Podrosche/Przewoz
DR. BLENDER IN DER ZOLLKONTROLLE
von René Beder
Wenn man so ein schönes großes Auto hat und an der Neiße entlang fährt und sie dazu hin und wieder kreuzt wird man verhaltensauffällig. Und deshalb immer mal wieder herausgewunken oder wenn man, auch nur kurz, auf einem illegalen Parkplatz am Waldesrand in Neißenähe steht – von den freundlichen Herren aufgesucht. Die klären mich auf, als ich über illegale Schwarzarbeiter spekuliere, die in so großen Kofferräumen liegen: Kein Illegaler kommt zum arbeiten her.
An der Grenze trägt der Zoll jetzt kugelsichere Westen. Wenn ich meine Kofferklappe öffnen muss – und meinen Proviantkorb, samt Brotmesser, das zu sehen ist, so wird als erstes das Brotmesser in Sicherheit gebracht. Natürlich wissen sie nicht, was davon zu halten ist: Bettzeug, Schlüpper, Hemden, Kaffee, Milch, Kamerakoffer, Tonangel etc. kommen zum Vorschein. Es sieht aus, wie bei den berühmten Hempels unter ihrem berühmten Sofa. Bei der jüngsten Kontrolle lagen im Fußraum des Beifahrers noch die Reste vom Schaschlik vom Polenmarkt. Der auch mal besser war. Früher noch mit Leber und Gurke. Heute nur noch mit Putenfleisch und Zwiebel. Oftmals alles ganz schön angekokelt. Zumal Putenfleisch sich nicht so gut macht. Weil's schnell austrocknet. Tja. Da schluckt der Zöllner, wenn er die aussortierten Speckscheiben sieht – und zieht seine Handschuhe noch einmal fest und höher. Dann aber rein ins Bettzug. Ich sag:
„Vorsicht! Da liegen meine drei Mongolen drin.“
Das bringt keinen Lacher. Der Mann vom Zoll zaubert meine Aktentasche heraus:
„Bitte öffnen!"
Ich öffne. Er kommentiert:
„´N Laptop.“
“Ja“, sage ich, „mein Handwerkszeug.“
“Is schon gut.“
“Dr. Blender, mein Name.“
"Was heisst den OPR?", fragt der andere.
Ich antworte mit einem meiner Lieblingsscherze: "Ostpreußen."
Meistens kommt dann: „Glaub ich nicht“ oder ein: „Nun mal im Ernst“.
Hier kommt ein: „Aha.“
So kann's gehen, an der Reichsgrenze.
Und fortwährend werde ich gefragt, ob ich Wertgegenstände bei mir im Fahrzeug habe. Um nicht wieder mit einem plumpen und verdächtigem „Nein“ antworten zu müssen, sage ich, dass ich verschiedene Währungen mit mir führe. Die solle ich herauslegen.
Ich sage: „Ist nicht so viel.“
„Bitte herauslegen“, ist die Antwort.
Ich sage: „Na, da ist wohl schon ne Menge schief gegangen?“
Er verzieht vor lauter unangenehmer Erinnerung das Gesicht und ich stelle mir vor, wie die gewitzten Schmuggler und Verbrecher den Spiess umdrehen und am Ende der Durchsuchung behaupten hier fehlt jetzt ihr schwer verdientes Geld.
Ich lache noch darüber und vergesse zum Schluss noch fast mein eigenes wieder einzupacken. Wobei auffallen muss, dass ich nicht der einzige sein werde, der etwas wieder einzupacken vergisst. Und wenn es eine schöne kunstlederne Börse mit ein paar hundert Kronen oder Zloty ist. Ist sie weg, ist der Ärger wieder da.
Dass ich Reiseschriftsteller bin, wird mit äußerster Heiterkeit aufgenommen. Nach einer Weile scherzhaften Gesprächs verteile ich auch mal meine Visitenkarte. Zum Nachlesen meiner Berufsangaben – und zum Nachlesen meiner Texte auf der dort verzeichneten Webseite. Die wird auch immer genommen – und ich weiß nicht wohin gesteckt. Jüngst machte ich den Vorschlag, dass sie mich auch mal zu ´ner Lesung einladen könnten. Das würde viel Spaß geben – sie nicken – und außerdem würde ich noch unseren schönen Film „Männerstadt im Neissetal“ zeigen. Was ein 1a Musikfilm mit Herz ist.
Inzwischen wurde meine Matratze ausgiebig hochgehoben, ich musste meine Klamottenkisten herausnehmen, auf den Asphalt stellen und außerdem die Motorhaube öffnen. Die Sitze wurden nicht geöffnet. Also gehe ich davon aus, dass es hier nur um die Suche nach Zigaretten geht. So stangenweise geschmuggelte. Das sagt natürlich niemand. Ist ja geheim, die Durchsuchungsabsicht. Muss ja.
