Schleife


DAS ROTE BUCH –
über den Versuch eine Tischler PGH zu gründen

Auszüge aus dem Buch "Mit handwerklichem Gruß": Geschichte der letzten 50 Jahre
des südbrandenburgischen Handwerks (CGA Verla, Cottbus)

von Arielle Kohlschmidt & René Beder

Ab den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts sollte in der DDR auch das Handwerk kollektiviert werden - in den Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH). Unter großem Druck gründeten sich schließlich auch viele PGHs, viele kleinere und größere Betriebe wehrten sich aber erfolgreich. Eine solche Geschichte aus den 70er Jahren beschreibt Heinz Mudra, Tischlermeister aus Schleife. Die damaligen Geschehnisse hielt er in einem roten Buch fest, für das er - wie es sich für einen Tischler gehört - ein Geheimfach in seinen Schreibtisch eingebaut hatte. Hier eine gekürzte Fassung seiner Aufzeichnungen:

„Als ich 1970 die Leitung der Kreisgeschäftsstelle in Weißwasser ehrenamtlich übernahm, bin ich sofort wieder mit dem PGH Beitritt konfrontiert worden. Die PGH-Vorsitzenden im Kreis und auch einige Genossen sind gegen meine Benennung Sturm gelaufen. Sie wollten es einfach nicht hinnehmen, daß ein privater Handwerker den Vorsitz übernahm. Eigentlich bin ich durch den LDPD Bezirksvorstand auf diesen Posten gehoben worden. Zu den regelmäßigen Leitertagungen in Cottbus hatte ich die Gelegenheit bei der Auswertung der laufenden Wettbewerbe auch die Planziffern der Tischler PGH des Bezirkes einzusehen. Hier stellte ich mit Erschrecken fest, daß wir eine höhere Pro Kopf Leistung hatten. Mit der Leiterin der ÖVW (Öffentliche Versorgungswirtschaft) hatte ich gleich am Anfang einen Disput zur PGH Bildung, der am Ende unfreundlich endete. Ich hatte mir zur Argumentation alle Planzahlen aufgeschrieben und ihr dann unter die Nase gehalten, auch die der Tischfabrik Finsterwalde. Ich habe ganz einfach die gefertigten Tische durch deren Mitarbeiter geteilt. Zu den 800 Mitarbeitern gehörten Partei-, FDJ- und Gewerkschaftsleitung, Wachschutz, Küche usw... Da mußte ja weniger bei rauskommen. Am Ende hatte ich fast ein Verfahren wegen Spionage am Hals. Das durfte ich überhaupt nicht wissen.
Im Frühjahr 1974 fand wie in allen Jahren zuvor eine Finanzprüfung bei mir statt. Bei dieser Prüfung wurden Verstöße wegen Lohnzahlungen an meine Beschäftigten festgestellt. 1,46 M pro Stunde durfte ich kalkulieren. Der Mann hatte aber 3,00 M gekriegt. Die nachzuzahlende Summe sollte fast 17 TDM betragen. Da diese Summe nicht aufzubringen war, habe ich bei der Handwerkskammer des Bezirkes Hilfe gesucht. „Wenn ich eine PGH mache, könnte die Nachzahlung erlassen werden“, hieß es.“ Welche Unruhe sich unter den Tischlern breit machte, zeigen die Tagebuchaufzeichnungen:

08.03.75 Franz
Er hat mich heute aufgesucht und erklärt (ich solle mit niemandem darüber reden) daß er auch bereit ist einer PGH beizutreten. Er will nur seine schwarzen Bestände nicht versteuern. Es soll ein Schreiben vorliegen, wo jeder Tischler unterschrieben hat, nur gemeinsam eine PGH zu bilden. Seine Leute wären nur bereit unter seiner Leitung einer PGH beizutreten.

10.03.75 Horst
Er hat große Bedenken, wenn ich PGH mache, daß die anderen Handwerker darunter leiden. Wenn ich nicht mitmache, gibt man mir bei eventueller Krankheit auch Unterstützung. Ich bin der große Anfang, er kann schon nicht mehr ruhig schlafen. Nach seiner Ansicht dient die Sitzung am Mittwoch als Vorentscheidung. Ob der Rat des Kreises mich gekauft hat?

12.03.75 Franz
Er hat den Auftrag der Tischler, wenn ich in Geldnot bin, mir eine 5stellige Summe zu bieten. Ich solle es mir unbedingt überlegen.

„Als Leiter der Kreisgeschäftsstelle habe ich sehr viele PGH zur Jahreshauptversammlung besucht. Daher waren mir viele Probleme bekannt, insbesondere was die Wahl des Vorsitzenden betraf. Das führte automatisch dazu, daß ich die PGH Gründung mehr als kritisch betrachtete.“ Am Ende sollte es auch weniger Geld sein. Dies „hat mich darin bestärkt, erst eine PGH zu bilden, wenn die Entlohnung 100% abgesichert ist, auch die meiner Frau.“

Heinz Mudra wollte für sich 1000 M und für seine Frau als Buchhalterin 600 M. Mit schriftlicher Bestätigung vom Kreis.

