Leknica


DIE PLÖTZLICHE WUT

So kannte ich sie nicht. Plötzlich dieses Geschrei. Sie rannte dem Mann hinterher. Schlug ihn mit ihrer Tasche und hörte nicht auf zu schreien. Der Dieb bereute es sicher längst. Er entging ihr elegant durch die Versammlung der Zuschauer. Auf dem Markt in Zielona Góra, früher Grünberg. Damals in den Siebzigern, als der Osten die Grenze für ein paar Jahre öffnete. Nicht, dass sie mit meiner Oma, die dort schrie, Mitleid gehabt hätten. Die haben sich nur gewundert. Die haben vielleicht gedacht: Sie ist verrückt. Und ich dachte das in diesem Moment auch. Ich erkannte sie nicht wieder. Und nie wieder habe ich sie so gesehen. So voller hemmungsloser, alles aus sich herausschreiender Wut.
Hier, wegen dieses kleinen Betrugs beim Geldwechseln, kam alles bei ihr hoch: Das verlorene Land, das verlorene Haus, die verlorene Heimat. Von der es jetzt heißt: Die Polen haben uns alles weggenommen und jetzt lassen sie es verkommen und verludern. Wie das da aussieht! Polnische Wirtschaft! Der Pole will nur schachern.
Sie und ihre Familie sind damals, nach der Flucht, wieder zurückgekehrt. In den Teil der Stadt Muskau, der auf der anderen, östlichen Seite der Neiße liegt - und sie haben begonnen Haus und Dach, daß durch russischen Beschuß Schaden genommen hat, auszubessern. Im Keller ihres Hauses verschanzten sich die deutschen Abwehrtruppen. Und rutschten auf dem schönen, schönen Bettvorleger immer wieder herunter, wenn sie in Deckung gehen mussten.
Sie ist noch einmal zurückgekommen, von der ersten Station der Flucht, um Eingewecktes und die Plätte zu holen. Die schwere Plätte! Dabei schlug sie sich immer an den Kopf, wenn sie es erzählte.
An der Neiße wird der Krieg noch gewonnen! Das war die Parole. Aber dann, als alles vorbei schien, kamen die Polen und sagten: Raus! Zurück! Über die Neiße! Auf der Brücke werden sie noch einmal durchsucht, nach irgendwelchen Habseligkeiten, die in den Kleidern oder Mänteln eingenäht sind. Ihre Schwester trug ihren Ring am Finger, konnte ihn nicht abnehmen und verstecken, weil dies ein schlechte Omen für sie war, die viel zu lange schon nichts mehr von ihrem Mann, der an der Ostfront stand, gehört hatte. Sie bekam ihn hier abgenommen. Die Ahnung, dass der Mann gefallen und verloren war, hatte sich vor diesem Tag schon längst erfüllt.
Diesseits der Neiße konnten sie Haus und Hof dennoch sehen. An jedem Sonntag vom Oberpark. Mit der ganzen Aussicht über Stadt und Park. Da stand es noch. Bis es eines Tages weg war. „Steine für Warschau“, hieß es. Und wieder eine verfluchte Ahnung: Wir kommen nicht zurück.
Ihr Vater, einst Familienoberhaupt und Herr im großen Gast-Hause, mit Zentralheizung und Telefon, der jetzt ein Straßenkehrer war und in einer dunklen Zweiraumwohnung wohnte, der hatte also seine Strafe weg.
Erst als Sozialdemokrat in der Stadtverordnetenversammlung – und dann nach einer kurzen Zeit des Versteckens - eingereiht in die braunen Kolonnen und mit einem Parteiabzeichen versehen. Die Leute konnten wieder in seine Kneipe kommen, grüßten mit „Heil Hitler“ – und er grüßte zurück. Die Leute hielten wieder an seiner Tankstelle, grüßten mit „Heil Hitler“ – und seine Schwiegersöhne grüßten zurück.
An einem Sonntag in den Wochen vor Kriegsbeginn hatte er mit seiner ganzen Familie gefeiert.
Haus und Grund waren endlich schuldenfrei. Im August ´39. Alle Gläubiger und die Erbengemeinschaft restlos ausgezahlt. Die Korken knallten und bald die ersten Schüsse. Und wie immer haben es welche gewußt. Auch seine Mutter. Und wie immer wollte man gerade auf die nicht hören. So schlimm wird es schon nicht kommen. Klar.

 

 

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