Golniczki/Klein Gollnisch


EDITH LÜDECKE - AUS EINEM INTERVIEW

von René Beder

Edith Lüdecke lernte ich in den 80iger Jahren kennen. Ich war auf Recherchen für den Käthe Kollwitz Film der DEFA. In der Akademie der Künste der DDR (Berlin/Ost) gab es eine Frau, die kannte ihren Mann: Prof. Heinz Lüdecke. Der war schon verstorben, hatte sich aber ihres Wissens nach auch einmal mit Kollwitz beschäftigt und vielleicht weiß seine Frau ja noch was...
Edith Lüdecke war ein Geheimtip und eine Entdeckung. Über Käthe Kollwitz nur war nicht viel zu erfahren. Sie hatte in ihrer Sammlung noch zwei Verkaufskatologe aus den Zwanzigern, von Cassirer, wo man sehen konnte, was die Arbeiten der Kollwitz damals kosteten. Diese beiden kleinen Heftchen bekam ich geschenkt. Falls wir sie doch brauchen könnten...
Nachdem ich bei der DEFA schon aufgehört hatte, kamen mir ihre Sätze, Erinnerungen und Gedanken immer wieder in den Sinn. Ich fragte sie, ob sie mir auch ein Interview geben würde. Ich zeichnete es mit meinem kleinen Tonband auf. 1901 in Wartenberg geboren, erzählte sie von ihrem Leben als einer Tochter des Silberdieners am Hofe des kurländischen Fürsten von Biron, ihrem Weggang von dort, dem Berlin der Zwanziger und Fünfziger, und den späteren Entwicklungen dort.
Nachdem ich meine Aufnahmen dem Rundfunk der DDR vorgestellt hatte, sollte ein Feature daraus werden. Das war 1988. Da sollte noch nicht so schlecht über den ?Erich? geredet werden. Dann aber änderten sich die Zeiten ? und sie redete viel zu gut über das, was gerade noch war. Keiner wollte etwas damit zu tun haben. Überleben war die Parole. Edith Lüdecke sagte in dieser Zeit auch einmal: ?Die Leute werden unserer kleinen DDR noch bittere Tränen nachweinen.? Keiner wollte es glauben. Auch ich dachte: ?Nie im Leben!? Aber sie hatte schon ganz andere Pferde vor ganz anderen Apotheken ... gesehen. Um in der bildlichen Sprache unserer Vorfahren zu bleiben.

 

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Das Schloss der Prinzen Biron von Curland in Groß Wartenberg

 

Vielleicht fangen wir an über Wartenberg zu reden. Groß-Wartenberg, mein kleines Städtchen, 3000 Einwohner mit zwei Kirchen, Schloß und Rathaus, Mauer, Wall und Graben. Denn es war einmal befestigt. Zwei Schulen, eine katholische und eine evangelische. In die bin ich gegangen. An dem Haus, in dem ich geboren wurde, gab es eine Marmortafel. Darauf stand: "Auf diesem Platz" - das ist der Kirchplatz gewesen - "wurde am soundsovielten 1813 die Königin Louise empfangen". Die kamen von Königsberg nach Breslau und zwischendurch waren sie wahrscheinlich im Wartenberger Schloß zu Besuch.
Mein Vater, der arbeitete im Schloß. Meine Mutter hat sieben Kinder geboren, von denen sechs am Leben blieben. Und alle hat sie großgezogen nach bestem Wissen und Gewissen. Sie ist auch neunzig Jahre alt geworden. Mein Vater ist gestorben, bevor er siebzig war. Er war Silberdiener. Das ist der Vertrauensdiener, der die Schlüssel zum Gewölbe hat, wo die Kostbarkeiten aufbewahrt sind. Außer dem Geschirr das Silberzeug für die Tafel. Übrigens hatten Prinzens so einen Stapel goldener Teller. Die kamen noch aus Rußland. Die waren von dem alten Prinzen her. Die wurden als Untersatz für die Meißener Teller genommen, wenn ganz große Tafel war. Zum Beispiel 1913 waren die Kaisermanöver in Schlesien. Da haben die schlesischen Fürsten dem Kaiser eine Tafel gegeben, d.h. jeder hat seine Tafel decken lassen - irgendwo und irgendwann. Jedenfalls hat mein Vater da auch eine Tafel gedeckt, Kostbares Porzellan, kostbares Kristall, kostbare Blumen, selbstgezogen in der Gärtnerei. Da gab es einen Palmengarten mit Orchideen, Da war ich zehn. Die Ma növer waren im Juni/Juli. Im Sommer jedenfalls.

