Leknica


ZAUNSAULENTOURISMUS

Die Zaunsaulen stehen noch, hieß es immer in der Sprache meiner Großeltern. Saule für Säule. Nicht nur privat. Ein Dorf in der Nähe hieß Betsaule. Gesprochen Bäätsaule. Schöner, irritierender Name, oft gehört – in den Erzählungen aus der guten alten Zeit.
Niederschlesische Mundart. „Kommok“, „gehok“, „essok“. „Komm doch“, „geh doch“, „iss doch“ - könnte man es sich übersetzen – nur dass es etwas auffordernder gemeint ist als gewöhnlich. Eher mit einem Ausrufezeichen hinten an gedacht. „Gornie“ für „gar nicht“. „Tuok nie“. Für: „Tu das nicht“. Ich wollte als sprachverteidigendes neunmalschlaues Kind immer, dass die Einsicht sich durchsetzt: Nie ist nicht nicht. Nie ist nie und nicht ist nicht. Oft versucht. Immer gescheitert.
Wenn Besuch kam und die auch von „über der Neiße“ her stammten und die Grenze war offen, ging es immer wieder rüber. Über die neue Postbrücke, über den leeren Platz, wo früher Dienstbachs Töpperei stand – was eine riesige Fabrik gewesen sein muss – die Sorauer Chaussee hoch, bis zum Sportplatz, auf dem einstmals Raetsches Glasfabrik stand und gegenüber das Haus ihrer Väter und Vorväter: Noacks Gasthaus, nebst Tankstelle. Der Zaun war blau-weiß gestrichen. Die Farben von Aral.
Und die Zaunsaulen stehen heute noch. Zementverputzt, mit einer jugendstiligen Kopfform und einem jugendstiligen Ornament vorn dran. Als Fels in der Brandung der Zeit. Unbeirrbar. Keines Besseren zu belehren. Oder: Eine gnädige Geste der Polen, die ahnen, wie viele alte, zitternde Herzen an diesen Zaunsaulen noch hängen. Inzwischen sogar meins.
Irgendwann in den Siebzigern, die Grenze war für eine Zeit offen und einige Großtanten und Großonkels kamen aus Köln und Westberlin. Das sind also die, die die Pakete schicken, dachte ich, und die, die ihre Briefe auf einer Schreibmaschine schreiben... die, deren Karten aus Mallorca im Sommer und aus den Dolomiten im Winter auf dem Küchenschrank standen. Jetzt kamen sie, in irgendwie saubereren Sachen als sie die Leute hier trugen. Opa, der alle kannte und mit allen reden konnte, sagte: Mit den Grenzern kann man vielleicht auch reden – oder ins Geschäft kommen. Also ein paar kleine Scheine Westgeld, Schokolade und Kaffee von drüben eingepackt und hin, zur Grenze. Da standen sie nun. Die giftgrünen Ostgrenzer, die überhaupt nicht verstanden, was diese Horde Alter jetzt von ihnen wollte. „Hier dürfen keine Bürger der BRD und Westberlins passieren. Das geht nur, nach vorheriger Genehmigung, in Görlitz.“ „Aber sollen wir denn nach Görlitz und dann wieder zurück, wenn es hier die Brücke gibt. Bitte, nehmen Sie doch – hier, das ist alles für sie - und lassen sie uns bitte rüber.“ „Ich flehe sie an“, sagte Onkel Arnold und faltete seine Hände wie zum Gebet. „Wir sind von dort. Und in einer Stunde wieder zurück.“ Aber der Grenzer war natürlich auch gegen jede christliche Agitation immun.
In der DDR, wo sonst alles auf diese einfache Tour irgendwie doch ging, hier ging es nicht. Ein Fiasko. Eine Pleite, wie Opa zu sagen pflegte. Kopfschüttelnd standen sie noch eine Weile vor der Brücke, um dann endlich fortgeschickt zu werden.
Wie das mit Görlitz funktionieren sollte, hatten sie überhaupt nicht verstanden, obwohl sie wussten, dass es bei anderen schon geklappt hatte. Außerdem waren sie mit dem Zug und nicht mit dem Auto. Vom Bergpark aus, mit einem Fernglas, versuchten sie dann hinüber zu gelangen.
Nun, Jahrzehnte später, ist die Grenze für alle offen und der Ostler muss bei seiner Rückkehr erst zwei mal hinsehen, sich erst noch daran gewöhnen, dass da jetzt ein Schild steht mit einem schwarzen Adler drauf und darunter die Worte: „Bundesrepublik Deutschland“.
Die Hälfte von denen, die damals hier auf die gemeine Ostlertour hinüber wollten, war inzwischen gestorben. Die andere Hälfte geht, wenn auch sehr langsam, bis zu den Zaunsaulen. Und irgend jemand sagt immer: "Die Zaunsaulen stehen noch. Da wohnten Rätsches, da Birnbaums, da Heydens..."
Ja, auf der Hütte, da ging es drunter und drüber – und man hat sich deswegen nicht gleich scheiden lassen - aber das sind wieder andere Geschichten.

 

Die Zaunsaulen


 

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