den Füßen und ordentliche Handschuh hatte sie uns für unsere Erkundungsjagd auch noch zugesteckt. Auf gings, wir zogen dahin, als plötzlich von hinten eine erschrockene Stimme in meinen Rücken drang "Herr Lagerleiter, Herr Lagerleiter, da sonnt sich eine riesengroße „BOA“ auf einem felsigen Stein" Ich staunte nicht schlecht, wie gut der Junge beobachtet hatte, nur mit der Größe hatte er sich ein wenig verschätzt. Heini wimmerte: "Ich habe solche schreckliche Angst! "- und verschwand hinter meinem Rücken. Die anderen waren mutiger und umringten, staunend, die gern 3o cm lange Schlange. Was tun? Zuerst galt es festzustellen, um welche Schlangenart es sich handeln konnte. Punkt zwei, ist sie giftig oder nicht. Wir beobachteten die "BOA" und kamen zur einheitlichen Feststellung, daß es sich ganz eindeutig um eine in der Oberseitenzeichnung erkennbare giftige Kreuzotter handelte. Jene Schlangen, wie Kreuzotter, Blindschleiche, Ringelnatter sind häufig an warmen, sandigen, steinigen Plätzen zu finden, haben dort ihre Brutstätten und sind an der Küste alltäglich. Sie finden ja dort all das, was sie zur Vermehrung an Nahrung und Unterschlupf brauchen. Natürlich wollten wir unseren kostbaren Fund bergen. Also machten wir uns an die geradezu nicht ganz ungefährliche Fangarbeit. Ein so toller Schatz sollte uns natürlich nicht entwischen. Mit einer schnell herbeigeholten Astgabel und unserer bewahrten Holzzange vom Grill, wurde das Objekt der Tücke fest fixiert, und ein Griff hinter den Kopf - daß mußte natürlich ich der Tapfere wohl mehr aus Sicherheitsgründen, weniger als Held geltend tun - Und rucki, zucki wurde unser großer Fund - die verdutzte Kreuzotter - in das bereit stehende Einweckglas versenkt. Für uns alle war vorerst die Erkundungsjagd beendet. Mit "Hallo" und stolzgeschwellter Brust zogen wir ins Lager ein. Lauffeuerartig verbreitete sich von Mund zu Mund die Kunde, die Botaniker, die Zoologen haben eine Riesenschlange von ungeheuerem Ausmaß gefangen, nein zur Strecke gebracht; die soll ganz toll aussehen und mächtig giftig sein. Spätere Messungen haben ergeben, daß unserer Fund nur 39 cm lang war, ein wenig weit von einer BOA-constrikta entfernt, aber einen Giftzahn konnten wir an ihr allemal entdecken. Die Erlebniswelt war für die Mädels und Jungen, aber auch für uns Erwachsene in dieser schöne Ferienzeit so umfangreich, daß die reale Wiedergabe mir recht schwer fällt.
Was haben wir in den vielen Sommertagen, in verschieden Ferientagen erlebt; was durften wir all das schöne bewundern; was haben wir überall in den herrlichen Gegenden unserer Heimat unsere Zelte aufgestellt; wieviele Orte, Städte, Gemeinden haben wir kennen gelernt und wieviele Landschaften konnten wir durchwandern?!? Unsere Kinder schliefen in einfachen Zelten, erholten sich in der Sächsischen Schweiz, eroberten die Höhen des Erzgebirges, sahen die Ruinen des Klosters Lehnin, ahlten sich an den Stränden der Ostsee, badeten in den Gewässern bei Rheinsberg, in der Müritz, der Elbe, Spree und der kleinen Steglitz, ihre Wanderstiefel trugen sie durch das Harzer Bergland, über den Rennsteig, durch die Märkische Schweiz. Wir haben so viele Spuren, Schandtaten, unheimliche Erlebnisse, gastfreundliche Quartiereltern immer wieder zurückgelassen, und sind auch hin und wieder an altbekannte, sehr geliebte Stätten ein zweites Mal eingekehrt. Unser Ziel war es, die Schönheiten der Landschaften zu entdecken. Kontakt zu den dort lebenden Menschen zu finden, unsere Kenntnisse und unser Wissen zu bereichern, Freuden zu empfinden, Kraft und Zuversicht für die vor uns liegenden Aufgaben zu tanken. Das darf ich hier mit Fug und Recht sagen, es ist uns zum Wohle der uns anvertrauten Kinder immer wieder gelungen. Es war kein großes Sommerferienlager, nein, es waren die Pfingstferien, die eine lang gepflegte Tradition einleiteten. Der Frühling hatte oft seinen Höhepunkt erreicht, und da wurde im Lande Brandenburg oder im angrenzenden Mecklemburg für 3 Tage ein Lagerplatz ausgesucht und eine kleine Erlebniswelt aufgebaut. Baden, Herumtollen, Nachtwanderung, Lagerfeuer, Singewettstreit, Musizieren, Sportwettkämpfe, das waren die bunten Vorhaben als Vorgeschmack für die zu erwartende Ferienzeit.
Ein sehr beliebter Ort war für uns, und das mehrmals, Bad Stuer. Eine unscheinbare idyllische Gegend am Zipfel des Plauer-Sees gelegen, die nur zu Fuß von der letzten Bahnstation zu erreichen ist. Schon die Anreise dorthin, ein Erlebnis, weil die Eisenbahn, im ersten Teilstück uns geleitete. Von Kyritz an der Knatter, über Pritzwalk, Mayenburg ging die Fahrt bis Ganzlin. Dort endete die lustige Bahnfahrt mit dem Bummelzug. Dann hieß es: Alle aussteigen! das Ränzlein schnurren und mit einem flotten Lied auf den Lippen "Heute wollen wir das Ränzlein schnüren" marschierten wir durch langsam sich färbende Buchenwälder, entlang des Seeufers zum Lagerplatz. Ihn zu beschreiben, dazu reicht meine Fantasie wohl kaum. Am südöstlichen Zipfel des Sees lag eine von hohen, alten Buchen umgebene wenige Morgen große Waldwiese. Ganz in der Nähe gab es nur ein kleines, zierliches Gasthaus, man nannte es "Schweig mir von Rom" Nur der, der dort einmal eine lange Sommernacht in seinen winzigen Räumen durchzecht hat, kann später einmal sagen "Ich war in 'schweig mir von Rom', in purer Volltrunkenheit - fast in der Nähe des Papstes. Unvergeßlich!! Unser Wirtschaftsleiter hatte wieder einmal in altbekannter Manier, das Lager für unser verlängertes Wochenende vorbereitet. Das tat er immer. Nein nicht per Bahn, sondern er fuhr mit dem heimeigenen, zuverlässigen Opel P4, Baujahr 1936, mutterseelenallein zum Römer. Am Abzweig Ganzlin in Richtung Bad Stuer zum Lagerplatz wurde der Weg recht schmal, ein typischer Ackerweg auf dem sich auch das liebe Vieh zur Weide hin bewegte. Durch die Nähe des Sees waren die Wegverhältnisse nicht mehr so fest und trocken, wie das halt so in einer ländlichen Gegend ist. Und nun kam was nicht kommen sollte, jedoch geschah: Der gute alte Opel P4 rutschte voll mit der Hinterachse in den matschigen ,halb gefüllten Straßengraben und buddelte sich nach jedem Startversuch – vor und rückwärts- immer weiter, tiefer in den morastigen Boden. Da saß er nun fest der Wagen samt Wirtschaftsleiter. Mühsam wälzte er sich, denn Willi war schon recht schön beleibt, aus seinem Gefährt. Er besah sich das Malheur und stampfte letztendlich fluchend in seinen Halbschuhen vorwärst, um Hilfe herbei zu holen. Auf dem Wege dahin traf er auf einem bedächtigen, plattdeutsch sprechenden Bauern, der mit seinem einspännigen Ochsengespann, schaukelnderweise daher trottete. »Jo det mok ik", war seine kurze Antwort auf das Hilfeersuchen unseres verärgerten Wirtschaftsleiters. Beide machten sich auf den Weg zur Unglücksstelle, um den abgesackten Wagen aus dem Graben zu ziehen. So wurde der Ochse mit einem Seil und dem Opel P4 verbunden und in einer richtigen Position vor das Auto gespannt. Beim ersten starken anrucken riß das Tau, ein mittelstarker Strick, der starke Bulle stolperte rückwärts und saß mit seinem breiten Hinterteil auf der einst so schönen Kühlerhaube unseres stolzen Opel P 4, Baujahr 1936. Die beiden, am hinteren Ende schiebenden lukten verdutzt seitlich am Wagen vorbei nach vorn, und schauten sich mehr oder weniger entgeistert an. Dem ollen Meklemburger Bauern stand zuerst das breite Grinsen im Gesicht. "Son vermaledeichtes Pech häven wir nu!", waren seine nachdenklichen Worte," and keen Stricken mehr"." Nu muß de Ochs mit ne Schanz de Karr ausen Dreeck ziehn". Unserem Willi aber längst das Lachen und der Spaß vergangen. Aber irgendwie haben sie es später doch noch geschafft.
Diese Episode wurde jedes Mal, wenn wir in Bad Stuer im Gasthof "Schweig mir von Rom" beim Glase Bier saßen zum besten gegeben, sodaß sich nach einem schallenden Gelächter Tisch und Bänke bogen.
Einmal hatte es uns aber reichlich dumm, oder besser gesagt, von oben und von unten erwischt. Wir hatten unser Zeltlager im Harz - die Ortschaft hieß Ihlefeld bei Netzkater, in der gebirgigen Landschaft nördlich von Nordhausen - unter sagenhaften Umständen vorbereitet und auch nach Überwindung zahlreicher Hindernisse aufgebaut. Wenn ich heute daran zurückdenke, dann kann ich nur feststellen, wir waren abenteuerliche Fantasten, Optimisten oder wahre Lebenskünstler. Für dieses Ferienlager hatten wir all unsere notwendige Ausrüstung in zwei G-Güterwagen auf dem Güterbahnhof in Kyritz verladen und mit der Deutschen Reichsbahn in das Harzer Gebirge, Zielbahnhof Nordhausen abdampfen lassen. Bis dorthin fuhren die beiden Waggons auf der NORMAL-Gleisstrecke, im Geleit zahlreicher Güterwagen mit ca. 120 Achsen ohne die der Lokomotive und dem Tender gerechnet. Dort eingetroffen wurden die beiden G- (das heißt gedeckte Güterwagen) auf Schmalspurwagen gehievt, und auf dieser Strecke bis zum kleinen Waldbahnhof Netzkater geleitet. Damals war unser denken noch so eingeengt, daß wir von einer Schmalspurbahn, die es ja schon aus dem vorigen Jahrhundert gab, nicht die leiseste Ahnung hatten. Nun wurde der ganze Inhalt beider Waggons auf Pferdefuhrwerke verfrachtet, um alles in das höhergelegene Forsthaus, ein wenig abseits von Netzkater zu bringen. Der Ortsname >Netzkater< rührte daher, weil in der Nähe, vor längst vergangenen Zeiten, der letzte wilde Kater, eine Wildkatze, mit einem Netz gefangen wurde. Später wurde er seines Lebens beraubt und ausgestopft. Der ist heute noch in der dortigen Gaststätte zu bewundern. Jedenfalls mußte unser Vorkommando Schwerstarbeit leisten, um das Lager bis zur Ankunft der Ferienkinder herzurichten. Diesmal waren sie nicht nur Zeltebauer, sondern Verlader, Transportarbeiter, die wahrlich ganz schön ins schwitzen kamen. Jede Stunde wurde genutzt und so standen endlich nach 3 arbeitsreichen Tagen alle Zelte, die Kücheneinrichtung, eine zusätzliche Toilette und es fing so ganz sacht und langsam an feucht zu werden. Ein leichter Nieselregen, mehr so ein dunstartiger Schleier zog von den Bergspitzen talabwärts. Die Einheimischen sagten uns, daß sei hier normal. Es kommt und vergeht auch wieder. Also ließen wir uns von der für uns etwas mißlichen Situation, Lage vorerst einmal nicht beeindrucken. Genau genommen konnte es ja nur besser werden. Aber da hatten wir uns mächtig geirrt, was wir erst später so richtig zu spüren bekamen. Der erste Durchgang der Ferienteilnehmer war angereist. Die Kinder waren halt schon ein wenig sauer, wegen der vielen Umsteigerei mit den vielen Klamotten, die jeder mitschleppen mußte. Und obendrein, als sie so nach und nach im nett vorbereiteten Lager eintrudelten, verdichtete sich der stets leis und sacht niedergehende Niesel zu einem unaufhörlichen mäßig warmen Regen. Dieses, von den Bergkämmen herunterziehende neblige Naß verdichtete sich immer mehr zu einem stupiden Dauerregen. Der Himmel wurde zu einer schier unendlich weiten, grauen Masse. Täler, Berge, Hügel, Mulden, Wälder und Wiesen waren in einen schleierartigen Mantel eingehüllt. Na, das kann ja schön werden, so dachte ich und wohl auch meine Lagermitbewohner. Von der Vorhersage der Dorfbewohner blieb nicht viel übrig. Es nieselte, regnete mal mehr, mal weniger stark am Tage wie auch in der Nacht. Diese feine Nässe drang durch die Kleidung, langsam durch die Zelte ja, es gab bald keinen Gegenstand mehr, der noch die Feuchtigkeit aufnehmen wollte. Es tropfte von den Bäumen von den Dächern, innen von den Zeltwänden und bei manchen schon spürbar auch die Nase.
Zum Kleiderwechsel, zum trocknen derselbigen gab es noch einen kleinen Spielraum. Aber bald waren die Sachen nicht mehr trocken zu bekommen. Also wurde Zelt für Zelt geräumt, die tapfer ausharrenden Pioniere mit viel Hallo in die umliegenden Quartiere, Scheunen und bei Gasteltern untergebracht. Natürlich die Jungen am liebsten in den Scheunen. Da ließ es sich so wunderbar umhertollen und so manchen Unfug treiben. Die Mädchen waren eher sauer über das unangenehme Wetter und suchten lieber die warmen Stuben auf, um ihre Schönheiten wieder zu trocknen und in Ordnung zu bringen. Ja, so war das damals es gab trotz alledem viel neues, interessantes zu sehen; jedoch die Kehrseite der Medaille war schließlich und endlich doch nicht so heiter, wie der Schein trügte. Keine Wanderung zum Hexentanzplatz, die geplante Fahrt zum Brocken schien plötzlich buchstäblich ins Wasser zu fallen, Sportwettkämpfe, Lagerfeuer, unheimliche Nachtwanderungen, vieles davon fiel halt dem Dauerregen zum Opfer. Leider hörte man in diesen Tagen das Wort:" Sche i....", viel zu oft! Und so fingen die ersten verzweifelten das schöne, altbekannte Lied "Regentropfen, die auf unsere Zelte kloppen, das sag' ich dir, sind keine Ferienfreuden hier!" zu singen. Andere wiederum saßen beinebaumelnd an den Scheunenluken und sangen: "Ich wandere ja so gerne durch das schöne Harzerland, die Kapuze auf dem Kopfe, den Regenmantel stets in der Hand! " Diese Berge und Täler hätten wir doch so gerne bestiegen und durchwandert , doch wir sahen sie nur aus der Ferne!
Von Tag zu Tag kamen immer mehr neue Verse und Liedlein und Spottereien auf: "Lagerleiter, ach Lagerleiter laß uns auf dem Heuboden nicht allein - schicke uns bitte, bitte wieder den Sonnenschein!" Nein, der liebe Herrgott, kein Lagerleiter hatte Erbarmen. An diesen Tagen, in diesen Wochen der Ferienzeit ließ sich die wärmende Sonne, dieser leuchtende Erdentrabant nicht ein einziges Mal sehen. Dieser elende, graue, düsige, regenschwere Vorhang blieb vom ersten bis zum letzten Tag dicht und er wurde zusehends dichter. Auch der kühnste Optimist gab keinen Pfifferling auf eine positive Wetterprognose. Und so läutete der letzte Spottvers das Ende dieser einmaligen verregneten Ferienlagerzeit ein. "Lieber, lieber Lagerleiter sei bitt so gut und so fein, schick' uns schnell wieder nach Hause daheim, wir wollen auch immer stets brav und artig sein, dann hast du auch mit uns keine Sorgen - wir möchten lieber heute abreisen als morgen!" Gesprochen, gesagt, gesungen. Wir räumten kampflos das Feld, um später in der Erinnerung zu sagen :"Aber schön war es doch!" Ja, so verging eine Ferienzeit nach der anderen und zwischendurch gab es im Heimleben gar viele Erlebnisse und Höhepunkte.

Im Ferienlager
Kinderheim Kyritz - Höhepunkte im Heimleben
Treffen der Ehemaligen
Wenn sich einmal im Jahr die Ehemaligen trafen, dann stand die ganze Einrichtung Kopf. Der Zeitpunkt der Vorbereitungen begann eigentlich schon mit dem Ende des letzten Treffens. Da gab es beim Auseinandergehen schon wieder die ersten Vorschläge, was wir uns für das kommende Treffen der Ehemaligen einfallen lassen sollten. Inzwischen waren es in den letzten Jahren über 100 Gäste, die sich zu den drei Festtagen einstellten. Das Wochenende, der Freitag war der Anreisetag und der endete mit dem abendlichen, gemütlichen Beieinandersein und dem echten Begrüßungstrunk. Bis dahin mußten die notwendigen Quartiere zurecht gemacht sein, das Heim auf Vordermann und Hochglanz gebracht werden. Auf dem Dach des Hauptgebäudes wurden die Fahnen aufgezogen. Wenn sie lustig im Winde flatterten, dann blitzte und blinkte es an allen Ecken und Kanten, denn schließlich wollte sich ja keiner blamieren.
Der Sonnabend wurde traditionsgemäß zum Tag des Sportes gemacht. Die besten Schützen wurden ermittelt. Wer traf alle Neune beim Kegeln! Natürlich durften leichtathletische Wettbewerbe nicht fehlen und Höhepunkt war am Nachmittag das Fußballspiel der Lehrer, Erzieher, technischen Mitarbeiter gegen eine formierte Mannschaft der Ehemaligen. Gewonnen haben, so glaube ich, immer die Gäste, aber der große Spaß lag immer auf unserer Seite. Unser Schuster, reichlich über die 50, durfte stets mitspielen, und dabei geschah einmal ein schaulustiges Malheur. Plötzlich, während des kampfbetonten Spieles, gab er einen befreienden Schuss ab. Dabei machte das Gummiband seiner knielangen Kanalschwimmerturnerhosen schlapp, die Hose rutschte bis zu den Waden herunter und unser Schuhmacher stand mit beiden Händen sein bestes Teil schützend, entblößt auf dem Platz.....Aber da gab es ein Hallo und ein fröhliches Gekreische bei den Mädchen, die Zuschauer hatten ihre Sensation und Meister Pech hat ein Tor verhindert.
Schon der sonntägliche Morgen war von einem hektischen, eifrigen Treiben gekennzeichnet. Da deutete sich eine große Überraschung an. Alljährlich gab es zum Schülertreffen den einzigartigen "Heimzirkus" im Kinderheim Kyritz an der Knatter. Ein jede Kindergruppe testete dazu einen artistischen, humorvollen, künstlerischen, musikalischen oder einfach tierischen Beitrag. Diesen "Zirkus" habe ich, als ich noch Erziehungs- und Pionierleiter war, aus der Taufe gehoben; und von diesem Zeitpunkt an mußte ich fortan mit Zylinder, Peitsche und im Frack den Zirkusdirektor spielen. Was gab es da nicht alles zusehen? Kinder trabten mit selbstgebastelten Pferdeköpfen durch die Manege. Stalldiener in roter Livree öffneten zu jedem Auftritt den Vorhang zum Sattelraum. Seiltänzer spannten ihr Drahtgestell und bewegten sich ganz nah über dem Erdboden mit Grazie, höchst elegant, den Regenschirm balancierend auf dem dicken Tau. Jongleure, Zauberer zeigten ihre Kunststücke und Tricks. Feuerschlucker, Fakire als Inder verkleidet brachten eine atemberaubende Darbietung. Der Elefant JUMBO in grauen Decken gehüllt, mit einem überlangen Rüssel versehen machte sogar auf einem riesigen Bierfaß einen perfekten Handstand. Höhepunkte waren die Einlagen mit dem heimeigenen Tierbestand. Sie alle gehorchten aufs Wort, wurden sie doch von den Kindern gepflegt und gefüttert. Das waren: Pony Liesel, Wildschwein Bärbel, Wellensittich Susi, unsere bunte, braunscheckige Kuh, der alte lahme Ackergaul Frederic und die Kreuzotter, die zum Flötenspiel sich aufrichtete, war nur eine Imitation. Wir stellten ein jedes Mal CIRKUS Busch, Sarrasani und Krone in den Schatten!
