Niesky
EIN VOLKS-TRAUMHAUS FÜR AMERIKA - DER ARCHITEKT KONRAD WACHSMANN
von Siegfried Kohlschmidt
Er hat nur vier Jahre in der Lausitz gewirkt: Aber er hat in dieser kurzen Zeit so tiefe Spuren hinterlassen, daß heute nach über 70 Jahren noch sein Name am Ort seines Wirkens in aller Munde ist, ja, man hat sogar eine Straße nach ihm benannt und in dem örtlichen Museum kann man mehr über den berühmten Mitbürger auf Zeit erfahren. Und man kann in dieser Stadt selbst viele Häuser sehen, die an sein Wirken erinnern. Weltweit steht der „Kurz-Lausitzer“ bei Künstlern, Bauingenieuren, Architekten und Städteplanern hoch in Ansehen. Die Rede ist von Konrad Wachsmann, einem der ganz großen Architekten des 20. Jahrhunderts, einem Pionier des industriellen Bauens, und die Stadt heißt Niesky. Der Name der Stadt ist eng mit der Herrnhuter Brüderunität verbunden und Produkte aus Niesky, Bauten und Verkehrsmittel in Holz oder Stahl, hatten über viele Jahrzehnte weit über die Region hinaus einen ausgezeichneten Ruf hatten.
Avantgarde und Elite
Am 16. Mai 1900 wurde Konrad Wachsmann als Sohn eines jüdischen Apothekers in Frankfurt/Oder geboren. Er lernte Tischler und Zimmerer, wurde Student der Berliner Kunstgewerbeschule, dann bei Heinrich Tessenow in Dresden und wieder in Berlin Meisterschüler bei Hans Poelzig. Berlin war in den 20er Jahren ein brodelnder Kessel, Genie's und Star's traf man in jeder Kneipe, bei jeder Party. Und Wachsmann kannte sie alle. Er traf die Boheme im Romanischen Café, z.B. Bertolt Brecht und George Grosz, und bei Schwannecke die Arrivierten, dort z. B. Heinrich Mann und Karl Kraus. Natürlich verkehrte er auch mit den Architekten der Moderne, von Bruno Paul und Peter Behrens bis zu den Brüdern Taut.
Christoph & Unmack in Niesky
In Niesky hatten zwei Dänen, der Tischler Christoph und der Architekt Unmack 1887 eine Firma gegründet, die ihr Geld mit der Herstellung zerlegbarer transportabler Baracken für das preußische Militär verdiente. Doch schon um 1900 waren Land- und Familienhäuser aus Holzfertigteilen in vielen Typen im Angebot. In den 20er Jahren wurde das Unternehmen zum größten und bedeutendsten Holzhausproduzenten in Europa, der Export ging auch nach Übersee. In dieser Zeit machte die Firma einen mutigen Schritt, der damals aber gar nicht so unüblich war: Sie stellte einen zwar unbekannten, aber hochtalentierten Künstler an – Konrad Wachsmann wurde mit gerade mal 26 Jahren Chefarchitekt. Ein Teil des Betriebes war der spätere Stahlbau Niesky. So kam Wachsmann mit maschineller Serienarbeit in Berührung – Kenntnisse, die er später auf das bis dahin handwerkliche Bauwesen übertrug. In Niesky entwarf er große Hallenkonstruktionen für Bahnhöfe und Industriebauten, Hotels, Krankenhäuser, Schulen und verschiedenste Privathäuser.

Wachsmanns Häuser in Niesky
Einsteins Sommerhaus
Die Stadt Berlin schenkte dem Nobelpreisträger Albert Einstein zum 50. Geburtstag ein Wassergrundstück, darauf sollte ein Sommerhaus erbaut werden. Einstein wünschte sich ein Holzhaus und Konrad Wachsmann erhielt den Zuschlag. Das Haus in Caputh bei Potsdam, heute wieder im Besitz der zwölf Erben Einsteins stehend, wurde ein Denkmal der Wissenschaftsgeschichte und der Architektur. Nur vier Sommer konnte Einstein sein Haus nutzen, dann mußte er emigrieren, wenig später folgte auch der Architekt Wachsmann, sie trafen sich wieder in den USA.
