Przemkow/Primkenau
JUGENDTAGE DER LETZTEN DEUTSCHEN KAISERIN AUGUSTE VIKTORIA
Auszug aus einer Biographie, erschienen 2008 im Regia Verlag
von Arielle Kohlschmidt
"Mein liebes Primkenau"
Auch in Gotha waren die Tage für die Augustenburger gezählt. 1869 starb Prinz Friedrichs Vater und vererbte seinem Sohn die Herrschaft Primkenau - den Zufluchtsort am Fuße des Riesengebirges in der Nähe von Görlitz, den die Familie nach der Ausweisung aus Holstein 1853 gewählt hatte. Das kleine behagliche und wohnliche Schlösschen mit den eckigen Türmchen, mit dem von Herzog Christian August angelegten Park und der Roseninsel im Teich wurde endgültiger Sitz der Familie. "Mein liebes Primkenau" fasste Dona schnell in ihr Herz. Die ländliche Umgebung war doch ganz nach ihrem Geschmack. Wie schön konnte die begeisterte Reiterin hier über die Felder jagen, wie schön konnte man im Winter Schlittschuhlaufen, im Sommer lustige Ruderfahrten auf der Sprotte unternehmen oder auf die Heuwagen klettern und ein Stück mitfahren. Welch zwangloses Leben. Und zwanglos hielt man sich auch im Haus: "Die Töchter des Herzogs wurden erzogen wie einfache Gutsbesitzertöchter. Sie waren in höchstem Maße anspruchslos, ungekünstelt und schlicht.", erzählte ein Gast der Familie.
Das kam nicht einfach von allein. Dazu gehörte ein gehöriges Maß an Erziehung. Und die wurde im Augustenburgischen Haus sehr ernst genommen. Der Vater selbst erörterte mit den Gouvernanten und Lehrern die Erziehungspläne und verschaffte sich einen gründlichen Eindruck der Leistungen seiner Kinder und ihrer Lehrer. Ein Primkenauer Lehrer berichtet: "Der Herzog verlangte, dass in der Religionsstunde seinen Kindern nicht Worte auf die Lippen gelegt, sondern Geist und Leben ins Herz gesenkt würden. Er verlangte, dass in der Geschichtsstunde jedes Wort vermieden würde, das von den Kindern als Richterspruch über die Völker und Fürsten aufgefasst werden könnte. Den Finger Gottes sollten die Kinder in den Geschicken der Völker erkennen, die Taten der Menschen sollten stets milde beurteilt werden."
Küche und Landwirtschaft wurden den Kindern ganz praktisch nahegelegt. Die Mädchen sollten einmal einem Haushalt vorstehen können. Donas Mutter ließ dafür ein kleines Haus im Schweizer Stil errichten. Ein sogenanntes Cottage. Auf eigenen Beeten zogen die Prinzessinnen selbst Gemüse, deren Zubereitung sie in der kleinen Küche des Hauses erlernten. Dona hatte inzwischen noch zwei weitere Geschwister bekommen: Luise Sophie ("Jaja") war schon in Kiel zur Welt gekommen, Feodora machte 1874 die Familie komplett.
Ein großes und ernstes Ereignis war 1875 die Konfirmation für Dona und ihre Schwester Calma. Christliche Werte lebte man auf Primkenau. Oft gingen die Eltern zu Bedürftigen und Kranken das Notwendigste und Trost zu bringen. Und die Prinzessinnen gingen mit. An Feiertagen, wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten, fand eine regelrechte Bewirtung der Jugend und der Armen auf dem Schlosse statt. Berge von Kuchen wurden verteilt, selbstgefertigte Handarbeiten verschenkt. Dona half gern, half viel und half von Herzen. Einer alten Frau sollen die beiden ältesten Schwestern einmal ihren schweren Wagen einen Berg hinauf geschoben haben, erzählten sich die erstaunten Leute in Primkenau. Und die Mädchen trugen ihre Schultaschen selbst, im Gegensatz zu manch anderer reicher Bürgerstochter. Vielleicht hätten die Mädchen sich auch gern ihre Taschen tragen lassen. Als gut erzogene Töchter des Herzogs mussten sie bescheiden und Vorbild sein.
Trotz aller praktischen Erfahrungen, die die Kinder auf diese Weise erlernten, sie waren doch herzogliche Prinzessinnen und als solche mussten sie auf ihr adliges Leben vorbereitet werden. Dazu mussten sie alle Zutaten für eine gepflegte Konversation beherrschen: Ein bisschen Literatur, Englisch und Französisch und feine Umgangsformen. "Parkettsicher" sollte eine höhere Tochter in jedem Falle sein und kleinere Repräsentationspflichten anmutig übernehmen können. An einen Königshof oder gar Kaiserhof dachte bei ihrem künftigem Lebenskreis niemand. Nur Donas alte Kinderfrau schien hellseherische Fähigkeiten zu besitzen: Sie prophezeite ihr eine große Zukunft. In einem Traum hatte sie Dona auf einem goldenen Thron gesehen. Dona lachte nur darüber: "Ja, als Königin von Primkenau!"

