Lubomierz

Vor dem Filmfest
SAMI SWOI
von René Beder
Lubomierz wird nicht „lubomirs“ ausgesprochen, sondern „Lubomesch“. Man glaubt sich zwar eine zeitlang zu verhören – aber es ist so. Früher hieß es einmal Liebenthal. Aber das weiß hier kaum noch einer. Heute ist „Lubomesch“ berühmt: Als Filmstadt. Hier wurde vor 30, 40 Jahren die polnische Kult-Komödie „Sami Swoi“ gedreht. Was soviel wie „Unter uns“ heißt. Erst für´s Kino, dann für´s Fernsehen. Über diese ganze Angelegenheit ordentlich zu berichten ist im Rathaus ein Museum angelegt. Darin Fotos der Hauptdarsteller und etliche Requisiten in einem nachgebauten Zimmer aus dem Film.
Davor ein alter Mann, der den Eintritt kassiert und die Gebühr für die Benutzung des Rathausklos. Er schaut mich glücklich an und ist froh, dass ich in´s Museum geh. Neben mir ein junger Herr, der deutsch spricht und mir alles erklärt. Ein älterer, viel dickerer Herr bat ihn, mir alles zu erklären. So mache ich auf den Alten einen maßgeblichen Eindruck. Denn der ältere, dickere Herr ist Abgeordneter im Seijm. Und der stand im Organisationsbüro des Filmfestivals. Als Mann für besondere und repräsentative Aufgaben.
Wenn einer nach Liebenthal kommt, sonst im Jahr, könnte er denken, mein Gott, was für ein ausgestorbenes Kaff. Die alten Häuser am Markt, mit ihren dicken Mauern und Gewölben, die stehen noch. Aber sonst? Und wenn dann jemand erzählt, hier findet ein „Filmfestival“ statt, denkt man wieder: Oh, mein Gott, was soll das schon sein. Die spinnen, die Provinzler. Sitzen drei Leute im Kino, schon reden sie von Festival. Man kennt das ja. Es gibt ja inzwischen mehr Filmfestivals als Tage im Jahr. Aber ich sage euch: Gegen dieses hier ist die Berlinale gequirlter Mist und Cannes eine Kloake. Wenn ich mich daran erinnere: An der Cote d´Azur: Den lauwarmen Schaumwein unter nach Chemie stinkenden, weißen Plastikzelten trinken müssen. Dieses stundenlange Anstehen nach Karten. Dieses Geschrei, damit jemand Berühmtes einmal das Gesicht in die Kamera wendet. Das unbarmherzige Gedränge auf dem arte-Empfang – und der bedingungslose Kampf um den Platz in der Nähe des Redakteurs. Die Filme, die im Parterre laufen, kommen ohnehin gleich ins Kino und im Keller werden die Pornos gehandelt. Furchtbar. Aber Cannes: wie sich das anhört. Vergesst Cannes. Oder Berlin. Es ist dort dunkel und kalt. Und seit dem alles am Potsdamer (Siel)platz ist, kann kein Mensch mehr treten, kein Mensch lernt mehr Berlin kennen – außer dieser geistlosen drängligen Neon-Stickigkeit. Umrahmt von shopping mall und fast food.