Abends, nach der Zirkusvorführung fand dann die Festveranstaltung statt. An der nahm dann auch die Prominenz der Stadt und aus der Landeshauptstadt Potsdam teil. Einige der Ehrengäste reisten schon freitags an, wie der Volksbildungsminister des Landes Brandenburg Horst Brasch, die Tochter Ernst Thälmanns Irma Vester-Thälmann, Frau Erika Buchmann, die mit den Thälmanns eine lange Zeit im Konzentrationslager Ravensbrück verbracht haben. Sie alle brachten nette Überraschungsgeschenke für das Heim und für die Kinder mit und die Kinder dankten es ihnen mit sehr viel entgegenkommen. Ein weiterer Höhepunkt war Kinderfasching im Kinderheim.
Kinderfasching
Die tägliche Arbeit und das stete Lernen wurden immer wieder von kleinen, lustigen Feiern willkommen geheißen und unterbrochen. Obwohl in der ländlichen Gegend der Prignitz und rund um Kyritz die närrische Zeit nicht besonders bejubelt wurde, war aber das Faschingfest ein Muß im Heimleben. Der 11.11. spielte da keine Rolle, wenn nicht gerade der Heimleiter einmal Lust verspürte, Punkt 11.11 Uhr einen Böller in Form einer Knallerbse, wenn es hoch kam einen Knallfrosch explodieren zu lassen. Bei uns wurde Fasching am Wochenende vor dem Aschermittwoch, Sonnabends bis in die Morgenstunden des Sonntags hinein gefeiert, getanzt, getrunken, gespielt, gezecht und danach bis in die Puppen, rein todmüde zum Umfallen, geschlafen. Eine solche Vielfalt von Kostümen, Verkleidungen, tollen Einfällen habe ich später nie wieder erlebt und auch nicht auf dem Wittichenauer Karneval gesehen. So war es bei uns Sitte, jeden Fasching - thematisch einem Höhepunkt des Jahres entnommen - zu gestalten.
Als Juri Gagarin in den Weltraum flog, waren wir alle Kosmonauten, Fliegerpiloten, Marsmenschen, Mond- und Sternkinder - mobil zu Fuß, als Raketen, umgeben von tickenden, blinkenden Weltraumfahrzeugen und-stationen und schwebten schwerelos durch den als Weltall ausgestalteten Saal. Die Kinder, aber auch die Erwachsenen fühlten sich wie im Himmel. Ein anderes Mal waren wir alle als Märchenfiguren verkleidet. So viele Schönheiten, von Schneewittchen, der Goldmarie, Aschenputtel, Feen, Könige, über Hexen und Gnome, Kobolde gab es da zu bewundern. Charakteristische Märchentypen wie Frau Holle, Hänsel und Gretel, Rotkäppchen, die Großmutter und der Wolf, die sieben kleinen Zwerge, das Einhorn und Rumpelstilzchen waren in einer wunderbaren Märchenlandschaft, die alle Mitarbeiter gestaltet hatten, zu erleben. Und wenn die einzelnen Märchengruppen ein Stegreifspiel zur Erheiterung aufführten, dann konnten einige vor lauter Lachen nicht mehr auf ihren Stühlen sitzen bleiben.
Für uns Erwachsene hatte solch ein Faschingsfest, aber für mich besonders, immer ein böses Nachspiel. Nachdem die Kinder zur Ruhe gebracht wurden, ging es ja für uns bis in die frühen Morgenstunden lustig weiter. Als Chef des Hauses mußte ich ja mit jedem wieder Brüderschaft trinken; obwohl wir das doch schon jahrein jahraus geübt und getan hatten. Und dieses Spiel wurde mir ein jedes Mal zum Verhängnis. Erst am Sonntag, gegen 5 Uhr nachmittags war ich wieder vernehmungsfähig. Inzwischen mußte meine liebe Angetraute das Heimleben steuern. Leider geschah dies in jedem Jahr aufs neue!
Freizeit und die Arbeitsgemeinschaften (AGs)
Eigentlich waren die AG's die beliebtesten Treffpunkte unserer Mädels und Jungen, um sinnvoll ihre Freizeit zu vollbringen; abgesehen von den heimlichen Liebestreffen, die wir oftmals kühn übersahen. Im Laufe der Jahre haben zahlreiche Mitarbeiter des Heimes und freiwillige Helfer von außerhalb recht interessante und konstruktive Interessengemeinschaften ins Leben gerufen. Besonders beliebt waren die technischen AG's, in denen man nach belieben basteln, sich etwas ausdenken, Eigenkonstruktionen entwerfen, nachbauen und vorführen konnte. Da fällt mir ein, wir hatten im Heim einen Jungen, dem hatten es die Segelflugmodelle und der Drachenbau angetan. Es war spät am Abend und es dunkelte schon, da kamen zwei kleine Steppken zu mir ins Büro gelaufen und berichteten ganz außer Atem gekommen, durcheinandersprechend: "Herr Heimleiter, Herr Heimleiter, am Himmel über dem Sportplatz, da leuchtet ein Stern und der bewegt sich immer hin und her!" "Na nun mal langsam, nein, nein, das gibt es nicht," sagte ich, "es wird wohl eine Sternschnuppe sein, die ihr da gesehen habt!" Die Knirpse blieben felsenfest bei ihrer Meinung. Also marschierten wir gemeinsam zum Sportplatz, da leuchtete ein sternähnlicher, milchigweißer Punkt auf und nieder schwebend am blassen Abendhimmel. Und dann entdeckte ich, seitlich abseits stehend an der Kante der Laufbahn den Alfred, unseren besten Bastler und Konstrukteur, mit einer Lenkrolle in der Hand. Der findige Kerl hatte seinen Drachen mit einer kleinen Glühbirne, gespeist von einer Monozelle, in den trüben Nachthimmel geschickt, und ließ ihn dort auf und nieder, hin und her tanzen. Wie er den Drachen, bei fast völliger Windstille hochbekommen hat, das ist mit bis heute ein Rätsel geblieben. So haben sich mittels der Arbeits- und Interessengemeinschaften auch rechtzeitig Berufsbilder für die jungen Menschen herausgebildet. Verbindliche Aussagen hatte ich dazu bei Beobachtungen des Entwicklungsweges unserer Jugendlichen.

Die Kinder auf der Maidemo in Kyritz
Berufliche Werdegänge
Jutta spielte noch in den ersten Schuljahren mit ihren Puppen am liebsten Doktor. Wenn im Fernsehen Frau Dr. Pille zu sehen war, dann konnte keiner die Kleine vom Fernseher fernhalten. Mit einem Stethoskop, einer Spritze und jeder Menge Pillen schlich sie durch die Gruppe, um irgendeinen Bereitwilligen zu verarzten. Unsere Krankenschwester leitete die AG "Junge Sanitäter", da durfte Jutta natürlich nicht fehlen. Wie sie beherrschte keiner so gut das Anlegen von Verbänden, die Handhabung der Spritze und das ständige Nachfragen: "Nun sag schon was dir fehlt, wo tuts weh, ich habe gute Hustenbonbons, Salben, auch Lakritze-Tabletten, sei so gut und lass dir etwas verschreiben". So nervte sie von früh bis spät ihre Mitschüler, bis sie das schluckten, was sie verordnet hatte. Als sie Jahre später zum " Ehemaligentreffen " kam, berichtete sie stolz und selbstsicher: "Ich studiere Medizin und werde einmal Kinderärztin". Leider habe ich es nicht erfahren, ob sich ihr Traum erfüllt hat, aber ich kann mir gut vorstellen, ihr einmal als Ärztin zu begegnen.
Eines aber weiß ich genau, daß die beiden unzertrennlichen Freunde, die im Park des Heimes nur allzu oft Polizist oder Soldat und auch manchmal Krieg spielten, Offiziere der NVA geworden sind. Zu jedem Treffen überraschten sie uns gemeinsam mit ihrem Besuch; dann waren sie immer die umschwärmten Lieblinge aller Mädchen im Heim.
Als Stalinstadt-Fürstenberg- Frankfurt an der Oder aufgebaut wurde, da hatten wir eine gute Verbindung dorthin. In einem kurzen Zeitraum entstand dort ein riesiggroßes Baukombinat. Unsere Jugendlichen, die ihre Schulzeit mit der 10. Klasse beendet hatten, mußten ja alle irgendwie und -wann untergebracht werden: Das war in jener Zeit mitunter gar nicht so einfach. Da kam uns das neue Kombinat an der Oder unterstützend und großzügig zur Hilfe. In der Zeit meiner Heimleitertätigkeit haben wir weit über 50 Schüler der 8. bis 10 Klassen im Internat des Baukombinates zufriedenstellend untergebracht. Aus ihnen wurden tüchtige Baufacharbeiter. Wir pflegten lange Jahre eine ständige Verbindung zu den Lehrausbildern und zur Kombinatsleitung. Diese bestätigte uns, daß wir eine ordentliche Erziehungsarbeit geleistet haben. Wer wollte da noch mehr Dank erfahren !?
Wenn die Eltern den Beruf des Lehrers, des Erziehers, einer Kindergärtnerin erlernten und ausübten, dann traten auch hin und wieder die Kinder in ihre Fußstapfen . Im Kinderdorf, im Kinderheim ersetzten ja in vielfältiger Weise die Lehrer und Erzieher die Eltern für die ihnen anvertrauten. Von ihrer Einstellung zum Kind, ihrer Umgangsweise färbte gar manches auf sie ab. Die Kinder sahen in Ihnen ihr Vorbild, mochten es ihnen in ihrer Handlungsweise gleich tun; sie hatten Achtung, Freude, Wohlgefallen an ihrem Tun. Und so bildete sich nach und nach bei einigen der Wunsch und das Verlangen heraus, so möchtest du später auch einmal handeln und den Beruf des Erziehers zu erlernen. So war es für mich auch nie verwunderlich, daß viele meiner Schüler und Schülerinnen, vorwiegend die Mädchen, den Beruf des Lehrers, Erziehers, Pionierleiters ergriffen. Viel später, als ich schon in Hoyerswerda tätig war, habe ich Grüße, Briefe, Schreiben von ehemaligen Heimkindern erhalten, die in der Pädagogik als Unterstufenlehrer, Fachlehrer, Pionierleiter, Erzieher und Kindergärtnerin, als Direktor, Dr. Päd., einer so gar als Professor irgendwo in der Republik tätig waren. Heute genießen einige von ihnen schon wieder ihr wohlverdientes Rentnerleben. Gewiß, und so darf man mit Fug und Recht feststellen, die Zeit im Kinderheim in Kyritz an der Knatter war eine schöne, eine erfolgreiche, für uns alle.
Wenn damals die Landesregierung Brandenburg im Jahre 1964 die halbe Million für den Einbau einer zentralen Heizung für die Gruppen-, Schlaf-, Tagesräume, Bäder und Toiletten bewilligt hätte, dann wäre ich bestimmt noch heut im Kyritzer Heim. Aber als ich zu jener Zeit erfahren mußte, daß in einem Heim bei Jena viele Kinder verbrannten, wegen der unzulänglichen Ofenheizung, wollte ich die ungeheuere Verantwortung nicht mehr tragen. Ich hatte nicht mehr die innerliche Ruhe und hatte den Kampf um die halbe Million aufgegeben, zog mit meiner Familie nach Hoyerswerda, in die Lausitz, wo ich einst meine Kindheit verbrachte.
Die Zeit in Hoyerswerda
Ankunft
Hoyerswerda, das einstmalige Acker-Bürgerstädtchen liegt in der Niederlausitz und heißt auf sorbisch "Wojerecy". An jedem Ortseingang steht auf einer großen, rechteckigen Stele aus Metall schwarz aufgeschrieben: "Vitamy Wojerecy" und dazu abgebildet das Stadtwappen mit den drei Eichen. "Herzlich Willkommen" auf deutsch, so begrüßen wir unsere Gäste, die Sorben, die Deutschen und all jene aus Nah und Fern. Das sind gar nicht einmal so wenige, denn sie kommen aus allen Bundesländern, aus den benachbarten Ländern und auch aus Finnland, Kanada, den USA und aus anderen fernen Kontinenten durften wir schon liebe Gaste in unseren Stadtmauern begrüßen. In ihren besten Zeiten beherbergten die alte und die neue Stadt einmal bis zu über 7oTausend Erdenbürger. Das kam daher, weil wir im östlichen Teil der Altstadt jenseits der Schwarzen Elster einen neuen Stadtteil, eine riesengroße Plattenbausiedlung hinstellten, die zweite sozialistische Stadt in der DDR. Ein gewisser Professor Heinselmann hatte sie mit einem großen Baumitarbeiterstab entworfen, das einstige, ein "Stein, ein Kalk-Bauwesen" revolutioniert, architektonisch umgestaltet, um vielen Menschen, Wohnungssuchenden und Arbeitswilligen eine Bleibe, ein Zuhause, ein modernes Heim zu geben. Vieles ist gut gelungen. Einiges weniger und manches gar nicht. In unseren Mauern der Stadt lebte in den 60er Jahren die Schriftstellerin Brigitte Reimann, die hatte in mehreren Büchern die Stadt mit ihren Vorteilen und auch Nachteilen sehr bildhaft in Worten dargestellt. Sich mit Gott und der Welt angelegt, ihre Vorstellungen von einer sozialistischen Stadt, ihre Wünsche und realistischen Gedanken eingebracht, zum Gelingen und zum Wohle der damals wachsenden Stadt. Leider fand sie bei den Schöpfern, den Machern und auch bei der Obrigkeit zu wenig Gehör, und so wuchs und blieb meine jetzige Heimatstadt bis heute unvollendet.
Nun war ja die Neustadt, so behaupten es immer mal wieder böse Zungen, als eine "Arbeiter- Wohn- und Schlafstadt" für die tausenden, fleißigen Werktätigen des neuentstandenen Gas- und Druckwerk-Kombinates "Schwarze Pumpe", sorbisch "corna Pumpa", gedacht. Wahrlich viele neue Methoden wurden in der modernen GROßBLOCKBAUWEISE gestestet, mit riesigen Kränen wurden Hochhäuser in die ehemalige Kiefernheide gesetzt, ja sogar ein tolles, funktionierendes Betonwerk wurde am Rande der entstehenden Stadt erbaut. Dort wurden bei Tage und in der Nacht die erforderlichen Großplatten vormontiert, auf Tieflader gehievt und von Baugrube zu Baugrube gefahren. Dort zusammen geschweißt, und ehe man es sich versah, wuchs ein Stockwerk über das andere. Dieses Betonwerk, an der Bahnstrecke von Spremberg nach Hoyerswerda, bei der Ortschaft Groß-Zeißig produzierte – dank des unermüdlichen Einsatzes der tüchtigen Betonfacharbeiter, zahlreicher schwer schuftender Frauen - Platte für Platte. Später sogar fertige Wohn- und Badzellen, die es ermöglichten das Bautempo unermeßlich zu steigern. Das Baukombinat Ost wurde weit über die Bezirksgrenze von Cottbus hinaus bekannt, erhielt mannigfache Auszeichnungen und war führend in der Plattenbauweise.
Wie das so in der Natur einer Sache liegt, gab es auch zahlreiche Kritiker, die die Monotonie der aufwachsenden Städte beklagten, das Zusammenferchen der vielen Menschen, die fehlenden kulturellen Strukturen bemängelten und auch mit den Augen einer Brigitte Reimann sahen. So schrieb sie damals in ihrem Tagebuch: "Diese ganze Stadt Hoyerswerda war mir unsympathisch in ihrer aufdringlichen Neuheit (obgleich ich recht gut weiß, was die schönen, komfortablen, sonnigen Wohnungen für unsere junge Stadt und für die Bewohner bedeuten, die zum größten Teil aus engen und beengenden Verhältnissen kommen); sie hat keine Tradition, keine Atmosphäre, sie ist nur modern. Gewiß ist dies nicht ohne Romantik - aber es ist ein Ding, für einen Tag schwärmerisch, besichtigend über die Balken, den Bauschutt unebener Straßen zu wandeln, und es ist ein anderes Ding, selbst in dieser Stadt zu wohnen, als einer unter tausenden." Brigitte Reimann hatte diese Zeilen am 21.1.1960 in Hoyerswerda zu Papier gebracht und sie vermerkte auch im Tagebuch, daß sie zur Zeit des Umzuges in unsere Stadt immer wieder unter Depressionen zu leiden hatte.
Wer heute mit offenen Augen unsere Stadt betrachtet, der wird mir recht geben, diese unsere Stadt hat sich in den Jahren gewandelt zum guten, zum veränderten, aber auch zum schönen. Brigitte Reimann starb 1973, was und wie würde sie wohl heute über und von unserer Stadt denken? Da bin ich mir sicher, sie würde nicht alles für gut heißen, aber für das eine oder andere auch Worte des Lobes und des Dankes für seine Erbauer finden. Ich kenne inzwischen viele Meinungen, Berichte, Reportagen über diese Stadt; hab gutes, schönes, böses, unliebsames, gerechtes und ungerechtes gehört, gelesen und erfahren. Über all diesem bin ich erhaben, finde meine Heimatstadt liebenswert, wohne hier und bleibe hier!
Eine attraktive Stadt, ein Städtchen, eingebettet in eine schöne Seenlandschaft, umgeben von Fluren, Wiesen und Wäldern, fällt nicht leicht zu verlassen; aber wir wollten ja nach Hoyerswerda, unser Entschluß stand fest und so verließen wir Kyritz an der Knatter. Das Kalenderblatt datierte den 9. Juli 1965. Der 9. war der Geburtstag von Annemarie; der Monat Juli war alljährlich der Monat des Beginns der großen Sommerferien und das Jahr 1965 das Ankunftsjahr in Woijerecy/Hoyerswerda. Am späten Abend zuvor war der Möbelwagen samt Anhänger beladen worden, bis zum äußersten voll gepackt mit unserem Hab und Gut, um am nächsten Morgen in Richtung Brandenburger Land über Berlin hinaus bis ins Sachsenland zu starten. Ein letztes Mal ging ich über den Hof des Kinderheimes, zur alten Schule, schaute in das wacklige Gewächshaus, öffnete noch einmal die Tür zur Tischlerei, stieg die Stufen hinauf zu den Räumen der Arbeitsgemeinschaften und sah von oben die matten Lichter der mir vertrauten Kleinstadt Kyritz an der Knatter. Erst in den späten Abendstunden des nächsten Tages hielt der Möbelwagen in der Werner-Seelenbinder-Straße Nr.12 vor unserer neuen, verglasten Haustür.
Ich, wir, Annemarie und die beiden Kinder Sonja und Andreas waren mit unserem braven Wartburg 402, mit dem luftigen Schiebedach schon Stunden zuvor in dieser Straße des WK VII glücklich und unfallfrei gelandet. „WK“ heißt Wohnkomplex, davon konnte bei unserem Einzug noch keine Rede sein, denn rings um uns herum wurde noch Tag und Nacht gebaut. Wir gelangten über Bohlen, grobe Betonreste, durch tiefe Sandkuhlen in unsere neue Heimstätte. Rechts und links der angedeuteten Straße schufteten die Bauleute und ich sehe immer noch die gelbbläulichen Funken sprühen, die beim Schweißen der Moniereisen tags wie nachts lustig zu tausenden auf die Erde herabtanzten.
(Übrigens, ich wohne immer noch, zwar zwei Etagen tiefer in dem gleichen Haus, allerdings nun ganz allein. Wenn ich aus dem Wohnzimmerfenster schaue, steht gegenüber immer noch das alte Heizhaus, zwar nicht mehr betriebsfähig, aber im Gegensatz zu anderen Bauten, steht es halt immer noch! Eigentlich hat sich an den Häusern in unserem WK bis auf die durchgeführten Sanierungen, kaum etwas verändert. Im großen Wohngebiet ja. Die "Wilhelm-Pieck-Oberschule", an der einst Annemarie Direktorin war, steht längst nicht mehr. Und die Kindergärten, die zu unserm WK gehörten sind auch fast alle kinderlos, aus den kahlen Fenstern schaut nur noch das Grauen, wo einst so viele strahlende Kinderaugen raus schauten. So war es einst - so ist es jetzt!) -
Doch zurück zu unserer Ankunft: Ach, wie freuten wir uns auf die neue, schmucke Neubauwohnung. Hochgezogen von fleißigen Bauarbeitern, in einem atemberaubenden Aufbautempo, getragen von der AWG "Fritz Heckert", bezahlt von unserem Ersparten und bezogen von uns vieren. Der Volksmund sagt; "dreimal umgezogen - ist einmal abgebrannt", doch dieses alte Sprichwort sollte für unser Familienglück nicht zutreffen. Die mitgebrachten, nicht gerade supermodernen Möbel, paßten vortrefflich in die frischtapezierten und noch nach Leim und Farbe riechenden, duftenden Zimmer haargenau rein. Es war eine 3-Zimmerwohnung, und bei der damals herrschenden Wohnungsnot für uns allemal ausreichend! Dass Sonja und Andreas sich ein Zimmer teilen mußten, tat der großen Freude über die herrliche 3-Raum-Wohnung keinen Abbruch! In den ersten Ferientagen hatten wir nun mit dem Auspacken, dem Einräumen, dem Auf- und Umstellen gar so viel zu tun, daß wir gar nicht bemerkten, wie schnell die Zeit dahin raste. Es gab so viele Eindrücke, Überraschungen, Begebenheiten zu bewältigen, bis uns endlich der Alltag wieder einholte. Nun standen ja die Fragen vor uns: Wie wird sich ein jeder von uns einleben, wie werden die Kinder zurecht kommen und was wird uns das berufliche Leben für die weitere Zukunft bringen?