Der Esser weniger: Silberdiener und Vater von Edith Lüdecke


Es müssen Ferien gewesen sein. Denn wir sind natürlich dauernd hinterhergewesen, besonders hinter den Ulanen. Wunderschön. Mit den flatternden Fähnchen. Das hat uns Kinder natürlich angezogen. Und Zeit darauf war ja Mobilmachung - da waren die bunten Uniformen plötzlich verschwunden, die Fähnchen auch. Feldgrau. Mein Vater hat gesagt, das ist das Kleid, damit man auf dem Felde der Ehre gleich die richtige Farbe hat.
Als mein Vater eingezogen war, und meine Mutter das erste Mal ins Rentamt ging, das Gehalt abzuholen, da gab ihr der Rentmeister 25 Mark, statt 50. Meine Mutter: "Was soll das. Was soll ich mit 25 Mark und sechs Kindern!" - "Ja, aber Frau Jonas, Sie haben doch jetzt einen Esser weniger!" Wie damals, als sie mir das sagte, so steckt das in meinem Kopf. Das war der Anfang wahrscheinlich dazu, daß ich mich so links entwickelt habe. Ja, bestimmt! Mutter kam nach Hause, und sagte zu mir, als der Ältesten, aufgeregt: "Stell dir vor: Ein Esser weniger!" Und es war ja auch für mich ein Schock: Schulfrei, Glocken läuten, Dankgottesdienste - in Belgien, Lüttich, und und und. Da fiel eine Festung nach der anderen. Die Siege wurden gefeiert. Die Soldaten waren alle Helden. Und mein Vater war ein Esser weniger! Das war eine große Lehre. Die sank natürlich ab, aber blieb stecken. Naja, meine Mutter war eine sehr couragierte Frau, Und mit meinem Vater konnte man alles machen, um den Finger wickeln, groß und stark wie er war. Seine Eltern waren Häusler, also kleine Bauern. Häusler das war: Ein Häuschen, eine Hütte, vielleicht zwei, drei Morgen Land. Und dann bei den Bauern gearbeitet. Es war ein Bauerndorf, kein Herrschaftsdorf.
Meine Mutter, couragiert, ist mit den 25 Mark zu seiner Durchlaucht marschiert: "Durchlaucht, was soll ich tun? Soll ich mit meinen Kindern betteln oder stehlen gehen? Das hat mir der Rentmeister gegeben und gesagt: Das war aus Gnade des Fürsten!" Das kam noch dazu: Aus Gnade des Fürsten.
Nun ja, was hat sie herausgeschlagen? a) Daß sie die 50 Mark weiter erhielt und b) daß wir Weizen und Roggen zum Brot und Kuchenbacken bekamen. Den mußten wir dann zur Mühle bringen, das haben wir auch gern gemacht, denn mit der Kleie wurde ein Schweinchen gefüttert. Und wir bekamen zwei Stück Butter. Das war ein Pfund, solche runden Stückchen. Die Butter wurde uns geliefert, vom Schloßvorwerk, vom Gut. Da kam jeden Freitagnachmittag eine Magd, trug ein etwa ein Meter großes, mit einem nassen, weißen Handtuch bedecktes Brett auf dem Kopf, auf dem lagen die Stücke Butter, die sie ablieferte, bei denen, die Butterempfänger waren.