Vollkommen anders in Lubomierz. Ein Festival auf dem ganz Polen erscheint – und sich auf dem Marktplatz einfindet. Wo man sich drei, vier Tage amüsiert und für die Kinder Karussells ringsum aufgebaut sind. Am letzten Tag spielt eine berühmte Band, in diesem Jahr die „Wölfe“ – und alle singen mit. Außerdem jede Menge Stände an denen Bier, Süßigkeiten, Gebratenes und Gesottenes oder Tattoos angeboten werden. Ein Fest. Ein Filmfest das den Namen verdient.
Und wir waren mit dabei. Bis um letzten Moment habe ich es nicht geglaubt. Denn ohne Einsendefrist und offizielle Anmeldung brachte ich unseren Film „Männerstadt im Neissetal“ drei Tage vor Eröffnung vorbei. So wie ich Filmfestivals kannte, machte ich mir keine Hoffnung. Meine Chefin sagte aber: Fahr trotzdem hin. Als ich dann im Organisationsbüro stand und die aufgeregte und überlastete Chefin dort für einen solchen unprofessionellen Quatsch keine Zeit hatte, nahm sich der Mann aus dem Sejm meiner an. Er verschaffte mir den Praktikanten, der mich durch das besagte Museum führte (damit ich überhaupt erst mal wusste worum es ging) und damit er in der Zwischenzeit den Herrn Redaktor anrufen konnte. Dem musste ich dann sagen, dass ich überhaupt kein Lustspiel im eigentlichen Sinne hatte. Und ich kam mir so blöd vor, denn dass es hier um Lustpiele ging, soviel konnte man mitbekommen, auch ohne besondere polnisch Kenntnisse. Sondern ich hatte einen Dokumentarfilm, den einige meiner Freunde für lustig hielten. Und um sich das anzuhören kam der arme, schmale, ernsthafte Redaktor von seinem Büro, in einem weiter entfernt liegenden anderen Haus, hierher gerannt. Das einzige, das ich vorweisen konnte, waren die polnischen Untertitel, die unser Film inzwischen hatte. Das war meine Chance. Denn polnische Untertitel brachte nicht jeder mit. Er sah den dicken Abgeordneten an, sah mich an, nahm meine DVD und ließ mir folgendes übersetzen: Er wird es sich ansehen – und wenn – dann Montag Abend – könnte er es zeigen. Mit diesen dürren Worten entschwand er so schnell, wie er kam. Ich schüttelte den restlichen Verbliebenen unseres kurzen Gesprächs, dem Abgeordneten und dem jungen Dolmetscher die Hände und ging. Der Abgeordnete händigte mir noch einen, natürlich schon gedruckten und in tausenfacher Auflage herumhängenden Festivalplan und eine kleine Druckschrift aus. Mit dem Festivalplan schwanden meine hoffnungen wieder. Mit beidem ging ich nun von dannen – und glaubte kein Wort. Niemals würde er unseren Film zeigen. Elegant abgespeist hat er mich, weil der Dicke im schwarzen Anzug neben mir stand. So also sprach ich zu mir und lud meine Druckschriften ins Auto und fuhr zurück. Das war Donnerstag – der nächste Montag stand bald bevor - und kam bestimmt. Ich erzählte unserer Dolmetscherin von dieser Geschichte. Die war ganz begeistert. Sie jubelte und freute sich riesig auf den Ausflug zu DEM Festival. Sie sagte ihrer Freundin Bescheid. Die sollte natürlich auch mitkommen. Und deren Kindern auch.

Ich bereute schon, ihr irgendetwas erzählt zu haben. Wenn ich mich selbst blamiere, na schön. Aber so, vor Leuten die man kennt. Als der Tag ran war, hatte ich überhaupt keine Lust auf so ein Dorffestival zu fahren, auf dem unser Film ohnehin nicht läuft.
Aber ich hatte keine Chance. Ich konnte nicht mehr absagen. Inzwischen hatte ich außerdem von meiner Chefin eine verbesserte Untertitelngsfassung geschickt bekommen. Die sollte ich mitnehmen und gegen die schon abgegebene austauschen. Ich glaubte nicht daran, dass das irgendjemand interessiert, sowie es immer durcheinandergeht, bei solchen Veranstaltungen. Also gedrängt von allen Seiten, doch im Herzen mutlos, fuhren wir nach Lubomierz. Es war schon 18.30 Uhr. Womöglich kommen wir ohnehin zu spät, dachte ich. Und: Wie vergeblich das alles doch ist. Doch als wir ankamen, erhaschten wir noch gerade so den letzten Parkplatz auf einer steilen rasenglitschigen Anhöhe. Dann gingen wir herum. Montag Abend in der „Galeria“ hatte der Redaktor gesagt. Die „Galeria“ war bald gefunden. Ein Haus im englischen Stil. Sah fast aus wie eine neogotische Kapelle mit Wohnanbau. Da stand eine Tafel davor. Mit dem aktuellen Festival-Kino-Abendprogramm. Da kam als letztes: „Good by Lenin“, der berühmte Film und im Beipogramm: „Männerstadt im Neißetal“! Von Arielle Kohlschmidt und René Beder. Ich traute meinen Augen nicht. Jetzt wird's also Ernst. Mein Herz schlug. Dann kam der Redaktor und grinste mich an. So als hätte er all meine Verzweiflung geahnt. Ich gab ihm die verbesserte Fassung. Er gab uns die alte zurück und wollte die neue behalten. Ok. Das war unser Einstieg in die polnische Filmkultur- und wirtschaft. Wie er im Buche steht. Lässig, n ebenbei unkompliziert und doch gut. Auf die polnische Tour eben.
Also derart erleichtert stürzten wir uns ins Vergnügen. Tranken das beste Bier der Woche, aßen den besten Braten, wie schon lange keinen mehr und kauften den Kindern Cola und Eis. So als würde das Zeug vom Himmel fallen.
Während des Filmfestes dienen die Häuser der Stadt als Werbeträger
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