Liberec/Reichenbach


DR. FRANZ KAFKA

von René Beder

Der berühmte Dichter Franz Kafka kam oft nach Böhmen in den kurzen Jahren vor seinem späten Ruhm und frühen Tod.
Franz Kafka war der Sohn einer Tochter aus einem Rabbinergeschlecht in Prag. Und er war der Sohn eines tschechischen Galanteriewarenhändlers. Eines tatkräftigen Mannes, der es vom Hungerleider zu einem angesehenen Mann gebracht hat. Wir kennen ihn, weil wir seinen Sohn kennen. Seinen Sohn, den er verkannte.
Der Franz war ein Dichter, aber er besuchte die Universität. Der Franz wollte ein Dichter sein, aber er wurde ein Dr.jur.. Der franz wurde Versicherungsbeamter. Alles hätte so schön werden können. Der Aufstieg war garantiert. Die Gehaltsforderungen wurden erfüllt. Er hatte eine Braut. Er musste nicht ins Feld. Im Jahre 14. Die Braut lernte er an einem dreizehnten August kennen. Bei seinem Freund Max. Jahre später, wieder an einem dreizehnten August, wurde ihm seine Krankheit diagnostiziert. Tuberkulose. Er war froh. Er brauchte nun nicht mehr ins Büro. Und auch die Verlobung, die der Feind der Dichtkunst war, konnte nun gelöst werden. Denn er war ein Todeskandidat. Und er wollte ein paar Jahre Ruhe zum Schreiben. Und wenn es im Sanatorium war, im Liegestuhl, mit ner Decke drumrum.
Der Franz war ein hübscher Kerl. Auch im Sanatorium verliebte er sich wieder. Aber bevor ein neuer Versuch, die Liebe unter Dach und Fach zu bringen, unternommen wurde, starb der Franz.

Die berühmten Hochhäuser aus Kafkas Zeit stehen immer noch


In Nordböhmen, da standen die Fabriken. Textilfabriken vor allem und Holzfabriken. In damals Reichenbach, heute Liberec, gab es die ersten "Skyscraper" - das waren 9-stöckige Häuser und eine Attraktion. Und in Prag da stand die K.u.K. Arbeiterversicherungsanstalt für das Königreich Böhmen. Kafka bereiste die Gegend um Reichenbach, heute Liberec, und inspizierte die Betriebe. Jeder Betrieb musste in die Unfallversicherung einzahlen. Aber keiner wollte das Verlangte geben. Lohnlisten wurden gefälscht. Gefährliche Apparate verschwiegen. Kafka versuchte es mit guten Worten, Briefen, Vorträgen, Arbeitschutzideen, technischen Vorschlägen. Aber die Zeiten waren rauh. Warum für einen Arbeiter zahlen, wenn der nicht aufpasst. Kommt eben ein nächster. Aber der Kaiser in Wien, der wollte das nicht so. Zumal es in Deutschland so vorbildlich lief. Also der Franz hatte die störrischen Herren zu bekehren. Einspruch auf Einspruch kam und er hatte zu erwidern. Hatte vor Gericht zu erscheinen und für die gute Sache zu streiten. Mit Erfolg. ¾ der Prozesse gewann er. Nur in den Kriegszeiten wurden die Herren geschont. Burgfrieden nach innen, war die Parole. Außerdem viele Mitarbeiter aus dem Büro an der Front. Kafka wollte auch dorthin. Aber sein Direktor ließ ihn nicht. Sterben konnte er noch früh genug.
Er war einmal so froh gewesen, dass er eine Arbeit mit einfacher Frequenz bekommen hatte, dass hieß, er hatte am Nachmittag frei. Er konnte ins Kino oder durch die Straßen gehen, an seine Dichtkunst denken und sie dann im Haus, das seine Schwester für ihn mietete, nächtelang schreiben. Fürs Büro musste er sich dann entschuldigen – und später kommen.
Im Krieg war's vorbei. Mit der einfachen Frequenz. Kafka schrieb sich um Herz, Verstand und Leben.
Die Fabriken und Schloss Frydlant brachte er mit in die Literatur. Wer Kafka liest, wird vieles wiedererkennen, was heut noch steht, zum Teil leer und ausgestorben, aber doch immer noch groß und unübersehbar genug uns zu erinnern – an das große Schaffen in den Gründerzeiten, an die Arbeit für jeden in den Jahren der tschechischen sozialistischen Republik und an den Dichter Kafka, der hier unerkannt wirkte. Ganz in der nähe der Neißequelle.

Reichenberger Fabrik


Kafka war ein Jude in Prag. Und ein deutscher Dichter. Seine Brüder starben nicht lang nach ihrer Geburt, noch vor der Jahrhundertwende. Damals konnte man noch an Masern und Mittelohrentzündung sterben. Als das schon nicht mehr sein musste, starben seine Schwestern im Vernichtungslager. Von denen blieb niemand. Nur die Schriften blieben. Und wenn es nach Kafka gegangen wär, nicht mal die. Nur sein Freund Max Brod, auch ein Jude aus Prag, auch ein deutscher Schriftsteller, der sah die Sache anders. Brachte Kafka zu einem Verlag und publizierte, was er konnte nach dessen Tod. Er selbst starb im Exil. In Jerusalem.
Nach dem I. Weltkrieg, als die Donaumonarchie zerfiel, wurde tschechisch zur Amtssprache in Prag und so auch in der Arbeiterversicherungsanstalt. Mit dem Krieg verschwanden schon die ausgesuchten kaiserlich-königlichen Umgangsformen in der Korrepondenz der Anstalt und danach, dass sie nun nicht mehr in deutsch nicht geschrieben wurden. Kafka konnte beide Sprachen, schon von Haus aus (es war die Muttersprache des Vaters und die der Dienstmädchen) aber er hatte es nicht mehr so einfach. Er traute seinem tschechisch nicht so sehr, wie seinem deutsch, doch der neue Vorstand, der bestand darauf. Diese vielen Völker im einem großen Reich, wie dem der Habsburger, für die kam nun die Stunde der Selbstbehauptung. Das hieß immer auch, es die anderen - die sich bislang so gut behaupten konnten, deren Zeit jetzt aber abgelaufen war - spüren zu lassen, so wie sie es selbst spürten, all die Zeit davor.

Jetzt soll ja alles anders werden. Jetzt wollen wir es ja noch mal versuchen.


 

Dieser Text ist inspiriert von der Ausstellung "Kafkas Fabriken" im Literaturhaus Berlin und dem dazu erschienenen Marbacher Magazin (100/2002).

 

zurück zur Karte