Leknica/Lugknitz
ERFAHRUNGEN AUF EINER DEUTSCH-POLNISCHEN JUGENDKONFERENZ
von Arielle Kohschmidt
An einem Wochenende im Juli war ich zur Deutsch-Polnischen Jugendkonferenz eingeladen, die von der Otto Bennecke Stiftung veranstaltet wurde. Anlässlich des Deutsch-Polnischen Jahres sollten sich Minderheiten beider Länder über ihre Erfahrungen in der Jugendarbeit austauschen. Mit der Organisation hatte die Stiftung einen Freiberufler beauftragt, der sich mit allem, was östlich der Elbe gelegen ist, gut auskennt. So eine Fachkraft brauchten sie auch. Denn die Stiftung ist in Bonn ansässig. Und Bonn ist genauso fern von Moskau wie von Muskau - sollte sich herausstellen.
Die Fachkraft schlug also ihrem Auftraggeber, die ihr in bester Erinnerung gebliebene Turmvilla in Bad Muskau als Veranstaltungsort vor. Davon wollte in Bonn keiner was hören. „Noch nie was von Muskau gehört“, sagten die dort. Und: „Meinten Sie wirklich Muskau und nicht Moskau.“ Viel besser wäre doch das in Bonn wohl bekannte Tagungshaus in Kreisau bei Breslau. An diesem geschichtsträchtigen Ort (Nazi-Widerständler, der sog. Kreisauer Kreis, hatten sich dort heimlich getroffen) hatte Kanzler Kohl die Anlage zu einem Tagungshaus umbauen lassen. Zur Erinnerung daran, dass es auch „gute“ Deutsche gab. Die hätten doch auch immer freie Kapazitäten, sagten die von der Stiftung. Das wusste unsere Fachkraft auch und sie wusste auch warum. Es gab dort zwar modernste Ausstattung, westdeutscher Standard eben, aber in der Nähe nur ein kleines Dorf und sonst nichts als infrastrukturelle Wüste: Kein Bahnanschluss, keine Busverbindung, kein Kontakt zu den Einheimischen.
Also in Muskau oder sucht euch einen andern, so die Bedingung der Fachkraft.
Lieber in einem Ufo auf dem polnischen Acker als in Ostdeutschland an der polnischen Grenze, meinten die Bonner. Was hatten sie nicht schon für schlimmste Geschichten gehört aus dem wilden Osten. Nicht mal was zu essen bekam man da. (Womit sie allzu meist vollkommen recht hatten.)
Die Fachkraft blieb stur und so einigte man sich doch auf Muskau.
Aber was für ein Jubel ging durch die Bonner Stiftung und wie konnte man sich nun sonnen, als verkündet wurde, dass Park und Schloss Muskau Weltkulturerbe werden: Bad Muskau? Bei uns bestens bekannt. Wir machen eine Jugendkonferenz da.
 An diesem Wochenende im Juli fanden sich also über 70 Interessierte in Bad Muskau ein und wie es sich für ein deutsch-polnisches Projekt gehört, damit der Austausch auch voran kommt, waren für die aus Polen kommenden Betten auf der deutschen Seite in der Turmvilla reserviert und für die aus Deutschland kommenden auf der polnischen Seite: In Leknica im Hotel Europa.
„Hotel Europa klingt ja schön und gut und Polen soll ja jetzt auch dazu gehören. Aber müssen wir wirklich da schlafen?“ War die Reaktion fast aller. Die „Deutschen“ - unter ihnen Marokkaner, Albaner und Vietnamesen - waren geschockt. Sie hatten sich doch alles so schön vorgestellt. So wie sie es kannten, geordnet und deutsch. Pässe hatten einige von ihnen auch nicht, sondern gerade mal Aufenthaltsgenehmigungen: "Und damit kann man auf gar keinen Fall über eine Grenze. Schon gar nicht über eine ordentliche deutsche." So dachten die Algerier und Albaner, die schon deutscher sind als sie glauben, und blieben vor diesem unüberwindlichen Hindernis stehen.