Während der Vorkriegszeit war im Schloß nicht bloß die russische und kurländische Verwandtschaft, da kamen auch die Prinzen aus dem Zarenhof, die Großfürsten. Also die waren großzügig. Von einem hat mein Vater erzählt, daß er ein kleines Säckchen auf der Schulter hatte, da zog er die oberste Schublade der Kommode im seinem Zimmer heraus und ließ Rubelchen in die Schublade fließen; sowas erzählte man. Aber die Rubelchen also, die kamen immer in die große Hauskasse, die einmal im Jahr ausgeschüttet und verteilt wurde. Da hatten meine Eltern von diesem Geld immer kleine Häufchen gemacht und die wurden jedem Kind aufs Sparbuch gelegt.
Das Geld war, auch für mich, angelegt in russischen Eisenbahnaktien, die warfen gute Dividenden ab. Und damit fuhr meine Mutter immer vor Weihnachten nach Breslau einkaufen. Da wurde Leinwand gekauft. Beim Juden.
Der über den Haushalt direkt mit dem Prinzen zu tun hatte, war der maiordomus. Der zweite im Rang war der Kammerdiener, dann kam der Silberdiener, dann kamen drei oder vier Hausdiener und dann gab es die Haushälter, das waren diejenigen, die Fenster putzten und Teppiche klopften. Dann gab es die Kammerfrau der Prinzeß. Das war nun das Weibliche, die Zimmermädchen.
Die Küche war eine Welt für sich. Da hatte der maiordomus nichts zu sagen. Da war der Küchenchef. Das war in der Vorkriegszeit immer ein französischer Koch, die Prinzeß war eine Französin gewesen. Küchenchef, Koch, Suppenköchin, vier oder fünf Köche. Eine wunderbare Küche war das. In der Mitte eine stählerne Maschine mit Backrohren und mit zu öffnenden Kochlöchern. Die Maschine wurde mit Meterholz geheizt - nicht etwa mit Kohlen. Weißgescheuerte Tische, wirklich schneeweiß gescheuerte Tische, zwei - die seh ich heute noch. Über den Tischen weißgescheuerte, zweistöckige Regale. Mit funkelndem Kupfergeschirr, vom größten Kessel bis zum kleinsten Töpfchen. Und Förmchen zum Plätzchen backen, und sowas. Das war alles auf diesen Regalen aufgereiht. Der Krieg räumte dies Kupfergeschirr ab. Das mußte abgeliefert werden, da konnte sich auch seine Durchlaucht nicht entziehen. Es gab großes Gejammer in der Küche: Was soll nun werden? - Dieses Geschirr hat einem Kupferschmied Arbeit gegeben, denn das mußte immer wieder neu verzinnt werden, das Innere, damit keine Vergiftungen zustande kamen. Ich kann mich gar nicht erinnern, vorher anderes Emaillegeschirr gesehen zu haben, außer diesem Kupfergeschirr. Später waren es dann solche schwarzen, eisernen Töpfe, Tigel und Pfannen. Der Glanz war dahin.
Mit 18 bin ich aus Wartenberg weggegangen. Besser: Weggeschickt worden. Aufs Gut, wo ich also Landwirtschaft gelernt habe, denn ich sollte ja einen Bauern heiraten. Der hatte sich ja schon mit mir verlobt, da war ich noch ein Schulkind. Aber ich wollt' nicht. Und ich war mal ein sehr hübsches Kind, mit so großen dunklen Augen ... dunkel sind sie ja heut noch, aber schon etwas eingetrocknet. Jedenfalls, da war ein älterer Sohn, der war als ich sieben war vielleicht schon siebzehn. Und der hat gesagt: "Die wird meine Frau. Die und keine andere." Und er wollte mit mir vierspännig in die Kirche fahren. Und der Steuerbauer hatte es dazu. Es war ja ein Großbauer.