Aber: Wenn jemand vom Polenmarkt kommt und schon sagt, dass er nichts eingekauft hat, außer zwei Schaschliks und dabei noch so blöde grinst. Will man dem glauben? Nein! Darf man dem glauben? Nein! Und außerdem muss ja die Zeit rum. Und etwas Entertainment her. Der hat ein großes Auto – sieht aber aus wie ein armer Mann. Und so ein armer Mann, der macht jede Menge Fehler, sonst wär er ja kein armer Mann – und also kann man ihn höchstwahrscheinlich dabei ertappen, wie er schon wieder einen macht. Also ist das unser Mann.
Aber mein Gewissen ist rein. Das ist natürlich selten in der heutigen Zeit - und alles andere als glaubhaft. Dabei hatte ich schon Angebote, als jemand, der in der Grenzregion geboren ist und der sich hier auskennt. 1000$ pro Inder, egal ob ich ihn an der Neiße oder an einem tschechischen Grenzflüßchen abholen will. War mir aber zu heiß. Und ich widerstand der Versuchung. Sonst ist ja ein armer Mann zu allem bereit. Habe aber weiter erzählt, wie ich es machen würde. Haben dann die anderen gemacht – und mir hinterher erzählt, wie schön dass ist, mit den Bündeln Dollarscheinen. Das wäre echtes Geld. Und das reicht ´ne Weile. Na schön, ich bin eben eine Flasche. Mit einem reinen Gewissen. Nur, wie lange kann ich mir das noch leisten – und bald gibt es überhaupt keine Grenzkontrollen mehr – und dann wäre diese Art des Geldverdienens auch wieder mal nutzlos an mir vorübergestrichen. Ach, wenn ich einmal reich wär.
So bleibe ich der Narr. Unterhalte die Grenzbeamten mit meinen Sentenzen, während die sich schauderlich ekeln, sobald sie in meinen Kofferraum hineinsehen. Ich bringe ihnen Sätze wie:
„Ich bin unschuldig.“
Oder: „Nicht schoon wieder eine Kontrolle, ich werde ja nuur noch kontrolliert...“.
Diese Äußerungen machen mich natürlich noch mehr verdächtig. Und spornen die Kollegen an, bei ihrer Suche nach den corpi delictii, weil sie sich durch meine Rede verhöhnt fühlen. Ich aber stehe da wie ein Zigeuner inmitten seiner armseligen Kartons, wie von seinem Zigeunerwagen geladen. Praktische Pappkartons aus denen meine Sachen quellen. Haufen ungebügelter Wäsche. Da trifft mich die Verachtung. Mehr die der vorbeifahrenden Volksgenossen als die der Zöllner, denn die habe ich inzwischen doch ein wenig erheitern können und außerdem bin ich augenscheinlich doch nichts weiter als ein armer & unschuldiger Narr – auf Reisen. Wie ich so inmitten meiner Häuflein stehe und mein Hab und Gut betrachte, denke ich mir:
„Hilfe, so sieht es also aus, dein wunderschönes Leben.“Ich sage zu dem Zöllner:
„Ich habe keine Zeit. Das ist jetzt meine Pause“, erkläre ich, „die steht auch einem Freiberufler zu, der gerade jetzt, nach 19 Uhr zu Mittag gegessen hat.“
Ich sage, dass ich jetzt eigentlich meinen Kaffee trinken wollte. Wie es sich gehört. Unangenehm spüre ich die salzigen Reste meiner Schaschliks. Da können sie nur müde lächeln. So ein armer Mann, allein, unterwegs, der hat doch nichts zu sagen, der hat doch keine Macht.
„Der ist zur Mithilfe verpflichtet“,
werde ich aufgeklärt, also der muss seine Karton selbst heraus nehmen. Auch wenn er gerade Pause hat. So isses! Kein Pardon!
Wie ich dann an die nächste Tankstelle komme, kurz vor Rietschen, ist die schon zu. Eine Tankstelle in dieser Gegend, wo niemand tankt – auf der deutschen Seite der Neiße. War ja klar. Verriegelt und verrammelt. Und so weit am Rande der Stadt, dass sie nicht einmal als Bierklappe funktioniert. Kein Kaffee, keine Zeitung: Schöne Pause.
Statt dass man die Verbrecher ohne unnötigen Aufenthalt passieren und also auch leben lässt. Werden schon sehen, was sie davon haben, von ihrem sündhaften Leben. Ich jedenfalls werde verdächtigt. Zu unrecht. Als armes Schwein von armen Schweinen. Ein armes Schwein zu schlachten, das macht dann schon mal Spaß.
Die anderen und wirklichen Verbrecher sitzen in den klimatisierten Büros, wie wir wissen, in ihren Anzügen – und lassen sich nichts gefallen. Die stehen über den Kämpfen im unteren Drittel – die mich ermahnen & erinnern sollen, ein gesetzestreues, dummes, gefügiges und armes Schwein zu bleiben. Klar doch, kein Problem.
Wir sehen uns wieder. Denn: Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser!
Grenzstau vor Görlitz/Zgorzelec an einem Samstag
zurück zur Karte