Unsere Mutter konnte ihre pädagogische Arbeit an der POS 6 , die zur damaligen Zeit in einer Baracke und in einem Altbau in der Altstadt untergebracht war, aufnehmen. Heute steht dort die Neue Sparkasse, und in dem Haus, wo einst die DOMOWINA gegründet wurde, später die Hilfsschule einzog und danach die Kulturstätte für die Jugend war gibt es immer noch ein großes Tauziehen. Jedenfalls, wurde Annemarie in ein gestandenes Pädagogenkollektiv herzlich aufgenommen und konnte als Oberstufenlehrerin ihre Arbeit beginnen. Später war sie dann Direktorin an verschiedenen POS in Hoywoy, Kreistagsabgeordnete und kletterte die Stufen vom Fachlehrer, Oberlehrer bis zur Studienrätin empor.
Für mich begann die Arbeit mit einer Tätigkeit als Ferienhelfer an der "Handry Zeyler" POS im WK V zur schönsten Sommerzeit. Somit hatte ich das Glück bereits vorher einige meiner künftigen Schüler kennenzulernen. Den Kindern fiel das Einleben etwas schwieriger, denn sie mußten sich erst einmal wieder einen neuen Freundeskreis suchen.
Werner Gertlers Frau Annemarie bei der allmorgendlichen Meldung mit dem Pioniergruß
Der Anfang
Die Neustadt Hoyerswerda hatte uns gefangen genommen. Eine Ladenstraße gab es in der neuen Stadt nicht, dafür durchschnitt die Neustadt eine Magistrale, aus groben, rechteckigen Betonflächen gegossen und mit dicken Teerstreifen versehen. Darüber rollten zu jeder Tages- und Nachtzeit die Betonmischer, Schwerlasttransporter mit den vorgefertigten Betonwänden, rechts und links standen schon die 11-geschossigen Hochhäuser, die das Stadtbild schmückten. Ein mit Rolltreppen ausgestattetes Kaufhaus, ein Schwimmbad, ein Theater gab es am Anfang auch noch nicht - dafür eine Badeanstalt im freien. Aber jeder Wohnkomplex hatte seine typischen Straßennamen, nach Musikern wie Haydn, Beethoven Wagner, nach Sportlern von Turnvater Jahn bis zu Werner Seelenbinder benannt und die Ärzte fehlten auch nicht Virchow, Semmelweiß und, und..
Wenn ein Fremder in die Neustadt oder ein Verwandter zu Besuch kam, wenn einer die Straße seiner Liebsten suchte, dann hatten sie damit ein kleines Problem. Die Suchenden mußten zuerst einmal wissen, wohnen die lieben Angehörigen im Musiker-, Sportler- oder gar Ärzte- oder noch besser im Kosmonautenviertel, wenn ja, dann war die weiträumige Suche schon einmal eingegrenzt. Mit den Straßen ist das heut wie damals so eine Sache, denn die eine endete nicht immer dort wo die andere begann. Sie führte um sieben Ecken oder lag plötzlich gegenüber. Und die Hausnummern, die geraden und ungeraden sind immer noch schwer zu finden, da es dafür auch keine systematisch verständliche Reihenfolge im Umlauf gibt. Aber das alles tat der Liebe zur Stadt keinen Abbruch.
An meiner neuen Schule, einer deutsch-sorbischen, kam ich recht schnell zurecht. Hier erteilte ich vorwiegend den Sportunterricht in den Klassen 1 -10, gab noch ein paar Stunden Werkunterricht und half aus, wo halt Not am Mann war. Zum Tag des Lehrers 1966 wurde ich mit einer tollen Ehrung überrascht. Ich sollte an der Festveranstaltung in der "Alfred-Scholz-Halle", die am Rande der Stadt lag, teilnehmen. Das wunderte mich gar sehr, denn ich war doch erst kurze Zeit an der Schule tätig. Der Schulrat teilte mir noch mit, daß ich, wenn möglich in einem schwarzen eventuell auch dunklen Anzug erscheinen möge. Mein letzter "Dunkeler" war mir inzwischen viel zu eng, zu kurz geworden und hing ganz hinten irgendwo im Schlafzimmerschrank. Also wurde ein neuer angeschafft, einer mit so feinen, weißen Nadelstreifen; so einen wollte ich sowieso schon einmal besitzen. Anläßlich des Tages des Lehrers am 12. Juni eines jeden Jahres wurden immer lange Reden gehalten und auch die schlauesten, die besten der besten ausgezeichnet und befördert. Als die nun zu ernennenden Oberlehrer aufgerufen wurden, da traute ich meinen Ohren nicht, denn meinen Namen glaubte ich gehört zu haben!?! Was war geschehen? Das Schulamt in Kyritz a. der Knatter hatte alle notwendigen Formalitäten, Unterlagen mit Urkunde und den Beförderungsbeschluß mit einer kleinen Gehaltserhöhung an das hiesige Schulamt übergeben, als Dank und Anerkennung für die langjährige geleistete Arbeit mit den Schülern, Lehrern, Erziehern und Mitarbeitern im Kinderheim "Ernst Thälmann". Eine solche Ehrung tut ja recht gut - aber damit war ja nun eine Steigerung meiner Leistungen, die Erhöhung der Verantwortlichkeit in der vor mir liegenden pädagogischen Arbeit verbunden.
An der "Handry Zejler" POS wurde zweisprachig deutsch und sorbisch unterrichtet. Dadurch erhielt ich einen schnellen Einblick in die Traditionen der Sorben, lernte ihr Kulturgut kennen und hatte bald einen guten Kontakt zu den sorbischen Funktionären, den Kollegen an der Schule und war auch ein wenig stolz in der Lausitz, in der sorbisch/wendischen Gegend an einer echten Sorbenschule unterrichten zu können. Daß da die heimischen Kollegen sich in der Pause im Lehrerzimmer, in einer mir unverständlichen Sprache, echt sorbisch unterhielten, störte mich weniger. Manchmal zogen sie auch über "einen" her und freuten sich wenn "jener" ungläubig dreinschaute. Ich, jedenfalls hatte nie damit Schwierigkeiten, weil ich als Sportlehrer selten Zeit für einen "Plausch" im Lehrerzimmer hatte.
Den Sportunterricht an dieser Schule durchzuführen war für mich am Anfang recht schwierig. Mit den Kindern der Unterstufe wurde größtenteils in den Fluren der Schule geübt, geturnt und auch gespielt. Das war gar nicht so einfach, denn hinter mehreren Türen wurde ja eifrig unterrichtet. Wie aber sollte ein Sportunterricht geräuscharm vor sich gehen? Da kam so manches Mal der Klassenlehrer auf den Flur und zischte: "Könnt ihr nicht ein bißchen leiser über den Bock springen, zumindestens weniger laut raufen. Meine Jungen und Mädchen möchten auch gleich mitmachen!" Danach war erst einmal für die nächsten fünf Minuten Ruhe, leider nur bis zum nächsten Sieg einer Mannschaft. In den trockenen Jahreszeiten verlegten wir den Sportunterricht ins Freie. Hinter der Schule gab es einen riesigen, hügeligen, staubigen Sandplatz. Dort legte ich einen Ballspielplatz, eine Weitsprunggrube und eine 100m -Laufbahn an. Toll war die behelfsmäßige Anlage zwar nicht, aber wir kamen damit zurecht. Damals, in der Mitte der 60er Jahre erteilten wir ja auch noch am Wochenende - Samstags- bis um 13.30 Uhr Unterricht. Die letzten beiden Stunden an diesem Tag haben wir oft nur in der Sonne gelegen, und uns über die sportlichen Leistungen unserer DDR-Sportler unterhalten. Während andere schon das Wochenende für sich hatten, mußten wir noch unsere Übungsgeräte in den Keller der Schule bringen, ein wenig den Staub abwaschen, und dann den Heimweg in die Dörfer antreten. Sonnabends hatte ich immer die allerletzten Schulstunden und durfte dann die Schule zuschließen.
In den Wintermonaten durften wir, nach einem 15-minutigen Fußmarsch die kleine Turnhalle zeitweilig an der entfernten 5. Oberschule "Bruno Kühn" benutzen. Natürlich wurden uns da nur die Randstunden, größtenteils am Nachmittag zu gestanden. Wie großzügig! Aber das war ja nicht das schwierigste Problem, vielmehr lag es mehr in der Natur der Sache der Unterrichtsführung für mich als Sportlehrer. Damals sah der Lehrplan für die Schüler der 10ten Klassen eine Abschlußprüfung in den Disziplinen: Leichtathletik, Geräteturnen, Spiele und Schwimmen vor. Wer also eine entsprechend gute Zensur im Fach Sport auf seinem Abschlußzeugnis erlangen wollte, der mußte in allen vier Teildisziplinen recht passable Leistungen vorweisen. Worin lag nun das Problem? Die deutschsprachigen Schüler, die in den B-Klassenstufen unterrichtet wurden, hatten da kaum Schwierigkeiten. Aber die Schüler, die aus den umliegenden Gemeinden Kühnicht, Dörgenhausen, Spohia und Groß-Zeißig kamen, traf es mitunter sehr hart. Sie kamen ja fast alle vom Lande, hatten im bisherigen Sportunterricht selten eine Turnhalle gesehen, weder noch Geräteturnen gehabt. Ein Pferd kannten sie alle aus dem Stall ihrer elterlichen Wirtschaft, aber ein lederbespanntes "Holzpferd" und daran noch turnen, es zu überspringen, daß waren böhmische Dörfer für viele. Viel, viel Schweiß kostete es jeden, die Geräteturnprüfung mit einer einigermaßen guten Note zu bestehen.
Was hat es für Zeit gekostet, den 15 und 16jährigen das Schwimmen beizubringen, besonders den Mädchen. Ohne Schwimmstufe l zu erreichen, gab es nur eine glatte "5" auf dem Zeugnis. Gar viele leistungsstarke Schüler haben so ihr Abschlußzeugnis "versaut"! Nicht immer bin ich mit meiner großzügigen Zensierung bei unserem Direktor durchgekommen. In den leichtathletischen Disziplinen, dem Ballspielen, da ging es besser voran. Die Mädchen und Jungen vom Lande waren oft viel stärker als die Stadtkinder, sie waren robuster, hatten bessere "Muckis".
An dieser Schule wäre ich gern länger geblieben, aber es sollte halt nicht so sein. Immerhin waren es dennoch über 3 Jahre, die ich nie und nimmer missen möchte. Inzwischen war ich ja an dieser Schule neben der Lehrtätigkeit auch Funktionär - Parteisekretär der GO - geworden
Eines Tages kam ein Verantwortlicher der Kreisleitung zu mir und sagte kurz und unmißverständlich, "du mußt deine Tätigkeit in die Kreisleitung verlegen, als Schulinstrukteur für alle Stadt- und Landschulen des Kreises ". Na, da kommst du doch vom Regen in die Traufe, dachte ich bei mir. Aber als bewußter Genosse half da kein 'Viel-drum-rum-reden". Mir blieb keine Zeit zum Überlegen und letztendlich nichts anderes übrig und mußte in den sauren Apfel beißen. So begab ich mich in mein Schicksal, stellte aber noch schnell 3 Forderungen:
1. Ich brauche eine Garage für unseren Wartburg.
2. Ich möchte einen Studienplatz für ein einjähriges Studium in Leipzig mit einem Diplomabschluß.
3. Dass ich nach einem Jahr - spätestens eineinhalb Jahr - wieder an meine Schule zurück darf.
Den ersten Wunsch hatte ich noch gar nicht ausgesprochen, da wurde er mir schon erfüllt. Der zweite ging auch in Ordnung, nur mit der dritten Bitte hat es später nie mehr so schnell geklappt. Einen nicht geringen Teil meiner pädagogischen Tätigkeit und Laufbahn habe ich als Funktionär, nicht immer zu meiner Zufriedenheit verbringen müssen. Im nächsten Kapitel will ich ein wenig ausführlicher darüber berichten, weil diese Zeit auch mich in mancher Hinsicht prägte.
Eine typische neue Schule in Hoyerswerda
Die Zeit des Studierens
Angefangen hat es eigentlich schon in frühester Kindheit. Nun gut, mit dem Studieren hatte es damals wohl noch nicht allzu viel gemein, aber ich mußte überlegen, immer etwas ausdenken, tüfteln und ersinnen. Das fing mit dem basteln von Flugapparaten an, zuerst waren es einfache vier- und sechseckige Drachen, Kastendrachen, richtige schwebende Konstruktionen, später die verschiedensten Flugmodelle. Vom Segelgleiter zum Nurflügelflieger ohne Gummimotor, bastelte ich zuhaus auf dem Dachboden. Einmal zimmerte ich mir eine Handgranate zusammen, ach ja, darüber hatte ich wohl schon berichtet? Da ich für jedes Objekt einen Plan, eine Zeichnung anfertigte, mir oft kleine Raffinessen und Extras ausdachte, waren dies für mich meine ersten Studiumsarbeiten.
Nach dem Volksschulbesuch, wie ihr wißt, kam ich auf eine Lehrerbildungsanstalt. In den ersten zwei Jahren mußten wir jede Menge pauken und bimsen, um alles zu kapieren, aber in den nächsten höheren Klassen hieß es dann plötzlich, ihr müßt nun endlich anfangen zu studieren. Also über das erlernte, gelehrte mehr nachdenken, den tiefen Sinn herausfinden, was wohl dahinter sich verbirgt, was gemeint ist, um es später sinnvoll anwenden zu können. So begann meine zweite Studienzeit. Wobei ich sagen muß, daß sie mir viel beim weiterkommen geholfen hat. Als ich die Arbeitsdienstzeit abgeleistet hatte, Soldat wurde, da brauchte ich nicht mehr zu studieren, sondern nur noch gehorchen. Ein Glück, daß diese wenig wissensanreichernde Zeit nicht allzu lang dauerte. Danach aber dann sollte es erst richtig losgehen! Als Kindergärtner lernte ich erst einmal das pädagogische Handwerk von der Pike an. Von den mit mir zusammen arbeitenden Kindergärtnerinnen mußte, konnte, durfte ich mir wesentliches abschauen und aneignen, um es jeweilig in der praktischen Tätigkeit anzuwenden. Dafür bin ich immer noch meinen lieben Kolleginnen sehr dankbar!
Alles habe ich in den Anfangsjahren nicht immer richtig angefaßt und bin mit den lütten Kinder nicht zurecht gekommen. Sie wollten oft nie das tun, wie ich es gern mochte und gingen eigensinnig ihrer Wege. Um aber endlich das zu erreichen, was mir so vorschwebte, griff ich zur Literatur und studierte bei Fröbel, Pestalozzi und anderen geistigen Größen. Und siehe da, das Studium der alten weisen Männer war für mich von erhöhtem Nutzen und brachte mir zusehends so manchen pädagogischen Erfolg in meiner Erziehungsarbeit an den kleinen Geistern. Nur, war das ja erst der Anfang.
Treffe ich heutzutage mit ehemaligen Kommilitonen zusammen, dann höre ich immer wieder, daß es einige gibt, die ewig studieren. Also ganz so besessen, so äußerst wißbegierig war ich denn doch nie; aber irgendwie mußte sich in der DDR ein jeder, na sagen wir mal fast ein jeder weiterbilden.
Als ich dann meine Tätigkeit in der Heimerziehung aufnahm, wurde uns Erziehern ein Studium zum Unterstufenlehrer angeboten, mit der Bezeichnung D 12. Warum es sich so nannte, weiß ich nicht mehr, vielleicht war es die 12. Durchführungsbestimmung oder so etwas ähnliches. Mit der Hilfe von Altlehrern, Mentoren und Schulamtsmitarbeitern wurden unsere Kenntnisse in Deutsch, wie Grammatik, Orthographie, Interpunktion; in Mathematik, wie Grundrechenarten, Algebra, Prozentrechnung; in der Literatur, wie Thomas und Heinrich Mann, Goethe, Schiller, Shakespeare und, und, und...aufgefrischt, ergänzt oder neues hinzugefügt. Jeder Absolvent, ob jung oder alt, ob dumm oder weniger mußte noch ein weiteres Fach seiner Interessen hinzuwählen. Ich wurde im Fach Erdkunde zusätzlich geprüft. Das war für mich am ungefährlichsten, da ich ja die halbe Welt schon kannte; na gut, das ist ein wenig hochgestapelt, nur die Schweiz, Frankreich, Polen, die Nord- und Ostsee und natürlich Deutschland Ost und West. Das D 12-Studium zum Unterstufenlehrer bestand ich wiedererwartend mit dem Prädikat "Sehr gut".
Die Absolvierung der Heimerzieherschule, die ich zuvor in Potsdam im Lande Brandenburg besucht hatte, war leider nicht so erfolgreich. Für mich war damals die Lehrzeit von einem halben Jahr viel zu kurz. Es war ja auch nur ein Kurzlehrgang. Die Benotung war mit einem ausführlichen Worturteil versehen und ein "Befriedigend", jedoch mit dem Prädikat "anerkannter Heim- und Horterzieher".
In der Zeit meiner Heimleitertätigkeit nahm ich ein Fernstudium für Körperkultur und Sport an der Pädagogischen Hochschule in Potsdam auf. Wieso kam ich darauf, welcher Anlass war dazu nun gegeben? Als wir uns im Kinderheim aus einer alten Scheune eine Turnhalle anlegten, die mit vielen Geräten wie: Sprossenwand, doppeltes Hülsenreck, Turnringen ausgestattet war und Volleyball-, Fuß- und Handball-, sowie Faustballfelder bot und sogar mit einer Hoch- und Weitsprunganlage ausgestattet war, war für die effektive Nutzung ein ausgebildeter Sportlehrer vonnöten.
Also begann ich mit dem Kollegen Gerhard Gilgenast ein Hochschulstudium. Über vier Jahre büffelte, lernte, studierte ich in zahlreichen Seminaren, auf Lehrgängen, in Sommer- und Winterlagern und oft im nicht leicht fallenden Selbststudium, Woche für Woche, Monat um Monat, bis zum Jahre 1964 unentwegt. Nach zahlreichen Teilprüfungen in Theorie und Praxis, in den Disziplinen Leichtathletik, Spiele, Schwimmen, Geräteturnen, Wintersport, Sportmedizin folgte noch eine mehrseitige Diplomarbeit. Ja, so waren damals die Anforderungen und die harten Prüfungsvorschriften. Nach all diesen Belastungen, Qualen konnte ich mein Sportlehrer-Diplom mit der Gesamtnote "Gut" in Empfang nehmen. Mein Kommilitone Gerhard hat leider auf halbem Wege schlapp gemacht, er hat einfach keine Diplomarbeit zustande gebracht, und so wurde er zur Abschlußprüfung nicht zu gelassen. Pech gehabt!
Eines Tages mußte ich von Kyritz, am Rande der Mark Brandenburg zum Land Mecklemburg, bis zum östlichen Ende des Brandenburger Landes nach Cottbus, die Stadt die dicht an Sachsen grenzt, reisen. Nur ein Katzensprung vom Elbflorenz, der Kunst und Kulturstadt Dresden entfernt. Dort hatte die Landesparteischule der SED ihr Domizil. Hier sollte ich meine schwachen Kenntnisse und Wissenslücken des Marxismus/Leninismus, von Marxens Kapital bis zur Leninschen Revolutionstheorie, umfassend auffrischen und erweitern. Als Zertifikat - für hervorragende Studienergebnisse erteilte man uns die Befähigung als" Kreispropagandisten/agitator" zu fungieren. Das gute an der Sache war, daß ich kostenlos wieder einmal meine Lausitzer Heimatstadt Senftenberg N/L öfter besuchen konnte, worüber sich meine liebe, alte Mutter mächtig freute. Danach legte ich gekonnt eine längere Studiumspause ein.
Später dann nahm ich die nächste Gelegenheit beim Schopfe und erkämpfte mir ein Diplomstudien-Platz an der Pädagogischen Hochschule in Leipzig mit dem Ziel: Die Befähigung als Diplom-Lehrer im Fach Staatsbürgerkunde bis zur 12. Klasse unterrichten zu können. Wie das zustande kam, habe ich ja Euch schon einmal beschrieben. Leider merkte ich erst nach den ersten verflossenen Wochen des Daseins in der Messestadt Leipzig, an der Pädagogischen Hochschule (PH), daß das nicht meinen wahren Erwartungen entsprach.