Dona, die spätere Kaiserin Auguste Viktoria (Mitte), mit ihren Geschwistern
Heiratspläne
Was keiner der Augustenburger ahnte: 1875 war die Queen in Gotha und traf ihre Tochter, die preußische Kronprinzessin. Sie war mal wieder auf ihrem Steckenpferd unterwegs: Und das hieß Eheanbahnung. Ihre Ahnung, die sie damals in Reinhardsbrunn hatte, hatte Gestalt angenommen. Prinz Wilhelm könnte eine der beiden so hübsch natürlichen und gebildeten holsteinschen Prinzessinnen heiraten und die Aussöhnung mit dem preußischen Haus wäre perfekt. Diesen Gedanken hatte auch die Kronprinzessin schon erwägt. Es wäre ein leichtes ein paar Familientreffen mit dem befreundeten Paar zu organisieren. Nur wünschte sie, daß ihre künftige Schwiegertochter nicht von "gewöhnlichem fürstlichen Wesen" wäre. Sie müßte die große Welt gesehen haben. Ein Aufenthalt am englischen Hof wäre dafür am geeignetsten.
Genau dorthin reisten die beiden ältesten holsteinschen Prinzessinnen Dona und Calma 1875 - natürlich ohne von den Wünschen der beiden Kupplerinnen etwas zu ahnen. Eine Auslandsreise zum Bruder Herzog Friedrichs an den englischen Hof, der mit einer Tochter der Queen verheiratet war, und danach zu einer Verwandten ins südfranzösische Pau, sollte den Blick erweitern und nicht zuletzt die Sprachkenntnisse vervollkommnen. So hatte es sich Herzog Friedrich für seine Töchter gedacht.
Dona tauschte ungern ihr Primkenau gegen die weite Welt, aber sie fügte sich dem Willen ihres geliebten Papas.
Am englischen Hof traf die knapp 17-jährige "rein zufällig" auf ihre Kinderbekanntschaft Prinz Wilhelm von Preußen. Gerade stürmisch konnte man beider Reaktionen nicht nennen. Ganz im Gegenteil. Im Herzen trug jeder von ihnen ganz andere Heiratswünsche. Dona hatte für sich den jungen Ernst von Sachsen-Meiningen auserkoren und Wilhelm ging seine Cousine Ella nicht aus dem Kopf. Nur, Ella ging andere Wege. Sie heiratete den Großfürsten Sergej von Russland. Wilhelm soll aus diesem Grunde so verletzt gewesen sein, dass er seine geliebte Cousine nie mehr wiedersehen wollte.
Dona allerdings sah er wieder. Die Familien arrangierten eifrig ein Treffen nach dem anderen, in Gotha oder auch in Potsdam. 1879 war es dann vollbracht. Hören wir Wilhelm selbst: "Im April 1879 begab ich mich nach Görlitz zur Auerhahnjagd und benutzte die Gelegenheit, um die herzogliche Familie in dem unweit gelegenen Primkenau aufzusuchen." Bei diesem Besuch wurde "mein lange im Stillen gehegter Wunsch in mir zum festen Entschluss." Allzu lang allerdings soll "Wilhelm der Plötzliche", wie er einmal von Ella genannt wurde, diesen Wunsch nicht in sich getragen haben. Und so schnell der Entschluss gefasst wurde, so schnell stellte er auch seinen Heiratsantrag. Die Gefragte nahm ihn überaus erfreut an.
