Weißwasser
UNSERE SCHÖNE NEUE BIBLIOTHEK
ODER
DIE NAIVE RUSSIN
von René Beder
Früher mal eine Berufschule, jetzt auf zwei Etagen ausgebaut, mit Internetplätzen, Video- oder DVD-Ausleihe und allem drum und dran.
Die Feier zum Tag der Einheit war in diesem Jahr genau dort. Und eingeladen, als Ehrengäste, waren die russischen Spätaussiedler, die jetzt in Weißwasser wieder ansässig geworden sind. Bestimmt ein schönes Fest. Der Bürgermeister hielt eine Rede. Alles war hübsch illuminiert.
Am nächsten Tag sind wir, die wir von all dem nichts gewußt haben, dort. Eine Mitgliedschaft für einen Monat zu erwerben – um dann, unterwegs, die eigenen Mails zu checken. Da kommt eine Russin rein. Vielleicht Mitte dreißig. Etwas altmodisch gekleidet. Einen grobgestrickten Pullover und einen breiten Gürtel drum. Sie spricht ein sehr gutes deutsch, aber mit dem typischen russischen Akzent. Bestimmt war sie gestern Abend mit dabei. Eingeladen als Ehrengast. Mit ihren Weggefährten Mittelpunkt für einen Abend. Heute nun ist der Computer der Russen in irgendeiner Wohnung abgestürzt. Und sie erwartet eine dringende Nachricht. Da denkt die Russin, sie kann mit der Bibliothekskarte ihrer Tochter dort ins Internet. „Das ist die Karte ihrer Tochter“, hört die Russin, als sie es versucht. „Nur für kurz, nur für ein Mal“, sagt die Russin, „es gibt doch sonst kein Internet in der Stadt.“ „Das geht nicht“, sagt die Bibliothekarin, die klein und dick, mit schlecht gefärbten Haaren hinter dem Tisch und vor den Computern sitzt.
„Die kriegen sowieso schon alles von uns“, steht´s schweigend im Raum. Nach weiterem hin und her, bei dem sie versucht, die Wand aus „nein“ und „geht nicht“ und „ich brauche dafür...“ zu überwinden, wird sie Mitglied für einen Monat. Und bezahlt. Sie hat es die ganze Zeit geahnt. Und sie hat kein Geld.
Dann setzt sie sich an den Computer und weiß überhaupt nicht, wie es geht. Jetzt fragt sie – und rührender geht's dann kaum: „Explorer, ja?“ Wir sagen ja – und fahren mit der Hand der Russin auf der Maus zum Explorer und kommen nun zum Doppelklick. „Doppelklick?“ „So.“ „Ich probier. Ach so.“
Im eiseskalten, steinernen Treppenflur der alten Berufsschule, die wieder wie neu und jetzt Bibliothek ist – sitzt eine Frau am Empfang, nimmt die entliehenen Bücher wieder zurück, kassiert die Versäumniszuschläge, die Monats- und Jahresbeiträge – und verleiht den Kloschlüssel. Wie an der Tanke. Wie überall im Osten. Wie in den kleinen Bäckereien mit Caféabteil. Da ist eine Tür, da steht WC drauf und: Schlüssel an der Kasse. Außerdem: Gäste, die hier nichts verzehren, zahlen 50 Cent. Wie in der schönen DDR. Da hing immer irgendwo ein Kloschlüssel mit einem riesen Holzstück, auf dem auf einem Pflasterstreifen „WC-Schlüssel“ geschrieben stand. Wahlweise auch mit einem Knochen oder schweren Hühnergott dran. Hier, wegen der Schüler, die hauptsächlich die Kunden sind, hängt der Schlüssel an einem topmodernen rot-weißen Schlüsselband. HIP HOP steht drauf. Scheinheiliger, spießiger geht es nicht. Das gehört sich so. Es klappert schon chefmäßig schön, auf den drei Schritten bis zur Klotür – in Sichtweite der Rezeptionistin.
Drinnen ist es wie im Paradies. Weiß. Und es riecht nicht nur sauber, sondern rein. Die lieben Kleinen überhaupt und von der Lektüre noch vielmehr, sind manchmal sehr verwirrt. Schließen von innen ab. Vergessen von außen abzuschließen. Schließen sich gegenseitig ein. Usw. usf.
zurück zur Karte |