Zgorzelec
MEINE LIEBEN FENSTERPUTZER
von René Beder
Jedes Mal wenn ich rüberfahre über den Grenzübergang Stadtbrücke Görlitz treffe ich sie. Sie beobachten mich. Sehen, dass ich nicht gleich weiterfahre, sonder einen Stop einlege. Zum Geldtauschen. Denn den Sprit bezahlt man am besten in Zloty. Dann gibt es keine Missverständnisse.
Kaum dass ich ausgestiegen bin stehen sie am Auto. Mit all ihrem Putzwerkzeug bewaffnet. Sie fragen zwar, aber eine Antwort wollen sie nicht hören. Egal was du sagst, sie fangen an. „Zu putzen“. Auch wenn es regnet. Ich komme vom Umtauschen zurück – und sie wollen natürlich ihre Lohn.
Ich frage: „Was soll der Quatsch, hier mitten im Regen?“ Der kleine Dicke von den beiden und ich, wir stehen unter den tropfenden Kastanien und er fragt mich: „Wo regnet??“ Er hält seine Hand auf, streckt sie vor, so wie wenn man sie aus dem Fenster hält, um zu sehen, ob es draußen tatsächlich regnet. Seine Hand wird nass und er grinst mich mit schiefem Kopfe fragend an: „Wo regnet??.... Wo regnet???“
Ich will ihm einen Zloty geben. Da kommt er in Fahrt, wird wütend. Er gibt mir das Zlotystück zurück und ruft laut wütend aus, dass ich mir ein Brot kaufen soll. Also, er bereut, so einem armen Menschen wie mir überhaupt ans Fenster gegangen zu sein. Ich steige wieder ein – und denke mir: Was für ein Typ.
Beim nächsten Mal kam ein junger, spirrlriger. Ruck zuck hat der die Scheibe geputzt. Dem habe ich mein ganzes Klein- und Kleinstgeld aus dem Portemonnaie auf die Hand gekippt, als er dann, als ich wieder im Auto saß, ans Fenster kam und sie aufhielt. Der andere hätte es sicherlich über den Zaun, auf den Rasen oder einfach auf die Straße gekippt. Und dazu ein Geschrei gemacht, ausgespuckt. Dieser Junge aber, nahm es ohne zu zögern und bedankte sich. Ich dachte: So gehört sich das.
Leider kam beim nächsten Mal wieder der feiste Erste. Eigentlich hätte das ein schöner Tag werden können. Die Sonne schien und ich ging zum Geld wechseln in meinen Lieblings-Kantor. Da wo sie die Scheine so schön prüfen und da wo es zur Quittung immer noch ein verklebtes kleines Bonbon in einer giftigen Farbe gibt. Als ich wieder rauskomme stehen die beiden „Fensterputzer“ verrichteter Dinge neben meinem schönen Fahrzeug. Dass sicher beleidigt ist, weil ich hier nun jeden daran herumfuhrwerken lasse, sobald ich weg bin. Der Dicke hält wieder die Hand auf. Ich hole meinen Zloty heraus. Lege ihn in die seine und will, dass er geht, was ich ihm durch ein ansatzweises, kleines Abwenden meinerseits bedeute. Er aber fragt mich, ob das Geld ist. Ich sage: „Ja“. Er fragt mich, ob das viel ist. Ich sage wieder: „Ja“.
Das ist nicht viel Geld schimpft er und gibt mir seinen Lohn wieder zurück. Zu Recht, wie sich herausstellte. Denn plötzlich hatte ich die Ränder seiner Verschmierungen im Sichtfeld, die ich dann bei der nächsten Pause eigenhändig mit meinem eigenen Tempo-Taschentuch bereinigte.
Ich frage mich inzwischen aber, warum er meinen Zloty nie will. das sind mehr als zwanzig Cent. Fast fünfzig Pfennig. Nach alter Rechnung. Verdient, mit allem drum und dran in zwei Minuten. Das macht hochgerechnet in zwanzig Minuten fünf Mark. In der Stunde fünfzehn. Eigentlich nicht schlecht. Nun putzt er ja nicht unentwegt. Ich weiß. Die meiste Zeit sitzt er mit seinem Freund auf der kleinen Mauer auf der Lauer. Manchmal flankiert von sehr schönen, sehr temperamentvoll anmutenden Zigeunerinnen. Die mit neugierigen, großen, schwarzen Augen in die Wagen und die ebenso neugierigen und sehnsüchtigen Augen der einzelnen Herren sehen, die an ihnen vorbei fahren.
Vielleicht auch kein billiges Vergnügen sich mit Frauen dieses Kalibers die Zeit zu vertreiben. Aber wer könnte da „Nein“ sagen. Vielleicht zahlen die anderen mehr fürs Scheibenwischen. Ich glaub es kaum. Denn meistens gibt es viel mehr Zank, damit sie überhaupt erst nicht anfangen, die Scheibe zu „putzen“. Und die anderen, denen es zu beschwerlich ist, sich zu wehren und zu streiten, für die ist ein Zloty vielleicht auch kein Geld. Und das merkt natürlich so ein Scheibenwischer – und will es auch mir beibringen.
Aber hier bin ich so frei, lege nichts dazu, sondern nehme mein Geld zurück und fahr wieder ab.
Anders natürlich wenn man in der Schlange steht, um das Land wieder zu verlassen, bei Choino bei Frankfurt/Oder, beispielsweise. Wenn dort eine jugendliche Bande kommt, an den Scheiben herumwischt und so lange am Auto bleibt und Krach schlägt, bis man nur noch will, dass das aufhört. Und inzwischen jedes Geld der Welt aus dem Fenster schieben würde, weil man sekündlich das Schlimmste erwartet. Das ist schon kriminell und dort ist schon eine ungeheure Energie geweckt. Ein Feuer der erpresserischen Tat, dass jeden Tag neue Luft bekommt und nie wieder ausgehen will.
Ganz anders die smarten, gut angezogenen Jungs mit den sauberen Rucksäcken, die nach Erteilung der Ankunftszettel auf den Parkplätzen der gut besuchten Städte Boleslawiec (Bunzlau), Waldbrych (Waldenburg) oder Jelenia Gora (Hirschberg) kommen und ihre Dienste mit einer Frage anbieten. Und wenn man ablehnt auch wieder gehen. Die junge Polin, zu der einer von diesen nach mir ging, war so entzückt von ihm, dass sie schon fast das Auto offen gelassen und ihm alles erlaubt hätte, hätte da nicht ihr Begleiter beschwichtigend eingegriffen. Als der dann mit ihr weg ging, drehte sie sich noch lange nach dem jungen Fensterputzer auf dem Parkplatz um.
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