Die letzte Ausfahrt mit den Eltern in der Heimat Groß Wartenberg


Da war also eine Annonce in den Breslauer Nachrichten. Das war die große schlesische Tageszeitung. Die wurde bei uns Zuhause gelesen, außer dem Wartenberger Tageblatt, das einmal in der Woche erschien, und dem Kreisblatt, daß die Verordnungen und amtlichen Mitteilungen brachte. Das hatte also weiter nichts als einen stockkonservativen Leitartikel und dann die amtlichen Veröffentlichungen. Dort hatte meine Mutter eine Adresse entdeckt: ein Au-pair-Mädehen wurde in Klein Gollnisch am Bober gesucht. Das hieß, man durfte arbeiten, aber bekam kein Geld dafür. Und man gehörte nicht zu den Mägden oder wer noch so angestellt war im Hause, sondern zur Familie und durfte am Tisch essen, nachdem man vorher serviert hatte.
Der Mann war der Landwirt. Er kümmerte sich aber nicht ums Haus. Er war ein schöner, stattlicher Mann. Und sie war eine kleine, dicke, pummelige. Eine verwöhnte Fabrikantentochter. Sie hatte das Geld. Und sie hatte so Liebhabereien. Zum Beispiel züchtete sie Perlhühner und da mußte man aufpassen. Die waren so empfindlich: Wenn die naß wurden, wenn die vollregneten, die Küken, dann gingen sie ein. Und es war gerade Kükenzeit und es kam ein Gewitter und Platzregen. Und ich mußte, weil ich doch die Hühnerzucht lernen wollte und sollte, über den ganzen großen Gutshof, um die Hühner vor dem Regen zu retten. Die waren natürlich schon naß. Und da hat sie mir eine Szene gemacht. Die Hühner waren mehr wert als ich! Ich kam wirklich pudelnaß zurück, bis aufs Hemd. Ich mußte nach oben, mich umzie­hen. So ein Guß war das. Und ich habe mir gesagt: "Jetzt ist es genug!" Also erstens: Der Hausherr redete mich mit "Fifi" an. Das gefiel mir schon nicht. Aber ich hatte den Mund gehalten. Und jetzt kam auch noch diese Szene wegen der verdammten Hühner dazu. Ich bin rübergegangen, zu den Schweizern. Ich habe sie gefragt: "Wie machen wir das. Ihr fahrt doch morgen früh um sechs nach Liegnitz mit der Milch?" - "Na klar." Ich habe also meinen Koffer gepackt, und die anderen haben unten Abendbrot gegessen.
Also, mein Koffer, das war so ein Kabinenkoffer. Ein hübsch großer. Vater hatte den gepackt. Unten die Bücher, die Schuhe ... ich war reich. So einen Koffer voll herrlicher Wäsche hatte sobald kein Mädchen. Spitzen an den Unterröcken - vierzig Zentimeter hoch. Alles im Hause geschneidert, nach Maß! Nicht etwa fertig gekauft. Da kam die Hausschneiderin und hat das alles nach Maß gemacht. Und die hat auch gehalten, die hatte ich noch als junge Frau. Das war echte schlesische Leinwand, Waldenburger.
Die Schweizer kamen also über den Schüttboden und Heuboden auf den Hausboden und holten meinen Koffer ab. Ich ging wie immer schön brav schlafen. Morgens früh um fünf hat einer geklopft, um sechs war aufstehen und ich bin ganz leise über die Böden und mit dem Milchwagen nach Liegnitz mitgefahren. In Liegnitz wohnte Onkel Paul, und ich habe nach Hause geschrieben: "Ich bin weg!"
1925 bin ich nach Berlin gegangen. Da kam doch mein Junge - Walter. Da war ich ja nicht sehr selbständig. Es gab damals keine Kinderkrippen, wo man mit einem Baby hin konnte. Vom Krankenhaus bin ich nach Bornstedt. Da gab es ein Kinderheim. Dort ist Walter ein Jahr geworden. Da sollte ich wie eine Nonne leben. Das war zwar kein Nonnenkinderheim, aber es waren doch immerhin Diakonissen. Gut, ich war wegen Walter sowieso angebunden. Aber ich hatte zum Beispiel "Madame Bovarie", ein Buch das mir gehörte, einem Mädchen, das Säuglingspflege lernte, geborgt. Es war ja nichts schlimmes. Aber das Buch wurde bei ihr entdeckt und beschlagnahmt. Und mir vorenthalten. Und das ging nicht. Inzwischen passierte folgendes: Meine Schwester hatte mir aus Liegnitz geschrieben. Die wußte, daß ich ein Kind bekommen hatte: "Kannst du mir nicht helfen, ich bin schwanger und hier geht das nicht. Ich möchte nach Berlin kommen. Wie macht man das?" Ich habe zwei Briefe geschrieben. Einen an meine Schwester, mit der