Löbau


LÖBAU AM NACHMITTAG DES 12.MÄRZ 2005

von René Beder

Schön schief ist die Stadt. Schiefe Straßen, alte Häuser. Mancherorts, zwei, drei Schritte hinter dem Zentrum sieht es aus, als wär die Zeit stehen geblieben. Wie, als wäre der heruntergekommene Osten gerade geschlossen worden. Plötzlich ist eine Stadt, die den Krieg überdauert hat und den Osten, eine tonnenschwere und hässliche Last für alle Kassen & Säckel weit und breit. Aber es lohnt sich. Vielleicht auf lange Sicht. Eines Tages steht ein Besucher hier – und ist dankbar, dies alles zu sehen. Mancherorts glänzt und strahlt es schon. Ganz einsam, goldig, fremd und neu.



Ein goldener Merkur


Vorm Eiscafé stehen Tafeln, was es drinnen alles schönes gibt. Drin sitzt eine alte Frau. Die schweigt und raucht. Sie sitzt an der Tür zum Klo und überblickt das ganze Lokal. Rechts neben ihr, auf dem Garderobenhaken, hängen ihre Sachen die noch aus DDR-Zeiten zu stammen scheinen. Nicht, dass sie den Blick wenden würde, wenn ein zweiter Gast das Lokal betritt. Nein, sie blickt gerade aus, zieht an ihrer Zigarette und vor ihr steht das Kännchen, in dem nichts mehr drin ist. Sofort und ohne weiteren Aufwand hat sie erfasst, dass ich zu der Gattung für sie total unwesentlicher und vollkommen überflüssiger Menschen gehöre. Ein Stutzer, ein Gockel, ein Idiot, der Samstag Nachmittag durch eine fremde Stadt läuft, wo draußen noch der Schnee liegt und drinnen an der Heizung gespart wird. Fast überall. Das ist jetzt so und war mal ganz, ganz anders. „Früher“. Als es noch Kohlenkarten gab.
Vielleicht konnte sie sich noch nicht aufraffen, ein paar Kohlen aus dem Keller zu holen und ging daher ins Café, den Ischias oder Hexenschuss zu kurieren. Oder sie bringt sich die Kohlen modernerweise immer aus der Kaufhalle mit, doch diesmal hatte sie schon genug zu schleppen – und sagte sich: „Die wern schon reichen.“ Zu Hause angekommen, da waren es nur noch zwei und eine halbe trockne Kohle, die lustlos fruchtlos auf dem Blech vorm Ofen lagen. Sich selbst täuscht man doch allerschnellsten, immer wieder. Oder, sie ist schon renoviert und wagte es einfach nicht die Heizung aufzudrehen, aus Angst vor der Rechnung, wo sie schon immer der Schlag trifft, wenn sie nur das Couvert aus dem Briefkasten nehmen muss.
„Bei der Rente ...“ Im Gegensatz zu ihrer Wohnung ist es dann im Eiscafé schön warm.
Ich bestell mir was zu essen. Ein Roulade mit Rotkohl und Kartoffeln. Irgendwann später klingelt die Mikrowelle. Ich erschrecke. Also: Das Essen ist fertig. Aber wie hätte es anders sein können? Chef und Kellner sind in einer Person und ganz alleine im Laden. Mein Tisch ist voller Deckchen, gestickt, gehäkelt oder aus schlichtem roten Plaste maschinell in einer dicken Blütenform ausgeschnitten - und drüber mittendrin die unvermeidlichen Kunstblumen, in der unvermeidlich grünen Vase. Gelernt ist gelernt. Gestaltungsvorschrift für die Preisklasse III. Wie hässlich das werden darf, hat nie jemand gesagt. Gezählt hat nur die genannte Sache selbst, aufgezählt auf einer Liste aus Berlin, die dann abzuhaken war und somit galt. Preismäßig korrekt. Und falls ´ne Kontrolle kam. Und wenn die Augen dreimal schmerzen. (Ich höre schon den Kommentar: „Wenn dem hier mehr nich wehtut, hat er Glück“)