Leipzig ist ja eine recht weiträumige, altehrwürdige Stadt, aber leider kein Vergnügen, wenn man täglich zwei-, drei mal von Leipzig Ost bis zum anderen Ende mit der Straßenbahn trampen muß. Schuld daran war mein leider etwas ödes Privatquartier, weil es an der PH kein Internat für uns Studierende gab. Hinzu kam aber noch, daß das, was uns gelehrt wurde, auch nicht "Geister" erweckend war, es bewegte sich im wesentlichen nur im Bereich des M/L.; verbrämt leicht gegenwartsbezogen. Oft aber zumeist an den Haaren herbeigezogen, nun ja halt passend zeitnah zusammen konstruiert. Da ja Voraussetzung war, daß wir alle mindestens 1- 2 Jahre im Fach unterrichtet haben mußten, war vieles recht langweilig. Am schlimmsten traf es mich, daß die letzte Vorlesung sonnabends gegen 11.45 Uhr endete, aber mein durchgehender Zug nach Hoyerswerda sich schon um 10.15 Uhr in Bewegung setzte. Da gab es nur zwei Lösungen, entweder schwänzen oder erst am späten Nachmittag zu Haus bei der Familie eintreffen. Nun kann man sich ausmalen, welchen Weg ich oft ausgewählt habe? Außerdem mußte ich bereits Sonntagabend wieder zurückfahren, um am nächsten Tag um 7.45 Uhr die erste Vorlesung mitzunehmen, denn dort wurde jedes Mal die Anwesenheit kontrolliert und protokolliert und dem Professor, Doktor..... vorgelegt. Also, dieses Studium war weniger ersprießlich, oft recht langweilig, ermüdend und häufig mit dem Wechsel der verschiedenen Seminarräume verbunden. Einmal entdeckte ich in einem Seminarraum auf einem hölzernen Studentenklapptisch eingeritzt, den sinnigen Spruch: "Karl Marx ist tot. Lenin ist tot und ich bin auch schon ganz schön müde!"
Der Abschluß des "Stabü-Studiums" brachte mir zwar ein weiteres Diplom und eine Gehaltserhöhung ein, aber mangels Fleißes, ungenügender Aufmerksamkeit nur das Prädikat "Befriedigend"; obwohl ich die abschließende Diplom-Arbeit mit einer glatten "1" von meinem Seminarleiter und Betreuer benotet bekommen habe! Er hatte wohl gutmeinend kühn übersehen, daß ich wesentliche Teile der Arbeit aus den verschiedenen gesellschaftlich-wissenschaftlichen Werken entnommen hatte.
Viel, viel schwieriger war es dann, das angelernte Wissen glaubhaft meinen Schülern zu vermitteln. Sie waren zwar wißbegierig, aber wollten alles von mir genau erklärt bekommen. Sie schauten zwar meist gläubig drein, aber ob sie es verstanden hatten, ließ bei mir oft Zweifel aufkommen. Schließlich war es ja auch gar nicht so leicht, ihnen den sozialistischen Aufbau unserer stolzen Republik zu vermitteln, wenn es doch teilweise in mehreren Beziehungen mehr bergab als bergauf ging. Nun warte ich auf mein nächstes Studium, vielleicht an der Volkshochschule oder in der Seniorenakademie ?
Der Funktionär vom Anfang bis zum Ende
Die Zeit beim Jungvolk als Pimpf habe ich, bis zum Absingen der "Internationale" nach einer Jugendfilmstunde des DJ, noch einmal unbeschadet überstanden. Zumindestens hatte es keine negativen Auswirkungen für meine Familie, für mich und auf meine Führerqualitäten, die ich sowieso in dieser Zeit nur im geringen Maße besaß. Also, ich gebe es ja zu, bis zum Jungzugführer, Träger einer grünen Kordelschnur, habe ich es geradeso noch geschafft; obwohl ich gern noch weiter nach oben geklettert wäre , aber da ich immer einer der kleinsten Pimpfe war, sahen die anderen in mir keine rechte Respektsperson. Jedoch möchte ich hinzufügen, mutig war ich in jedem Falle. Trotz meiner geringen Körperhöhe nahm ich an allen Geländespielen teil. Danach hatte ich immer mächtige Beulen, Schrammen und fehlende Uniformteile, aber was solls. Auch für mich galt damals der beispielgebende Sinnspruch: "Flink wie die Windhunde - zäh wie Leder - und hart wie Kruppstahl"!
Als ich mich später, man schrieb schon das vierte Kriegsjahr, freiwillig zur Deutschen Wehrmacht meldete, da mußte es gleich die "Offizierslaufbahn" sein. So wurde ich ROB (Reserveoffiziersbewerber gleichwohl zu welchem Truppenteil, aber wegen meiner zu kurz geratenen Beine, kam ich zur Infanterie, der Königin der Truppe.
Bevor mich der AMI gefangen nahm, bekam ich von meinem Kompaniechef zwei silberne Litzen auf die Schulterklappen und wurde somit zum echten ROB befördert.
Aber dies waren noch lange nicht meine echten Funktionärsqualitäten und -tätigkeiten. Während die Jungen Pioniere bereits in der Pionierfreundschaft ihre Führungseigenschaften bewiesen, konnte ich diese erst in der Freien Deutschen Jugend unter Beweis stellen. Gleich mehrmals war ich Leitungsmitglied und für Agitation und Kultur verantwortlich. Hauptkassierer und danach als Krönung FDJ-Sekretär im blauen Hemd und meist zu kurzer Hose. Das mit der kurzen Hose aber sahen die FDJ-Mädchen sehr gern! Somit hatte ich die notwendige Reife und wurde frühzeitig in die Kaderschmiede der stolzen Einheitspartei der SED aufgenommen. Zuvor aber gab ich mein bestes, parallel verlaufend zu den anderen Funktionen in den verschiedenen Massenorganisationen. Für meine Funktionärstätigkeit gab es da zahlreiche Möglichkeiten. In der GST als Oberfunker war ich für mehrere Kameraden verantwortlich. Die DSF-Gruppe wählte mich zu ihrem Vorsitzenden, da war ich auch gleich für die Kassierung, für die Vertreibung der Literatur und für jeden Samowar-Abend zuständig. Meine agitatorischen Fähigkeiten nutzte die Gewerkschaftsgruppe hinreichend aus. Sodaß ich dort für die regelmäßige Schulung der Mitglieder eingesetzt wurde. Das hatte natürlich auch bestimmte Vorzüge. Wenn es um die Verteilung der FDGB-Ferienplätze ging, wurde ich jedes Mal mit berücksichtigt. Gleichzeitig kam dies auch meiner lieben Frau zugute, denn meistens waren das immer zwei Ferienplätze, mitunter an der Ostsee. Der FDGB tat dies wohl, damit sich die Funktionäre keinen Kurschatten zulegen konnten? Einmal bekamen wir einen solchen FDGB-Kurplatz, ein Zweibetten-Platz im thüringischen Oberhof in einem "Grand-Hotel", das so aussah, und wohl auch deshalb so erbaut wurde, wie eine Sprungschanze. Trotz der gar tollen Erholung war für mich in erster Linie ungemein beeindruckend, daß man dort in jedem Zimmer, ganz uneingeschränkt, das "Westfernsehen" empfangen konnte und durfte. Ein Drittel unserer Urlaubszeit saßen wir, ungelogen, oder lagen im Bett vor der Röhre und schauten und staunten und schauten "EURO-Vision". Aber ehrlich gesagt, für unsere Bildung hatten wir keinen Zuwachs , und aus politischer Sicht wollte man uns aus einem "X" ein "U" vormachen. Als staatsbewußte Bürger haben wir dann später viel lieber unser Adlershofer-Fernsehen eingeschaltet.
Die Gewerkschaft hatte für ihr politisch/ideologisches Wirkungsfeld, "die Schule der sozialistischen Arbeit" eingeführt. In jedem Arbeitskollektiv routinierte monatlich einmal ein Agitator, und der wurde auch ich. Da wurde für die verbandstreuen Gewerkschafter nach einem straffen Themenplan die Politik zur Ökonomie, der Gewerkschaftsfragen und anderes mehr stundenlang abgehandelt. War das langweilig. Also solch ein mit der Ehrenurkunde ausgezeichneter Schulungs- und Seminarleiter durfte auch ich sein. Gut vorbereitet, mit fundamentalem Wissen ausgestattet, zuvor ein angeleiteter Funktionär, saß ich nun in einer Gewerkschaftsgruppe von Reinigungskräften, Hausmeistern, Kraftfahrern und Sekretärinnen, die ja alle Mitglieder des stolzen Millionenverbandes der Arbeit waren, und sollte mein Wissen preisgeben. Da schaute ich dann ein jedes Mal in die erwartungsfreudigen Gesichter meiner Kollegen, die da sagten: Womit wird er uns wohl heut' wieder einmal langweilen? Gewiß, ich war nicht unbeliebt im Kollektiv der Gleichgesinnten, bestimmt nicht! Ich ging ja auf jede Frage ein, wenn sie überhaupt ab und zu einmal gestellt wurde, machte hin und wieder mein Witzchen, worüber sie gern mit mir gemeinsam herzlich lachten. Froh waren sie alle, wenn ich keinem eine schwierige Frage stellte, auf die sie auch meist keine passende Antwort wußten wie: "Warum es wieder einmal keine wärmenden Schlüpfer für die netten Frauen gab?" ich redete immer solang, bis auch der letzte zufrieden war, wenn ich dann endlich aufhörte. Zumeist endete unsere fruchtlose Diskussion wie so oft, mit der einhelligen Meinung aller Zuhörer: "Du hast ja recht! Können wir nun bald Schluß machen?" Worum ging es im wesentlichen bei diesen geschulten, aufgebauschten, wenig wirkenden, kollektiven Aussprachen:
- Überzeugungen herausbilden von der Wahrhaftigkeit der Politik von Partei und Regierung
- alle zu überzeugen: "Mein Arbeitsplatz ist der wichtigste Kampfplatz-" wie auch immer überzeugen, daß Schwierigkeiten in der Versorgung, nur zeitweilige Erscheinungen in unserem Wirtschaftsleben sind;
- überzeugen: mit Negativdiskussionen schaden wir nicht nur dem Staate, sondern uns selbst;
- sie überzeugen, daß der Klassenfeind im Westen steht, und der will die DDR zu jeder Zeit politisch und wirtschaftlich, sprich ökonomisch schwächen;
- alle überzeugen von der Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus;
- überzeugen von der Einsicht in die Notwendigkeiten des Alltages - so ist halt unser Leben;
- Überzeugungen herausbilden: "Das was wir heute nicht haben, werden wir aber spätestens morgen bekommen!!"
All diese Überzeugungen sollte der Leiter der Schule der sozialistischen Arbeit dem einzelnen, dem gesamten Kollektiv fundamental in das Bewußtsein eindringen lassen. Ich gab mir immer große Mühe. Aber allzu überzeugendes habe ich in dieser Funktion wohl kaum geleistet. Das lag weniger an meinem Talent als Agitator, sondern vielmehr daran, daß der überwiegende Teil meiner treuen Zuhörer, dem Schlaf der Gerechten mehr frönten. So aber soll es, zu meinem Trost, aber auch in vielen anderen gleichgezirkelten Versammlungen zugegangen sein!
Ein bewußter DDR-Funktionär war natürlich in fast allen Massenorganisationen freiwillig organisiert, und sei es nur um der Mitgliedschaft willen. In dem FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) mußte ja ein jeder sein. Das war notwendig! Schon wegen des Titelkampfes "Kollektiv der sozialistischen Arbeit". Dieser Titel wurde dann zigmal erfolgreich verteidigt. Schwierigkeiten gab es nur, wenn einer ausscherte und nicht Mitglied der DSF (Deutsch-Sowjetische Freundschaft) war. Dann hatte das Kollektiv kaum reale Chancen ausgezeichnet zu werden. Die Prämie war hin, Urlaubsplätze wurden gestrichen, und an der "Tafel der Besten" verschwanden die Konterfei's der einst so tüchtigen Produktionsarbeiter.
Ein guter Funktionär wie ich gehörte nach einer bestimmten Altersgrenze auch als Mitglied in den Club der Volkssolidarität. Dabei lag natürlich der Schwerpunkt auf dem Wort "Solidarität". Das heißt, die alten Kämpfer müssen immer zusammen halten, schon auf Grund ihrer zahlreichen Funktionen, die sie einst oder immer noch inne hatten. Jedoch eins muß ich hier anerkennen, die Achtung vor dem Älterwerden, vor dem Alter, die Betreuung und die geistige und materielle Versorgung hatten für die Veteranen allererste Priorität. An das Alter zu denken war wohl genug Beweggrund dieser Organisation beizutreten und sie zu unterstützen. An den Versammlungen habe ich zu keiner Zeit teilgenommen, dafür aber regelmäßig meinen Beitrag bezahlt.
Wer jung, körperlich fit und begeisterungsfähig war, wer jede Friedensfahrt am Radio oder sogar am Bildschirm verfolgte, keine Fußballweltmeisterschaft ausließ und die Bedingungen für das Sportleistungsabzeichen zumindestens in Bronze 3 Mal ablegte, der war unbesehen Mitglied des DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund). Darüber gab es bei einem richtigen Sportsmann gar keinen Zweifel. Ich habe das Sportleistungsabzeichen gleich zweimal in "Gold" erworben, was ja als Sportlehrer eine Selbstverständlichkeit war. Darüber hinaus besaß ich einen Stempel, ein kleines Stempelkissen dazugehörig und die Abnahmeberechtigung für den erforderlichen Leistungsnachweis. Nun konnte ich bei meinen Schülern, Freunden und Bekannten, nach Erfüllung der vorgesehenen sportlichen Leistungen, das Sportabzeichen in der jeweiligen Stufe beantragen und auch verleihen. Der Ehre wegen, sei gesagt, daß ich bei manch einem ab und zu auch einmal ein Auge, aber mehr nicht, zugedrückt habe. Das sollte zwar kein pflichtbewußter Sportfunktionär tun, aber was soll's? Der Sport war ehrlich gesagt, mein ein und alles. Was haben wir als Kinder nicht alles angestellt, um Höchstleistungen, um Bestmarken zu erreichen? Es verging kaum ein Tag, wo wir nicht auf dem Sportplatz oder in der Turnhalle zu finden waren. Wenn ich mir heut so unsere Jugend betrachte, dann muß ich schon ab und zu bedenklich mein greises Haupt schütteln, weil sie viel lieber und häufiger in der DISCO, vor der Röhre oder länger schlafend im Bett anzutreffen sind. Ihre Bewegungsarmut, (abgesehen vom Discobesuch) wird sich später einmal bitter rächen!
Ich habe zahlreiche Urkunden bei sportlichen Vergleichen erkämpfen können, habe meinen
Diplom-Sportlehrer mit Bravour absolviert, war Trainer, Mitglied und Leitungsmitglied der BSG "Einheit" in Kyritz an der Knatter. Dem Sport bin ich immer treu geblieben, bis ins hohe Alter. Dieser Tage, in den Wintermonaten, bin ich zum spielen und trainieren Mitglied einer Tischtennis Sektion geworden. Aber das war nur sehr kurz. Da hat es mir nicht so richtig gefallen, weil ich alter Mann immer so lang warten mußte, bis eine Platte zum spielen frei war. So habe ich mich recht schnell wieder verabschiedet.
Nach den 50er Jahren gab es gar viele Vereinigungen und Organisationen. Diese wurden nach 1945 eine nach der anderen zugelassen, ins Leben gerufen und belebten so das facettenreiche Parteienlandschaftsbild der wachsenden DDR. Gewiß, nur eine Partei hatte schließlich das Sagen, aber in den anderen und besonders in den erwähnten Massenorganisationen tauchten viele unter, die auch noch einiges zu sagen meinten. Also jene sprossen, wie Krokusse und Narzissen, aus dem massenpolitischen Verbandswald auf der grünen, nein roten Wiese. Kürzlich hielt ich einen Ausweis, ein Mitgliederbuch in den Händen. Es war verhältnismäßig sehr klein und recht dünn. Auf dem seltsam grauen Umschlagdeckel stand in vergoldeten Lettern: "Deutsch - Polnische Gesellschaft für Frieden und gute Nachbarschaft". Da dieser Club nur recht kurzlebig war und die Mitgliederzahlen, in den weit verzweigten Gruppen kaum 10-20 Personen überschritten, mußte ja einer den Vorsitzenden spielen, und das war natürlich wieder einmal ich. Keiner wußte so richtig, welchen Sinn der Verein hatte und wozu er gut sei, aber die wenigen taten wieder einmal etwas für die so hochgepriesene Friedenspolitik des Arbeiter- und Bauernstaates.
Mit meiner Sportlehrertätigkeit war auch sehr eng der Schwimmunterricht verbunden. Wer in der 10. Abschlußklasse nicht des Schwimmens kundig war, der bekam auf seinem Abschlußzeugnis eine stolze 5 verpaßt. Genauso rau waren damals an den Polytechnischen Oberschule die Sitten! Also, was tat ich? Ich lehrte all meinen weniger begabten und besonders furchtsamen Schülerinnen den Umgang mit dem nassen Element. Da aber so mancher perdu nicht über dem Wasser bleiben wollte, dem ertrinken so gar recht nahe war, wurde ich erneut zum Rettungsschwimmer. Mein DLRG (Deutsche Lebensrettungsgesellschaft) aus den verflossenen Zeiten hatte keine Gültigkeit mehr und so mußte ich die Rettungsschwimmerprüfung abermals ablegen. Dies war aber nur die eine Seite der Medaille. Wer Rettungsschwimmer sein wollte, der mußte natürlich auch gleichzeitig Mitglied im DRK (Deutsches Rotes Kreuz) sein. Die logische Folge und die zwingende Notwendigkeit bestand darin, daß ich auch dieser Organisation beigetreten bin. Die Beiträge und SOLI-Marken bezahlte ich anstandslos. Leider waren die Beträge und Marken oft viel größer, als sie je das Mitgliedsbuch erfassen konnte. Die Rettungsschwimmer wurden in einer eigenen gesellschaftlichen Gruppe zusammengefaßt und unsere Erfolge waren unbestritten. Einmal im Jahr mußten wir dann in der Gruppe den Befähigungsnachweis erbringen, daß wir noch in der Lage waren, einen Ertrinkenden vorm sicheren Tode zu erretten, und falls nicht, wiederzubeleben mittels der bekannten MUND zu MUND Beatmung. Gerettet habe ich in meinem ganzen Leben nur zwei Personen. Einmal an der Ostsee, wo ein Kollege Erzieher zu weit vom Ufer sich entfernte, ob aus Dummheit. oder daß er abhauen wollte, weiß ich nicht mehr. Zumindestens, ich brachte ihn an den rettenden Strand und meine Wiederbelebungsversuche führten zu einem durchschlagenden Erfolg. Er spuckte mehr Wasser aus, als die Ostsee je fassen konnte. Ein zweites Mal holte ich eine ältere Frau aus den Fluten des Knappensees bei Hoyerswerda. Man bedenke, die gute alte Dame war bereits über die 80 hinaus und wollte sich nur einmal die Füße vertreten, dabei erkannte sie nicht, dass der See steilabschüssig war. Bis auf ein paar Hilfeschreie und einem Schrecken ist die ältere Madame davon gekommen. Jedenfalls war sie mir danach sehr, sehr dankbar und wollte mich auch für die Rettungs-Medaille vorschlagen. In meiner Bescheidenheit habe ich natürlich abgelehnt. Für mich war doch die Tat als Rettungsschwimmer Ehrensache. Übrigens in dieser Rettungsschwimmergruppe hatte ich auch wieder eine Funktion zu übernehmen. Weil ich der Älteste war, durfte ich den Gruppenvorsitzenden übernehmen. Zu der Zeit war es mir sowieso egal, denn ich zählte diese schon gar nicht mehr. Welche Funktion war da noch ?
Ja richtig, recht frühzeitig wurde ich auch Mitglied des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Dieser war ja schon in den 50er Jahren ein sehr fortschrittlicher, patriotischer und vereinigungswilliger Club, Verein oder eine gesellschaftliche Organisation. Eigentlich bin ich da nur eingetreten, weil meine liebe Frau es so wollte. Sie hatte die Grundgedanken und Aufgaben des Vereins gelesen, die sie übrigens als einzige Organisation in jedem Mitgliedsbuch verewigt hatten. Ich weiß heute nicht mehr so genau, warum ich da mittat? Vielleicht weil dort anfangs nur die höhere Intelligenz zu finden war. Die Leitungstätigkeit war nur auserkorenen vorbehalten, und die verteilten die Posten stets unter sich. Das war für mich ein riesiges Glück. Endlich war ich einmal völlig funktionsbefreit geblieben!!!