Antwort, wie das so vor sich geht, und einen an meine Eltern: "Mir geht es gut". Und habe die Briefe in die verkehrten Kuverts gesteckt! Lie bekam keine Antwort, und Mutter eine, die sie veranlaßte, sich auf die Bahn zu setzen und nach Berlin zu eilen: "Was ist hier passiert!" Sie nahm mit gewohnter Energie die Sache in die Hand. "So geht das nicht weiter, aber in Wartenberg will ich das auch nicht, du weißt, der Klatsch!" Sie vermittelte im Riesengebirge, in Michelsdorf, in einem Kinderheim, gestiftet von der Gräfin Thiele-Winkler, einen Platz für Walter. Dort wurden eltern- oder vaterlose Kin der aufgenommen und wirklich sehr gut gepflegt und erzogen. Eine Schwester (das waren auch wieder Diakonissen) und fünf, sechs oder sieben Kinder, im Alter verschieden, bildeten eine kleine Familie und wuchsen zusammen auf. Also nicht so ein fabrikmäßiges Kinderheim. Und Walter hatte das Glück, zu einer sehr jungen und sehr lieben Schwester zu kommen, die er sehr verehrt hat.
Bei einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt als Sprechstundenhilfe gelangte ich in Berührung mit Schauspielern und mit dem Theater. Und gewann mehr Interesse an solchen Dingen. Die Frau dieses Arztes war Stimmbildnerin und arbeitete mit den großen Schauspielern und Schauspielerinnen des Deutschen Theaters. Da bekam ich meine Theaterkarten ab und zu und eben diesen Kontakt ins kulturelle Leben, den ich doch weder von zu Hause mitbrachte noch vom Dorf. Da fing ich an, im Romanischen Cafe an meinem freien Tag Kaffee zu trinken, weil es da am interessantesten war: Erstens gab es dort zig Zeitungen und Zeitschriften, was für eine Leseratte immer ein großer Anziehungspunkt ist, und dann die verschiedenen Menschen, die man so kennenlernte. Da war ich dann so ziemlich zu Hause, nach nicht ganz zwei Jahren. Nicht vorn, im langen Raum, wo die Schriftsteller, die Journalisten, die Maler saßen, sondern daneben war noch ein etwas kleinerer Raum. Und da saßen die Leute, die nicht direkt in diese Szene paßten, sondern die interessiert waren. Da lernte ich meinen bulgarischen Freund kennen: Nico. Und Slatan Dudow. Und noch zwei andere, die hier Schauspielunterricht nahmen. Es waren überhaupt viele Balkanesen hier. Eine Menge Jugoslawen. Da wütete in Jugoslawien der weiße Terror.
Ich habe eine Ausstellung darüber mit aufgebaut. Da kannte ich schon Heinz. Nachdem ich Heinz kennenlernt hatte, da sind wir zusammengeblieben, haben geheiratet und ich bin auf diese Weise in die Journalistik hineingerutscht und war raus aus Arztpraxen und sonst was und hab für die Rote Fahne und dann später, als die Rote Post gegründet war, kleine Artikel und Aufsätze geschrieben. Ich war Gerichtsberichterstatterin und habe Berichte über Geschehnisse auf der Straße, Demonstrationen oder Versammlungen gemacht.
Ich brachte meinen Freund Nicolai zur Bahn, der nach Hause fuhr, nach Abschluß seiner Studien in Berlin. Und Heinz kam denselben bulgarischen Freund zu verabschieden, mit dem wir ein Heft des "Sturm" herausgebracht hatten, Über bulgarische Literatur und Poesie, mit Gedichten drin und kleinen Aufsätzen. Das war am ersten Mai 1929. Ich wohnte im Bayerischen Viertel. Wir waren vom Viktoria-
Louise-Platz gestartet, nach Anhalter Bahnhof, stiegen aus der U-Bahn am Potsdamer Bahnhof aus und gerade wie wir die Treppe hochkamen, strömten Menschen auf diesen Bahnhofsvorplatz, Und zur gleichen Zeit Polizeiautos. Die Polizisten sprangen runter und fingen an, auf die Menschen einzuprügeln. Da geriet ich nun in diese Schlacht, in der 33 Menschen am Ende tot waren. Mit der Partei in Berührung gekommen bin ich durch die Haus- und Hofagitation. Da wurde ich eigentlich in so eine Art Parteiarbeit hineingezogen. Da spielten die vom Arbeitertheaterbund und vom Roten Sprachrohr Lieder und kleine Szenen und ich verkaufte 10-Pfennig-Broschüren.
