Hoyerswerda
DIE HOYERSWERDSCHEN
von René Beder
Die Hoyerswerdschen waren schon immer ein komisches Volk. Schon im Osten. So lang ich sie kenne. Waren die so ostig. So zonengläubig. So rot. Kein Mensch hat das verstanden, aus dem Rest der DDR, wenn er einen Hoyerswerdschen traf. Ich kannte den Sohn eines Majors. Natürlich las der Schukovs Memoiren, als wir gemeinsam auf dem Sportschuleninternat waren. Natürlich empfahl er „Wenn die Kraniche ziehen“ als Film zu dem wir ins Kino gehen sollten. Und natürlich war er lieber ein Kriminalpolizist als ein CIA Mann, als wir auf Verbrecherjagd gingen.
Der Hoyerswerdsche war so unglaublich rot, das wir nur den Kopf schüttelten. In Hoyerswerda war die DDR anders, als anderswo in der DDR. In Hoyerswerda hat man sie gewollt. Mit all den damals möglichen Vorteilen. Neubauwohnung, Bergbaulohn. Zwar alles nicht immer gleich – aber mit berechtigter Aussicht drauf. Denn Hoyerswerda war die „Zweite Sozialistische Wohnstadt“. Und das wollte etwas heißen. Da durfte es lange Zeit nicht einmal einen privaten Optiker geben. Der musste nach Wittichenau. Da sind dann die Hoyerswerdschen, die was mit den Augen hatten, hin. Und sahen gleich viel besser.
Und komischerweise sind die Hoyerswerdschen heute aber immer noch in ihrer ganzen Zukunftsgewissheit ungebrochen. Überall dort, wo der gemeine Zoni die ganze Zeit des Ostens schimpfte, da schimpft er heute immer noch. Von den paar Tagen wo die D-Mark in der Tasche kurz spürbar war mal abgesehen. Wohingegen ich dachte dem Hoyerswerdschen müsste es heutzutage besonders schlecht gehen. Denn gerade für den muss doch eine Welt zusammengebrochen sein. Aber nichts da. Denn der Hoyerswerdsche war zwar komisch irgendwie und nicht zu verstehen in seiner roten Gläubigkeit, aber der Hoyerswerdsche war ein bewussterer Mensch darum. Und deshalb, so meine Vermutung, konnte er viel besser mit dem gehabten System, von dem er selbst auch etwas hatte – auch besser abschließen. Denn er wusste warum, hatte die missglückte Liebe selbst durchlebt. Den anderen, den sich ewig Verweigernden, den ewig Besserwissenden konnte man es ja nie recht machen. Bis heute nicht. Und Bergbaulohn ist heute trotzdem Bergbaurente. In Hoyerswerda heißt es schon: Wenn wir unsere reichen Rentner mal nicht mehr haben.
Noch aber fahren die Rentner hier Neuwagen und laufen in den tadellosesten Klamotten herum. Fast könnte ihr Herz nichts mehr kränken. Doch sie denken gern zurück. An ihre Zeit. An ihre Jahre. Zeit des Aufbaus. Zeit der Liebe.

Und jetzt ist eine Ausstellung im LausitzCenter, dem modernen Einkaufstempel und Flanierort. Jede einzelne Tafel wird genau beguckt. Es geht um die großen, vergangenen Zeiten: 50 Jahre Gas- und Energiewirtschaft. Vom Schaltplan bis zur Wohnung ist alles zu sehen. Die Bergmannsuniform, das Tagebaumodell, Fotos der Brigaden und Werksleiter. Der Chef der Presseabteilung der neuen Firma Vattenfall, der jetzt alles und noch viel mehr gehört, steht am Buchstand und motiviert seine Praktikanten, die die Welt hier nicht verstehen. Leute wie ihre Großeltern, die sich den Tränen nah über eine Werkschronik beugen.
Ein Mann steht neben mir beim Fleischer an der Bistrotheke. Er ist aufgeräumt, trinkt ein Bier und unterhält sich mit der Verkäuferin. Heute ist er in Erzähllaune, denn er hat plötzlich, anlässlich der Ausstellung wieder etwas zu erzählen. Da kommt ein anderer zögernden Schrittes zu ihm heran. Der, der hier gerade noch in aller bester Laune sein Bier trank, will dem, der da auf leisen Sohlen kommt, kaum die Hand geben. Er zögert. Sieht skeptisch auf die Hand des anderen. Dabei waren sie mal Kollegen. Dabei ist der andere bis aus Oranienburg, wo er jetzt mit seiner Frau wohnt, hierher gekommen. „Oranienburg war gut für uns, denn meine Frau kommt aus Frankfurt/Oder“, sagt er. „Da ist es nicht so weit.“, sagt er. Von Hoyerswerda ist es nicht viel weiter. Aber er musste wohl weg. Weil keiner ihn mehr kennen wollte. Ihn, den Stasi Mann. Der natürlich auch herkommt an dem Tag, an dem die Ausstellung über die glanzvolle Vergangenheit eröffnet wird. Er ist enttäuscht. Hat es wohl auch erwartet. Stumm beobachtet er, wie der andere sein Gespräch mit der Verkäuferin abbricht, sein Bier austrinkt und geht. Kaum dass er noch einmal den Kopf nach ihm wendet. Gerade dass er ihm noch erzählen konnte, dass er auf dem einen Auge nur noch 20% sieht. Traurig und allein sitzt der Stasi Mann nun da. Am Tag und in der Kulisse, wo er dachte: Hier wird endlich die Versöhnung sein. Er muss sich mit der einmal gereichten Hand zufrieden geben. Und er geht noch mal die Stellwände ab. Dann setzt er sich wieder resigniert auf eine Bank. Keiner kommt zu ihm heran. Keiner will ihn sehen oder mit ihm gesehen werden. Seine Frau ist in den Läden und kommt ewig nicht zurück. Er soll seine Chance haben. Auf die er so lange gewartet hat, in Oranienburg. Und auf die er hier immer noch wartet auf der Bank im Einkaufzentrum, neben ihm sein Hund, der glücklich scheint.

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