Zary/Sorau


SONNTAG IN ZARY

von René Beder


Wenn die Sonne an einem schönen Tag über die Lausitz und Schlesien scheint, da bleibt kein Auge des sehnsuchtvollen und liebenden Besuchers trocken. Sommer´s wie Winter´s. An einem schönen Tag, da steht einem das unschöne und verdorbene der eigenen Geschichte besonders krass vor den verschwommnen Augen. Da ist so ein Frieden einerseits und andererseits hat der Verfall so vieles noch gut erkennbar erhalten, dass die Gedanken aus dem Zirkel der Vergangenheit kaum heraus kommen. Doch die Gegenwart wird so zum melancholischen Hochgenuss. Gerade an einem Sonntag, wie dem letzten, dem 3.Juli 2005. Obwohl natürlich Polen als katholisches Land gilt, haben sonntags die Geschäfte des täglichen Bedarfs offen. So kann man schon mal etwas vergessen oder überhaupt, wie in Amerika, erst am Sonntag, wenn man Zeit dazu hat, einkaufen gehen. Deutsche Kinder, die in Amerika groß geworden sind, schwärmen ja davon: Ja, am Sonntag, da war es immer schön, da sind wir alle zusammen einkaufen gefahren. Man kann sich das vorstellen, wieviel mehr Spaß es macht, sein sauer verdientes Geld auszugeben, wenn man sich dabei nicht gehetzt fühlt und wenn es zur seelischen Erbauung der ganzen Familie beiträgt.
Aber trotzdem diese Läden sonntags öffnen, was ja hier nicht so ist, weil der Sonntag ja sakrosankt, wird der Sonntag doch dort tiefer empfunden und ausgiebiger gelebt. Dieses Herumflanieren, Kinderwägen schieben, sich treffen und zusammen setzen – kaum erlebt man es in der neuen Heimat so.
Am alten Sorau nagt der Zahn der Zeit. Der bekümmert sich nicht um Freund noch Feind. Der nagt und nagt. Er rieselt, bricht und kracht und blättert ab. Die Leute aber gehen aus und ein und weil nun die grauen sozialistischen Zweckbauten auch nicht mehr so billig eins, zwei, drei hingepflastert werden können – kommt der Tag an dem es auch die alten Häuser wieder besser haben. Bestimmt. An anderen Orten ist´s ja schon so. Z.B. in Breslau. Staunend flaniert man dort über einen zwar sehr alten doch wieder hergestellten Markt. Die Freude ist allgemein. Der Zulauf auch.
Hier in Zary verkauft mir der Eismann, der zugleich ein Sportwettbüro betreibt, ein Eis mit einem Schokoladenhut. Er geht an seinen Apparat und ich bin - als dort ein helles Eis herauskommt - voller Bedenken was die Geschmacksstoffe angeht, die den Eindruck von Vanille geben sollen. Noch viel mehr erschrecke ich als er dann, für mich unsichtbar unterm Tresen etwas tut – und dabei von Schokolade spricht. Am Ende aber ist alles wohl gelungen und viel besser als man denkt.
Er reicht es mir – und zählt mein Geld nicht nach, das ich nicht gleich zusammen hatte, aus Unkenntnis der Münzen – er aber lässt sie sofort in den Kasten fallen, denn hinter mir stehen schon die Nächsten, die er deswegen nicht warten lassen will. So säuberlich wie bei uns zu Haus das Geld gezählt und abgelegt wird, sah man es in Polen kaum. Eher immer im Gegenteil. Schon früher, vielleicht damals noch mehr, als der Zloty noch ein volksrepublikanischer, sozialistischer war: Wie die Scheine immer in den Hosentaschen verschwanden – und von dort wieder herauskamen. Wenn zu Hause sich jemand dieser weniger umständlichen Methode bediente, konnte es gut sein, dass bald jemand zu ihm sagte: „Du wirst doch das Geld nicht wie ein Pole einstecken?!“
Es wird ja nicht daran gelegen haben, dass es in Polen keine Portemonaise gab. Und es wird ja bei uns nicht daran gelegen haben, dass wir keine Hosentaschen hatten. Vielleicht war ja bei uns das Geld heiliger als der Sonntag. Und damit das nicht auffällt, hatten die Läden aber zu. Damit die wenigen, die öffnen durften und am größten Plunder ihren unheiligsten Wucher treiben konnten.
Nach einem kleinen Stadtrundgang setz ich mich vor das Café-Restaurant „Pharao“. Farao geschrieben. Vielleicht ist der Lieblingsschriftsteller des Wirtes Boleslaw Prus, der unter diesem Titel vor 100 Jahren drei dicke Bücher schrieb, die nicht nur in Polen gern gelesen wurden. An den Speisen gibt es kaum etwas zu meckern, der Kaffee ist vorzüglich, eine italienische Sorte, italienisch gemacht – und die warme Milch dazu extra in einem kleinen Glaskännchen. Wie in Wien. Nur hier. Und wunderbar. Leider waren die beiden üblichen Sorten Kuchen aus.

