Zielona
Góra/Grünberg
WIR SPESENRITTER
von René Beder
Als Spesenritter blickten wir auf diesen schönen Sonntag, der da kommen sollte. Eingeladen zur Grünberger Filmwoche. Auf nach Polen! Vorgestellt werden die Filme meines Freundes Bernd Heiber. Auf dem Plakat heißt er: Reszisiera Bernda Heibera. (Heiterkeit unter uns Sprachschülern)
In der ganzen Stadt gibt es nur dieses eine Plakat. Und das hängt im Kino. Also ist es kein Wunder, dass nicht mehr als acht Leute im Saal sitzen. Dazu kommt, als Neunter, der Simultanübersetzer, der die Textlisten unter einer kleinen Lampe vor sich hat, die den Saal in ihrem Umkreis wieder etwas zu sehr aufhellt. Er sitzt in Höhe des Notausgangs, links hinten. Dort wo eigentlich immer mein Lieblingsplatz ist. In jedem Kino.
Vier Filme werden gezeigt, von je einer halben Stunde. Zwei Filme über Pechvögel und zwei öffentlich rechtliche Softpornos aus der ARD-Reihe „Die schönste Sache der Welt“ – „erotic tales“.
Da wären, normalerweise, schon ein paar mehr Leute gekommen, hätten sie ein Plakat irgendwo in der Stadt gesehen. Ein schönes buntes. Konnten sie aber nicht. Egal. Die da waren, blieben und applaudierten. Danach gab es noch ein Gespräch mit dem Regisseur im Foyer. Die Zuschauer waren weg, aber die Organisatoren, der Simultanübersetzer, der offizielle Filmwochenübersetzer und deren Frauen waren noch da. Genug Leute, um eine Stunde angenehm zu verplaudern. Über Filmherstellung, unsere nächsten Projekte, Sender, Fernsehen im allgemeinen, Förderung und EU-Förderungen im besonderen. Wie das so funktioniert, will man hier natürlich wissen. Und unsere abgeklärte, pessimistische, höchst kritische Sicht auf diese verheißungsvollen Dinge natürlich so nicht teilen. Nicht sogleich. Da ist noch Hoffnung. Außerdem sind hier seriöse Herren am Werk. Freundliche Liebhaber der Filmkunst. Die verschreckt so schnell nichts. Die wollen langsam, aber sicher ein Festival aufbauen. In Zielona
Góra, früher Grünberg, früher auch eine Weinbaugegend – und wir kommen gerade recht – zum Weinfest. Rummel in der Stadt, wie auf einer Kirmes. Dazu Marktreiben und riesige Pfannen mit dünstendem, weithin wohlriechendem Schweinefleisch.

Weinfest in Zielona
Góra
Als wir ankommen, parken wir genau vor dem kleinen Kino, sehen es aber nicht und fangen an, es zu suchen. Es ist auch kaum zu erkennen. Giftgrün gestrichen, kein Fenster, ein niedriger länglicher Betonklotz, sieht es aus wie ein größeres Trafohäuschen oder ein Teil des Ostwalls.
Drei Mal laufen wir über den Platz, drei Mal über den Markt, durch die von jedem Stand durcheinander dudelnde Musik, sehen die Auslagen mit Pitbull Hosen und New York T-Shirts, an einer Foto Galerie vorbei und einem Devotionalienstand. Endlich einmal von der ganz anderen Seite angenähert, bewahrheitet sich die Vermutung des Regisseurs: „Wir stehen bestimmt genau davor“. Dieser Vermutung konnte ich all die Zeit nichts abgewinnen. Aus meiner Sicht waren wir vollkommen falsch... alles sah hier überhaupt nicht danach aus, als würde es das geben, wozu wir hergekommen waren.
Doch plötzlich: ein kleiner blasser Leuchtreklamen-Kasten an dem giftgrünen Gemäuer. „Kino Newa“ steht da auf blauem Grund. Man denkt natürlich: „Newa“. Na klar - aus der Stalinzeit und der Zeit des sowjetisch-sozialistischen großen Bruderverbundes – da sollten die Kinos auch noch nach den Flüssen benannt werden, die durch die Heldenstädte dort hindurchfließen müssen. Später kommt mir der Verdacht, daß es vielleicht schon immer ein Wochenschaukino war – und es auch blieb - nach der Umsiedlung der Ostpolen hierher. Und „Newa“ vielleicht „neu“ oder so ähnlich heißen mag. Dieser Klotz altes Wochenschaukino war und so auf polnisch ein „Neuigkeiten“-Kino blieb. Jedenfalls die Zeit über, bis das staatliche Fernsehen kam, die Propaganda frei Haus zu liefern.
Und ein Kino, das dem Verfall geweiht ist – wird ein romantisches Kino für anspruchsvolle Filmkunst. Das ist weltweit, unter Cineasten, so üblich. So auch hier. Ein paar Enthusiasten, ein alter Saal und uralte Projektoren, die irgendwie immer noch funktionieren. Ein Tempel der Liebe. Der Liebe zur Filmkunst. Und wir sind die Braut-Ritter aus dem Abendland – und bringen die frohe Botschaft.
So ist und bleibt das schönste am Kino: Die Illusion. Von einer schönen guten Welt.
IM HOTEL
von René Beder
Auf dem Weg dahin fährt hinter uns die Polizei und wir biegen falsch ab. Von hinten in die Einbahnstraße. Wir sehen die Polizisten an, sie sehen uns an, wir bereiten uns auf den Ärger vor, sie fahren weiter. Fünf Minuten später passiert das ganze noch mal. Danke. Männer.