"Aber wenn man ihn liebt"- Abschied von Primkenau
Mit Wilhelm und Dona hatte sich eine Verbindung aus Neigung ergeben, die ganz im Sinne der Familienpolitik des Kronprinzenpaares und der Queen war. Für einen künftigen preußischen Thronfolger war das noch nicht genug: Der Kaiser musste zustimmen. Kronprinzessin Victoria übernahm diese schwierige Aufgabe. Denn abgesehen davon, dass der Kaiser das Augustenburger Haus gewiss zu unbedeutend und unvermögend für eine Verbindung mit dem preußischen befinden würde, standen staatsrechtliche Schwierigkeiten im Wege: Der Augustenburger Herzog hatte seine Ansprüche auf die von Preußen annektierten Herzogtümer Schleswig und Holstein noch nicht aufgegeben. Doch für Herzog Friedrich sah die Lage jetzt anders aus. Dem Glück seiner Tochter wollte er nicht im Wege stehen. Denn schaute er sie an, konnte er sehen, dass sie keinen andern als Wilhelm mehr wollte. So beugte Herzog Friedrich sich ihr - und der Nation - und verzichtete auf seine Ansprüche: Denn würde Schleswig-Holstein zu Dänemark gehören, würde er kämpfen, sagte er. Da es jetzt aber zu Preußen und somit zum Deutschen Reich gehörte, so wolle er sich dem nationalen Gedanken unterordnen. Auch Dona wurde mit Unverständnis in ihrer Verwandtschaft konfrontiert: "Ich könnte keinen Preußen heiraten.", erstaunte man sich. Aber wenn man ihn liebt.", soll die künftige preußische Prinzessin geantwortet haben.
Die Verhandlungen über einen Ausgleich zogen sich über Monate hin. Aber schließlich war es geschafft. Der Kaiser stimmte dem Heiratswunsch zu, auch wenn er immer noch nicht sehr glücklich darüber war. Es waren nicht die letzten Schwierigkeiten, die das Paar und vor allem die Braut zu überwinden hatte.
Die Verlobungs- und Hochzeitspläne wurden im Januar 1880 durch ein völlig unerwartetes Ereignis durcheinandergewirbelt: Donas Vater war den Folgen eines Herzinfarktes erlegen. Die Augustenburgische Familie trug Trauer. Dona litt schwer unter diesem Verlust. Zeit zum stillen Gedenken blieb ihr kaum. Schon einen Monat später hatte man in Gotha die inoffizielle Verlobung arrangiert. Damit kein Verdacht aufkam, lud der Herzog von Coburg zu einer Jagd. Dennoch gab es die ein oder andere Vermutung, dass der im herzoglich-coburgischen Wagen vor das Holsteinsche Palais vorfahrende Prinz Wilhelm etwas mit den holsteinschen Prinzessinnen zu tun haben müßte. Aber wenn ja mit welcher? Gräfin Keller, die einmal Donas Hofdame werden sollte, schrieb: "Diese Frage sollte sich für mich einige Stunden später einwandfrei lösen, als ich den Prinzessinen auf der Treppe begegnete und Prinzessin Karoline Mathilde mir unbefangen wie immer die Hand reichte, Prinzessin Viktoria dagegen sehr verlegen war " da wusste ich, sie musste die Erwählte sein!"
Schon am nächsten Tag fuhr Wilhelm wieder zurück nach Potsdam, um ja kein Aufsehen zu erregen. Und Dona selbst sollte mit ihrer Schwester Calma noch einmal nach England fahren, um sich am englischen Hof den letzten Schliff zu holen. Die Queen schien mit ihr sehr zufrieden gewesen zu sein. Ein Brief der Kronprinzessin Victoria an ihre Mutter macht das deutlich: "Ich bin entzückt, dass Du Viktoria nett, liebenswürdig und hübsch findet. Ich habe sie immer dafür gehalten und ich bin sicher, dass sie aller Herzen gewinnen wird. (...) Ihr Lächeln, ihr Wesen und ihr Ausdruck müssen sogar die borstigen, dornigen Berliner mit ihren scharfen Zungen und ihrem schneidenden Sarkasmus über jeden und alles entwaffnen."
Dass Dona alle Herzen gewinnen konnte, sollte sie noch bitter nötig haben. Anfang Juni wurde die Verlobung feierlich und offiziell bekannt gegeben. Das Volk war enttäuscht. Am preußischen Hof war man "not amused". Ein Mädchen vom Lande, eine schlechte Partie, die "Holsteinkuh", wie Bismarck sie nannte. Man moserte an der Jugend des Prinzen, oder daran, daß die Braut ein paar Monate älter war als er. Aber darum ging es gar nicht. Dona befriedigte einfach nicht die Eitelkeiten des preußischen Volkes, "dass sich seit 1871 für das einzig große in der Welt hält". "Die Braut war in dieser für sie sehr schwierigen Situation sehr nett und taktvoll.", schrieb ein Zeitgenosse und das sollte die Wendung bringen. Den Anfang machte der alte Kaiser. Nach dem Vorhergegangen bin ich nicht bezahlt, für sie eingenommen zu sein. Daher freut es mich, sagen zu müssen, dass sie nach allen Richtungen meine Erwartungen übertrifft; sie (...) würde in der Gesellschaft als eine sehr hübsche Erscheinung auffallen; schlank, blond, sehr angenehmer Ausdruck, natürlich und doch würdige Haltung ohne Steifheit, freundlich gegen jedermann." Und noch deutlicher wurde seine Neigung: "Sie gleicht meiner Mutter.", sagte er gerührt. Seine Mutter war die vom preußischen Volk so geliebte Königin Luise. Ein höheres Lob konnte er ihr kaum aussprechen. Wie dem Kaiser, so ging es den meisten. Hatten zwei hohe Generäle gestern noch über die Braut gelästert, mussten sie, nach dem sie ein wenig mit ihr geplaudert hatten, ihre allzu schnell gefasste Meinung revidieren. Donas Auftreten, Haltung und Erscheinung wischte fast jede missgünstige Phantasie mit einem Handstreich davon.
