Zagan/Sagan
EIN BÜCHER-SCHATZKÄSTCHEN IN SCHLESIEN
Die Bibliothek des Klosters des Hl. Augustin in Sagan
von Bernd-Ingo Friedrich
Das heute polnische Schlesien birgt viele für den kunst- und kulturhistorisch Interessierten sehenswerte Schätze. Man muß sie mitunter nur erst zu finden wissen. Der folgende Beitrag soll den Freunden schöner alter Bücher und Bibliotheken die Suche ein wenig erleichtern. Unweit der deutsch-polnischen Grenze, vom Übergang Bad Muskau aus circa 30 Kilometer landeinwärts, liegt Sagan (Zagan), eine der größeren und ältesten Städte Polens. Sagan war seit 1312 Hauptstadt eines Teilfürstentums der schlesischen Piastenherzöge, kam dann zu Sachsen, fiel 1549 an die Habsburger, später an die Preußen.
Stadt, Umland und Bewohner Sagans wurden einige Male verschenkt und verkauft; sie gehörten u. a. den Wettinern, den Herzögen von Kurland und zuletzt von Talleyrand - Perigord. Von 1627 bis 1634 befand es sich im Besitz Wallensteins. *1
Mit Wallenstein zusammen verschlug es dessen Hof-Astrologen Johannes Kepler in ihre Mauern. Kepler, der Wallenstein das erste Horoskop bereits 1608 erstellte, wohnte hier von 1628 bis zu seinem Tod im Jahre 1630. In dieser recht kurzen Zeit richtete er in dem vom 30jährigen Kriege arg mitgenommenen Sagan die erste Druckerei ein, beendete „Traum vom Mond“, eine an Campanellas „Sonnenstaat“ anknüpfende wissenschaftliche Utopie, arbeitete an den „Ephemeriden“ und gab die Beobachtungen Tycho de Brahes heraus. *2
Noch gut erhalten und heute ein Kulturhaus voller quirliger junger Leute ist das 1628 unter Wallenstein begonnene und etwa 100 Jahre später unter den letztgenannten Besitzern in der heutigen Gestalt vollendete, dreiflüglige Residenzschloß. Es verfügt über eine imposante Freitreppe, eine Orangerie und eine ausgedehnte Parkanlage im englischen Stil. Unter der Herzogin Dorothea von Talleyrand - Perigord (1793 bis 1862) erlebte die Stadt ihre kulturelle Hoch-Zeit. Die Herzogin war bekannt mit so ziemlich allen, die ihrerzeit Ränge oder Namen hatten und führte eine ausgedehnte Korrespondenz, darunter mit Dumas, Balzac, Stendhal, Liszt und Chopin. Stendhal war im Schloß auch mehrmals zu Gast.
Carl Weisflog, der heute fast vergessene Zeitgenosse und Nacheiferer E.T.A. Hoffmanns, der oft auch in Muskau weilte, lebte in Sagan und verfaßte hier in nur acht Jahren ein Werk von 12 Bänden mit insgesamt über 3000 Seiten! Heinrich Laube, geboren im benachbarten Sprottau (Szprotawa), bedachte ihn in seiner Literaturgeschichte, die er als Gast der Fürstin Pückler in Muskau schrieb, immerhin mit einigem Lob. *3
Ebenfalls die Wechselfälle der Geschichte reputierlich durchgestanden hat die umfangreiche, überwiegend barocke Anlage des Klosters des Hl. Augustin. Zu ihr gehört die in ihren Anfängen aus dem 13. Jahrhundert stammende katholische Kirche, die mit ihrem riesigen dicken Turm die Stadtsilhouette souverän beherrscht. Im 15. Jahrhundert wurde an diese Kirche die Kapelle der Hl. Anna, und darüber ein Scriptorium mit einer Manuskriptsammlung und einer Bibliothek gebaut. *4
Die Bestände der Sammlung wurden seither ständig erweitert, und gelegentlich wieder dezimiert durch die damals unvermeidlichen Brände. Die Augustiner arbeiteten darin deshalb aus Sicherheitsgründen nur vormittags, bei Tageslicht. Nach einem verheerenden Feuer im Jahre 1730, das Stadt und Kloster schwer schädigte, wurde die Bibliothek mit damals modernster Feuersicherungs-Technik und auf das Feinste wieder hergerichtet. Der Kirchturm erhielt später auch den ersten Blitzableiter Schlesiens.
Ausgemalt wurde die Bibliothek von Georg Wilhelm Neunherz (1689 bis um 1750), einem der gesuchtesten schlesischen Kirchenmaler des Barock, dessen Werke als ebenbürtig denen der Gebrüder Asam genannt werden. Als sein Hauptwerk wird die Ausstattung der Zisterzienserkirche in Grüssau bei Landeshut (Krzeszów / Kamienna Góra) genannt. *5
Dazu erhielt die Bibliothek eine rein barocke Inneneinrichtung im Régence- Stil, die bis heute unverändert prächtig erhalten geblieben ist.