Das Hotel liegt in der Fußgängerzone, aber man kommt von einem in der Nähe liegenden Tag und Nacht bewachten Parkplatz gut hin. Heißt es. Tags kann man den Parkplatz fast sehen. Jetzt ist es finstre, dunkle, fremde Nacht. Wir saßen Stunden in der Kneipe. Vor uns das Pilsener Urquell. Nicht daß jemand betrunken wär. Das nicht. Nur die rechte Stimmung viel herumzusuchen will nicht aufkommen. Eher so ein Gefühl nach Ruhe, Trost und Fensterblick. Da ist ein bewachter Parkplatz. Punktgenau halten wir auf dem freien Feld neben dem Nachtwächterhäuschen. Da springen auch gleich zwei heraus um uns zu sagen: „Um Mitternacht ist Schluss.“... „Ja, es gibt noch einen Parkplatz, aber der ist dort hinten, drei Straßen weiter, leicht zu finden...“ Das ist er gerade nicht. Als wir dort sind, ist der schon fast voll. Der Preis: 15 Zloty die Nacht. Hört sich nicht viel an. Ungefähr fünf Euro. Das überschlägt man mal mit den 100 Autos, die hier stehen, auf diesem sandigen Ort, mit einem Zaun drumrum. Und siehe da: Es lohnt sich. Genial. Am meisten Geld läßt sich doch mit der Furcht machen. Bringt mehr, als Autos zu stehlen. Und man tut nichts unrechtes. Man lebt von denen, die unrechtes tun und von denen die unrechtes denken, jedenfalls das andere es tun.
Gezahlt und gut. Quittung und „Auf Wiedersehen.“ Das Hotel ist ganz in der Nähe. „Hier hinauf, dann rechts, dann noch hundert Meter.“ Na ja hundert Meter. Die sind so lang, daß man denkt, man hat sich schon verlaufen.
Im Foyer zwei Damenköpfe hinterm Tresen. Die wollen die Ausweise. Ohne eine Mine zu verziehen kontrollieren sie sorgfältig.

Grünberg Mitte des 18. Jh., im Hintergrund die Weinberge
Die überregionalen Zeitungen stehen noch im Ständer. Umsonst mitzunehmen. Vielleicht könnte man so ein wenig polnisch lernen. Fast wär es soweit. Aber ach.
Das Zimmer besteht aus zwei Zimmern. Einem Fernseh- und Telefonier-Raum und einem Schlafraum. Da sind zwei Betten drin, die zwei fussbreit auseinanderstehen. Also kommt eine Matratze und eine Lampe in den Fernsehraum und schon ist es fertig, das schönste Appartement. Nur, dass die Türen nicht zugehen. Alles frisch gestrichen. Und mit so dicker Farbe, dass keine Tür mehr in den Rahmen paßt. Auch die Badtür nicht. Das Wasser ist, wie es sich gehört, am Abend um diese Zeit - schon längst nicht mehr warm. Dafür kommt ein harter Strahl aus der Dusche. Und während man wartet, dass er doch noch warm wird, fliegt das Wasser eiskalt in den Flur. Am Ende hilft nichts. Das sind die Situationen aus denen die Helden gemacht werden.
Auf dem Flur fängt noch jemand an zu saugen. Man wundert sich. Mein Zimmer geht auf die Fußgängerzone hinaus. Idyllischer Anblick. Bescheidene Bürgerhäuser, zwei drei Stockwerke, etwas Zierwerk. Gesehen durch sozialistische Fenster. Frisch gestrichen. Früh kommen die Müllmänner draußen vorbei, um uns zu wecken.
Das Frühstück steht bereit. Über den Buffet-Tischen hängen massive Lautsprecherboxen. Daraus das Musikprogramm eines beliebten Senders. Das Personal wünscht Unterhaltung. Wie überall. Wunderbares Ei, wunderbares Brot. Unendlich viel Kaffee, gute Milch. Ich gehe zur Verstärkeranlage und suche den Lautstärkeregler. Ist nicht zu finden. Dafür finde ich den Hauptschalter. Aus. Und Ruhe. Freundliche Gesichter blicken dankbar auf. Zufrieden setze ich mich an meinen Tisch. Etwas leiser als zuvor setzt die Musik wieder ein. Die kleine Dicke in der blauen Schürze kommt an unserem Tisch vorbei und spricht mit starkem Akzent: „Leise, leise - aber es muss sein“. Lächelt und watschelt weiter. Widerstand zwecklos. Aber so geht es. Kein Kopf sieht mehr hoch, Zeitungen werden umgeblättert und wir essen weiter. Das Dudeln bleibt ungestört. Nur etwas sanfter rauscht es aus den drohend großen Boxen mit dem schwarzen Gitter und grellen rot-orangenen Verzierungen dahinter.
Draußen ein kühler Morgen. Ein kahler Platz. Ein altes rotes, preußisches Backsteingebäude. Ist vielleicht mal eine Schule gewesen. Jetzt ein Amtshaus. Sollte sicher schon immer irgendwie einschüchtern. So wirkt es heute noch. Rechts daneben ein helleres, größer wirkendes im russischen Stil. Man kann sich Ballräume und große Komptoirs darin vorstellen. Eine geräumige Küche im Anbau. Herrschaftlich. Aber leer. Ein paar Gitter davor.
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