Das blieb mir in meinem langjährigen FDJ-Leben nicht vergönnt. Von der Pike auf, bis ins hohe Lebensalter durfte ich alle verfügbaren freien Jugendfunktionen durchlaufen und redselig ausüben. Vom gemeinen Leitungsmitglied über den Gruppensekretär, Kassierer, Agitator bis zum Mitglied der FDJ-Kreisleitung verlief mein Leitungskreis. Noch bewahre ich meinen blauen FDJ-Ausweis, daneben den FDJ-Fahrtenausweis, der berechtigte Fahrten und Wanderungen durchzuführen, Übernachtungen in den Jugendherbergen, Heimabende zu gestalten, am Lagerfeuer zu singen, aber nach der großen Wende gibt es ja nur noch ganz wenige Gruppen der Freien Deutschen Jugend. Dafür haben sich im Osten nun auch die Pfadfinder breit gemacht und versuchen die jüngeren Generationen ein wenig für ein fröhliches Jugendleben zu begeistern. In der Zeit der Vorbereitung und Durchführung der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 in Berlin in der DDR war ich sogar dem Zentralrat der FDJ unterstellt. Aber dazu später etwas mehr. Eigentlich fand ich die Jahre des freien deutschen Jugendlebens gar nicht so schlecht. In den Anfangsjahren, zu der "Antifazeit" als die Antifa Jugend gegründet wurde, war viel mehr Elan und jugendlicher Schwung zu spüren, als in der Nachfolgezeit der FDJ, in den 70er und 80er Jahren. Damals gingen wir noch mit dem dreifachen "H" ans Werk. Mit Hand - Herz - und Hirn halfen wir tatkräftig unserm Land, den Schutt in den Köpfen und im ganzen Lande wegzuräumen, verantwortungsvoll eine Aufbauarbeit zu leisten. Wir sangen in der Gemeinschaft, in den Gruppe das bekannte Lied: "Bau auf, bau auf - Freie Deutsche Jugend bau auf, für eine bessere Zukunft richten wir die Heimat auf!" Wer kann sich heut' noch so richtig vorstellen, wieviel fleißige Hände damals es schaffen wollten ein friedliches, neues, geeintes Vaterland aufzubauen. Mit der Vereinigung hat es nicht geklappt, obwohl wir immer daran glaubten, und zahlreiche gemeinsame Treffen gestalteten. Freudig bin ich als Hundertschaftsführer zu den Pfingst- und Deutschlandtreffen gefahren. Fuhr begeistert wieder heim und packte mit frischem Mut erneut an.
Wenn heute Historiker der Meinung sind, daß wir Jugendlichen gezwungen wurden, gegen unsere Überzeugung teilnahmen, ohne Enthusiasmus mitmarschierten, verordnet Parolen riefen, so trifft das nie und nimmer die Wahrheit. Gewiß, gab es den einen oder anderen, der lieber zu Pfingsten daheim baden gegangen wäre, aber die Mehrheit glaubte das richtige zu tun! Ich sag das nicht nur weil ich später Staatsbürgerkundelehrer geworden bin, sondern weil es so war, und da kann kein vermeintlicher "Besserwisser" dann vorüber gehen. Für mich kann ich mit Fug und Recht feststellen, daß ich jene Jugendjahre nicht missen möchte. Auch die Versuche und Unternehmen der Zusammenführung in Kinder- und Jugendorganisationen, den Pfadfinder, den Jusos, den Falken haben mich noch nicht überzeugen können. Es wäre schon schön, eine echte alte Tradition der Arbeiterbewegung wieder aufleben zu lassen, um den Gefahren, die die heutige Jugend ausgesetzt ist, zu begegnen?!.
Natürlich hat sich die Partei der Arbeiterklasse, die SED, dies zunutze gemacht und im Kampf um die Erhaltung des Friedens, verstärkt auf die Jugend gebaut. Die Losungen: "Die Jugend ist unserer goldener Fond" - "Unsere Kaderschmiede der Zukunft" "Erbe unseres Aufbauwerkes" blieben nicht ungehört. Als ich 1951 freiwillig, ohne äußeren Druck, in die Einheitspartei Deutschlands eintrat, ich dafür zwei Bürgen, ganz zuverlässige Zeugen beibringen mußte, da konnte ich doch nicht ahnen, daß ihr rotes Lebenslicht nur 43 Jahre leuchten würde. Natürlich, aus heutiger Sicht, wäre ich lieber in eine wahre Kommunisten Partei eingetreten. Erstens gab es sie damals nicht mehr und zweitens wird es wohl noch viele, viele Jahren dauern, bis sich die Wertevorstellungen von einem sozialen gemeinnützigen Leben einmal durchsetzen werden!!! In die SPD wollte ich sowieso nicht rein, davor hatte mir schon mein väterlicher Freund, der Erich Balkow, abgeraten. Der hatte mit den Genossen der SPD im KZ Lichtenstein so seine Erfahrungen gemacht. Und so erzählte er mir, daß die rosaroten Genossen immer ihr Mäntelchen nach dem Winde drehen, und wenn dann einmal eine Flaute kommt, dann kippen, fallen sie sehr schnell um. Diese Weisheit habe ich zwar erst viel später, nach der Wende kennengelernt, und oft spürbar ertragen müssen. In der DDR habe ich standhafte Menschen kennengelernt, die durch die Hölle der Konzentrationslager gingen und die trotz zahlreicher Verleumdungen auch das Stalin-Regime überlebten.
Die Familie Buchwald lernte ich in der Zeit meiner Tätigkeit im Kinderheim Kyritz kennen. Diese erste Begegnung kam zustande, als Erika Buchmann mit der Tochter von Ernst Thälmann unsere Einrichtung besuchte. Sie lehrten mich zu verstehen, welche Bedeutung, welche Schwere, welche s chicksalhaften Folgen der Widerstandskampf gegen den Faschismus mit sich trug.
Ich glaube schon, nur wer unter authentischen Aussagen wahrnehmen kann, der ist auch in der Lage und wird verstehen, welche Sorgen, Leiden und Nöte die vielen Widerstandskämpfer, jenen zahllosen ungenannten ertragen, erdulden mußten. Auch von meiner Generation kann wohl keiner ermessen, welche schwere, welche schicksalhaften Folgen der Faschismus in sich trug.
Es war in Berlin. Da lernte ich in der Wohnung der Buchmanns Max Reimann kennen. Man war dort zu einer konspirativen Beratung zusammen gekommen. Diese Wohnung hatte mehrere Ausgänge, von dort gelangte man unbemerkt ins Freie. Später traf ich Max Reimann noch einmal. Es war in den Tagen des II. Deutschlandtreffens. In dieser Zeit begegnete ich Menschen, die ein stark ausgeprägtes Solidaritätsempfinden hatten.
Erika Buchmann hat mehrere Jahre im Konzentrationslager Ravensbrück gemeinsam mit Rosa Thälmann in einer Baracke gehaust, von leben konnte man nicht sprechen. Dank ihres Zusammenhaltes, der unbeugsamen Solidarität aller Frauen, gelang ein überleben, bis endlich Soldaten der Roten Armee das Frauenkonzentrationslager befreiten. In den Nachkriegsjahren leitete Erika die Gedenkstätte des Frauenkonzentrationslagers und half vielen der überlebenden Häftlinge im privaten und gesellschaftlichen Fortkommen. Leider haben Mißgunst und Intrigen in den nachfolgenden Jahren, das Leben der Familie Buchmann zerstört. Die Tochter Sonja hat das Unrecht, welches man den Eltern angetan hat, nie verkraftet, nie verarbeiten können und trat aus unserem Leben. Sie hatte erfahren unter welcher Ungerechtigkeit ihr Vater, der während der Nazi-Zeit in die Sowjetunion emigriert war, zu leiden hatte in den "Stalinschen - Zwangslagern". Ein aufrechter Mann, der ungebeugt gegen den Hitler-Faschismus kämpfte. Erika Buchmann weilte später noch einmal in unserer Familie, anläßlich einer Jugendweihefeier an der Wilhelm-Pieck-Oberschule. Wir zeigten ihr unsere Stadt, in der auch Brigitte Reimann durch die Straßen ging. Sie war sehr angetan, von dem, was sie sah. Wir tauschten Erinnerungen aus über gute und weniger schöne Zeiten. In einem waren wir uns aber immer einig, daß das, was sie erlebt hatte, sich nie wiederholen darf, obwohl sich schon wieder Anzeichen dafür bemerkbar machten. Nach diesem Besuch hörten wir eine lange Zeit nicht mehr von ihr. Als wir dann erfuhren, daß auch Erika, die standhafte Kämpferin von uns gegangen war, waren wir sehr traurig. Die nachfolgende Zeit hat ihren Namen wie Laub vom Winde verweht, und nur noch ganz wenige werden sich ihrer erinnern.
So waren es halt jene Vorbilder, die mich dazu bewegten in die Partei der Arbeiterklasse einzutreten und das Erbe im Glauben an die gute Sache fortzusetzen. Schon in den ersten Jahren meiner Mitgliedschaft wurde ich zum Leitungsmitglied in einer GO(Grundorganisation) gewählt, und lernte sehr schnell die innerparteiliche Demokratie kennen, aber noch viel mehr den bekannten Satz von der Einsicht in die Notwendigkeit. Das betraf natürlich auch mein weiteres Berufsleben in unserer pädagogischen Familie. So wechselten wir beide, meine Frau und ich, nur allzu oft die verschiedenen Funktionen: Lehrer, Pionierleiter, Erzieher, Direktor, Schulinspektor, Kreistagsabgeordneter, Schulungsleiter, Sachbearbeiter für Kaderfragen, Zirkelleiter, wo immer einer fehlte, Erziehungsleiter und hin und wieder auch einmal Kindergärtner. All das mußte ja schließlich und endlich von beiden Seiten verkraftet werden. Damals fragte nie einer: "Wie schaffst du das?" Nein es hieß immer nur: "Du wirst das schon machen, du kannst das, wir werden dir auch helfen??!!" Auf so manche Hilfe warte ich noch heute!
Belastend waren immer die verschiedenen Funktionen in den Massenorganisationen und die damit verbundenen gesellschaftlichen Tätigkeiten. So durfte ich 1970/71 kurzfristig die Kreisschule des Marxismus/Leninismus - kurz genannt: K-f M/L besuchen. Das Abschlußzertifikat bescheinigte für viele unserer Teilnehmer: "Mit sehr gutem Erfolg bestanden". Das war aber nicht alles. Danach wurde ich gleich als Seminarleiter und Lektor für drei weitere Jahre eingesetzt, besser gesagt verpflichtet. Nach der Wende wurde ich oft gefragt, warum die Partei und der Sozialismus nicht gesiegt haben? Du hast uns doch immer überzeugend erläutert und beigebracht, dass sie es täten, und wir glücklichen Zeiten entgegen gehen werden. Eine befriedigende Antwort ist mir bis zum heutigen Tage nicht eingefallen. Meine einfache Antwort war. "Es haben einfach zu wenig daran geglaubt, denn der Glaube nur hilft Berge zu versetzen. Wißt ihr, ihr schlauen, daß ist wie mit der Bibel und dem lieben Gott. Es glauben ja so viele Menschen daran, aber trotzdem kann mir keiner echt sagen, daß das, was in der Bibel steht, auch so sein muß, und den lieben Gott habe ich auch in meinem ganzen Leben noch nie zu Gesicht bekommen, geschweige denn etwas gutes von ihm erfahren! Nein, nun einmal mit mehr Ernst zur Sache. Es gab im Kreise der großen Schar der Genossen eine unbegreifliche Korruption, die sich leider von Funktionsebene zu höherer Funktionsebene rasant und gewissenlos ausbreitete. Beispiele wurden ja nach der Verabschiedung der Partei und der DDR hinreichend bekannt oder auch nicht. Leider muß ich an dieser Stelle nun auch zugeben, daß ich nicht frei von jeglicher Korruption war. Wie das?
Ich war bereits knapp vier Jahre im Schuldienst in Hoyerswerda und schon wieder nach zwei Jahren Parteisekretär an meiner sorbischen "Handrey Zejler" POS. Da bekam ich den Parteiauftrag, als Mitarbeiter der Kreisleitung der SED, verantwortlich für die Schulen des Kreises in der Abteilung für Agitation und Propaganda für mindestens ein Jahr, vielleicht auch etwas länger, zu arbeiten. Dazu wurde gleich angemerkt, daß mein Gehalt als Lehrer sich nicht verringere, denn ich bekam einfach so eine Planstelle als stellvertredender Direktor der EOS. Das war ein wenig mehr Penunse, aber so unkompliziert wurden damals sich auftuende Probleme des Geldes gelöst!
Aber nun noch zur vermeintlichen Korruption. Also sagte ich schweren Herzens zu, unter der dreifachen Bedingung und der Zusage: 1. Ich brauche für meinem Wartburg schnellstens eine Garage; 2. Nach der Tätigkeit im Parteiapparat möchte ich einen Studienplatz an der PH in Leipzig- Fachrichtung Staatsbürgerkunde - zugesichert bekommen; und 3. Meine Dienstzeit in der Kreisleitung beschränkt sich nur auf ein Jahr, obwohl es mein Vorgänger dort 8 Jahre aushalten mußte, skeptisch nahm ich die Zusage durch den 1. Kreissekretär zur Kenntnis, mit dem Hintergedanken, mal sehen, wie weit man so gehen kann?
Meinen ersten Wunsch hatte ich noch gar nicht richtig ausgesprochen, da hatte ich schon eine Garage für unseren getreuen Wartburg, im WK IV, unweit von unserer Wohnung, und zu einem spottbilligen Mietpreis von 24.-DM im Jahr. Auch meine zweite Forderung wurde mir später erfüllt, ich konnte das Einjahrstudium in Leipzig aufnehmen. Also erledigte ich pflichtbewußt meine Arbeit im Hause der Kreisleitung, aber vielmehr noch an den über 4o Schulen im Kreisgebiet. Der dritte Punkt, mein baldiges zurückkehren in den Schuldienst, verzögerte sich um ein reichlich halbes Jahr, aber das habe ich dann auch verkraftet. Also war auch ich bestechlich und korrumpierbar zum eigenen Vorteil meines Weiterkommens. Gewiß kann man nun sagen, daß es andere im größeren Ausmaße, den sozialistischen Gedanken stets vor Augen, getan haben; jedoch haben wir letztendlich selber die Bedingungen ureigens geschaffen, die nicht unwesentlich zum Untergang des Systems beigetragen haben. Natürlich gab es noch andere Faktoren, Ursachen und Umstände, die dies bewirkten, aber ich bleibe dabei, einen wesentlichen Anteil hatten wir alle. Es war ja nicht so, daß sich vieles nur auf der Parteiebene abspielte, nein auch im beruflichen Leben zeigten sich derartige Dinge im Laufe der Jahre immer mehr im verstärkten Maße. Als ich beim Rat des Kreises mehrere Jahre tätig war, konnte ich in vielfältiger Weise beobachten und feststellen, wie mit subjektiven Begünstigungen, Bestechungen und leider immer wieder durch mannigfaltige Intrigen, sich so mancher Staatsdiener Erleichterungen, Vorteile und Unerlaubtes verschafft hat. Sei es nur die nicht ausgeschöpfte, vorgegebene Arbeitszeit, die damit eigenmächtig verschaffte persönliche "Einkaufszeit"; das Totschlagen von Stunden in unnützen Versammlungen, Seminaren und Beratungen ect. Auch ich will mich nicht freisprechen, von all den damals verlockenden Möglichkeiten, Praktiken eines Partei- und Staatsfunktionärs. Man tat so manches, unüberlegtes, das uns schließlich nicht voranbrachte. Zu meiner Ehrenrettung muß ich aber auch hinzufügen, daß ich gern und uneigennützig, ohne Hintergedanken - was bekomme ich dafür - geholfen habe und noch immer helfe, und hier und dort auch einiges gutes tue. Jahrelang pflegte und setzte ich den Spielplatz unseres Wohngebietes in stand. So war ich Mitglied und Vorsitzender im Wohngebietsausschuß. Habe dafür auch Anerkennung der Kinder und freundliche Worte vieler Bürger zu spüren bekommen. Die Nationale Front hat mich für gutes Tun mit der "Goldenen Rose" ausgezeichnet. So etwas ist so manchem Funktionär hin und wieder auch wiederfahren.
Apropos Auszeichnungen! Diese konnten tüchtige und unermüdliche Bürger in der DDR erhalten. Dabei ging es nicht immer nur um den materiellen Anreiz - besonders des Geldes - nein es gab ja auch unzählige Orden, Medaillen, Reisen, Präsente und, und, und ... Natürlich mußte man auch was leisten, oder in der richtigen Partei, Organisation sein oder zum richtigen Zeitpunkt geboren werden. Dank meiner lieben Eltern war ich einer von vielen, denn ich erblickte am 7. Oktober in den zwanziger Jahren das Licht der Welt.
In den 60iger Jahren organisierte ein gewisser Hans Ponetzki, übrigens seine Eltern lebten hier ganz in der Nähe bei Bautzen, im Fernsehen, in der Republik, besondere Überraschungen für verdiente Bürger. Dieser Mann inszenierte im Fernsehen gewaltige Schenkungssendungen, die dem Sender und letztendlich auch uns viele Millionen kostete, aber einigen zu gute kam. Dieser Herr Ponetzki kam mit seinem Sendeteam auf eine geniale Idee für alle Geburtstagskinder, die am 7.10., am Gründungstag der Deutschen Demokratischen Republik Geburtstag hatten, einen "Millionen-Glück -Wunsch –Geburtstag“ feiern zu lassen. Alle Bürger in der ganzen, weiten Republik , vom Erzgebirge bis zum Ostseestrand - von der Oder bis zur Elbe waren aufgerufen mit Blumen, kleinen Geschenken, Liedern und tollen Einfällen, einen Bürger, einen Mitmenschen zu unserem und seinem Ehrentage, eine Freude zu bereiten und ein Dankeschön sagen. So viele, zahlreiche, lustige Kartengrüße, duftende Blumensträuße, herzliche Glückwünsche habe ich in meinen ganzen langen Leben nie wieder bekommen. Punkt 20.00 Uhr, so war es ausgemacht, standen liebe Bürger, Freunde, Gäste, Bekannte und Unbekannte vor unserer Wohnungstür, um zu gratulieren. Und dies geschah im ganzen Lande und wurde aus den verschiedenen Großstädten aufgezeichnet und zur nächtlichen Stunde ausgestrahlt. In Hoyerswerda war kein Fernsehteam und den TV-Hoy gab es ja noch nicht. Eine solche Anerkennung und Ehrung wiederholte sich erst viel später noch einmal. Das war Ende des Jahres 1973 nach den X.Weltfestspielen der Jugend und Studenten. Für meine tatkräftige Vorbereitung und Durchführung, auch Organisation der Eröffnungsveranstaltung im Stadion der Weltjugend in Berlin, bekam ich als Anerkennung für die geleistete Arbeit von der Regierung den Orden "Banner der Arbeit". Der Rat des Kreises und die Kreisleitung hatten, als ich mit der Auszeichnung nach Hause, nach Hoyerswerda von Berlin zurück kam, ein kaltes Büfett vorbereitet. Im Saal des Rates wurde mir gedankt, Delegationen der Schulen und Massenorganisationen überreichten mir Dankschreiben, kleine Erinnerungsgeschenke. Im Neuen Deutschland waren die Namen der Ordensträger veröffentlicht und so bekam ich auch noch zahlreiche Grüße aus Sachsen, Brandenburg und der weiten Umgebung. Ja, so kann es halt auch einem kleinen Funktionär ergehen. Als Funktionär mußte man ja an unzähligen Tagungen, Konferenzen und Kreisdelegiertenveranstaltungen teilnehmen. Das war immer so eine Sache. Wußte man doch nie im vorhinein was es da alles zu erfahren, zu hören, zu sagen gab? Schlimmer war schon die Abrechnung mit dem erfolgten, positiv oder nicht? Bekam man als Funktionär eine öffentliche Kritik zur eigenen Arbeit zu hören. Wo und wann hattest du eine Negativdiskussion zugelassen, warst mit der ungenügenden Mitgliederwerbung nicht zu Rande gekommen? Oder hast gar an der Planerfüllung gezweifelt? Dein Diskussionsbeitrag, der doch vorher genau abgesprochen und bestätigt war, entsprach nun doch nicht den gewünschten Anforderungen, weil du freiredend einige kritische Worte hinzu gefügt hattest! Ach ja, du hattest ja vergessen zu sagen "Genossen, ich schließ mich der Meinung meines Vorredners an .."Was gab es doch in dieser Zeit für eine wohltuende, buntgemalte Schönfärberei? Wie haben wir uns an den untrüglichen Zahlen der Planerfüllung und Übererfüllung berauscht! Je länger und langweiliger einer sprach, der Obrigkeit zu Munde redete, um so geräuschvoller, unehrlicher war der nachfolgende Beifall.
Natürlich gab es auch erheiternde Momente auf Tagungen, in den Parteiversammlungen. Da wurden schon mal in den Mitgliederversammlungen, und davon gab es ja genug in einem Monat, Episoden, die man so aufgeschnappt hatte, weiter erzählt. Natürlich nur im kleinen Kreis: "Kennst du den schon?" "Kommt ein Bürger aus Westdeutschlang zurück. Fragt ihn der Genosse: "Wie war es drüben?" Sagt dieser "Wie bei uns, wenn man das notwendige Westgeld hat!" Gewiß auch über Erich wurden nichtssagende Witze gemacht, wie: "Hast du schon gehört, Genosse Erich hat sich ein Bein gebrochen" "Nein, wie ist denn das passiert?" "Er ist in eine der Versorgungslücken gestürzt!" Geflügeltes Wort in der DDR war: Freitags um eins, macht jeder seins! "Und wie sieht es bei euch im Betrieb aus?" "Ach weißt du, ein Teil unserer Kollegen kommt erst mittags zur Arbeit! Vormittags gab es in der HO Bananen!" "He Kumpel, kennst du den über die Planwirtschaft?" "Nein, erzähle" "Erich sieht auf der Straße einen kleinen Jungen, der bitterlich weint. Er fragt ihn nach dem Grund seines Kummers.? "Ich habe mir a total, "sagt der Kleine, "Was denn, du planst auch schon? "Ja, ich wollte einen Pups lassen, und nun habe ich die Hosen voll!"