Dolce Vita


Alle Tische voll besetzt mit Rastenden vom Sonntagsnachmittagsspaziergang. Die Polinnen natürlich wie immer vorzüglich gekleidet. Wohingegen neben mir französisch und deutsch sprechendes Wanderproletariat in bedruckten Unterhemden unter speckigen Basecaps saß. Der eine von denen hatte eine Frau dabei. Deren String-Tanga unter der Gürtellinie aller Gäste leuchtete. Nach vorn gebeugt zog sich ihre Jacke hoch. Und ihre Jeans gaben den Blick frei: Auf ihren Speck vom Arsch und von der Hüfte. Und darüber spannten sich die weißen Fäden ihres Tangas. Doch niemand sah hin, außer mir, wo ich es doch ganz unauffällig tun konnte und auch musste, weil ich doch genau hinter ihr saß.
Die schöne Polin aber, die mit ihrem Freund, der ihr jeden Wunsch vom Auge ablas, eine Radpartie machte – und die anderen, die an der langen Tafel saßen – senkten nicht einmal den Blick darauf, wenn sie in diese Richtung sahen. Tja, die Adelsrepublik. So nannte man Polen früher einmal. Wen wundert´s, wenn davon etwas blieb. Sei es, bei allem Bedarf, den Unwert des Geldes zu erkennen, sei es in der Einrichtung kleiner Bequemlichkeiten, die das Dasein freudvoll betten können. Sonntags im Laden oder im Café. Denn hier, obgleich die Stadt ringsum zerbröckelt, sitzt man nicht auf Bänken hingelümmelt wie zur Kirmes – und wie sie für den Freiluftbetrieb bei uns immer wieder gern genutzt werden: Biertischgarnituren genannt – sondern auf recht bequemen, fast komfortablen und außerdem noch ansehbaren Holzsesseln, die das Zeichen der Brauerei Lech tragen und die man immer öfter sieht.
Das ist schon sehr, sehr angenehm. Auch ganz anders als auf den hässlichen Plastelehnstühlen aus dem heimischen Baumarkt, auf dem man dann mit seinem Kissen hin und her rutschen kann.
Das Leben ist doch immer wieder eine Frage der Haltung und des Stils.
Die Sonne drückt auf die Landschaft. Und auf meinem Heimweg steht dort, wo sonst die leichten Mädchen standen und mir winkten, niemand. Obwohl gerade sie Sonntags immer arbeiteten. Und obwohl gerade sie, denkt man, weiß man, tausend Zwängen ausgeliefert sind.
Aber auch hier ergeht heute Gnade vor Geldgier. Erst später am Abend, nachdem es schon kühl geworden ist, werden die Mädchen zu ihren Plätzen gefahren. Und neuerdings stehen sie dort nicht nur einfach plump herum und winken manchmal, nein, jetzt wird auch getanzt. Fast wie bei einer Go-Go Show. Woran es wohl auch erinnern soll – um die Assoziationen beim Freier frei zu machen - zu einem tanzend nackend Weib. Das war hier sonst nie zu sehen. Das ist neu und kommt von den Kolleginnen, die an der E55 stehen, die ob der übermächtigen gegenseitigen Konkurrenz und ob des abschwellenden Geschäfts damit begonnen hatten. Das sieht schon ganz hübsch aus und vielleicht macht es auch das Warten etwas erträglicher.
Ich aber halte diesmal bei einem alten Mütterlein und kaufe von ihr selbst gepflückte Blaubeeren ein.

Das schöne Gartengestühl der Brauerei Lech

 

 

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