Heinz und ich, wir sind ja gemeinsam in die Partei eingetreten. Das war eine Folge dieses ersten Mai, im Maiaufgebot. Das hat mich ja immer am meisten geärgert: Das manche nicht mal ein Fetzchen Glück, ein Fetzchen Leben für sich haben. Wenn sie arbeitslos sind, die Wohnung verlieren, die Familien gehen kaputt. Das hat man ja gesehen, da stand man ja mittendrin.
In der Schule von Michelsdorf sind die Kinder in dieser faschistischen Kinderorganisation "erfaßt worden". Und so kam Walter auch nach Berlin, aufs Gymnasium. Er war sehr christlich erzogen, denn es waren Diakonissen, und politisch eigentlich unbeleckt, denn die Schwestern haben von den Kindern sowas fernhalten können, weil sie ja im Heim gehalten wurden und meistens nicht mit der übrigen Dorfjugend zusammenkamen. Das Heim lag ja etwas oberhalb des Dorfes. Also die Kinder waren eigentlich nicht regelrecht verseucht, sondern was allgemein solche Kinder in der Schule mitkriegen und daß sie eben mit ihren "Fähnlein" mitmarschieren mußten, wenn etwas war.
Hier in Berlin, in diesem Gymnasium, war auch keine große Hitlerei. Aber in diese Luftschutzgeschichte wurde er hineingezogen. Da ging es schon ziemlich militärisch her. Inzwischen war ja der Krieg. Und sie haben auch versucht, die Jungs zu wer­ ben, sogar die SS! Da gab es zu Hause - Heinz war inzwischen eingezogen - eine große Auseinandersetzung, wo ich meinem Jungen klarmachen mußte: "Das geht nicht!" Er war sogar dazu bereit, irgendwie. Er ka und fragte mich um Erlaubnis, ob er in die SS gehen kann. Und da hab ich ihm gesagt: "Du! An der Mütze ist ein Totenkopf! Also, soviel weiß ich: das bedeutet etwas ganz Schlimmes! Das bedeutet, daß das eine Organisation ist, für die bestimmte Gesetze nicht gelten, und bestimmte Sondergesetze erlassen worden sind! Und wenn ich Dich als christlich erzogenes ...". Jetzt hab ich das ausgespielt, denn ich konnte ihn ja leider Gottes nicht in meinem Geiste erziehen. Ich habs auch nicht wagen wollen, ihn allzutief in mich hineinsehen zu lassen, gerade weil so ein Junge, unbeabsichtigt, schnell mal sagen kann: "Meine Mutter hat gesagt...". Das kann immer vorkommen! Und das hätte vielleicht Gefängnis oder KZ bedeutet. Doch ich habe ihm zu erkennen gegeben, daß ich dagegen bin, und daß ich ihm das nicht erlaube. Die waren damals siebzehn! Und es war ihnen erlaubt, das auch ohne die Einwilligung der Eltern zu machen. Das sagte er mir auch: "Ach, wenn Du mir die Erlaubnis nicht gibst, dann kann ich das auch so!" Und da habe ich ihm gesagt, "Ja, wenn Du das tust, dann kannst du nicht mehr nach Hause kommen! Denn ich bin strikt dagegen, daß Du in diese Gesellschaft gerätst!"
Dann ist er eingezogen worden, da war er nichtmal achtzehn. Er ist auch im November geboren. Wir konnten Walther ja gar nicht einweihen, wir konnten ihm nur vorleben, daß wir ohne diese Hitlerei waren. Daß wir diese Dinge ablehnten, daß wir da nicht mitmachten, das hat er gewußt. Aber das, was andere Eltern konnten, die ihre Kinder von klein auf bei sich hatten und die in ihre Gesinnung hineingewachsen sind - das kann ich mir gar nicht vorstellen. Walther kam aus diesem ganz anderen Erziehungsbereich: Christlich. Er war viel zu klein, und hatte viel zu viel Einfluß erfahren, gerade durch die Kirche.
Ich habe meinem Sohn einen Brief geschrieben, als er dann in Rußland "arbeitete". Da habe ich etwas gewagt: Er soll sich nicht so weit vorn bewegen, und wenn, dann soll er zusehen, daß er in Gefangenschaft gerät, damit er wiederkommt. Das habe ich geschrieben, das hab ich gewagt. Merkwürdigerweise hat er darüber nie mit mir gesprochen. Bloß einmal hat er gesagt "wir hatten einen Gefangenen und der sollte eine 'Zunge ? werden, also er wurde vernommen, und da haben die anderen ihn geschlagen, aber das habe ich nicht gekonnt." Aber er hatte keine Oppositionshaltung. Das ist ja auch das, was mich heute so wurmt. Daß ich mein Kind nicht selbst erziehen konnte. Er war ja wirklich noch nicht achtzehn, als er eingezogen wurde, er war ja erst siebzehn. Und neunzehn, als ich den Film gesehen habe. Das war für mich schlimm. Dort, der neunzehnjährige, der Bub ...