Ja, so gab es auch viel heiteres aus dem täglichen Leben zu erzählen, und weil das so war, war auch das Tätigsein als Funktionär in vielfacher Weise zu ertragen. Aber das ist auch die Wahrheit, Funktionär sein in der Partei, in einer Organisation oder im Staatsapparat war nicht immer leicht, zumal man die Absicht hatte, den rechten Weg nach eigenem Ermessen ohne nachzudenken, zu gehen. Eine sehr schwierige und vertrackte Sache galt es zu lösen, als meine liebe Annemarie nach 40jähriger Tätigkeit in der Pädagogik, als staatlicher Leiter mehrerer Oberschulen und Funktionärin den Wunsch äußerte, nicht mehr als Direktorin in der Volksbildung, sondern als Lehrerin an der Medizinischen Fachschule im Gesundheitswesen tätig sein zu wollen!
Also mußte da etwas geschehen! Über den Rat des Kreises, die Abteilung Volksbildung führte kein Weg zur Verständigung oder Einigung im friedlichen eine Versetzung an die hiesige Medizinische Fachschule in Hoyerswerda. Was also tun? Es brachten auch mehrere Aussprachen mit dem Kreisschulrat, Rücksprachen beim Vorsitzenden des Kreises kein positives Ergebnis. Auch nun schon in den 60er Jahren war es schier unmöglich auf irgendeinem geraden Wege die Volksbildung zu verlassen. Entweder, man war als Pädagoge so untragbar, daß einen keine Schule mehr haben mochte, oder man ließ sich eine Verfehlung zukommen, z.B. die körperliche Züchtigungen von einigen Schülern, da genügte eine Ohrfeige bei weitem nicht oder besser noch man hatte einen schweren Diebstahl, eine Veruntreuung begangen. Mir waren ja als Mitarbeiter in der Kaderabteilung zahlreiche Vorkommnisse bekannt, die ich bereinigen mußte, aber eine Kündigung wurde in den seltensten Fällen das Ergebnis. Es herrschte halt ein zu großer Lehrermangel, und damit wurde vieles unter den berühmten Teppich gekehrt. Wir mußten also einen Schritt unternehmen, der zu einem Erfolg führen sollte. Meine Verbindungen zum Ministerium für Volksbildung in Berlin waren ja nur bedingt gegeben, aber immerhin kannte ich ja meine oberste Dienstherrin, die Margot Honecker. Nach einer telefonischen Rücksprache war es mir gelungen einen Termin für eine persönliche Aussprache bei ihr zu bekommen. So fuhren wir mit unserem Wartburg über die Autobahn, damals noch sehr holprig, gen Berlin in unsere Hauptstadt. Nach anfänglichen kleinen Schwierigkeiten im Sekretariat, sprich Vorzimmer, konnten wir das Problem der Umsetzung meiner Frau Annemarie, von einer Bildungsinstitution in eine andere darlegen und stießen bei unserer Ministerin auf Verständnis. Sie versprach uns einen Weg der Lösung zu finden und sich dafür einzusetzen. Ein wenig zweifelnd verließen wir das Ministerium, Berlin in Richtung Hoyerswerda. Als wir die Stadtgrenze von Hoyerswerda mit unserem flotten Auto erreichten, war die Antwort aus Berlin über den Rat des Bezirkes, bereits beim Kreis eingetroffen. Mit verkniffener, etwas gleichgültiger Mine teilte der Kreisschulrat uns mit, daß er von Seiten des Bezirksschulrates informiert wurde, dem Versetzungsantrag von Annemarie zuzustimmen oder zustimmen zu müssen. Die Anweisung käme von ganz "Oben". Ende gut - alles gut!
Damit sei gesagt, daß auch in der DDR mit einer beharrlichen Konsequenz berechtigte Forderungen durchzusetzen möglich war. Schon damals galt der Spruch: "Wer nicht kämpft, hat bereits verloren!" Und so kämpfte ich von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr weiter, zwar nicht mehr unmittelbar an der vordersten pädagogischen Front, sondern nunmehr als Staatsdiener beim Rat des Kreises, als Mitarbeiter und zu meinem Leidwegen auch teilweise wieder als Funktionär.

Werner Gertler (Mitte) bei einer Parteiratsversammlung in der Krankenhausschule in Hoyerswerda
Rat des Kreises Hoyerswerda
In der Messestadt Leipzig hatte ich nun mit Erfolg das einjährige Direktstudium für " Ge-W" auch "Stabü" genannt, absolviert. Die Anforderungen waren zwar teilweise recht hoch, aber bei einem vollen Gehalt für das erste halbe Studienjahr, und danach ein etwas kleineres Stipendium für die restliche Zeit, war es doch ein schönes Erlebnis, daß ich nicht missen möchte.
Nach der Studentenzeit durfte ich nur kurz wieder unterrichten, denn mein neuer Arbeitsplatz, war ein Schreibtisch beim Rat des Kreises in der Abteilung Volksbildung. Dort hatten meine obersten Dienstherren für mich den Posten eines Schulinspektors vorgesehen. Eine Aufgabe, die nur mit viel Pragmatismus, Statistikus, Pedanterismus, auch Sarkasmus zu tun hatte, was ich aber erst im nachhinein feststellen konnte. Was hatte ich da nicht alles zu bewältigen?! Ein normaler Sterblicher konnte sich bei bester Gesundheit gar nicht soviel unsinnige Arbeitsvorgänge ausdenken, die da täglich, wöchentlich, jahrein, jahraus zu erfüllen waren. All diese, fast exotisch anmutenden Arbeitstätigkeiten, wenn man das so nennen darf, waren in einem langen Inspektionsauftrag vorgegeben.
Der gewöhnliche, alltägliche, morgendliche Dienstauftakt begann beim Leiter der Schulinspektion, der bereits vom Kreisschulrat die zu erfüllenden Eckpunkte oder Erfassungszahlen eingeimpft bekommen hatte, und der uns kleinen Schulinspektoren nun diese haargenau übermittelte. Der Raum, in dem wir fünf Inspektoren uns aufhielten, war für uns Tätigkeitsträger viel zu eng, so daß wir meistens stehend die Anweisungen in Empfang nahmen. Die Verandatür stand meistens offen, weil die Luft zum Denken wiederum zu dünn war. Das ganze Areal war immer ein wenig beängstigend, jedenfalls für mich, weil an jeder Wand, nur dort nicht wo die Fenster waren, zahlreiche hohe Rollschränke standen, in denen kiloweise Papiere, Akten, Schnellhefter, Berichte, Statistiken, Hospitationsberichte, also meterlange Aufzeichnungen über Aussprachen mit den Direktoren der über 40 Schulen im Kreis, verstaut waren. Jeder Schulinspektor hatte seinen Einzugsbereich in der Kreisstadt und auf dem Lande, in den verschiedenen POS, EOS, Kindergärten, Hilfsschulen, Berufsschulen, wo hunderte von Pädagogen und tausende von Kindern auf uns warteten. Die Kinder eigentlich weniger oder doch? Sie freuten sich immer, wenn ein Herr im flotten Anzug mit Krawatte in der hintersten Bankreihe saß und ewig schrieb. Da war jedenfalls die Unterrichtsstunde recht interessant, und alle arbeiteten lebhaft mit, so hatte es der Klassenlehrer vorher von ihnen verlangt, aber nur wenn die Hospitation vorher bekannt war. Oft kam auch der Klassenlehrer zur nächsten Stunde etwas verspätet, weil die Auswertung der Stunde etwas länger gedauert hatte. Für die Schüler eine Erholung. Diese Hospitationen bei den Lehrern, Direktoren (meist weniger), im Hort bei den Erziehern waren sehr wichtig. Obwohl ja so ein Schulinspektor nicht alle Unterrichtsfächer beherrschte, maß er sich an, viele Stunden zu begutachten. Ich tat es oft nur in den Fächern Stabü und Sport, davon hatte ich wenigsten ein bissel Ahnung, und konnte hier und dort so manchem Kollegen ein paar Hinweise und Ratschläge geben. Ich glaube, die Lehrer, Erzieher und Kindergärtnerinnen haben unsere Teilnahme am Unterricht nicht so gern gesehen. Zumal ja auch noch die verschiedenen Fachberater, für die jeweiligen Fächer häufiger als es genehm war, auftauchten.
Die Hospitationen waren ja nur die eine Seite der umfangreichen Inspektionstätigkeit. Nach der Auswertung mit dem jeweiligen Fachlehrer gab es danach noch eine Auswertung und Information beim Direktor der Schule und die erfolgte immer recht tiefgründig. Wozu das nützlich war? Na, der Schulrat mußte ja laufend auf den Direktorenkonferenzen zum Stand der Erziehungs- und Bildungsarbeit eine Einschätzung geben. Hoffentlich hatte der Inspektor viel Gutes entdeckt, so daß die Schule kritisch-lobend erwähnt werden konnte. Und dann kam da noch die Sache hinzu, daß der Kreisschulrat dem Bezirksschulrat rechenschaftspflichtig war. Ja, da mußten Ergebnisse, Zahlen, Meinungen, Stand punkte her. In meiner Tätigkeitszeit als Schulinspektor waren damals folgende Standartfragen präsent:
Wieviel Kinder nehmen an der Trinkmilchversorgung teil? (Auch die, die heimlich ihre be zahlte Milch in den Ausguß schütteten, wurden erfaßt)
Wer nimmt an der Jugendweihe teil, wer nicht, warum, wieviel Prozent? und die Erfassung konzentrierte sich nicht nur auf die Schüler der 8. Klasse, nein schon vorausschauend auch auf die 6 Klasse.
Alles kam darauf an, eine hundertprozentige Teilnahme dem Kreisschulrat zu melden. Wenn nein, mein lieber Direktor, woran liegt es?? Bereitet dir die Kirche denn Gewissensschwierigkeiten oder ist es gar der Einfluß der Zeugen Jehovas? Wahrscheinlich gehen einige Kollegen zu lasch an diese verantwortungsvolle Aufgabenstellung heran! Damit hatte ich den ersten Punkt abgearbeitet.
Frage: "Nun gut, wie sieht es mit der Nachwuchswerbung für den UBW (Unteroffiziersbewerber) und OBW (Offiziersbewerber) in den 9. und 10. Klassen aus?? Ich meine, seid ihr auch hart dran? Gibt es Ablehnungen von Seiten der Schüler oder eventuell der Eltern?" Aha, ich verstehe,! Vielleicht wäre es doch günstiger und druckvoller, wenn ich nochmals den Beauftragten des WKK (Wehrkreiskommando) zu euch schicke? Wenn nicht, kannst du es mir ruhig sagen?“ Damit war wiederum mein zweiter Auftrag erledigt.
"Sag mal, mein lieber Direktor, wie steht es denn mit unserem pädagogischen Nachwuchs? Die Frl. L. von der Lehrerbildung hat mir zu verstehen gegeben, daß es bei euch noch einige Reserven gibt. Du mußt das richtig verstehen, weißt du, wir sind vor allen Dingen an Jungen mit einem ordentlichen Zensurendurchschnitt interessiert. Haha, was soll bloß aus uns werden, wenn wir unseren eigenen Nachwuchs vergessen. Na, du weißt schon, was ich meine oder nicht?“
Dritter Schwerpunkt: „ Ich weiß schon, daß das bei euch recht ordentlich läuft, aber lass es mich noch einmal gesagt haben. In der letzten Zeit ist die Teilnahme an der Trinkmilchversorgung leicht rückläufig. Kein gutes Zeichen! Der Bezirksschulrat hat letztens noch einmal mit allem Nachdruck darauf hingewiesen. Schließlich möchten wir ihm ja nicht die blendendweiße Statistik vermasseln. Und achte doch bitte darauf, daß nicht allzu viel Milch in den Ausguss wandert! Na in diesem Punkt haben wir ja verstanden, n un zur vierten Sache:
Ich weiß ja, daß du zur Zeit viel um die Ohren hast, aber ich muß dir im Auftrage des Kreisschulrates mitteilen: "Bitte geh in den nächsten Tagen ein wenig mehr bei deinen Kollegen hospitieren, es soll für beide Seiten sehr nützlich sein. Jaja, ich akzeptiere durchaus deinen berechtigten Einwand, Kadersorge, Versammlungen, Berichte schreiben, Direktorenkonferenz, Gemeindevertretersitzungen, und..und ... und .., dazu noch meine unausstehlichen, berechtigten Fragen, die dir den Rest deiner knappen Zeit rauben, aber du mußt auch mich verstehen, ich tu doch nur, was von mir so allerhand verlangt wird. Aber bei der Hospitation schau mal besonders in die Fächer: Stabü, Geschichte, Deutsch und Mathe rein. Sind in der nächsten Zeit wieder einmal Schwerpunkte. Ja, du hast ja recht, eine Familie hast du auch noch. Trotzdem, tu mir den Gefallen! Noch einen Hinweis, ich sag's dir unter der vorgehaltenen Hand: "Wir haben erfahren, daß die Bezirksschulinspektion eine Grundsatzinspektion in mehreren POS unseres Kreises plant, ob eure Schule dabei ist, kann ich dir leider noch nicht verraten. Aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, und du bekommst zu gegebener Zeit einen Wink von mir, OK. Also, kontrolliere schon mal bei den Kollegen die Stundenvorbereitungen, überarbeite den Pausenaufsichtsplan, laß die Raucherinsel verschwinden, überprüfe mal so im vorbeigehen die Klassenausgestaltung (Grünpflanzen, Wandzeitung, auch aktuell!), Bild von Erich Honecker oder einem ZK-Mitglied, naja Toiletten, Rumpelkammern, Kleidung der Schüler: Pionierhalstuch, Blauhemd usw. So für heute sei's das gewesen, ach ja, habt ihr auch die 6. Tagung des ZK ausgewertet und die Themen 7 und 8 der ZV-Schulung (Zivilverteidigung) nicht vergessen, du weißt doch, ich bin immer noch für die Zivilverteidigung an den Schulen verantwortlich!! Behelfsschutzmäßige Unterbringung, Evakuierungspläne, Gasmasken bekommt ihr, wenn wir wieder welche geliefert bekommen! So, nun aber Schluß. Ach, noch eins habe ich vergessen: Zum Tag des Lehrers, die Vorschläge für die Auszeichnungen ins Auge fassen. Wer Oberlehrer oder Studienrat wird, kann ich dir nicht sagen. Aber für ein, zwei Aktivisten-Medaillen ist immer etwas drin. Ich denk auch an dich! Na, du weißt doch: Den letzten beißen die Hunde! Nächstes Jahr gibt es wieder einen Tag des Lehrers. So, das war's nun endgültig, oder hast du noch Fragen?“
Ja, so sah meist mein Arbeitstag an einer Schule aus. Nach einem solchen Tag ging es dann schnell zurück in die Abteilung Volksbildung. Wenn die Zeit noch ausreichte, wurden schnell die Zahlen, Ergebnisse addiert, sortiert (ein wenig frisiert) und wunschgemäß dem Leiter der Kreisschulinspektion mit einem süßsaurem Lächeln übergeben.
Daraufhin versäumte ich mehrmals Termine, unsinnige Statistiken, Berichte mit Zahlenspiegeleien, wertlose Einschätzungen, die ich an den Bezirk regelmäßig abzusetzen hatte. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Der Bezirk mahnte den Schulrat, ob meiner grob fahrlässigen Haltung und der reagierte sich unmittelbar an mir ab. Er war äußerst empört und hätte dies von mir nicht erwartet, ein so hochbrisantes Vorhaben durch meine "bewußte" Fahrlässigkeit zu gefährden. "Das wird für dich Genosse Gertler, noch ernsthafte Folgen nach sich ziehen!" Sprachs und handelte. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Im Rahmen der wöchentlichen Arbeitsberatungen aller Mitarbeiter der Abteilung VOBI (Volksbildung) erhielt ich vor versammelter Mannschaft eine "Rüge" mit der Eintragung in die PA (Personalakte).
Viel später erst, also nach der "Wende" fand ich sie. Sie wurde nie gelöscht und ich habe sie auch nicht vernichtet. Heute ist sie aber nicht mehr wirkungsvoll!
Die ZV-Planspiele waren noch in den 70iger Jahren eine schöne Zeitvertreibung. Wir mußten immer mit einem ganzen Trupp in die Nähe von Wittichenau in ein ZV-Übungsgebiet einrücken. Dort wurde dann ein Atomschlag simuliert und mit der Wirkung von Megatonnen schweren Atombomben und einem verstrahlten Gelände strategisch gearbeitet, wirkungsvolle Maßnahmen eingeleitet, um die wenigen Überlebenden zu schützen, zu retten oder zu beseitigen. Da gab es dann auch mal so manche Panne. Der Kreisarzt, leider hat ihn der liebe Herrgott nun schon zu sich gerufen, hatte in seiner voraussichtlichen Planung nicht genügend Chlorkalk berücksichtigt. So konnte, trotz der Strahlenwirkung, man bedenke welch eine Gefahr für die Bestattungskommandos, nicht ordnungsgemäß bestattet werden. Dafür bekam mein Kreisarzt von der Stabsführung eine ernsthafte Rüge und mußte für die nachfolgende Auswertung der Großübung eine schriftliche Stellungnahme zu seinem Versagen abgeben. So haben wir auch diese Zeit der Zivilverteidigung immer wieder mit Humor ertragen.
X. Weltfestspiele 1972/1973 in Berlin
Es war nicht Freitag, der 13., aber ein Freitag war es ganz bestimmt. Das weiß ich zu genau, denn ich freute mich schon riesig auf das lange Wochenende. Da rief mich unser Sekretär für Agi/Prop (Agitation/Propaganda) aus seinem Vorzimmer hellwach an, der hieß mit dem Vornamen zufällig auch Werner, "Werner du sollst mal schnell zum "Zweiten" kommen, aber beeil dich, es ist wohl sehr wichtig!" Meine kurze Überlegung war: Was habe ich nun schon wieder verzapft, war wieder eine Eingabe unbeantwortet liegengeblieben?? Egal - schnell hin und dann ist alles überstanden. Der "Zweite Sekretär" war von Geburt aus ein waschechter Sorbe, und wenn ich mit ihm sprach, dann kamen mir seine Formulierungen immer etwas wendisch vor. Die dickwandige, gepolsterte Tür zu seinem Zimmer hatte ich kaum geschlossen, da legte er auch schon in holprigen kurzen Worten los. "Hör zu, was ich dir beizubringen habe, mußt du richtig verstehen, denn es ist etwas langatmig und erfordert deinen ganzen Einsatz, den du in der nächsten Periode zu erfüllen hast!!" Solch einen langen Satz hatte er mit mir schon lange nicht mehr gesprochen, und dies ließ auf nichts gutes schließen. Zumal ich dies von ihm nicht gewohnt war und ich ahnte schon, daß da irgendeine eckige Sache dahinter stecken mußte. So fuhr er dann bedächtig fort: "Von den X.Weltfestspielen der Jugend und Studenten hast du ja sicherlich schon gehört, und das dazu für die Vorbereitung tüchtige, verantwortungsbewußte Genossen erforderlich sind kannst du dir sicherlich ausmalen." Ich überlegte kurz, was will der von dir? Ob meiner 45 Lenze lag meine FDJ-Zeit, mit den zwei Deutschlandtreffen, den III. Weltfestspielen und diversen Funktionen im Jugendverband eigentlich schon meilenweit hinter mir; also, was solls ? "Hör zu, der "Erste (das ist der Kreissekretär) und ich, wir haben uns kurz geschlossen und sind der einhelligen Meinung, dich nach Berlin zur Vorbereitung der X. zu delegieren, und erwarten, daß du wie hier bei uns in der Kreisleitung, dort deinen vollen Einsatz zeigst!" So, nun war's raus, die Katze aus dem Sack! Der zuvor langgeschraubte Satz ließ mir schon innerlich eine genügende Zeit, um für eine Ablehnung zu plädieren. Meine erste Reaktion war "Was habt ihr euch dabei gedacht, einen alten Knaben von seiner Familie loszureißen und bis nach Berlin zu schicken? Es gibt wohl noch viel jüngere. Und außerdem habe ich noch zwei schulpflichtige Kinder, einer soll die 10. Klasse bestehen und die andere braucht ständig unsere Hilfe, ums Abi zu bestehen! Na, das wißt ihr doch, daß meine bessere Hälfte Direktorin an der "Wilhelm-Pieck" POS auch nicht gerade die leichteste Arbeit zu bewältigen hat, zumal noch obendrein sie Kreistagsabgeordnete ist. Ein bissel Haushalt hängt ja auch noch dran, wo wir doch beide ständig auf Achse sind." Also, meine Argumente waren doch wohl recht einleuchtend, so glaubte ich jedenfalls. "Soll das heißen, du lehnst diesen ehrenvollen Parteiauftrag mit deinen nüchternen Überlegungen ab und erwartest von uns, daß wir dies akzeptieren?" Pause...Stille im Raum .....dicke Luft.... "Was glaubst du eigentlich, wer du bist, und wie sollen wir deine Ablehnung gegenüber der Bezirksleitung in Cottbus begründen oder kannst du nicht so weit denken ?" Schweigen......Knistern... Eine längere Phase des Überdenken beiderseits mit auch nachdenklichen Gesichtern auf beiden Seiten trat ein ............... Plötzlich, aus heiterem Himmel mit verschärften Tonfall, polternd dahergesprochen, hörte ich die Worte an meine Ohren dringen. "Diesen Raum kannst du erst wieder verlassen, wenn ich dein "JA" höre ," der "Zweite“ erhob sich vom Sitzungstisch, ging die drei Schritte zur ledergepolsterten Tür, öffnete sie, verließ den Raum, und das Umdrehen des Schlüssels von außen war kaum zu vernehmen. Das geschah an einem Freitag, wo es da heißt: "Freitag um eins, macht jeder seins!" Nun saß ich wie ein Häuflein Unglück allein im geräumigen Zimmer 201, und die rötlich tapezierten Wände starrten mich ein wenig feindselig an. Nur Karl Marx und Friedrich Engels schauten auf mich nieder und verzogen keine Mine zum bösen Spiel. Das Gespräch hatte ja erst kurz nach dem Mittagessen begonnen, ein Hungergefühl konnte also nicht aufkommen. Aber ich verspürte immer mehr so eine gewisse Leere im Magen und auch im Kopf, wo ja das Gehirn seinen Sitz haben soll. Mir gingen recht seltsame Gedanken durch den Kopf. Das hier ist doch der Raum, das Zimmer, wo damals am 17. Juni des Jahres 1953 in meinem sesselartigen Stuhl, mit den nach außen gebogenen Lehnen der Genosse "Z" gesessen hatte. Er war auch ein echter Sorbe wie sein und mein gegenüber. Der war damals schon "Zweiter"- also ein Urgestein in der Partei. Und von dem erhoffte er sich Verständnis für sein angstvolles Verhalten in jenen brenzligen Tagen. Was war damals geschehen? Eine Reinemachefrau (sprich Raumpflegerin) fand am nächsten Tag in der Polsterung des hölzernen Armlenhstuhls ein Parteidokument. Es gehörte dem gewissen Genossen Z., der es wohl wegen der widersprüchlichen Lage verschwinden lassen wollte - bewußt oder unbeabsichtigt - wer weiß es?
