Weißwasser


Bahnhofsangestellte mit Vesper

 

BAHNHOF WEISSWASSER

von René Beder

Frühs vor zehne, wie man hier sagt. Die Männer stehen draußen im Schatten des morgensonnigen Platzes und haben alles im Blick. Die Flasche Sternburger in der Hand. Schmeckt schon gut. Der Flaschenboden geht zum Himmel. Die einzige Frau dieses Schlages steht im Vorraum des Ladens allein an ihrem Tisch. Sie scheint noch gut in Form. Einigermaßen frisiert das strohige sperrige blonde Haar und einigermaßen C&A mäßig gekleidet. Aus der guten 1990er Kollektion. Nur dass sie ein wenig schielt. Sie hat den Laden im Blick und die Männer. Da ist schon jede Menge Gesprächsstoff. Ich gehe mit meinen Zeitungen und meinem Birnensaft dran vorbei. Gebe leider überhaupt keinen Anlass zu irgendeiner Bemerkung. Wer drei Zeitungen kauft und einen Birnensaft – das kann doch nur ein bekloppter Westler sein. Von dem will man auch gar nichts hören. Also bloß nicht ansprechen. Plötzlich Blaulicht, Sirenen, eine Escorte Polizeifahrzeuge. Zwei Landrover BGS ein VW Bus.
Insgesamt acht Leute. Sechs Männer, zwei Frauen. Sie stürmen den Bahnhof. Drahtige Tanzshow mit Funkverkehr. Einer der Biertrinker liegt zwischen den Türen zum Ausgang auf dem Bahnsteig. Und er sagt nichts. Ob er tot ist, fragt eine ältere Dame die Polizeiescorte. Die rüttelt an ihm und plärrt ihn an. Dann ziehen sie sich Gummihandschuhe an und zerren den Penner hoch. "Is doch kein Schlafplatz hier. Geh woanders hin. Belästige die Leute nicht." Da steht er nun, schwankend, verleierten Blicks – und versteht gar nichts.
Ich bin wieder zurückgegangen, um mir das ganze anzusehen. Und ich wunderte mich, dass die Biertrinker keinen Schritt machten – in Richtung Polizeiaktion in der Bahnhofshalle. Nicht einer. Nur die blonde schielende Frau lugte um die Eingangstür herum. Dann geht sie zurück und ruft schon von weitem "der Heini isses". Die Männer verziehen keine Mine. Haben sie ja gewusst.
Die ältere Dame, die am Fahrkartenschalter stand, erklärt es noch mal dem Polizisten. Es hat eine Stunde gedauert mit unseren Fahrkarten – weil der immer wieder zu uns kam und störte. "Die müsste man alle einsperren", sagt sie.
Ein politischer Würdenträger des kleinen Städtchens kommt vorbei. Vorschriftsmäßig gekleidet. Anzug, Krawatte, pipapo. Die drahtig elegante Polizistin stellt sich neben ihn. Ihr brauner Seidenshawl gehört wohl nicht zur Uniform. Steht ihr aber gut. Außerdem wegen der Herbstwinde. Das Funkgerät ist nun leiser gedreht. Sie tut etwas für ihre Karriere. Niemand sonst gesellt sich dazu. Sie hat den Fisch an der Angel. Wie es denn steht mit dem Grundstückskauf, fragt sie. Was man aus erlaubnistechnischer Sicht noch braucht, erklärt sie. Wie es den Kindern geht? Und wie es denen dort gefallen wird. Schönen Gruß an ihre Frau. Alles gute. Ja danke. Danke auch. Auf Wiedersehen.
Auf der Ferse dreht sie sich um. Geschafft. Ab in den Wagen zurück. Ohne Blaulicht. Es geht aufwärts.
Sonntags, 10.10.2004, es ist schon empfindlich kühl, da ist niemand draußen. Niemand im Vorraum. Drinnen, mit Hund, allesamt still und leise, kaum vernehmbar das Gluckern aus der Sterni Flasche, sitzt einer auf dem Packtisch und der andere steht daneben. Hier friert niemand – zum Lobe des Herrn.

 

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