Königswartha




Das Königswarthaer Schloss heute


NATHANAEL GOTTFRIED LESKE

von Siegfried Kohlschmidt

So manche gebürtige Lausitzer konnten sich erst in der Ferne entfalten und gelangten zu Ansehen und Ruhm. Sie mußten ihre Heimat verlassen, denn Politik wurde in den Residenzen und Metropolen gemacht, auch Wissenschaft und Kunst hatten in Lausitzer Gefilden nur ein beschränktes Auskommen. So finden wir an Universitäten und Akademien, in Ministerien und Generalstäben, an Opernhäusern und in Industrieunternehmen Lausitzer Landsleute, die ein großes Lebenswerk schufen. Damit sie in der Heimat nicht ganz in Vergessenheit geraten, sei an solchen „Auswanderer“ erinnert.

Porträt, Kupferstich um 1785

Ein Muskauer Pfarrerssohn

1750 kam aus dem ostpreußischen Rastenburg ein junger Pfarrer namens Leske nach Muskau. Er mußte ein doppeltes Amt antreten – er wurde Archidiakon an der deutschen und Pfarrer an der wendischen Kirche. Kirchenpatron war übrigens Johann Alexander Graf von Callenberg, der Urgroßvater des Fürsten Pückler. Der Pfarrer gehörte in dem kleinen Städtchen natürlich zur „besseren Gesellschaft“, er fand Anschluß, bald auch eine Braut und es wurde Hochzeit gehalten. Und schon am 22. Oktober 1751 wurde ein Kind geboren, getauft auf den Namen Nathanael Gottfried Leske, der einmal zu einem bedeutenden Wissenschaftler werden sollte.

Unter Wenden in Königswartha

Der Vater scheint kein leichtes Los gehabt zu haben, die relativ gute Stellung in Muskau gab er bald auf und zog nach Königswartha bei Bautzen. Hier in rein wendischem Milieu wuchs der Knabe heran, aber stets von Sorgen begleitet, denn er litt an einer Rückgratverkrümmung. An einen geregelten Schulbesuch war nicht zu denken, deshalb gab es quasi Privatunterricht beim Vater. 1765 endlich konnte er eine richtige Schule besuchen, die Frankeschen Stiftungen in Halle, hier sollte später auch der Fürst Pückler ausgebildet werden. Der schlechte Gesundheitszustand von Nathanael Gottfried Leske machte Unterbrechungen mit Privatunterricht durch den Vater nötig. 1769 konnte er aber doch Student werden, nach Leipzig zog es ihn, wo der Bruder Samuel Mitglied der wendische Priestergesellschaft war.



In seiner „Reise durch Sachsen“, aus dem Buch stammen auch die Abbildungen, beschreibt Leske eine Trauung in der Wendischen Kirche in Muskau: „Der Bräutigam hat allezeit einen Degen umhängen, den er aber in der Kirche, ehe er zum Altar tritt, ablegt, und um den Kopf einen aus verschiedenen Blumen, Blättern und Bändern geflochtenen Kranz. Neben ihm steht der Brautwerber. Hinter diesen stehen die übrigen Hochzeitsgäste männlichen Geschlechts. Die Braut und alle Hochzeitsgäste weiblichen Geschlechts sind schwarz gekleidet. Erstere und ihre beiden Züchtjungfern tragen eine schwarzsamtene Mütze auf dem Kopf, die mit einem Reifen, Flitter und Sternchen von Messing besetzt ist. Oben auf der Spitze der Samtmütze steht der Kranz von grüner und roter Seide. Der Hals ist entblößt. Die Weiber dahinter haben um die Haube ein weißes Tuch gebunden. Neben den Frauen steht der Hochzeitsbitter mit seinem Stab unter dem Arm und etwas weiter vorwärts der Schulmeister, der während der Trauung die Gesänge anstimmt.“

Auf der Karriereleiter

Nathanael Gottfried muß ein ungewöhnlich fleißiger und begabter Student gewesen sein, es erfolgte sozusagen ein Karrieresprung. Leske studierte Philosophie, Naturgeschichte und Anatomie, einer seiner Professoren war Christian Fürchtegott Gellert. Nach vier Jahren errang Leske den ersten akademischen Grad, er wurde Baccalaureus. 1774, knapp 23jährig, wurde er Magister der Philosophie und eine Arbeit über die Fischarten in der Leipziger Umgebung brachte die Mitgliedschaft in der Naturforschenden Gesellschaft zu Berlin ein. Selbstbewußt stellte er nun beim sächsischen König Friedrich August III. den Antrag auf eine Professur, die er 1775 auch erhielt – er wurde außerordentlicher Professor für Naturgeschichte – mit 24 Jahren. Und 1778 war er schon Ordinarius für Ökonomie an der Leipziger Universität.