Der Wirt fragt, wie kalt oder warm das Bier sein soll. Soviel feinsinnige Fürsorge – bei einem wichtigen Thema - das ist schon was. Heutzutage eine äußerste Seltenheit, überall. Diese Frage habe ich zum letzten Mal in Annaberg/Erzgebirge im Jahre 1985 gehört. Und nördlicher nie. Er hat zwar keins vom Fass, aber die Flaschen stellt er an so verschiedene Orte, wie seine Gäste es verschieden wärmer oder kälter trinken wollen. Freiberger, Radeberger oder Löbauer. Ich nehm, geh voll auf Risiko, denn die anderen beiden die sind gut, das weiß man, das mir noch unbekannte Löbauer. Es schmeckt im ersten Anzug sehr ok. Hat eine besondere Note. Aber nicht aufdringlich. Vielleicht ist es die Naturhefe, von der auf dem Etikett die Rede ist. Nicht schlecht. Die Blume fällt leider alsbald zusammen und dann sieht es aus wie ein schales Mitropa-Bier. Wie damals, an einem einsamen Samstag in der DDR, im fahlen Mief eines Provinzbahnhofs.
Jetzt kommt ein Mann rein. Ein bisschen heruntergekommen. Alter Anorak, alte Jeans, alte, blaue Wollmütze. Der Wirt und er, sie kennen sich. Der neue, alte Gast bringt seine leere, große Sprite-Pfandflasche zurück. Und nimmt wieder eine „Brause“ und zwei Flaschen Klaren in seinen Beutel. Dann stakt er wackligen Schritts zurück, nach ein paar kurzen, dürren Worten. Dann kommt ein anderer. Der sieht schon besser aus. Bessere, moderne Mütze, besserer Jackenstoff. Bestimmt verheiratet. War mal Stadtrat, stellt sich heraus. Trinkt zwei Freiberger. Und die beiden Ostler, der Wirt und der Stadtrat a.D., freuen sich, dass Hansa Rostock die heutige Partie gewinnt. „Vielleicht bleiben sie ja in der Bundesliga...“ Es wird gehofft und es wird orakelt. „Tja, wenn, dann so und so, aber... „man steckt ja nicht drin.“ „Nee, tja, naja...“
Dann sind sie beim nächsten wichtigsten Thema: Die Jugend von heute. „Die Guten gehen weg und für die anderen gibt es keine Arbeit.“ Ein Satz, der die Sache immer wieder auf den Punkt bringt, man ist sich darin lange einig.
Die Frau vom Wirt ist gekommen. Es wird ein bisschen rumgefrotzelt, rumgeblödelt, rumgekalauert. Plötzlich ist so eine aufgesetzt lustige Stimmung, die vorher gar nicht nötig war. Die Frau vom Wirt mag den Stadtrat. Sein zweites Bier bekommt er zwei Mal. Ihr Mann brachte es ihm gerade. Sie hatte nur seine schöne Stimme und seinen heiligen Wunsch im Ohr, als sie versunken hinten in der Küche stand. Sie bemerkt nicht, wie schnell er es schon bekommt, von seinem Freund und sie sieht nicht, auch als sie schon an seinem Tisch steht, dass schon ein neues, volles vor seiner Nase steht. Sie öffnet ihm sein zweites Zweites und stellt es neben sein erstes Zweites. Erst dann stellt sich, durch seinen helfenden Hinweis, für sie heraus - es ist sein Drittes. Danke. Hat er aber nicht bestellt, sagt er - und schafft er auch nicht. Wirklich nicht. Sie blickt auf den Fußboden, abwechselnd auf ihn und auf das Bier, sie versucht dabei zu lächeln. Außerdem ist bald Feierabend, sagt der Wirt. Klaglos nimmt sie es wieder mit hinter den Tresen, von dem aus sie ihn jetzt immer noch anlächelt. Irgendetwas spürt der Stadtrat, obwohl er ganz, ganz dicke Brillengläser hat. Und außerdem äußerst, äußerst lichtes Haar um seine Glatze herum. Er sieht in ihre Richtung und sagt, dass sie ihm symphatisch ist. Da ist es für einen ganz kleinen Moment ganz ruhig. Sie siezen sich noch. Mit ihrem Mann ist er per du.


