Leknica/Lugknitz
LEKNICA, FRÜHER LUGKNITZ
von René Beder
In Leknica wurde schon immer Geld verdient. Auch in der Zeit, als es noch Lugknitz hieß. Da standen die großen Glashütten und Töpfereien. Da arbeiteten ein paar tausend Leute. Schon im ersten Weltkrieg wurden manche Betriebe als kriegswichtig eingestuft. Wenn der Vater an der Front war, nahmen Frauen und Kinder seinen Platz in der Fabrik ein. Eine Ahnung von dem, was dort gemacht werden muss, hatten sie ja schon, da sie ihm, solange er noch dort das Brot der Familie verdiente, sein Essen und sein Kaffeekännl hinbrachten. „Auf der Hütte“, so hieß die Gegend. Wurde eine Glashütte neu und besonders groß gebaut, so hieß sie die „Ruhmeshalle“. Eine Anspielung natürlich auf alles Getöse um Sieg und Unbesiegbarkeit. Die Kinder trugen Schuhe nur im Winter und sie schliefen in den Arbeiterwohnhäusern unter dem Dach. Die Kälte dort – und wie man sich zu wärmen versuchte, haben sie ihr Leben lang nicht vergessen. Kinder gab es damals wohl jede Menge, die in neugierigen Rudeln sich ihre Welt eroberten.
Auf der Hütte ging es „drunter und drüber“, hieß es. „Aber deswegen hat man sich nicht gleich scheiden lassen“, hieß es auch.
Heute ist Lugknitz wieder reich und drunter und drüber geht es auch – in Leknica. Dem wohlgenährten deutschen Mann, dem bieten wir uns an. Mit Haut und Haar. Von vorne und von hinten. Und der zahlt, solange er noch kann und hat.
Leknica war eine zeitlang der reichste Ort Polens. Der Markt gebar Millionäre. In den besten Zeiten waren an einem Wochenende über 100.000 Besucher auf dem größten Polenmarkt Europas. Jeder Deutsche ließ im Schnitt 100 Mark dort. Die Läden auf der Muskauer Seite hatten erstens Sonntags zu – und bald auch die ganze Woche. Eingekauft wurde in Polen. Von ein paar rechtschaffenden Muskauern einmal abgesehen. Auf den Straßen und Parkplätzen ging zu dieser Zeit nichts mehr. Ortsumfahrung, Riesenparkplatz, Shuttleverkehr – alles wurde eingerichtet, alles kostete Geld. Doch rein kam nichts. Jetzt ist auch der Boom auf dem Polenmarkt vorbei. Der Riesenparkplatz wieder zugesperrt, die Busse in der Remise. Der Tank-Tourismus funktioniert noch, aber der Preisunterschied ist auch nicht mehr so berauschend. Fisch, Fleisch, Brot gibt es natürlich noch, auch Sonntags – und Gartenzwerge, Korbwaren und was anzuziehen. Zigaretten Tag und Nacht. Und ganz hinten links, heißt es, gibt's Hakenkreuze, SS Abzeichen und andere Devotionalien für die neuen deutschen Kameraden.
Wer Pech hat, kommt aber schlecht wieder zurück. Manchmal wird die Einhaltung der zollfrei ausführbaren Tabakwaren an der Grenze kontrolliert – und der Rückfluss staut sich. Zeit des Wartens und der Besinnung – und sich die Scheiben putzen zu lassen, ob man nun will oder nicht. „Zigaretten!! Zigaretten!! Deutsche Zigaretten!!“ Rufen junge polnische Männer. Der Deutsche, das ist eine Brieftasche auf Beinen, der am liebsten lächerliche, riesige Zwerge kauft - sagten lange Zeit die Händler. Jetzt sind manche sauer und fragen sich und ihren Herrgott, warum das nicht mehr stimmt. „Scheene Jacke! Billig!“ Ruft mir ein Rumäne zu. Ich muss sie anprobieren. Sie wird billiger und billiger. Aber sie gefällt mir nicht. Und außerdem habe ich schon eine. All das will er nicht gelten lassen – und er lässt den Preis wiederum und noch viel tiefer fallen. Die Frauen, die an den Ständen in seiner Nachbarschaft stehen, verstehen die Welt nicht mehr und mich überhaupt nicht. Sie schütteln den Kopf – und fragen sich laut, wie man so dumm sein kann. So eine schöne Jacke, so billig – und der nimmt sie nicht. Stimmt was nicht? Nach drei Monaten müssen sie wieder gehen. Andere kommen an ihre Stelle und versuchen die Jacke täglich auf´s neue zu verkaufen. Früher war auch hier alles besser – und sie haben es sich vielleicht auch schöner vorgestellt.
Geld verdienen lässt sich jetzt vielleicht im Puff oder beim Schleusen durch die Neiße mehr. Doch für den oder die, die dort an vorderster Front arbeiten, wird es so sein wie für die Hüttenarbeiter seinerzeit. Den ganzen Tag bzw. die ganze Nacht schuften sie, halten Leib und Seele hin – für das wenigste Geld und die größte Gefahr.

Kundenfang trotz Sprachbarrieren
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