Kurzes Familienglück

Der junge Professor konnte bald eine Familie gründen, 1780 heiratete er Eleonore Sophia Maria Müller. Das war nur scheinbar eine gute Partie, die Jungfrau Müller war die Tochter eines erfolgreichen Buchhändlers, doch bald starb der Schwiegervater und Leske mußte – sicher schweren Herzens – der Wissenschaft ade sagen und die Leitung der Buchhandlung übernehmen. Aus der Ehe gingen ein Sohn, später Verlagsbesitzer in Darmstadt, und eine Tochter hervor. Bald nach deren Geburt starb Nathanael Gottfried Leske am 26.11.1786 an den Folgen eines Reiseunfalls in Marburg. Die Witwe überlebte ihren Mann um 45 Jahre.
Die Buchhandlung lief schlecht, vielleicht war der Professor auch ein schlechter Kaufmann, jedenfalls hatte Leske enorme Schulden und brauchte dringend geregelte Einkünfte einer Professur. Als er sich wieder bei der Leipziger Uni um eine freie Stelle bewarb, wurde er nicht berücksichtigt. Aber sein Ruf war schon weit über Deutschland hinaus gelangt, so daß er schnell Ersatz fand, er sollte Professor für Verwaltung und Ökonomie in Marburg werden, leider mit tragischem Ausgang. Leske war Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften, so u.a. in Petersburg, Stockholm, Burghausen, Lund, Paris, Berlin, Zürich, Frankfurt und Göttingen. Mit allen pflegte er eine ausführliche Korrespondenz, jährlich etwa 800 bis 1000 Briefe wissenschaftlichen Inhalts, schon das Porto trug wohl zu seinem Ruin bei. Da blieb auch kaum Zeit für Buchprojekte, nur ein Titel hat heute noch Bestand: Reise durch Sachsen, 1785 in der eigenen Buchhandlung unter großen finanziellen Opfern herausgegeben. Das Werk war ein herausragender Beitrag zur landeskundlichen, ökonomischen und naturwissenschaftlichen Erforschung eines Teiles der Lausitz. Besonders auch für die Lausitzer Wenden empfand er Verständnis und Freundschaft. Nathanael Gottfried Leske war ein rastloser Wissenschaftler, nur sein früher Tod verhinderte ein ganz großes Werk.

Wendisches Mädchen aus Muskau in Kirchgangstracht. Besonders chic waren damals die hochgepolsterten Schultern. Bemerkenswert fand Leske auch die Schuhe, die „weit natürlicher gefertigt werden als jene mit hohen Absätzen der deutschen Damen, weshalb auch kein wendisches Mädchen über Hühneraugen (Leichendorne) klagt.“

„Nichts ist einfacher und wohl nichts der Natur der Sache gemäßer als die Trauer der Wendinnen. Sie hüllen sich ganz und gar in ein weißes leinernes Tuch.“

Zwei Muskauer Wendinnen in Arbeitstracht, die linke kommt von der Feldarbeit, die rechte bringt Milch und andere Waren in die Stadt.
„Die Wenden sind zwar ohne wortreiche Komplimente, aber nichts weniger als unhöflich. Sie trinken wie die Deutschen, sind nicht tückisch, wie man ihnen Schuld gibt, es wäre denn, daß man ihre gerechte Empfindlichkeit bei den Beleidigungen der Deutschen dafür ansehen wollte, vielmehr mutig, herzhaft, treu, besonders gegeneinander, arbeitsam und zu den größten Strapazen aufgelegt. An Reinlichkeit übertreffen sie fast den Deutschen, üben Gastfreiheit, sind von immer vergnügtem Gemüte und religiös.“

 

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