Edith Lüdecke und ihr Sohn Walther


Durch die Nazizeit waren ja der Impressionismus, Expressionismus, Dadaismus, alle diese "Ismen" plötzlich "entartete Kunst", die Künstler wurden zurückgedrängt, aus dem Verkehr gezogen oder verbrannt oder verkauft und verschwanden aus den Ausstellungen. Danach, als dann wieder einigermaßen Luftholen eintrat und sich einige von den alten Leuten, z.B. Hofer wieder hervorwagten, da war das eigentlich ein anknüpfen. Es war gar nicht so, daß man das als Rückschritt empfand, im Gegenteil, der Rückschritt wurde in dem Moment überwunden. Was diesen Prozeß irritiert hat, verdreht hat, das war diese Diskussion um den sozialistischen Realismus, die in ganz verquere Bahnen geriet. Realismus - ja, natürlich. Ich halte eine Kunst, die aus Farbflecken und Linien besteht und die reizend sein kann, als Dekoration, eben nicht für die Kunst, die dem Menschen etwas sagen kann und sagen muß, wenn man sie als Kunst deuten will. Aber im Kampf gegen den Formalismus, der als Gegenpol zum Realismus verstanden wurde, hat man plötzlich den Formalismus in Reinkultur heraufbeschworen. Die erste Bariach-Ausstellung Anfang der fünfziger Jahre, die war doch wunderbar, da hat man Holzplastiken von Barlach konfrontiert mit gotischen Holzplastiken und konnte eigentlich sehen, hier ist etwas aufgenommen von Barlach und in unsere Zeitsprache übersetzt, es ist Verwandtschaft da. Barlach hat keine Schönheiten gemacht, keine Evas und keine Helenas, sondern eben die Bäuerin, Menschen, die Kummer hatten, mit zerfransten Gesichtern und da gab es Leute, die haben tatsächlich etwas aus der Hitlerei in die Diskussion eingebracht, von "entarteter Kunst"! Das begegnete einem zuweilen noch, das war in den Köpfen und ging nicht so auf einmal weg, Diese übertriebene Forderung auch an Dürer! Dürer war kein Sozialist, also hat er auch keinen sozialistischen Realismus gemacht! Da ist Dürer beurteilt worden, als hätte er sich uns gegenüber zu verantworten, als Zeitgenosse - für seine Haltung. Das ist unmöglich.
Die Frage der Ästhetik ... Sie hinkt ja auch heute noch hinterher. Heinz, der Historiker, der hat sich natürlich darum bemüht, aber ... bei Frenger war so etwas da. Da hatten wir öfters mal Beiträge. Es war ja auch die Frage der neuen Ästhetik, des sozialistischen Realismus. Und der war oft schwer zu vermitteln! Wirklich - was ist an einem Bild sozialistisch-realistisch. Gemeint war natürlich der Inhalt, der vom neuen Leben, das ja erst im entstehen war, berichten sollte. Der sozialistische Realismus stieß in der Künstlerschaft selber nicht auf direkte Ablehnung, aber auf "nicht mitmachen" oft. Und manchmal waren die am besten gemeinten Bilder künstlerisch eben doch nicht das, was sie zur Kunst gemacht hätte. Es ist eben das gewisse Etwas - schwer zu beschreiben.
Die Polemik gegen westliche Kunst mußte ja wohl auch sein, denn wenn man etwas Neues anfangen will, muß man erstmal sehen, daß man das Alte beiseite schiebt. Obwohl wir die alten Künstler gebraucht haben, um überhaupt einen Hintergrund von Kunst wirklich darstellen zu können. Das macht man ja auch heute noch. Und dann gab es natürlich auch so bestimmte Auseinandersetzungen. Heinz hat mal einen picassokritischen Artikel geschrieben, daraufhin kamen dann Repliken. Sowas wollten wir in Gang setzen. Aber es ist nicht viel draus geworden, dafür war die Decke der Kontrahenten nicht stark genug - oder sie wagten sich nicht heraus. Das "sich trauen" gehört ja auch dazu, wenn man in der Öffentlichkeit lebt.