Aber da kannten sie Wojtek nicht: Zuständig für deutsch-polnische Angelegenheiten in der Turmvilla, geübter Grenzgänger und außerdem und vor allem: Pole: Und Polen sind es gewohnt immer das Loch im Zaun zu finden, auch wenn gar keines da ist.
Also alle in den Turmvilla Bus und auf zur Grenze. Ausnahmegenehmigungen hieß das Ziel.
Arbeiten die deutschen und polnischen Grenzer nach der EU-Osterweiterung nun auch zusammen, bei so einer AUSNAHMEGENEHMIGUNG gingen die Wege doch in verschiedene Richtungen. Der nach Warschau sollte sich als viel steiniger und mühsamer als der nach Berlin erweisen. Die deutschen brauchten genau 20 min 10 s. Bei den Polen dauerte es wie immer: Nämlich so lang es halt dauerte. Nach deutschen Uhren 2 Stunden. Dann war´s geschafft. Über den Polenmarkt ging´s die alte Sorauer Chaussee, jetzt Straße des 1. Mai, entlang, vorbei an den Tankstellen zum Hotel Europa.
Was zuerst nach ganz deutscher Art mit einigem Gruseln beäugt wurde, sollte sich schon am nächsten Tag als ungeahnter Vorteil erweisen. Erstens konnten sie auf dem Weg zur Konferenz neben Zigaretten auch noch Socken und T-Shirts erstehen und zweitens: Für Hotelbewohner war der Eintritt für die Disko am Samstag frei: Und das war die größte weit und breit.
Als wir dort um Mitternacht ankamen, war unser Erstaunen groß. Es war überhaupt keine Musik zu hören. Und getanzt wurde auch nicht. Wir drängelten uns durch die Massen und sahen schließlich den Grund: Auf einer Bühne wurde eine berühmte polnische Schauspielerin interviewt. Die sah aus wie eine der schönen, französischen Filmschauspielerinnen aus den 70er Jahren. Das Publikum war begeistert. Fans reckten die Arme nach einem Autogramm. Erst nach 20 Minuten wurde die Musik wieder angemacht.
Und dann sah ich, was ich nie glauben wollte, wovon ich aber immer mal wieder gehört hatte: Den unglaublichen Sex, das vor Lebenslust sprühende Wesen der polnischen Mädels.
"Die sind "weiberischer" als die deutschen Frauen", hatte Wojtek gesagt. Und: "Die Deutschen marschieren, wenn sie tanzen." Ein anderer meiner polnischen Freunde hat es so umschrieben: Der Unterschied zwischen Männern und Frauen in Deutschland ist viel geringer als in Polen.
Gelesen hatte ich davon schon beim Fürsten Pückler. Nach einer Abendgesellschaft in Istanbul schwärmte er von den schönen Polinnen. Von ihrem Reiz, von ihrer Ausstrahlung. Und auch in einem Film von Fellini hatte ich davon gehört. In Amarcord tanzt der Hauptdarsteller mit einer ihm noch unbekannten Frau:
- Er: "Bist du Polin? Nur die Polin hat soviel Feuer in den Augen."
-Sie: "Nein"
-Er: "Dann musst du Tschechin sein. Nur die Tschechin hat dieses glutvolle gewisse Etwas in den Augen."
Und auch heute sind die deutschen Männer dem Charme, der Weiblichkeit der Polinnen zu Hunderten erlegen. Das sagt die Statistik. Die Ehe zwischen einem deutschen Mann und einer polnischen Frau ist die häufigste unter allen Ehen eines/r Deutschen mit einem/r Ausländer/in.
Auf dieser Disko im Hotel Europa in Leknica sah ich noch etwas: Mit mir waren einige der in Polen lebenden deutschen Minderheit gekommen, die viel auf ihr Deutschsein hielten. Und so ängstlich deutsch wie sich die in Deutschland lebenden Albaner und Algerier über den Polenmarkt bewegten, so polnisch tanzten diese in Polen lebenden deutschen Mädels.
Das Essen in der Turmvilla war übrigens ausgezeichnet. Selten im Osten so erlebt.
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