Zurück zur eigentlichen Situation, ich befand mich ja nicht in einer solchen bedrückenden Lage, hatte immer noch Zeit abzuwägen, zu überlegen, was zu tun sei! Nach cirka zwei Stunden, öffnete sich die Tür kaum hörbar. "Na, hast Du es dir endlich überlegt? " drückende Stille im Raum und die Polstertür schloß sich fast wie von allein, ganz geräuschlos. Meine flügellahmen Gedanken kreisten in aller Eile um die Wette: "Was tun ? Ja oder nein sagen? Man schrieb doch erst das Jahr 1972 und die Eröffnung der X. Weltfestspiele waren für August 1973 geplant! Das bedeutete fast zwei Jahre Berliner Luft zu atmen und den dünn-säuerlichen Gasgeruch der Schwarzen Pumpe (ein großes Kraftwerk in der Nähe Hoyerswerdas) für lange Zeit zu vergessen. Als der Feierabend bereits vorbei war und der kleine Zeiger meiner Armbanduhr auf die 18.00 Uhr zuging, da habe ich aufgegeben. Mein leises "JA" vernahm der Zweite nicht allzu verheißungsvoll, aber schließlich durfte ich die heiligen Hallen der Kreisleitung der SED in der Schulstraße ein wenig betrübt verlassen. Das dicke Ende erwartete mich ja noch.
Zu Hause angekommen galt es die schon oft bekannte Erklärung „der parteiverbundenen Einsicht in die Notwendigkeit“ der lieben Frau und den Kindern hinreichend zu erläutern und zu begründen. Ich hatte noch gar nicht zu Ende gesprochen, da kam prompt die erwartete Reaktion: "Bist du denn noch zu retten, Sonja geht zur EOS, Andreas hat im nächsten Jahr seine Jugendweihe, ich mit dem schwierigen Posten des Direktors an der 11. POS "Wilhelm Pieck"! Du bist doch ein Schulinspektor, Parteisekretär in der Abteilung Vobi - kannst du da nicht wenigstens einmal "NEIN, es geht jetzt nicht" sagen?
Die beiden Kinder standen ein wenig bedeppert an der Seite ihrer Mutter, der Frau Direktorin, Front gegen den Vater zu machen. Nur Andreas, der jüngere, grinste lächelnd in sich hinein, ihm war klar, daß ohne sein Zutun entschieden wurde. lm stillen hoffte er auf mehr Freiheiten mit seinen Kumpanen. Bevor wir alle spät abends einschliefen, waren die Fronten geklärt und der häusliche Frieden wieder hergestellt. So fuhr ich dann Woche für Woche, Monat um Monat mit dem Sorbenexpress von Hoyerswerda nach Berlin bis zum Ostbahnhof. Stieg dort aus und walzte in die Friedrichstraße, wo in der ersten Zeit das Organisationskomitee hauste. Später zogen wir in die Gebäude der ehemaligen ND-Redaktion um, die waren damals in der Mauerstraße. Die Zimmer sahen nicht allzu gastfreundlich aus, man hatte wohl ein wenig fluchtartig die Räumlichkeiten verlassen. Der Raum, den wir zu dritt bezogen, verbarg noch eine nette Anekdote. Irgendein Spaßvogel hatte die Strafmandate seiner Kollegen bei Verkehrsvergehen gesammelt und an die Pinnwand genagelt. Ich studierte sie und entdeckte rein zufällig mehrere kleine Zettelchen, darauf zu entziffern war: "50.-DM nach §§ der StVO - Überschreitung der Höchstgeschwindigkeit" Der Eigentümer, der Verursacher jener kleinen Strafmandate war kein geringerer als unser erster Olympia- und Goldmedaillengewinner, der Boxer und Solotrompeter Wolfgang Behrend. Als ich das gelesen hatte, fühlte ich mich gleich berlinerisch heimisch in diesen Gefilden. Im "Org-Komitee zur Vorbereitung der X.Weltfestspiele der Jugend und Studenten", so hieß es offiziell, gab es bei meiner Ankunft und Arbeitsaufnahme 1972 vorerst noch wenige Jugendfreunde und Blauhemden waren recht selten. Wir die ersten "Jugendfreunde" LÄNGST dem FDJ-Alter ent wachsen, trugen alltägliches Zivil und später erst stolz das Blauhemd mit der aufgehenden Sonne am linken Ärmel. Gegen Ende der Vorbereitungsjahre und -monate gab es die dekorative Festivalbekleidung - allerdings nicht für jeder Mann. Da die Spiele gut organisiert und stabsmäßig vorbereitet wurden, war die Uniform der NVA auch ein Zeichen der Qualität und einer hohen Wertschätzung von Partei und Jugendverband. Das Org.-komitee war in vier Hauptabteilungen gegliedert in den Verantwortungsbereichen: Eröffnungsveranstaltung - Demonstration - Ehrenhain - Abschlußveranstaltung. Mein Auftrag hatte die Gestaltung der Eröffnung der X. Weltfestspiele im Stadion der Weltjugend in der Invalidenstraße im August 1973 zur Grundlage. Mit ein wenig Bangen und Hoffen nahm ich dieses Unterfangen in Angriff, auch mit etwas Furcht, ob ich dieser gewaltigen Aufgabenstellung - der Jugend der Welt unvergeßliche Tage und Erlebnisse zu geben - gewachsen war. Im nachhinein betrachtet war es uns gelungen, doch mit der Unvergeßlichkeit ist das so eine Sache. Heute erinnert sich kaum noch jemand an die strapazienreichen Tage und Nächte die wir in Berlin verbrachten. Mein Aufgabenfeld war in der ersten Zeit recht eingegrenzt und so hatte ich das Vorprogramm für die Eröffnungsveranstaltung im Stadion sehr detailliert zu planen, zu organisieren und zu gestalten. In den ersten Wochen meines Berliner Aufenthaltes gab es bei weitem nicht allzuviel zu tun. Das einzige überraschende war, daß sich die Zahl der Mitglieder im Org.Komitee rasend verdoppelte und verdreifachte; aber wer den damaligen Jugendverband kannte, der wußte das mit den Funktionären nicht so kleinlich umgegangen wurde und oft ersetzte die Quantität hin und wieder die Qualität. Doppelt abgesichert garantierte das Gelingen, besonders bei den großen, jubelnden Demonstrationen! Dabei denke ich nur an die verschiedenen Deutschlandtreffen, Fackelzüge an denen immer mindestens 1000 Teilnehmer mitziehen durften, wenn auch nicht mit der zu erwartenden Begeisterung! In dieser ersten Zeit meiner weniger konstruktiven Tätigkeit, unternahm ich hinreichende Streifzüge durch die östliche Hälfte meiner Hauptstadt, um zu studieren, einzukaufen und das Terrain zu sondieren. So verblieb mir genügend Zeit, um für meine Daheimgebliebenen, massenweise Tüten von Erdnussflips zu besorgen, diese in Kartons zu verstauen und nach Hoyerswerda zu schicken. Die Adresse lautete jeweilig: An die Direktorin der POS "Wilhelm Pieck" im WK VII. Dort brach ein jedes Mal Jubel, stürmischer Jubel beim Eintreffen einer Sendung dieser genüßlichen Gabe aus. Und gleichzeitig hatten die Hoyerswerdaer schon einen rechten Vorgeschmack. Im wahrsten Sinne des Wortes, auf die nahenden Weltfestspiele. Die prall gefüllten Tüten wurden immer an die erfolgreichsten Pädagogen verteilt, die ihren Unterricht mit den X.Weltfestspielen in Verbindung brachten; aber auch die Schüler bekamen ihren kleinen Anteil. In der Vorbereitungszeit der X.Weltfestspiele , so erinnere ich mich, gab es viele Ereignisse im politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Geschehen der DDR. Geschockt waren wir vom tragischen Absturz eines Flugzeuges der Lufthansa bei Königswusterhausen, wo viele Bürger ihr Leben verloren.
Im Jahr 1972 besuchte der Staatsratsvorsitzende das ferne Land Japan, zwecks Knüpfung weiterer politischer und wirtschaftlicher Verbindungen. Für die DDR sprang immerhin dabei raus, daß ein neuer Autotyp- der "Mazda", vorwiegend die Berliner Straßen schmückte. Jener nur mit –BZ(Bezugsschein)- im Innenland zu ergattern war. Auch brachte E.H. elektronische Geräte für den Musikhandel mit - hochwertige Radios und Recorder, die bei der Jugend sehr beliebt waren. Es gelang mir für meine Kinder daheim zwei solcher Apparate zu beschaffen und sie auf den weihnachtlichen Gabentisch 1972 zu stellen.
Zurück zur Arbeit im Komitee. Eine langfristige vorbereitende Aufgabe bestand in der zweckdienlichen, Neu- und Umgestaltung des "Walter-Ulbricht-Stadions" zum "Stadion der Weltfestspiele" in der Invalidenstraße nahe des Westsektors. Ein neuer Name mußte schließlich her, wer weiß, wer das damals so wollte und so nannte man es "Stadion der Weltjugend". Das wirbelte zwar viel Staub auf, aber die besten Agitatoren des ZK der Partei mochten es uns plausibel machen und taten es ja auch. Dabei lernte ich den Genossen Paul Markowski kennen, ein sehr sachkundiger, mit allen Wassern gewachsener Rhetoriker, Agitator, der uns im Org.-Komitee stets mit der gegenwärtigen politischen Lage vertraut machte, der sie uns vor allen Dingen verständnisvoll erläutern und darlegen konnte. Später ist er mit Werner Lamberts bei einem Überflug über Libyen, irgendwie im Nahen Osten ums Leben gekommen. Aus dieser Zeit stammt auch die Legende, daß die höchste Parteistrafe, ein Flug in diese Region sei! In der Endphase der Vorbereitungen zu den X. Weltfestspielen wurde es schließlich immer hektischer, aber umso interessanter. In dieser Zeit habe ich viel Prominenz und auch mir wohlgesinnte Persönlichkeiten kennengelernt, die wir nach Hoyerswerda einladen konnten, zur Gestaltung mancher Festlichkeiten. I n dieser Zeit übernahmen Kader der NVA immer stärker die stabsmäßige Durchführung der umfangreichen Arbeiten. Die inhaltlichen Vorhaben blieben dabei in den Händen des Jugendverbandes. Ausdruck dafür war auch, daß der Leiter des gesamten Org.-Komitees der Sohn des Antifaschisten Heinrich Rau war, ein vortrefflicher, diplomatischer Verhandler, ein erfahrener Jugendfunktionär. Galt es doch auf internationaler Ebene mit den verschiedensten Jugendverbänden zu verhandeln. Ob seines ruhigen, sachlichen Umgangs mit allen Partnern, seiner klugen Verhandlungstaktik und auch seines verständnisvollen Eingehens auf die menschlichen Probleme seiner Mitarbeiter, zeigte er bewundernswerte Eigenschaften. In jenen Tagen hatte ich mehrmals die Gelegenheit mit ihm zu sprechen, meine Belange vorzutragen und fand immer ein offenes Ohr dafür. Deshalb mochte ich ihn so gern. Es läßt sich nicht mehr belegen und dokumentieren wieviele Klausurtagungen wir in dieser Zeit hinter uns brachten. Es läßt sich auch nicht mehr beweisen, wieviel Seiten Papier wir beschrifteten nutzlos oder sinnvoll. In diesen letzten Tagen wurden immer noch zahlreiche, tollkühne Ideen beraten, aufgenommen und wieder verworfen. Es mußte ja schließlich und endlich gar vieles bedacht und entschieden werden. Der einzelne Mitarbeiter trug sein Ergebnis vor, es wurde beraten, weitergeleitet, aber zu guter letzt beim Zentralrat der FDJ und dann beim ZK der Partei entschieden. Und da waren ja noch die ständigen Informationen an die Presse, Funk und Fernsehen, an die Bezirke und bis in die unteren Ebenen der FDJ-Kreisleitungen hinein gegeben werden mußten. Einer war immer gewichtiger als der nächst höhere! Im nachhinein betrachtet glaube ich, daß die finnischen Wälder gar nicht ausreichten, gemessen an Unmengen an Papier, daß wir tonnenweise nutzlos beschrifteten und zu guter letzt als Makulatur oft nicht einmal bis zum Altstoffhandel brachten.
Größter Gewinn bei der Arbeit im Org-Komitee der X. Weltfestspiele war für mich das zusammentreffen und kennenlernen von Persönlichkeiten in unserem Lande. Partei- und Staatsfunktionäre gaben sich im Org.-Komitee die Hand und erkundigten sich sehr oft über unser Vorankommen in der Arbeit und auch über unser Wohlbefinden. Für die Erarbeitung des Szenariums für die Eröffnungsveranstaltung konnte ich vom deutschen Fernsehfunk Heinz Grote gewinnen, der uns zu jeder Zeit und Stunde hilfreich zur Seite stand. Der Kommentator Heinz Herlt arbeitete sehr uneigennützig an der Gestaltung des Demonstrationszuges anläßlich der Spiele mit. Enttäuschend war das Verhalten von K. E. V. Schnitzler, der seine Mitarbeit von materiellen und finanziellen Zusagen abhängig machte, wir sie aber nicht einhalten konnten und wohl auch wollten, er seine Unterstützung und Mitarbeit ablehnte. Auch so eine Haltung mußte ich erfahren und zur Kenntnis nehmen. Heinz Grote habe ich später für die Jugendweihefeierlichkeiten in unserer Stadt gewonnen, als Festredner und Gast an mehreren Veranstaltungen.
Großen Ärger bekam ich eines Tages mit dem Vorsitzenden des Zentralrates der FDJ - Egon Krenz. Eigentlich ging es nur um die Frage der Ausgestaltung der Delegationen mit Winkelementen für die Eröffnung und die Demonstration. E. Krenz wollte unbedingt, daß die DDR-Delegation voran ging und wirkungsvoller gegenüber allen anderen ausgestaltet wird. Ich war aber für eine gewisse Gleichberechtigung. Jedem Teilnehmer sollte das landestypische Element zugedacht werden. Der Streit darüber endete beim Vorsitzenden des Org.-Komitee Genosse Rau. Ich zog den kürzeren und entging wie ein Wunder, dank der Unterstützung meiner Mitstreiter, einer Parteistrafe. Ja, solche Dinge passierten auch am Rande des Schaffens und kosteten so manchen Schweißtropfen. Gäste und Besucher von Vertretern der ausländischen Jugendorganisationen waren in der Zeit der Vorbereitung keine Seltenheit. Sie nahmen Einblick in den Stand der Vorbereitung und boten auch oft ihre Unterstützung und Hilfe bei der Lösung verschiedener Probleme an. Eines Tages gab es trotzdem ein großes Aufsehen und eine enorme Aufregung! Drei große schwarze Limosinen parkten auf dem rückwärtigen Gelände, der in der Nähe liegenden sowjetischen Botschaft. Baumlange, schwarz gekleidete mit einem schwarz-weißen Schal verkleidete Männer geleiteten den Führer der palästinensischen Befreiungsbewegung Yassir Arafat in den Sitz des Org.-Komitee. Böse Zungen behaupteten, daß die Begleiter MP's unter ihren weiten Umhängen trugen. Ich habe zwar Yassir Arafat gesehen, aber keine verdeckten Waffen.
Das Stadion der Weltjugend mußte in vielfacher Weise und in vielen Belangen umgestaltet werden. Eine Gruppe aus der DEWAG-Werbung übernahm diese Aufgabe und hatte am Ende eine vorbildliche, ansehnliche Arbeit geleistet. Eine Tatarn-Bahn sollte sogar gegossen werden, aber aus Kostengründen beließen wir es bei der roten Aschenbahn. Für die großartige Musik- und Sportschau wurde ein riesiger Teppich in die Stadionmitte gebracht, der von 100 NVA-Soldaten täglich mehrmals aus- und eingerollt wurde. Die einzelnen Sportgruppen bedankten sich durch eine gewissenhafte sportliche Höchstleitung bei ihren Helfern. Ich sehe heute noch Karin Janz, hoch oben auf der lebenden Pyramide die DDR-Fahne schwenken, und die 400 Musiker, unter Leitung von Hans-Helmut Hunger, ihre Musikschau vortragen.
Für die Mitarbeiter des Org.-Komitees waren schon die zahlreichen Übungsvorbereitungen ein Erlebnis. Der gewaltige Fahnenvorhang, gestaltet von über 100 Fahnenträgern, hatte die Funktion sich vor jeder künstlerischen Darbietung zu öffnen und zu schließen. Das mußte geübt werden, bei Regen und lachendem Sonnenschein. Wer erinnert sich schon noch an die "Geländewagen-Trabbis", die mit den wehenden Fahnen der teilnehmenden Länder am Tage der Eröffnung ins Stadion fuhren? An den Fackelläufer Nordwig, Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele, der die Festivalflamme ins Stadion trug. All das mußte sorgfältig durchdacht und vorbereitet werden.
Natürlich interessierten sich gar viele, besonders die "Polit-Prominenz" bis zum Staatsratsvorsitzenden über den Stand der laufenden Vorbereitungen. So besuchte uns auch eines Tages Erich Honecker im Stadion, um sich von der fortschreitenden Arbeit persönlich zu informieren. Gesehen hatte ich ja den Staatsratsvorsitzenden auf Bildern und im Fernsehen schon sehr oft, aber so unmittelbar von Auge zu Auge noch nie. Er erkundigte sich über meinen Aufgabenbereich und wie ich zeitmäßig so zurecht käme. Es war eine ungezwungene, vertrauliche Unterhaltung und ich verspürte keine Aufgeregtheit. Gab auf seine Fragen hinreichende Antworten und auf seine weitere Wißbegier, wo der Schuh noch drücke, muß mich wohl der Teufel geritten haben. Zumindestens weiß ich noch, daß ich ihn fragte, warum wir im Lande der DDR so billige Brotpreise haben und oft die so teuer erzeugten Produkte in den Müllcontainern landeten? Und die Kleinbauern in unserer Lausitzer Gegend zentnerweise Brot und Haferflocken aufkaufen und dies alles an das liebe Vieh verfüttern! Das kann doch nicht im Sinne unserer Politik sein?
Sichtlich ein wenig verärgert entgegnete mir der Staatsratsvorsitzende, Genosse Honecker, daß ich von einer gerechten, gesicherten, sinnvollen und von ihm jederzeit vertretbaren Sozialpolitik keine Ahnung habe und den großen politischen Zusammenhang nicht verstehe, und das auch nicht richtig sehe! "Ich hoffe, Du hast es nun begriffen, Genosse!", so drehte er ab und schritt mit seinen zahlreichen Begleitern in Richtung Stadionausgang. Zwei breitschultrige, schwarzbemäntelte Herren Genossen schüttelten verständnislos die Köpfe und eilten im respektablen Abstand ihrem Chef hinterher. Das war mein erster und einziger Kontakt mit dem 1. Sekretär des ZK. Viel später habe ich dann seine liebe Gattin Margot Honecker, im Ministerium für Volksbildung aufgesucht, um für meine Annemarie eine berufliche Angelegenheit zu klären. Übrigens mit einem positiven Verlauf der Angelegenheit.