Eine PGH kann ein Betrieb nie alleine gründen. Und weil kein anderer Betrieb freiwillig mitmachen wollte, gab es jetzt Steuerprüfungen auch bei anderen Tischlern. Und wo eine Fliege in der Suppe gefunden werden soll, findet man auch eine. Plötzlich stimmten einige Betriebe der PGH Gründung zu – und zogen kurz darauf ihre Einwilligung doch wieder zurück. Bei Mudras brannte der Schutthaufen. Es gab Gerüchte, Drohungen und Sticheleien, Versammlungen und erregte Telefonate. Nur 2 Tischlereien wollten sich letztlich zusammenschließen. Das Gründungskommitee war schon gebildet. Da errechnete der Finanzer der Handwerkskammer rote Zahlen für die zukünftige PGH. Zu Heinz Mudra sagte dieser, er solle sich in Ruhe noch einmal sein Betriebsergebnis von 1974 anschauen und aus dieser Sicht seinen Entschluß noch mal überdenken. Da Heinz Mudra auch immer noch keine schriftliche Bestätigung für das geforderte Gehalt bekommen hatte, zog er nach außen hin unbemerkt seine Zustimmung zur PGH Gründung zurück. Am 19.01.1976 erhielt er kommentarlos seine Unterlagen von der ÖVW zurück. Die Strafe zahlte er mit Hilfe eines Bankkredites.


Eine "Nach-Wende" Geschichte einer Tischlerei:

„Wir haben unsere Firma weitergegeben. Der Sohn hatte schon seinen Meister. Die Tochter war arbeitslos, aber kaufmännisch gut bewandert. Dann hatten sie ihren ersten Großauftrag. Ein 12-Familien Ökohaus bei Potsdam. Ein von der Regierung Brandenburgs gefördertes Projekt. Der Bauminister weihte ein. Die ersten Raten wurden bezahlt. Die Kinder hatten mit ihren 6 Beschäftigten ein halbes Jahr Arbeit, wie Spezialtüren und den Innenausbau. Als es fast fertig war, haben wir gemerkt: Die Kinder können ja ihre Rechnungen nicht bezahlen, denn für diesen Auftrag hatten sie kein Geld mehr bekommen. Da haben wir das bissel, was wir gespart hatten, dazugebuttert. Immer in der Hoffnung sie kriegen das Geld doch noch. Keine Chance. Mein Mann hat gesagt: „Die Türen holt ihr zurück, die hängt ihr wieder aus.“ Der Anwalt hat gesagt: „Ja könnt ihr machen. Aber dann kriegt ihr noch ein Verfahren angehangen. Ihr müßt ausliefern.“ „Hätte der ein Fenster von euch geklaut, hätte man die Polizei einschalten können, weil das ein Verbrechen ist. Aber wenn einer sein Geld nicht bezahlt, ist das nur ein Vergehen.“
Wir haben komplett ausgeliefert und keine Mark dafür gekriegt. Niemand hat uns geholfen. Der Auftraggeber selbst war Jurist, der wußte, was er tat. Bei einem anderen zur gleichen Zeit laufenden Groß-Auftrag war der Auftraggeber nach der Übergabe des Hauses verschwunden. Der hat viel Geld kassiert, aber den Handwerkern hat er kaum was bezahlt. Als klar war, daß wir von den Auftraggebern kein Geld mehr bekommen, ist unsere Tochter zur Bank, um darüber zu reden. Am nächsten Tag waren alle Konten gesperrt, auch die privaten und das von der Post Agentur, was gar nicht ihr Geld war.
Was wollen sie dann noch arbeiten? Dann können Sie nichts mehr.Und das schlimmste war: Was wir unser ganzes Leben lang hart erarbeitet hatten, haben die für einen Appel und ein Ei versteigert.
Mein Sohn ist dann sehr krank geworden und ist jetzt in seinem Beruf gar nicht mehr 100% belastbar. Er arbeitet in verschiedenen Tischlereien, aber immer nur ein Viertel Jahr, solang das Arbeitsamt fördert. Zum Meisterlohn stellt ihn keiner ein.
Meiner Tochter haben sie bis zum Ende des Insolvenzverfahrens erst mal alle Last angehangen. Die haben sie solange bearbeitet, bis ihr Haus für die Bank verkauft worden ist. Da stand sie da. Mit zwei erwachsenen Kindern. Sie war so fertig, daß sie versucht hat Selbstmord zu begehen. Dann wollte sie nicht mehr in unserem Ort bleiben. Sie hat sich hier nicht mehr wohlgefühlt und hat sich eine Umschulung in Berlin gesucht. Ihr Mädel machte grad das Abitur. Die haben wir aufgenommen. Der Junge hatte die Lehre angefangen, den hat meine andere Tochter aufgenommen. Ihm fiel es sehr schwer hier wegzugehen. Das kann man als normaler Mensch nicht verstehen, wie das alles so läuft. Das hat ganz lange gedauert bis wir drüber weg waren. Ich konnte nicht mehr reden. Ich hab nur noch geheult. 2001 hätten wir 70jähriges Jubiläum gehabt.“

 

 

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