Bevor Dona nach Berlin zur Hochzeit reiste, musste sie Abschied nehmen. Von ihrem lieben Primkenau. Ein Abschiedsgottesdienst wurde ihr zu Ehren gegeben. Dona hatte sich ihr Lieblingslied gewünscht: "Jesu geh voran". Dem Geistlichen kamen Bedenken: Sollte man den zweiten Vers, in dem es heißt: "Soll´s uns hart ergehen, lass uns feste stehen", nicht doch lieber weglassen? Dona beharrte auf ihrem Wunsch: "Nein, der soll erst recht gesungen werden! Ich glaube durchaus nicht, dass ich in meinem neuen Stande immer auf Rosen wandeln werde. Doch ich hab einen Trost. Prinz Wilhelm denkt wie ich und ich wie er, wir haben uns vorgenommen alles gemeinsam zu tragen, so wird uns auch das Schwere leicht werden."
Und sie hatte recht. Die Standfestigkeit konnte sie schon sehr bald gebrauchen: Bei den tagelangen, sehr, sehr anstrengenden Hochzeitsfeierlichkeiten, bei denen jede Menge höfischer Glanz entwickelt werden musste.

Schloss Primkenau
Einzug in Berlin
In einer gläsernen Kutsche, gezogen von acht Rappen, fuhr Dona am 27. Februar 1881 durch die geschmückten Straßen Berlins, umjubelt von einer riesigen Menschenmenge. Die Herzen des bis vor kurzem noch voreingenommenen Volkes flogen ihr zu. In ihrem hellblauen Kleid mit Goldbrokat muss sie entsetzlich gefroren haben an diesem Wintertag. Sie durfte schon einmal üben, was sie in späteren Jahren perfekt beherrschte. Sie lächelte und lächelte und lächelte...
Am nächsten Tag fand in der Kapelle des Berliner Schlosses die Hochzeit statt. Die Jungvermählten waren nach dem traditionellen Fackeltanz, der am Abend die Feierlichkeiten beendete, aber noch lange nicht entlassen: Rund 200 Deputationen waren in den nächsten Tagen zu empfangen. Getreu schüttelte die junge preußische Prinzess die vielen, vielen Hände, hörte tausende neue Namen, führte nicht müde werdend Konversation. Darauf folgte der Einzug in Potsdam, wo sie ihren künftigen Wohnsitz nahmen, dann der Empfang des diplomatischen Korps und und und... Ein Knochenjob. Vielleicht hat Dona hier zum ersten Mal begriffen, dass sie nun nicht nur Ehefrau geworden war, sondern Repräsentantin eines großen, mächtigen, europäischen Hauses, die als erstes ihrem Staat dienen musste und dann erst an sich denken durfte. Selbst die geplanten Flitterwochen mussten wegen des nicht abreißenden Protokolls aufgegeben werden. Prinz Wilhelm war Soldat und musste preußisch-pünktlich bei seinem Regiment erscheinen. "Wenn ich einmal etwas zu sagen habe, sollen die Feierlichkeiten nach der Trauung, wenigstens für das junge Paar, fortfallen.", beschloss Dona nach der Hochzeit und setzte es später auch so durch. Nach dem Fackeltanz durften ihre Kinder ganz zweisam nach Schloss Hubertusstock fahren.
Eine positive Auswirkung hatte die ganze Anstrengung: Die Missbilligung, die man ihr anfangs entgegengebracht hatte, war vollends verschwunden. Die Gräfin Keller schreibt: "Die Begeisterung, die die Prinzessin überall hervorruft, ist eine große Freude für mich. Sie nimmt die Herzen wirklich im Sturm ein, aber wie reizend ist sie auch! Die Sicherheit und Ruhe, mit der sie durch alles hindurchgeht, ist staunenswert. In dem Maße habe ich es nicht erwartet. Überhaupt scheint sie mir oft wie eine ganz andere Person, und mir ist, als müsste ich die alte Prinzessin Viktoria erst herausfinden und die neue Prinzess Wilhelm kennen lernen."
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