Die X. Weltfestspiele waren natürlich auch von politisch-taktischen Beweggründen gekennzeichnet. Da gab es so eine Geschichte mit den Flaggen der verschiedenen Teilnehmerländer. Laut Protokoll war es so festgelegt, daß auf dem oberen Stadionrund die Fahnen aller anwesenden Länder zu zeigen und zu hissen seien. In dieser Zeit stand ja immer wieder das leidige Problem mit dem Staate Israel zur Debatte. Die Jugend Israels war bereits offiziell eingeladen und ihre Zusage lag bei der Arbeitsgruppe "Internationale Zusammenarbeit" auf dem Schreibtisch. Die geheime "Ratsgebung von Oben" lautete jegliches Aufsehen zu vermeiden, keine direkte Anerkennung mit der Zusage verbinden, die Einreise nach Möglichkeit hinauszögern, damit das "Flaggezeigen "auf ein Minimum beschränkt bleibt. Die Fahne Israels mußte also gezeigt werden. Findige Köpfe entschieden sich für folgende Variante: Am Tage der Eröffnung wird die Fahne gegen 8.OOUhr aufgezogen und um 8.30 Uhr wieder eingeholt, mit der Begründung, die Delegation der israelischen Jugend sei nicht angereist. Für die Mädel und Jungen aus Israel war das auch gar nicht möglich, denn ihr Flugzeug hatten man aus Wien kommend über Prag mit einer längeren Verzögerung nach Berlin ein wenig umgeleitet. Das haben nicht zuständige Mitarbeiter des Org.-Komitees eingeleitet, sondern andere "Leute" eingefädelt. Für solche Fälle gab es immer andere "Zuständige". Die israelische Jugenddelegation traf erst am späten Nachmittag auf dem Flugplatz in Berlin Tempelhof ein. Bis zum Stadion der Weltjugend war es für sie noch ein langer Weg. Als sie endlich in der Hauptstadt der DDR eintrafen, waren die Lichter im Stadion längst erloschen, die nächtliche Stille senkte sich über das weite Stadionrund. Die Israelis waren, mußten leider der Eröffnungsfeier fernbleiben, konnten am Einzug der Nationen nicht teilnehmen und sahen ihre Landesfahne nie auf dem Stadionwall.
Die Nachricht vom Tode Walter Ulbrichts traf uns mitten in einer ausgelassenen, fröhlich, festlichen Stimmung, letztendlich sehr überraschend. Manche von uns waren bestürzt, viele traurig und andere nahmen die Mitteilung nur am Rande auf. Ich glaube, daß die Mehrheit der Festivalteilnehmer es gar nicht richtig wahrgenommen haben. Es sollte so sein, wohl auch auf Verlangen von Walter Ulbricht, daß die Jugend der Welt, das Fest fröhlich, freundschaftlich und friedlich bis zum Ende begehen sollte.
Der letzte Tag der Spiele ging vorüber und am Morgen des nächsten Tages war die Hauptstadt in ein Meer von Trauerfloren, Halbmastfahnen und Bildern des ehemaligen Staatsratsvorsitzenden versunken. Ich weiß es einfach nicht, wer das über Nacht bewerkstelligt hat, aber es war so geschehen. Die X.Weltfestspiele der Jugend und Studenten der Augusttage waren Geschichte; Straßen und Plätze Berlins waren in stille Trauer gehüllt. Walter Ulbricht wurde mit einem ehrenvollen Staatsbegräbnis zur letzten Ruhe gebettet. Ein Abschied in doppelter Hinsicht, denn auch die letzten Delegationen verließen die Berliner Metropole.
Im November des gleichen Jahres gab es beim Ministerrat der DDR eine feierliche Auszeichnungsveranstaltung. Ministerpräsiden W. Stoph überreichte den Organisatoren der X.Weltfestspiele staatliche Auszeichnungen, Urkunden und Medaillen. Auch ich erhielt aus seinen Händen den Orden „Banner der Arbeit“ und am Abend bei einem Umtrunk eine Prämie von 1.000 M. Die Ehrung setzte sich in meiner Heimatstadt Hoyerswerda fort. Viele kamen, dankten für die geleistete Arbeit, so auch der2. Sekretär der Kreisleitung, der mich damals überzeugen mußte.
Heimgekehrt, nach einem ehrenhaften Empfang beim Rat, ging es wieder an die Arbeit. Nun würde ich wieder als Schulinspektor von einer Einrichtung in die andere ziehen und auf Zahlenjagd gehen. Aber nein, weit gefehlt! Meine vorherige Arbeit als Inspektor war wohl für die leitenden Genossen zu lasch gewesen, statistisch gesehen nicht ergiebig genug. Jedenfalls war meine Planstelle schon besetzt und man wollte mich in der Kreisschulinspektion nicht mehr haben. Auch gab es in der Abteilung Vobi viel neues: Das intrigieren, mauscheln hatte sich eingeschlichen, die alte familiäre Atmosphäre war kaum noch gegeben. Plötzlich taugte der alte Kreisschulrat nicht mehr, war wohl zu wirkungslos, kein Durchsetzungsvermögen, zu lasch, naja, Gründe fanden sich immer. Übrigens war das in jener Zeit so gang und gebe. Das abberufen, versetzen, umlenken war damals einfach aus unvorhergesehenen Gründen möglich. Da einer aus gewichtigen Gründen die Kaderabteilung verlassen mußte, war für mich dort eine Planstelle frei und somit wurde ich mit der neuen Funktion des Kadersachbearbeiters vertraut gemacht. Ich tats! Hätte aber doch mich lieber widersetzen sollen und als Kindergärtner, Lehrer, Erzieher, Piolei (Pionierleiter) oder Hortner meinen Dienst tun sollen. Tat es aber nicht und habe in den sauren Apfel beißen müssen!
Mit einer ungenügenden Qualifikation, mit einer allwissenden Mitarbeiterin an einem Schreibtisch mir gegenüber, einem gernegroßen Kaderchef ständig im Rücken ging ich tagaus, tagein meiner neuen Arbeit nach. In einer Kaderabteilung (Personalabteilung) war damals bestimmt schon ein jeder gewesen . Aber ich hatte ja keine Ahnung, welche Probleme kurz- und langfristig da auf mich zukamen. Welche folgenreichen Entscheidungen für so manchen Kollegen ich zu treffen hatte? Am schwierigsten waren für mich die ständigen Neueinstellungen, die richtigen Gehaltsberechnungen, wenn sie krank waren, aus dem Schwangerschaftsurlaub kamen oder einen Arbeitsunfall hatten und und und. Man kann sich gar nicht vorstellen, was eine so arme Beamtenseele für Berechnungsgrundlagen, Paragrafen, Winkelzüge und dergleichen mehr wissen mußte. Ich gebe es ja zu, ich habe mich in diesem Dschungel nie zurecht gefunden, und mitunter mehr Unheil als Nutzen angerichtet. Das schwierigste Problem in dieser Zeit des Wohnungselends - es gab ja davon so wenige - war aber die Wohnraumbeschaffung für die zahlreichen Lehrerabsolventen, Kindergärtnerinnen und Erzieher in unserem Kreis. Na gewiß doch, wir hatten eine Neustadt mit tausenden von mehrräumigen Wohnungen. Nur wer ein wenig tiefer das Wohnungsproblem in der stets wachsenden Stadt Hoyerswerda kannte, weiß mit wieviel Kampf und Krampf dies zu lösen war. Ich also bekam die komplizierte Aufgabe übertragen, hier Hilfe für unsere künftigen Lehrer und Erzieher zu schaffen. Für ungefähr 60 Absolventen jährlich einen Raum, ein Zimmer, eine Wohnung zu suchen, zu beschaffen und schließlich und endlich zu finden, das war in dieser Zeit eine wahrhaftige Wundertat. Dazu brauchte man Charme, Geschick, Hintertürenöffnung, List und Tücke, eine gute Zusammenarbeit mit der hiesigen Wohnungsgesellschaft, der AWG, dem Rat der Stadt und - und - und -..! Vieles gelang - aber bei weitem nicht alles. Heute möchte ich mich noch nachträglich bei den Mitarbeitern der Wohnungswirtschaft der AWG und einer gewissen Frau Pilucha für die umfangreiche Unterstützung aufrichtig bedanken. Mit so manchem Winkelzug, durch Umgehung gesetzlicher Vorschriften und Rangfolgen der Vergabeordnung ist es uns immer wieder gelungen bestmögliches zu erreichen. Noch heute sind mir einige der damals wohnungssuchenden Kollegen dankbar und sie haben dafür sehr beständig und langjährig gute Erziehungsarbeit an unseren Schulen des Kreises geleistet.
Ein sinnvoller Einsatz der jungen Kader in den verschiedenen Einrichtungen der Vobi war gewiß nicht immer leicht. An den POS fehlte es vorwiegend an Staatsbürgerkunde-, Sport- und Musiklehrern, auch Kunsterzieher wurden gesucht und gebraucht. Jene, die wir vom Ministerium, dem Bezirk zugewiesen bekamen, waren so knapp, daß wir so manches Loch in der Kaderbesetzung einfach nicht stopfen konnten. Laufend standen die Direktoren in den engen Räumen der Kaderabteilung und stellten die immerwiederkehrenden Fragen: "Wann bekommen wir den Mathe-Lehrer für die Schwangerschaftsvertretung; wir brauchen einen Kunsterzieher; bei uns fällt schon ein halbes Jahr der Zeichenunterricht aus. Musik ist doch kein Nebenfach mehr, also schafft mir einen Musikanten her!" Solche Töne mußten wir uns in der Kaderabteilung zu jedem Ende des Schuljahres anhören und konnten zu Beginn des neuen Schuljahres nicht alle befriedigen.
Oft gab es auch mitten im Schuljahr einen großen Notstand an einer Schule. Da fiel plötzlich durch Krankheit für längere Zeit ein Deutschlehrer aus. Und das kurz vor den mündlichen und schriftlichen Prüfungen zum Abschluß der 10 Klasse. Die Prüfung für die Schüler war in Gefahr, aber noch viel schlimmer war die Gefährdung der Prüfungsergebnisse der Kreisstatistik. Wenn die versaut wurde, war das Ansehen beim Bezirk gleich im Eimer. Was tun? Da kam ich auf den glänzenden Einfall und vernünftige Idee: Wir schicken einen unserer Schulinspektoren Fachrichtung Deutsch an die Basis. So einer war doch höchst prädestiniert für eine fachgerechte Ersatzbesetzung. Nach anfänglichem zieren und bedenken, wegen der zeitweiligen Aufgabe des schönen Postens in der Abteilung, gelang es mir die Fachkraft zu überzeugen, denn schließlich ging es ja auch um das Prestige des Kreisschulamtes. Der bewußte Kollege ging an die Einrichtung, zumal er ja nun weniger Berichte zu schreiben hatte und kam auch gleich mit den dortigen Schüler gut zurecht. Nachdem die Prüfungen gut gelungen unter Dach und Fach waren, kehrte der erkrankte Kollege wieder an seinen Arbeitsplatz zurück. Nun aber erst kam das "Dilemma"! Der Vertretungskollege wollte partu seinen Platz einfach nicht mehr freiwillig räumen. Lehrer und Schüler hatten sich angefreundet, gut verstanden und waren bestens miteinander ausgekommen. Aber was hilfts, Scheiden tut weh, und die 10. verließ ja sowieso in wenigen Wochen ihr "geliebtes Schulhaus"!
Ja, es gab in der Kaderarbeit so manche schwere Hürde zu überwinden, und die Anerkennung für gutmütig geleistete Arbeit blieb recht oft aus. So kam ich dann zu der Überzeugung, zur Einsicht, dort bist du irgendwie fehl am Platze. Natürlich, wie das so ist, gab es dafür mehrere Gründe, die dazu führten meine Kündigung dem Rat des Kreises, dem Schulrat auf den Tisch zu legen. Als diese dann vorlag, war das Chaos vorprogrammiert. Wie kann ein Mitarbeiter im Dienste des Staatsapparates seinen Arbeitsgeber mit einer schriftlichen Kündigung in die Quere kommen? Das ist vermessen, das ist ungeheuerlich!! Über eine Kündigung des Arbeitsrechtsverhältnisses nachzudenken, zu entscheiden, das kann doch nur letztendlich der Ratsvorsitzende in einem sozialistischen, demokratischen Arbeiter- und Bauernstaat und niemals der Arbeitnehmer selbst. Wo kämen wir dahin in unserem sozialistischem Staatsapparat??!! Die Dienststellen gerieten offenbar in Schwierigkeiten, man war aufgescheucht, daß auch noch mitten im Schuljahr, zum 1.April 1981, einer seinen Posten aufgeben, verlassen will. Ich blieb fest entschlossen, vielleicht auch ein wenig stur und hielt an meinem unumwerflich gefaßten Standpunkt fest. Schließlich hatte man mir ja einen festen Klassenstandpunkt jahrelang eingeimpft und in allen Parteiversammlungen, Dienstbesprechungen habe ich den mit offener Meinung stets geäußert und vertreten. Das immer wieder zu tun, war in der damaligen parteilichen und staatlichen Praxis nicht immer möglich, und wurde leider von vielen Bürgern (einschließlich mir) auch nicht immer ausgeschöpft!
Wie oft saß ich gelangweilt in den Mitgliederversammlungen der Parteigruppe, der APO oder einer Delegiertenkonferenz, so mitunter als Parteisekretär am Leitungstisch und forderte die lieben Genossen auf ein wenig die Diskussion zu beleben, ungezwungen doch ihre Meinung zu äußern, aber die meisten meiner treuen Genossen schwiegen sich munter aus. In meiner APO beim Rat des Kreises waren meist anwesend ein Kaderchef, der Kreisschulrat, unser Kreisarzt, Gewerkschaftsfunktionäre, alles Leute die durchaus etwas zu sagen hätten, sie taten es kaum. Ich glaube, sie waren sehr zufrieden, wenn auch sie während und nach der Arbeitszeit ihre Ruhe hatten? So blieb dann halt immer wieder vieles auch aus ihrem ureigensten Arbeitsbereich untergründig verdeckt, unausgesprochen und machte somit die Versammlungen nicht aufgelockerter oder gar interessanter. Im letzten Jahr meiner Tätigkeit beim Rat wurde ich als APO-Sekretär abgewählt, zwar nur mit ein, zwei Stimmen Mehrheit, und ich durfte nun die Funktion einer anderen übergeben. Sie war aber auch nicht viel besser dran als ich. Das alles war für mich als ewig lebender Funktionär nicht allzu schlimm, denn ehrlich gesagt, allzu viel konnte ich sowieso nicht mehr bewegen. Mein vorgesetzter Kaderchef bekam zwar den Auftrag mich noch als Mitarbeiter beim Rat zu halten, aber ich blieb stur, ich wollte einfach nicht mehr der ewige Lückenbüßer sein. Das gab zwar noch viel Gesprächstoff für die anderen und für die Leitung etwas Ärger, denn wie sollte man nur mit so einer hundsgemeinen Kündigung meinerseits und andererseits umgehen? Also einigten wir uns mit einem Versetzungsantrag im gegenseitigen Einvernehmen, dann war wenigstens die leidige Kündigung vom Tisch. Ich hab sie auch nie wieder gesehen, auch später nicht in meiner Personalakte, sie war einfach für jedermann verschwunden auf nimmer Wiedersehen. Das Duplikat habe ich aber immer noch in meinem privaten Schriftverkehr mit den Behörden, Ämtern und anderen Instanzen. So verließ ich im Monat April des Jahres 1981 die Arbeitsstelle beim Rat des Kreises und meine Schritte richtete ich der Körperbehindertenschule "Dr. Friedrich Wolf entgegen. Dort war der wesentliche Aufbau abgeschlossen und die Einweihung durch den Ministerpräsidenten Willi Stoph konnte mit meiner Anwesenheit erfolgen. Für mich begann nun die letzte Etappe in meinem langjährigen pädagogischen Leben.
Eine neue Arbeit an der Körperbehindertenschule "Dr. Friedrich Wolf "
Der Abteilung Volksbildung beim Rat des Kreises hatte ich nach einigen Querelen ade gesagt. Die Zeit dort war, wenn ich das so rückblickend betrachte, eigentlich ein Schritt, den ich schon viel zeitiger hätte vollziehen müssen. Die ständige Selbstbestätigung, dieser allumfassende statistische Erfassungsformalismus, die notorische Bevormundung seitens der übergeordneten Dienststellen, jene eigenwillige Kaderpolitik und letztendlich das Abhalten der Lehrer, Erzieher und Kindergärtnerinnen von ihren eigentlichen, zugedachten pädagogischen Aufgaben, waren Anlass genug, um die Segel zu streichen. Ich wollte einfach nicht mehr, wie man so schön sagt mit den Wölfen heulen! Der Ehrlichkeit wegen sei es geboten auch festzustellen, daß in der Abteilung die führenden Kader der Meinung waren, daß für einen Mitarbeiter wie mich, das rechte Verständnis einer hohen Leitungstätigkeit, die notwendigen Erfahrungen und auch eine doktrine, bürokratische Qualifikation fehlte.

Werner Gertler (rechts außen) auf einer Maidemo mit den Körperbehinderten
So bleibt mit festzustellen: Ich war mit Leib und Seele Kindergärtner; tat mit Lust und Liebe meine Arbeit als Heimerzieher; betreute nach besten Wissen Kinder und Jugendlich in einem Jugendwerkhof; war jahrelang Erzieher, Lehrer und Heimleiter in Kinderdorf und Kinderheim "Ernst Thälmann" in Kyritz tätig; als Sportlehrer, Lehrer für GEWI, Schulinspektor und Kadersachbearbeiter im Kreis Hoyerswerda oft unterwegs - all das lag nun hinter mir.
Vieles gute konnte ich in dieser langjährigen, pädagogischen Tätigkeit erreichen, vollbringen und war dennoch nicht so recht zufrieden. Gewiß, ich hatte auf vielen Gebieten meine Erfahrungen gesammelt, jedoch fehlte mir noch irgend etwas. Ich hatte noch nie mit physisch und psychisch geschädigten, körperbehinderten Kindern und Jugendlichen zu tun gehabt. Diese Gelegenheit, diese Aufgabe stand nun vor mir. Ich wollte es versuchen, und durfte nach einem verzögerten, diplomatischen 'Versetzungsverfahren" den Dienst in der Körperbehindertenschule antreten. Was würde ich wohl in dieser neu geschaffenen Einrichtung vorfinden, wie werde ich da aufgenommen und was werde ich in den letzten Jahren vor der Rente noch leisten können? Fragen, die vieles offen ließen. Mein bester Wille war, an dieser Schule bis zum Rentenalter durchzuhalten, mag kommen was da wolle. Mein Arbeitsort war mir ja bestens bekannt, da ich ja bereits in der Zeit der Fertigstellung des Objekts zahlreiche Einsätze freiwillig und unentgeltlich - wie Lenin es forderte - geleistet hatte. Freiwillig und "unentgeltlich" waren für mein Handeln immer Leitmotiv gewesen, um beim gesellschaftlichen Aufbau voranzukommen. Von diesen Gedanken waren stets zahlreiche Bürger unseres Landes überzeugt und taten das notwendige. Nach einem fröhlichen Familienwochenende ging ich Montagsmorgen zum Internatsleiter, für mich kein Unbekannter und ließ mich in mein neues Tätigkeitsfeld einweisen. Der führte mich auch gleich zu meiner zukünftigen Betreuungsgruppe. Da standen und saßen sie vor mir an Tischen, im Rollstuhl, die Mädchen und Jungen, adrett gekleidet mit hellwachen Augen und Ohren. Aha, dachten sie wohl, das ist also der "Neue", ein bissel klein, wenig Haare, aber doch von recht kräftiger Statur. Sie, die 16 bis 18 -jährigen, und ich der bald 6o-jährige betrachteten und beäugten uns einander. Sie besuchten alle die 9. Klasse unserer Heimschule und was ich später feststellen konnte mit sehr viel Fleiß und Ehrgeiz. Sie waren sich wohl alle bewußt, was es bedeutet in ihrer Lage ein fundamentiertes Wissen zu besitzen, um überhaupt eine Chance für ein späteres berufliches Fortkommen zu haben. Ich führte diese meine ersten körperbehinderten Schüler bis zum Abschluß der 10. Klasse, sie bestanden allesamt die Prüfung mit guten Ergebnissen und wir haben in dieser Zeit sehr viel erlebt, gemeinsam gestaltet und noch heute habe ich zu einigen eine briefliche Verbindung. In der Zeit meiner Tätigkeit habe ich an dieser Schule viel wissenswertes mitbekommen, gar manches mit den Schülern gestalten können, mehr freudiges als trauriges erlebt.

Im September 2005 findet in Hoyerswerda das 10. von Werner Gertler organisierte Drehorgeltreffen statt
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