Ich frage den Wirt, was er unter einem Milchkaffe versteht. Und eigentlich denke ich, ist es fast beleidigend so zu fragen. Denn wie weit und breit hier nicht gesehen, steht da hinter seiner Theke eine große, rote wenn auch mindestens dreissig Jahre alte original italienische Espressomaschine. (La machina. Originale. Si, si. Würde der Italiener sagen...) Aber der Wirt antwortet, so als wäre die Frage nicht aus Angst vor ungeniesßbarem Kaffee gestellt, sondern vollkommen korrekt: „Das mach ich mit aufgeschäumter Milch.“ Sagt er. Klar was sonst. Ich nicke. "Naja", entschuldige ich mich für meine Frage,„die Maschine ist doch schon aus“. (Und das so lange ich hier drinnen sitze. Also fast schon eine halbe Stunde.) Ach sagt er, das ist alles noch warm. Ich denke, er meint das Wasser, um den Druck recht schnell wieder herzustellen. Aber das, was ich an der Maschine von weitem für das Bohnenfach gehalten habe - ein schwarzer gläserner Zylinder in der Mitte - stellt sich als einmaliges, längst bei diesen Apparaten aus der Mode gekommenes, Kaffeelauwarmhaltegefäß heraus. Also er schäumt die Milch auf. Mit dem Dampf, den das Gerät noch hat. Das macht er nicht oft, so gut wie nie, ist anzunehmen. Denn es beginnt ein endloses Klappern und Hantieren. Ich glaube er schnauft. Aber er schnauft nicht. Dann lässt er die lauwarme, vom Tage abgestande Brühe aus dem Glaszylinder in meine Tasse laufen, bevor er zu guter letzt, etwas von seinem Milchschaum draufgibt.
Ein wacker Kumpan, der das trinkt. Zwei Stück Zucker gibt es dazu. Die braucht man auch. Er meint´s bestimmt nicht so. Und er ist weit und breit der einzige mit so einer schönen Maschine. Die kleinen Hebel mit den Kaffeesieben drin, bleiben umgedreht und abgewaschen auf den Rosten liegen. Oben, auf dem Apparat, werden nicht wie sonst überall, kleine Espresso-Tässchen oder Capuccino-Tassen angewärmt, sondern Biergläser getrocknet. Jeder wie er´s braucht.
Bald habe ich den Kaffee geschafft. Aber jetzt ist wirklich Feierabend. Wiedersehen. Salü.


Ich geh ins Hotel. „Stadt Löbau“. In meinem Zimmer sind die Fenster seit dem Morgenreinigungsrundgang offen. Blick auf die Schienen und die Bahnhofsbrücke. Die Weichen sind geheizt. Das sind viele getaute, dunkle Flecken im Schnee, aber kein Zug der kommt. In zehn Stunden nicht. Draußen sind drei Grad. Ich mach die Fenster zu und dreh die Heizung auf. So einfach kommt man an den Hahn nicht ran. Die Holzkonstruktion des Bettes und des Nachttisches sind in einem Stück davor gebaut. Ich denk mir schon, dass das jetzt dauert, bis es warm wird. Aber keine Chance, nur die Zeit vergeht. Es bleibt kühl. Auch wenn die Heizung auf Volldampf „5“ steht, bleiben die Rippen in ihrem unteren Drittel eisenkalt. „Und dafür wollen die Geld!“. Würde der Berliner sagen. Und nicht nur der. Und dafür muss man mit dem Frühstück um halb zehn fertig sein! Am Sonntag! „Ja, bis halb zehn.“ Kommt's ohne arg gesprochen von der Rezeptionistin. Und wenn man seiner Enttäuschung bzw. Entrüstung Ausdruck verleiht, kommt auch gleich statt einer Entschuldigung die Ausrede, genannt Begründung: „Wir sind dann gleich voll.“ Soll vielleicht heißen, dass dann eine Hochzeitsgesellschaft o.ä. kommt, was viel Arbeit macht, wo man die Tische braucht usw. Aber so ist es nicht, stellt sich am nächsten Tag heraus, sondern es ist jeden Sonntag so. Das Frühstück ist vorbei und kein Mensch ist gekommen, der der irgendetwas will. Auch auf den Anweisungen, die auf dem Zimmern aushängen, kann man es nachlesen. „Halb Zehn.“ So steht es geschrieben. Sicher brauchen sie die Zeit, die Tische für das Mittageessen umzurüsten... Es kommt mir vor, als hätte hier der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund noch das Arbeits- und Pausenzeitenregime.
Die Küche soll gut sein, höre ich Wochen später von einer Schuhverkäuferin in einem Laden der grad dicht macht. Das Gefühl hatte ich auch, als ich die Speisekarte damals las – aber es war zu spät – ich hatte ja schon meine Roulade drin. Die war zwar aus der Mikrowelle und wieder aufgewärmt, aber eigentlich doch von der liebenden Wirtin, mit viel Liebe selbst gemacht.
Im Fernsehen kommt „Otto – der Katastrophenfilm“. Was für ein Mist, denke ich im ersten Moment, während er angekündigt wird. Doch was für ein Trost. In dieser Situation: Unterm dünnen Bettdeck, mit der hoffenden Hand auf den vielleicht doch noch wärmer werdenden Rippen der Heizung.



Löbau auf einem alten Stich

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