Als das Kloster im Jahre 1810 säkularisiert wurde, zählte die Klosterbibliothek mit einem Buchbestand von rund 10.000 Bänden zu den bedeutendsten schlesischen Bibliotheken. Die wertvollsten Bücher und die Ausstattung des Observatoriums ( auch Kepler hatte im Kloster gearbeitet ) wurden nach Breslau verbracht. Das dritte Reich überstand sie äußerlich zwar unbeschadet, ihre vordem reiche Sammlung jedoch erlitt wiederum herbe Einbußen. Derzeit enthält die Bibliothek etwa 2.000 Bände Theologie, 5.000 Bände allgemein, darunter 518 Handschriften und 64 Wiegendrucke, sowie das Archiv der Pfarrei. Zu sehen sind Atlanten und alte Drucke des 16. bis 19. Jahrhunderts und zwei Globen, Himmel und Erde, aus dem Jahre 1640, die Tycho de Brahe zugeschrieben werden.
Die Feuersicherung, die in doppeltem Mauerwerk, dessen Zwischenräume mit Sand gefüllt sind, ebensolchen Gewölben und mordsschweren, eisernen Türen und Fensterläden besteht, wurde der Bibliothek 1991 fast zum Verhängnis. Es brachen Teile des Fußbodens ein und in die darunter liegende Kapelle. Inzwischen sind die Schäden beseitigt. Konservatorisch wurde darüber hinaus ab 1970 einiges getan. Die Regale wurden einer Konservierung unterzogen, die Büchersammlung in der Vakuumkammer desinfiziert und die Globen wurden restauriert. Doch nicht nur die Bibliothek, sondern auch die Kirche sollte man sich ansehen, ihr Altar z.B kommt aus der berühmten Schule des Veit Stoß. *6
Eine weitere Besonderheit der Bibliothek ist ihre Akustik. Nach dem Prinzip des bekannten Görlitzer Flüsterbogens ist über beide Raumdiagonalen hinweg eine Verständigung im Flüsterton möglich. So konnten sich die pfiffigen Mönchlein zu viert mit einem schwierigen Verhandlungspartner auseinandersetzen: Zwei widmeten sich den Verhandlungen, während die anderen beiden in ihren Ecken vortäuschten, ein Gebet zu murmeln. Tatsächlich aber besprachen sie sich, um sich anschließend geistig erfrischt und mit Argumenten versorgt von neuem auf ihren Gegner stürzen zu können.
Die Bibliothek heute
Post Scriptum
Besichtigungen der Bibliothek sind nach vorheriger Anmeldung bei Frau Grazyna Kurzeja unter der Rufnummer 0048 / 68 / 3777154 oder -3671118 möglich.
Frau Kurzeja ist eine nette ältere Dame. Sie erscheint in dem dezenten Kostüm, das man von einer netten, älteren Dame erwartet, einen Haarknoten hat sie auch. Alles was sie braucht, trägt sie in einem sichtbar strapazierten Beutel bei sich. Die Eintrittskarten sind noch handgemalt und werden gewissenhaft beschriftet: Datum, Ort und Zweck des Besuches, Anzahl der Personen, Einzel- und Gesamtpreis. Dann geht sie mit einem eindrucksvollen Schlüsselbund zu Werke. Wortreich und nebenher immerzu irgendwen grüßend geleitet sie uns zur Bibliothek. Weil ich ein wenig polnisch gesprochen habe, meint sie nun offenbar, ich könnte alles verstehen, wenn sie nur laut und deutlich spräche. Sie sieht es mir am Gesicht an, wenn ich im Verständnis nachhinke, dann hebt sie die Stimme und artikuliert überdeutlich, wie für einen Taubstummen. Aber es hilft nichts, ich verstehe doch nur, was ich ohnehin schon weiß. Ab und zu errate ich einen Brocken, sagt sie „romantitschne“, dann sage ich „romantisch“, und dann freuen wir uns beide. Zur Verabschiedung reicht sie mir beide Hände, versichert, wir seien ganz reizende Gäste gewesen und wenn wir einmal wiederkämen und genügend Zeit mitbrächten, könnte sie uns noch viel mehr Interessantes erzählen.
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1 Sagan und Sprottau in der schlesischen Geschichte . Im Auftrag der Stiftung Kulturwerk Schlesien.
Hrsg. Werner Bein. Würzburg, Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn GmbH 1992 und
Kreis Zagan. Hrsg. Powiat Zaganski. o.O., o.J.
2 Wollgast, Siegfried / Marx, Siegfried. Johannes Kepler . Leipzig, Urania- Verlag Leipzig Jena Berlin 1976
3 Laube, Heinrich. Geschichte der deutschen Literatur . 4 Bde.
Stuttgart, Hallberger'sche Verlagshandlung 1840; Bd. 4, S. 193
4 Hausdorf, Georg P. A. Kunst- und kulturgeschichtlicher Führer durch die Katholische Stadtpfarrkirche
in Sagan . Sagan, im Selbstverlag des Verfassers 1928 und:
Klasztor Augustianów w Zaganiu . Red. Stanislaw Kowalski. Zary, Dom Wydawiczni „Soravia“ 1999 und:
Swierk, Alfred. Sredniowieczna Biblioteka Klasztoru Kanoników Regularnych Sw.Augustyna w Zaganiu .
Wroclaw 1965
5 Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart (Thieme/Becker).
Hrsg. Hans Vollmer. Leipzig, Verlag E.A. Seemann 1999
6 Gawin, Izabella / Schulze, Dieter / Vetter, Reinhold. DuMont Kunstreiseführer Schlesien .
Köln, DuMont Reiseverlag 2002