Es ist auch die Frage "Was soll's?" - Was man jetzt macht, diese Geschichte in Paris, Pont Neuf, mit dem Einwickeln. Oder hier den Reichstag. Was soll das! Das hat doch mit Kunst - weder mit bildender noch sonst einer - etwas zu tun. Wem nützt es? Ein bißchen muß man doch danach fragen. Denn ohne einen gewissen Nutzen, so völlig beziehungslos - das ist doch schrecklich. Das halte ich einfach für blöd. Tut mir leid. Man könnte natürlich solche Dinge, ernstgemeint, einpacken, um sie verschwinden zu lassen. Aber das soll es ja nicht. Es soll ja betont werden. Aber ein Reichstag, der seine Funktion überhaupt nicht mehr erfüllen kann: Soll der nun verschwinden oder soll betont werden "hier wartet jemand". Das kann man auch. Aber durch einpacken verschwinden lassen ...
Warum sollen die Menschen nicht spielen. Ja, bestimmt. Im Spiel kommt ja oft etwas heraus, das man gar nicht beabsichtigt hat.
Es war diese Schaukelpolitik, die soviele Menschen beirrt hat: Ja, ein Stückchen war Bitterfelder Weg, und dann war plötzlich wieder alles anders. Es ist mal eine rechte Kulturpolitik, mal eine linke. Mal gar keine. Das war noch das Beste.
Denke ich an das Ende der DDR, ist in mir Zorn und Trauer, Trauer, Trauer. Dazu hat man zuviel Lebenssubstanz selber eingebuttert in diese DDR. Wir haben doch zu den ersten gehört, die zugegriffen haben, als alles noch in Trümmern lag. Ich habe mit eigenen Händen die Steine geputzt in der Stalinallee. Und das schlimme ist ja, worüber sollte ich erleichtert sein. Jetzt kann es wieder Millionäre geben, in der ehemaligen DDR, aber es wird Arbeitslose und Wohnungslose geben. So wird es aussehen. Und da soll ich erleichtert sein? Nein. Das macht das lange Leben. Ich komme von weiter her als von dem bißchen DDR. Für mich war das Fortschritt. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß ich schon einen viel ärgeren Druck erlebt hatte.
Einer nach dem anderen der alten Genossen ist weggestorben. Damit begann auch der Zerfall. Auch der Honecker hat keinen richtigen Freund gehabt, der ihm gesagt hat: "Nun hör mal, Alter, jetzt wird's aber Zeit!". Im Gegenteil, die haben zusam­ mengegluckt wie eine Hammelherde, unfaßlich. Die müssen sich doch selber nicht mehr in die Augen haben sehen können.
Und was mich bedrückt hat war, zuzusehen, wie die jungen, tatkräftigen, modernen Menschen draußen vor der Tür standen und immer älter und unbehilflicher werdende Greise das Heft in der Hand behielten und niemanden ranließen. Das war doch der große Fehler. Wo waren denn die dreißig/vierzigjährigen. Die hat man schön auf immer noch eine Hochschule geschickt und in irgendwelchen untergeordneten Rollen verbraucht. Eigentlich hatten die Menschen auch verlernt, über sich nachzudenken, ihr Dasein zu reflektieren. Zu vieles schien geordnet, wenn man bestimmte gesellschaftliche Dinge in Ordnung gebracht glaubte.
Alles in eine Organisation - dagegen bin ich von Anfang an gewesen. Daß man das auch mußte, das war ja so hirnverbrannt. Wenn man das nicht von innen, von selber muß, weil man etwas bewirken will, sondern bloß damit man hier was wird oder da was kann oder dort was darf. Daß selbst die Partei sowas gemacht hat, daß sie Leute angeworben hat... Wir haben früher auch geworben, aber nicht so: Du darfst studieren, wenn:... Das war doch irre! Damit haben wir uns doch kaputt gemacht. Jetzt frage ich mich, worauf hat das basiert! Karrieristen sind keine Sozialisten.
Diese Umwälzung - also Revolution zu sagen scheu ich mich, das war ein Aufstand der Emotionen und Träume. - Und wie gings weiter, nachdem das Volk konstituiert war, auf der Straße, und die Kerzenträger verschwanden? Nachdem sie diese Walze in Bewegung gesetzt .hatten? Die wurden überhaupt nicht verstanden. Zwischendurch waren sie weg vom Fenster und später tauchten sie wieder auf: Als Minister! Die Intellektuellen werden gebraucht, aber eine Revolution können sie nicht machen. Dieser jetzige Zustand der Menschen, die so viel können, die nach den Sternen greifen können, wenn sie es wollen, erinnert mich an den Fischer und seine Frau: Ja. Noch was drauf und Nein, noch mehr; und dann saßen sie wieder im Pisspott.

Edith Lüdecke

 

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