General Panel Corporation
1932 erhielt Konrad Wachsmann den deutschen Rompreis, ein freies Studienjahr in der Villa Massimo. Von dort kehrte er nicht mehr in das inzwischen nationalsozialistische Deutschland zurück. Er versuchte sich in Frankreich und Spanien und konnte schließlich 1938 in die USA emigrieren. Hier traf er die vertriebene deutsche Elite wieder – Gropius und Feininger, Moholy-Nagy, Mies van der Rohe und zahllose andere. Mit Gropius gründete er 1941 die General Panel, die erste, fast vollautomatische Fertighausfabrik der Welt. Sie bauten das amerikanische Traumhaus der Nachkriegszeit, von 5 ungelernten Arbeitern an einem Tag zu errichten. 1949 wurde Wachsmann Professor am Institute of Design in Chikago. Einladungen zu Seminaren und Kursen führten ihn in die ganze Welt, denn er war Cheftheoretiker des industriellen Bauwesens.
Als V.I.P. in der DDR
Nur allzu sehnlichst wünschte sich die DDR für ihr grandiöses Bauprogramm internationale Anerkennung. So gelang es 1979, Konrad Wachsmann als Staatsgast zu holen. Vielleicht sind dem Architekten peinliche Folgen einer intensiven Umarmung erspart geblieben, denn er verstarb am 25. November 1980 in Los Angeles. Seine letzte Ruhestätte fand er aber doch in der DDR – auf dem Waldfriedhof in Frankfurt an der Oder.
Erkenntnisse eines Amerikaners in der DDR 1979
Im Hotel „Stadt Berlin“:
„Hier muß man ein geübter Gast sein. Am besten kommt man ohne Ansprüche über die Runden. Beim Frühstück fehlte die Serviette, die man sich wohl selber holen muß wie die Brötchen, das Ei, die Orange, Käse, Butter, Schinken. Nach diesem Frühsport gibt es dann fast kalten Kaffee, aber dafür sind Milch und Juice warm. Am Morgen ist dieses Hotel besonders ungastlich ... Niemand ist über den jungen Tag glücklich. Selbst die Blumen sehen traurig aus, besonders weil sie aus Kunststoff sind.“
Zu Bauten in Eisenhüttenstadt:
„Ihnen sieht man nicht an, daß es in diesem Land einen Gropius, Mies, Hannes Meyer oder Hilberseimer gab.“
„Ich habe nicht einen einzigen Sakralbau gesehen. Städte ohne Kirchen sind so langweilig wie Städte ohne Bäume, Parks, Theater und Restaurants. Außerdem sind neue Sakralbauten die weiteste Offenbarung der Architektur.“
Im Hotel „Newa“, Dresden:
„Man zwingt mich, Scotch zu trinken, obwohl ich Bourbon will. Fisch ist ja auch nicht gleich Fisch. Wenn ich Forelle verlange, möchte ich keinen Karpfen esse. Überhaupt: Die Majestäten in diesem Land scheinen die Kellner zu sein.“
Zur Prager Straße in Dresden:
„Was man hier als großzügig beschreibt, eröffnet sich in der Realität als Gigantomanie ... Die Proportionen stimmen nicht. Was prächtig sein soll, wirkt deprimierend ... Und was hier als industriell hergestelltes Produkt präsentiert wird, macht mich schaudern.“
Das Erstaunlichste an diesen Erkenntnissen: Sie wurden in der DDR sogar gedruckt: Michael Grüning, Der Wachsmann-Report, Verlag der Nation 1985. Heute noch empfehlenswert, mit Gewinn und Spaß zu lesen.
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